Inhaltsverzeichnis
1. Die erste
Einheit
2. König
gegen General
3. Der Papst aus
dem Elsass.
4. Das
verschwundene Fürstentum..
5.
Brückentheorien, erster Teil
6. Alle Macht
den Pflanzen.
7.
Weltgeschichte en miniature.
8. Die
Umklammerung
9.
Hintergründe einer Klostergründung
10. Eine Regio in der
Regio.
11. Herr
Armleder
12. Alte Basler
Familie
13. Schulreform
14. Das Geschenk der
Zuwanderer
15. Als Basel dem Reich
untreu wurde
16. Ausblick auf den
Rhein.
17. Die Taufe
Amerikas.
18. Der Schatten des
Lehrers
19. Gesangverein.
20. Kapitalistische
Geschäfte.
21. Bis dass der Tod
uns scheidet
22. Praktische
Toleranz.
23. Wie Goethe zu Faust
kam..
24. Schuhe als
Erkennungszeichen.
25. Ein
Renaissance-Mensch.
26. Der Blick auf die
Welt
27. Reiseunterhaltung
28. Der Ernst des
Lebens
29. Die
eidgenössische Schwester
30. Le Bâle
français
31. Krankengut aus der
Regio
32. Hinter die Fassade
verbannt
33. Zu Unrecht
vergessen.
34. War denn immer
Krieg?
35. Das
Familiendenkmal
36. Die Brille auf der
Nase.
37. Fürstenresidenz
Basel
38. Das Schloss
verschwand, der Name blieb.
39. Der Abtransport der
Habsburger
40. Der erste Basler
Deutschprofessor
41. Die Faust im
Nacken
42. Der
Landesvater
43. Basler Kapital
fürs Hinterland.
44. Adeliges
Rokoko
45. Metternichs
Verwandte.
46. Ob der Mensch zum
Fliegen gebohren sey?
47. Schwierigkeiten
beim Technologietransfer
48. Spazierfahrten im
18. Jahrhundert
49. Fremder Gast in
einer Umbruchzeit
50. Kreativ,
kommunikativ und interdisziplinär ...
51. Die Erfindung der
Landwirtschaft
52. Warum
Mülhausen französisch wurde
53. Ein deutscher
Franzose mit Schweizer Pass
54. Ein Reichsland
verschwindet
55. Für den
Bürgermeister eine Dose mit Brillanten.
56. Karriere-Diplomat
in Basel
57. Ein Paradies
für Spione.
58. Der Profi des
Nachrichtendienstes.
59. Aktuelle
Landkarte.
60. Ein Opfer des
Zeitgeists.
61. Staatenlos,
konfessionslos und Künstler
62. Vom Zwergstaat zum
Grossherzogtum
63. Der Architekt eines
Staates
64. Auf den Spuren der
süddeutsch-schweizerischen Republik.
65. Königreich
Helvetien.
66. Das
Spitzbuben-Dreieck.
67. Eine Traube mit
vielen Beeren
68. Abschied aus
Not
69. Pestherd
Schweiz.
70. Das Werk des alten
Faust
71. Ein Strassenname
– weiter nichts?
72. Die
Unvergessene
73. Ein
Eisenbahnstandort
74. Wer das Gas nach
Basel brachte
75. Hans im
Schnokeloch
76. Holz und
Heidelbeeren
77. Städtegründer
78. Man kann alles,
wenn man will
79. Hölle, und
dann Reklamefahrten
80. Nun muss er
schaffen, der Vater Rhein
81. Die
Mildtätigkeit des Spekulanten
82. Der
Vorgänger
Hat das, was die Basler Regio, Dreieckland oder Dreiland
heissen, eine gemeinsame Geschichte? Blosse Nachbarschaft,
sozusagen Ellenbogen an Ellenbogen, reicht dazu nicht aus. Die
Frage ist vielmehr, ob familiäre Bande, gleiche
wirtschaftliche Grundlagen und Entwicklungen, verwandte Sprache,
ähnliche soziale Strukturen und Herrschaftsverhältnisse
diesem Gebiet am Oberrhein dann auch zu zusammenhängenden
politischen und staatlichen Formen verhalfen. Und ab wann wir
solche Gemeinsamkeiten entdecken können.
Im vierten Jahrhundert nach Christus sitzen links vom Rhein die
Gallorömer, rechts davon die Alemannen. Die Bischöfe von
Strassburg und Basel, von Besançon und Konstanz sind eher
Konkurrenten als Partner. Das Reich der Zähringer im Breisgau
entwickelt sich anders als die Reichsvogtei der Habsburger im
Elsass. Mit dem Eintritt von Basel in den Bund der Eidgenossen
lösen sich die Beziehungen zum elsässischen
Städtebund, der sogenannten Dekapolis, und zur Markgrafschaft.
Nach 1648 wird das Elsass französisch, Freiburg ist eine
österreichische Stadt, der Fürstbischof von Basel
fühlt sich als Reichsfürst, auch wenn er bei der
französischen Krone ein Regiment unterhält. In der
Revolutionszeit wird das Fürstbistum bis nach Arlesheim und
Allschwil sogar ganz französisch. Nach 1815 stehen die
Nationalstaaten Frankreich, Deutschland (repräsentiert durch
das Grossherzogtum Baden) und Schweiz fest – bis heute, auch
wenn das Elsass noch zweimal zwischen Frankreich und Deutschland
hin- und hergerissen wird. Ein Dreiland im Sinn eines Staates oder
gar einer Nation ist da nicht zu entdecken, auch wenn Bernhard von
Sachsen-Weimar zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges von einem
oberrheinischen Fürstentum träumt. Und somit ist eine
eigene Regio-Geschichte vielleicht nur ein Wunschtraum.
Wenn sie hier im Internet trotzdem, illustriert an einzelnen
Ereignissen oder Personen, erzählt werden soll, ist sie
für Historiker, die letzten Endes von den heutigen
Nationalstaaten her denken, nichts weiter als eine Fiktion. Wer auf
eine Realität pocht, und sei es eine nur unterschwellige, muss
sich rechtfertigen. Rund 2000 Jahre Geschichte überblicken wir
einigermassen, wenn auch mit Lücken. Und naturgemäss sind
diese am Anfang die grössten. Sich eine Vorstellung vom
oberrheinischen Gebiet zur Zeit der Kelten, Römer, Alemannen,
Franken bis zu den merowingischen und karolingischen Herrschern zu
machen, ist mühsam.
Schriftliche Zeugnisse für diese acht Jahrhunderte sind
selten, manchmal fehlen sie ganz. Wo aber Geschriebenes fehlt,
betreten die Archäologen die Bühne. Im Basler Stadtbuch
1991 berichtet der Kantonsarchäologe Rolf
d’Aujourd’hui über die Identität der Regio
vor 2000 Jahren und bezieht sich dabei vor allem auf einen
längeren Beitrag von Yolanda Hecht, Peter Jud und Norbert
Spichtig in der Sondernummer Archäologie der Schweiz von 1991.
Und siehe da: Nach dieser jüngsten Forschungsübersicht
kann von einer gewissen Einheit des Gebietes, das wir heute als die
oberrheinische Regio betrachten und als deren Bewohner antike
Schriftsteller die Rauracher oder Rauriker nennen, durchaus die
Rede sein. Es ist ein Volk oder vielleicht nur ein Stamm, der als
Nachbarvölker die Sequaner und die Helvetier kennt. Zeitlich
sind wir in der sogenannten Latène-Zeit, also der
jüngeren Eisenzeit, aber eher an deren Ende, nämlich in
der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus. Da taucht so etwas
wie ein Dreiland erstmals auf.
Seine Ausdehnung ergibt sich nach den Fundstellen. Die
nördlichsten liegen im badischen Kreis Emmendingen sowie im
Elsass bei Wettolsheim, die südlichsten bei Balsthal und
Courroux im Kanton Jura, die östlichsten bei Kirchzarten und
bei Erlinsbach, Kanton Aargau, sowie bei Oltingen, die westlichsten
bei Dannemarie und Friesen im Sundgau. Das Gebiet hat also eine
Länge von rund 100 Kilometern in südlicher Richtung, eine
Breite von um die 50 Kilometer in ost-westlicher Richtung. In den
Worten der Archäologen: Es ist eine geschlossene
Siedlungszone, es ist die archäologisch greifbare Regio vor
rund 2200 Jahren. Jean-Daniel Schoepflin, der im 18. Jahrhundert in
der Nachfolge des Beatus Rhenanus den Beginn der Geschichte am
Oberrhein nachzeichnen wollte, wäre begeistert gewesen.
Bei den jetzt festliegenden Fundstellen handelt es sich um
Siedlungen und mögliche Siedlungen, um Befestigungen,
Münzen und ganze Münzdepots, um Gräber und
Gräberfelder. Ihre Erfassung auf einer Karte zeigt die
Schwerpunkte im ganzen Siedlungsraum: am Kaiserstuhl und in den
Freiburger Bucht, zwischen den Vogesen auf der Höhe von
Breisach und entlang der Ill bis in den Sundgau; am Rheinknie, im
Delsberger Becken, bei Sissach und im Fricktal verdichten sich die
Fundstellen. Die heutigen Agglomerationen sind schon vorgezeichnet.
Vorgezeichnet sind auch die Wege, vor allem im Elsass, nämlich
die drei parallel laufenden Nord-Südrouten von Basel aus dem
Rhein entlang, seitlich zur Ill und am Fuss der Vogesen.
Die hier angesiedelten Kelten kannten die Eisengewinnung und
–verarbeitung. Sie hatten ihre eigenen keramische Technik,
bauten mächtige Brennöfen. Handel trieben sie mit
Italien, von wo Amphoren mit Wein importiert wurden, aber auch
italienische Gläser oder Bronzegeschirr. Sie kannten bereits
die Geldwirtschaft, ihre Münzen, die italische Vorbilder
nachahmten, zirkulierten auch über die Stammesgrenzen hinaus.
Sie waren Meister in der Verarbeitung von Steinen, etwa für
Mühlen, mit denen sie Handel trieben; ihre Toten bestatteten
sie in der Erde.
Waren sie auch politisch ein einheitliches Volk? Die Arbeit von
Hecht, Jud und Spichtig formulierte es mit der geratenen Vorsicht:
„Nach aussen tritt die Gemeinschaft als politische Einheit
auf, nach innen konstituiert sie sich unter anderem als
Rechtsgemeinschaft, Kultgemeinschaft, vielleicht auch
Trachtengemeinschaft. (...) In unserem Fall scheint vor allem das
zusammenhängende Siedlungsgebiet für eine ethnisch
einheitliche Bevölkerung zu sprechen.“ Und somit hatten
sie gewiss auch eine gemeinsame Geschichte, nur kenne wir die
nicht.
Basel, wenn man wieder auf die Karte blickt, sitzt ziemlich
genau im Zentrum des ganzen Gebietes. Die auf dem Areal der
früheren Sandoz ausgegrabenen Funde könnten auf die
grösste Siedlung im ganzen Raum von rund 12 Hektaren
Grösse verweisen, aber auch der Münsterhügel war
schon von Raurikern bewohnt. Wie verschieden die Geschichte dem
Dreiland zwischen Jura, Vogesen und Schwarzwald in den folgenden
2000 Jahren auch immer mitgespielt hat – an diesem
historisch-archäologisch greifbaren Anfang war sie eine
Einheit links und rechts oberhalb des Rheins. Sie darf sich daran
immer wieder erinnern.
Der berühmteste militärische Rechenschaftsbericht der
Weltgeschichte nennt sich „De bello Gallico“ von Gaius
Iulius Caesar, handelt also vom Gallischen Krieg. Mit den Galliern,
französisch den Gaulois, sind die keltischen Stämme des
heutigen Frankreichs gemeint. Im ersten Buch, Kapitel 31, tritt ein
germanischer König namens Ariovist auf, der sich im Gebiet der
Sequaner, dem fruchtbarsten in ganz Gallien, eingenistet hat.
Caesar gibt wieder, was ein Sprecher der Gallier sagt:
„Nachdem Ariovist jedoch einmal die Gallier in der
Schlacht bei Magetobriga geschlagen habe, regiere er selbstherrlich
und grausam... Er sei ein jähzorniger und unberechenbarer
Barbar, sie könnten die Art seiner Herrschaft nicht
länger ertragen.“ So sprach der Haeduer Diviciacus und
sagte auch, dass die Gallier befürchten müssten, aus
ihrem angestammten Gebiet vertrieben zu werden, weil immer mehr
Germanen über den Rhein kämen. „Das Land der
Germanen sei nämlich mit dem der Gallier überhaupt nicht
zu vergleichen, ebensowenig wie die gallische Lebensweise mit der
germanischen.“
Der Teil von Gallien, um den es hier geht, ist das Elsass, der
Sundgau bis gegen Besançon, es ist das heutige Dreiland auf
der linksrheinischen Seite. Es war für die Germanen eine Art
von gelobtem Land, durch seine Fruchtbarkeit und Lieblichkeit ein
Traumziel.
Caesars Bericht, wohl der frühste über den Oberrhein,
setzt uns 2000 Jahre später in einige Verlegenheit im Hinblick
auf die Geografie und die politischen Nachrichten. Wo liegt
Magetobriga – ein Dorf, ein Fluchtort, eine Stadt? Wo hat der
Germanenkönig Ariovist die linksrheinischen Kelten so
geschlagen, dass er sich in der Folge als eine Art Schutzkönig
in ihrem Gebiet niederlassen und sie sich tributpflichtig machen
konnte? Dann haben wir Mühe mit den zahlreichen Stammesnamen,
die Caesar aufzählt. Bekannt sind die Helvetier, die im
schweizerischen Mittelland sassen, die Rauriker, die sich als ihre
Vettern südwestlich der Basler Rheinkrümmung angesiedelt
hatten. Die Sequaner wohnten wohl von Besançon her bis ins
mittlere Elsass. Weiter nördlich schlossen sich die Triboker
an, während die Haeduer, mit den Sequanern tief zerstritten,
wahrscheinlich im Tal der Saône zu finden waren.
Eigentliche Grenzen in unserem Sinn sind zwischen diesen
Völkern schwer auszumachen, es handelt sich um ineinander
verzahnte Stammesgebiete. Verkehrt wäre auch die Annahme, dass
es sich da um friedlich sesshafte Urbevölkerungen gehandelt
hätte. Sogar die Helvetier, die Caesar nach der Schlacht von
Bibracte an der Auswanderung Richtung Atlantikküste hinderte
und zur Rückkehr ins Mittelland zwang, waren dort erst seit
relativ kurzer Zeit, vielleicht um die 100 Jahre, angesiedelt
gewesen, möglicherweise hatten sie die früheren
Allobroger vertrieben.
Aber nun Ariovist, der selbstherrliche und grausame
Germanenkönig, der nach Caesar von den Sequanern gegen die
Haeduer zur Hilfe gerufen worden war und es sich im oberen Elsass
wohl sein liess. Er war seinerseits von den aus Osten
nachstossenden Germanenstämmen bedrängt, von denen er auf
Kosten der Sequaner die befreundeten Haruden ansiedeln wollte. In
dieser Not wandten sich die Gallier an Caesar, der als Befehlshaber
des heute sündfranzösischen Galliens ein Interesse daran
haben musste, dass der germanische Druck nicht ständig neue
Stämme gegen seine Provinz anbranden liess. Darum hatte er ja
auch den Auszug der Helvetier verhindert. In Eilmärschen
führte er seine Truppen heran, um nicht nur seine Provinz,
sondern auch die befreundeten Haeduer vor Ariovist zu
schützen.
Caesar schickt eine Gesandtschaft zu Ariovist. Sie erhält
die hochmütige Antwort: Wenn Caesar etwas von Ariovist wolle,
solle er sich gefälligst zu ihm begeben. Und überhaupt
– was habe Caesar in Gallien verloren? Die Forderungen
Caesars lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:
Keine weiteren Germanen mehr über den Rhein, Rückgabe der
Geiseln, Friede mit den Haeduern. Ariovist zieht sofort nach: Er
sei Sieger, auch über die Haeduer; die Römer
könnten, wenn sie wollten, ruhig angreifen. Zugleich setzt er
sich selber Richtung Besançon, damals Vesontio genannt, in
Marsch. Caesar kommt ihm zuvor, indem er die Besatzung von Vesontio
verstärkt. Seine Truppen geraten freilich in ein moralisches
Tief – diese Germanen sind furchterregend und schrecklich!
Caesar veranstaltet einen Offiziersrapport, setzt zu einer grossen
Rede an, in der er darlegt, dass die Helvetier militärisch
diesen Germanen überlegen gewesen seien, jetzt aber
hätten sie, die Römer, soeben die Helvetier besiegt. Er
werde auf jeden Fall mit der 10. Legion gegen Ariovist
marschieren.
„Diese Rede bewirkte bei allen einen erstaunlichen
Sinneswandel“ – so Caesar in seinem Bericht. Da
Ariovist eine Begegnung zu Pferd verlangt, Caesar aber den
gallischen Hilfsreitern misstraut, lässt er die Soldaten der
10. Legion die gallischen Pferde besteigen. Vom Pferd herab
unterreden sich der germanische König und der römische
General. In welcher Sprache, ist nicht gesagt. Kann Ariovist, der
offiziell den Titel eines Freundes des römischen Volkes
führt, lateinisch? Oder kann Caesar, dessen Privatlehrer ein
hochgebildeter Kelte gewesen war, auch keltisch? Oder steht ein
Übersetzer vom Keltischen ins Lateinische zur Verfügung,
da Ariovist im Elsass keltisch gelernt hatte? Die Unterredung
führt zu keinem Ergebnis. Ariovist versteift sich darauf, dass
er von den Sequanern gerufen über den Rhein gekommen sei. Er
befindet sich übrigens schon länger in Gallien als die
Römer. Derweilen kommt es zwischen den Reitern Ariovists und
den berittenen Legionären zu ersten Streitereien. Es wird
klar, die Sache muss militärisch entschieden werden.
Der Ort, an dem Caesar im Jahr 58 vor Christus Ariovist so
besiegte, dass e sich schleunigst über den Rhein retten
musste, ist mit Sicherheit nicht auszumachen. Fünf Meilen (in
einzelnen Handschriften 50 Meilen) habe die Distanz zum Rhein
betragen. Das nördlich von Mülhausen gelegene Ochsenfeld
könnte bei fünf Meilen in Frage kommen, bei 50 Meilen
müsste man das Schlachtfeld eher in Richtung zur burgundischen
Pforte suchen. Archäologisch konnte es bis heute nicht
nachgewiesen werden.
Die für die Legionen siegreiche Schlacht – von Caesar
selber in allen Einzelheiten geschildert – darf aber nicht
nur als eine Konfrontation von Römern und Germanen gesehen
werden. Sie war ebenso eine Auseinandersetzung zwischen
verschiedenen keltischen Stämmen, teils mit Rom
verbündet, teils mit germanischen Fürsten befreundet. Die
Helvetier zur Rückkehr gezwungen, Ariovist geschlagen –
das Jahr 58 vor Christus war für die römische
Präsenz in Gallien eher strapaziös gewesen. Der Bericht
schliesst: „Nachdem Caesar in einem Sommer zwei so bedeutende
Kriege siegreich beendet hatte, hiess er sein Heer etwas
früher, als es die Jahreszeit erforderte, in das Gebiet der
Sequaner ins Winterlager abrücken.“
Im Jahr 2002, am 21. Juni: Grosses Fest im elsässischen
Eguisheim. Gefeiert wird die 1000jährige Wiederkehr des
Geburtstages des heilig gesprochenen elsässischen Papstes Leo
IX., der von 1002 bis 1054 lebte, also im Alter von erst 52 Jahren
starb.
Hohes Mittelalter nennen wir diese Zeit. Sie führt die
abendländische Welt in den Grenzen, die 200 Jahre zuvor Karl
der Grosse entworfen hatte, zu ganz verschiedenen Höhepunkten.
In der Architektur löst die Romanik die ottonische Bauweise ab
– nachvollziehbar, wenn man heute von St. Cyriak in Sulzburg
(ottonisch) auf die andere Rheinseite zur Klosterkirche von Murbach
(romanisch) wechselt. In der Literatur findet eine Wiederentdeckung
der Antike statt, besonders der römischen Schriftsteller;
Kaiser Otto I. will die deutsche Kaiserwürde erneut an die
römische anknüpfen. Damit stellt sich zugleich die Frage,
in welchem Verhältnis die bestimmenden Männer der Zeit,
der von den deutschen Herzögen gewählte König und
Kaiser und der vom römischen Adel gewählte Papst,
zueinander stehen. Das führt zum sogenannten Investiturstreit
zwischen Kaiser und Papst, bei dem es um die Ernennung und
Bestätigung der Bischöfe und Erzbischöfe geht. Der
Kirche wachsen durch die von Cluny im Burgund ausgehenden
Reformbestrebungen neue Kräfte zu; unter dem cluniazensischen
Grossabt Hugo bildet sich durch ganz Europa ein Verband von rund
3000 Abteien und Prioraten, die den Führungsanspruch von Cluny
anerkennen. Der Versuch, die deutsche Kaiserwürde vererbbar zu
machen, scheitert mit dem Tod des erst 21jährigen Otto III.,
der, wie sein Vater und Grossvater, auch Anspruch auf Italien
erhebt und sogar daran denkt, Rom erneut zum Zentrum des Reiches zu
machen. Das heisst, dass der jetzt deutsch-römische Kaiser
zwei der drei Nachfolgestaaten Karls des Grossen an sich zu ziehen
versucht. Auch das Königreich Burgund (nicht zu verwechseln
mit dem französischen Herzogtum Burgund), zu dem von der Reuss
an die ganze Westschweiz und Savoyen gehören, fällt
wieder ans Reich, Basel bekommt die Zuneigung des Nachfolgers von
Otto, Heinrich II., zu spüren. Der französische
König ist weit weg; der ihm noch lange nicht ergebene
normannische Adel blickt einesteils Richtung England und
gründet andernteils in Italien eine weitere Herrschaft in
Apulien, die sich bis nach Kalabrien, Sizilien, Benevent und Neapel
erweitert, also auch bisher oströmisches und sarazenisches
Gebiet an sich zieht.
Die Lebensdaten Leos IX. markieren zwei epochale Ereignisse: In
seinem Geburtsjahr 1002 erlischt mit dem Tod Ottos III. das
ottonische oder sächsische Kaisertum; in seinem Todesjahr 1054
erfolgt die endgültige Trennung der west- von der
oströmischen Kirche.
Aber nun zu seiner Person, über die wir ungewöhnlich
gut dokumentiert sind, weil Wibert, ein Archidiakon von Toul und
offenbar ein Lebensgefährte Leos, dessen Geschichte auf
lateinisch ausgiebig beschrieben hat. Kein Zweifel, Leo kam in
Eguisheim zur Welt, eine kurze Wegstrecke westlich von Colmar. Er
war fürstlichen Geblüts, sein Vater Hugo führte den
Titel eines Grafen des Nordgaus, also des unteren Elsasses, und
stammte von Adalrich ab, den Childerich, König von Austrasien,
um 662 zum elsässischen Herzog eingesetzt hatte. Hugo war
verwandt mit dem Haus der fränkischen Kaiser, da seine Tante
Adelheid die Mutter Konrads II. war. Er hatte insgesamt acht
Kinder, das dritte wurde auf den Namen Bruno getauft. Im Alter von
knapp über fünf Jahren schickten die Eltern Bruno zu
Berthold, dem Bischof von Toul in Lothringen, in die Schule, in ein
Internat für Adelskinder. In den Ferien daheim soll er einmal
im Schlaf von einem Tier – Wibert sagt: einer Kröte
– lebensgefährlich angefallen worden sein. Bruno lebte
in Toul in der kanonischen Gemeinschaft des Bischofs, wurde aber
nicht Mönch. Wie sein Onkel Konrad 1024 zum deutschen
König gewählt wurde, bekam er die Stelle eines
königlichen Kaplans, und als 23jähriger zog er erstmals
mit dem König nach Italien, um das rebellische Mailand zu
unterwerfen. Dort erreichte ihn der Ruf, Nachfolger des
verstorbenen Bischofs von Toul zu werden. Der noch nicht
35jährige königliche Onkel liess ihn ungern gehen.
Als Bischof von Toul sehen wir Bruno nach 1027 mit der
Kirchenreform beschäftigt, die – und hier wird der
Einfluss von Cluny sichtbar – zuerst eine Reform der
Klöster war. Kirchenarbeit war immer auch Politik; Lothringen
stellte für das Reich das westlichste Herzogtum dar, zugleich
die Brücke zum französischen Königreich;
südlich vom Elsass lag das von Frankreich unabhängige
Königreich Burgund, das gerade jetzt, unter den
fränkischen Kaisern, wieder an das Reich gezogen wurde. Der
Bischof von Toul erwies sich dabei als treuer Gefolgsmann des
Kaisers.
Papst wird der elsässische Grafensohn 1049 dank seines
allseits anerkannten verbindlichen Charakters, auf Grund seiner
erfolgreichen Reformarbeit im Bistum, wegen seiner (auf mehreren
Pilgerfahrten erworbenen) Italienkenntnis, nicht zuletzt auch auf
Wunsch des ihm verwandten Kaisers Heinrich III., dem Sohn Konrads.
Seine Kandidatur für den römischen Stuhl wird auf dem
Reichstag in Worms aufgestellt. Er will aber nicht Papst werden,
wenn ihn nicht auch das Volk und der Adel von Rom wählen. Das
geschieht am 2. Februar 1049, Bruno nimmt den Namen Leo IX. an.
Seine päpstliche Herrschaft beendet ein unwürdiges
Zwischenspiel rivalisierender Vorgänger; er gilt als der
bedeutendste deutsche Reformpapst, und zu seinem Gefolge zählt
schon in Worms der aus Italien stammende Mönch Hildebrand, der
1073 als Gregor VII. König Heinrich IV. zum Gang nach Canossa
zwingen wird. Leo stellt sich gegen den weit verbreiteten
Ämterkauf, die sogenannte Simonie, bekämpft die zu seiner
Zeit häufigen Priesterehen. Politisch gerät er in einen
schwerwiegenden Konflikt mit der normannischen Herrschaft in
Apulien, wo sich ein Kräftevieleck zwischen dem kaiserlichen
Heer, oströmischen Herrschaften, den Sarazenen und den
Normannen ergibt, welche letztere als Gegner Leos ihn in Benevent
belagern und ihn dann handkehrum als Gefolgsleute nach Rom kurz vor
seinem Tod zurückbegleiten. Die Mission seiner Delegierten
nach Konstantinopel endet unglücklich, 1054 wird das Schisma
zwischen der west- und oströmischen Kirche endgültig.
Erstaunlich aus heutiger Sicht ist die Reisetätigkeit Leos,
die Pilgerfahrten nach Rom als Bischof von Toul, die Besuche als
Papst im Elsass und im Reich. Was mussten das, auf
Pferderücken, für beschwerliche Expeditionen gewesen
sein! Was uns vom Wesen Leos überliefert ist, zeigt –
nach Abzug der mittelalterlichen Verherrlichung – ein so
entschiedenes wie sanftes Gemüt, einen von Mitleid bewegten,
zugleich visionären Menschen, der viel von seinen eigenen
Träumen redete. Er war sprachgewandt, beherrschte lateinisch,
deutsch, französisch, italienisch, als Papst wollte er sich
noch das Griechische aneignen. Er starb bei vollem Bewusstsein,
unter Gesprächen mit seinen Vertrauten und langen Gebeten.
„Herr, gewähre den Ländern, durch die Dein Diener
gereist ist, reichlich Korn und Wein und Öl“, betete er
auf dem Totenbett. Er war in seinem Herzen ein Elsässer
geblieben.
Hier für einmal so etwas wie ein Rätsel oder eine
Quizfrage: 1000 Jahre lang gab es am Oberrhein ein Fürstentum.
Das war reich, berühmt, mächtig. Verschiedene Kaiser und
Könige waren ihm gewogen, beschenkten es, aber suchten auch
seinen Rat. Die Territorien, die es als Eigenbesitz oder Lehen
verwaltete, waren bald grösser, bald kleiner – über
1000 Jahre bleiben Herrschaftsgebiete selten konstant. Die Herren
dieses Fürstentums verwalteten Besitztümer im heutigen
Elsass und Sundgau, aber auch rechts vom Rhein und hatten im
schweizerischen Luzern ein gewichtiges Wort mitzureden. Ihr
Lebensstil war wahrhaft fürstlich, gegen Ende ihrer Herrschaft
eher etwas dekadent. Ruhm erwarben sie sich in geistigen Dingen,
der grosse Gelehrte Alkuin aus der Zeit Karls des Grossen wollte
sich dort in seinen alten Tagen zurückziehen. In der Mitte des
9. Jahrhunderts umfasste der Bücherschatz dieses
Fürstentums 300 Manuskripte, Kirchenväter so gut wie
klassische Texte von Cicero, Titus Livius, Sallust, Lukrez. Das
Oberhaupt der Herrschaft zählte mit den Bischöfen von
Strassburg und Basel zu den Reichsfürsten. Noch im 18.
Jahrhundert suchte Jean-Daniel Schoepflin, der Verfasser der
grossen, lateinisch geschriebenen Geschichte des Elsasses und ein
Lehrer Goethes, die fürstlichen Archive auf, um seine
Quellenstudien zu treiben.
Wo lag es denn? Weniger als eine Stunde im Auto von Freiburg
oder Basel entfernt. Fahren Sie nach Guebwiller und dann weiter ins
Florival oder Lauchtal, zweigen Sie links ab, so kommen Sie nach
Murbach. Ein paar unregelmässige alte Häuser, eine
torähnliche Einfahrt – plötzlich stehen Sie zwei
mächtigen romanischen Kirchentürmen von über 43 m
Höhe mit stumpfen Dächern aus grau-rotem Sandstein
gegenüber. Es ist die Stiftskirche von Murbach. Das
Vierungsquadrat, also der zwischen den Türmen verbleibende
Raum, ist so gross, dass er noch immer eine stattliche Kirche
beherbergen kann. Doch wo ist das Langhaus? Es fehlt, nur das
hinter der Kirche liegende Friedhofareal deutet noch an, wie gross
es gewesen sein muss.
Um 726 beauftragte der elsässische Graf Eberhard den
herumziehenden Bischof Pirmin mit der Gründung einer
Klostergemeinschaft nach der Regel des Heiligen Benedikt in
Murbach. Sie erhielt vom König die Immunität, das heisst
dessen Verwaltungsbeamten hatten auf dem Territorium der Abtei
nichts mehr zu suchen. Sie wurden auch von der Aufsicht des
Strassburger Bischofs befreit, die Mönche konnten ihren Abt
selber wählen. Die benediktinische Regel räumte der
landwirtschaftlichen Arbeit eine grosse Bedeutung ein; man darf
sich vorstellen, wie die Angehörigen von Murbach die dicht
bewaldeten Vogesentäler rodeten und kultivierten. Die Rebe war
aus römischen Zeiten schon angesiedelt.
Die Abtei wurde von ihrem Gründer reich beschenkt, im
Oberelsass so gut wie im unteren Elsass, im Sundgau, aber auch in
der Delsberger Gegend. Die Kirche war dem heiligen Leodegar (St.
Léger) gewidmet, dem um 616 geborenen Bischof von Autun, der
einen politisch bedingten Märtyrertod erlitten hatte und ein
Grossonkel des Stifters Eberhard aus dem Geschlecht der Etichonen
war. 775 machte der König Karl, der spätere Kaiser Karl
der Grosse, aus der Abtei eine autonome, nur von der
königlichen Gewalt abhängige Herrschaft; er selber
führte 792 den Titel eines pastor Muracensis, war also ihr
(laizistischer) Abt.
Bis nach dem Dreissigjährigen Krieg war Murbach somit
geistliches Reichsland, Teil des Römischen Reiches deutscher
Nation. Es wurde vom 9. bis ins 13. Jahrhundert ein Hort der
Gelehrsamkeit. Aus dem 9. Jahrhundert sind althochdeutsche
Übersetzungen lateinischer Hymnen bekannt, die Manuskripte
liegen heute in Oxford. Alkuin, so etwas wie der aus England
stammende Kulturminister Karls des Grossen, schätzte und
besuchte Murbach. Im 10. Jahrhundert wurde es, wie Basel, von den
Ungarn verwüstet, aber auferstand nachher, im Zug der
cluniazensischen Reform, in grösserer Pracht. Aus den
benediktinischen Mönchen wurden zunehmend adlige Stiftsherren.
Territorial hatte sich die ursprüngliche Schenkung gewaltig
erweitert, das benachbarte Tal von Saint-Amarin, die Herrschaft
Delle, rechtsrheinische Besitztümer waren dazugekommen. Es
waren die Herren von Murbach, die 1178 Luzern das Stadtrecht
verschafften. Und unter dem Staufenkaiser Friedrich II. wurde der
Murbacher Abt Reichsfürst.
So sehr damit die weltliche Macht der Fürstabtei Murbach
stieg, die geistige Bedeutung ging zurück. Philippe Legin, der
1980 dieses oberrheinische Fürstentum letztmals beschrieb,
sieht schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts Anzeichen des Verfalls.
Er hat politische Gründe: die Anlehnung Murbachs zuerst an die
habsburgischen Kaiser, dann nach 1680 an die französische
Krone. Er hat kriegerische Gründe: die schwere
Beeinträchtigung der auf Rebbau und Landwirtschaft
ausgerichteten Herrschaft Murbach durch die Verheerungen im
Dreissigjährigen Krieg. Er hat soziale Gründe: die
Forderung, dass nur mindestens über vier Generationen adlige
Stiftsherren in die Abtei eintreten durften. Er hat wirtschaftliche
Gründe: einzelne Fürstäbte missbrauchten Murbach als
persönliche Einkommensquelle und stürzten die Herrschaft
in gewaltige Schulden.
Das Ende brachte formell die Französische Revolution, auf
deutsches Reichsrecht zurückgehende Feudalherrschaften wurden
in der Nach vom 4. August 1789 aufgehoben. 1790 wurde Murbach Teil
des Departementes Haut-Rhin. Aber den Zerfall der eigentlichen
Kirche und der Klostergebäude hatten die Stiftsherren schon
früher und selber ins Werk gesetzt. Das verlassene Waldtal war
ihnen nämlich zu langweilig geworden, sie zogen hinab nach
Guebwiller, das sie zum Städtlein ausbauten, aber auf keinen
Fall demokratisch regiert wissen wollten. Fürstabt
Casimir-Léger von Rathsamhausen strebte noch einmal nach der
alten Pracht, er wollte die romanische Kathedrale auf barocke Weise
umbauen. Somit zogen die Stiftsherren nach Guebwiller, kehrten aber
nie mehr zurück, weil für den geplanten Umbau das Geld
ausging. Sie blieben im Städtlein. Der letzte Fürstabt
wurde François-Antoine-Benoît-Frédéric
d’Andlau-Hombourg, er war bei seiner Wahl 1786 nur 25 Jahre
alt. Als Vertreter des geistlichen Standes wurde er 1789
Deputierter der Etats-Généraux. Der
revolutionäre Zorn der Leute aus dem Lauchtal richtete sich
schon nicht mehr gegen die verlassene Stiftskirche in Murbach,
sondern es wurden die Häuser der Stiftsherren in der Stadt
geplündert, die Weinkeller ausgetrunken. Die letzten
Stiftsherren versuchten wenigstens die Archive zu retten, ohne
grossen Erfolg. Kärgliche Reste landeten im Departementsarchiv
zu Colmar, der Grossteil wurde gestohlen, verschachert, unter der
Hand verkauft. Eine Restauration aus dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts hat die beiden Türme der Stiftskirche von Murbach
einigermassen gerettet. Sie stehen da als Zeugen einer
tausendjährigen Geschichte, die seit 200 Jahren ohne
Fortsetzung ist. Alle Departemente, Kantone, Länder und
Nationen in der Nachbarschaft von Murbach sind jüngeren Datums
und haben wenig Chancen, jemals auf 1000 Jahre kontinuierlicher
Geschichte zurückblicken zu können.
Kaiser sind über sie geritten und gezogen, Könige und
Heerführer, geistliche Herren und Flüchtlinge: über
die breite Basler Brücke, wie Johann Peter Hebel sie nannte.
Sie soll die erste und lange Zeit die einzige zwischen dem Bodensee
und der Nordsee gewesen sein – ein Märchen. Fridolin
Leuzinger hat 1989 ein einer Artikelserie die Dinge historisch
zurechtgerückt: Die Basler Rheinbrücke war,
regierungsrätlichen Reden zum Trotz, weder die erste noch die
einzige. Ihr Erbauungsdatum kennen wir genau, es ist 1226. Aber
jetzt wissen wir auch, dass schon 1207 ein Rechtsstreit zwischen
einer Äbtissin von Säckingen und dem Schirmvogt von
Laufenburg, einem habsburgischen Gefolgsmann, entbrannte, der sich
um die dortige Brücke drehte. Also muss sie ja wohl schon vor
der Basler Brücke gestanden haben. Wir müssen Abschied
nehmen von einer für Basel allzu schmeichelhaften Legende,
aber das soll uns nicht hindern, noch einmal die Brücken
sowohl in Basel wie oberhalb und unterhalb der Stadt ins Auge zu
fassen. Versuchen wir, so etwas wie eine Brückentheorie
aufzustellen. Wovon gehen wir aus?
Am besten wohl von einer These. Diese könnte lauten: Jede
Brücke in und um Basel entspringt einer exakten historischen,
also auch ökonomischen, sozialen, militärischen und
verkehrstechnischen Entwicklungsstufe, die man im geschichtlichen
Zusammenhang begreifen sollte. 800 Jahre lassen sich einigermassen
zuverlässig überblicken, bei weiteren 1200 Jahren ist man
auf fragmentarische Überbleibsel angewiesen, weiter
zurück kann man nur noch Vermutungen anstellen.
Was macht ein Mensch, der an einen Fluss kommt? Er versucht auf
die andere Seite zu gelangen. Das kann schwimmend oder auf einem
Floss geschehen. Und wenn er Vieh mit sich führt? (Schon eine
Kuh in einen Weidling zu stellen, ist nicht gerade ein
glückliches Unternehmen.) Dann sucht er eben nach Furten, das
heisst nach Stellen von niedriger Wasserführung, über die
man zwar mit nassen Füssen, aber doch auf eigenen Beinen
schreiten kann. Nun darf man sich viele Jahrhunderte oder sogar
Jahrtausende zurück, den Rhein nicht wie heute vorstellen. Er
war ungebärdiger, gelegentlich bei Niedrigwasser auch sanfter.
Es gab noch keine Kanäle und Staustufen. Ein trockener
Spätsommer konnte den Rhein so absinken lassen, dass man ihn
tatsächlich durchwaten konnte. Man kennt die entsprechenden
Stellen, sie liegen bei Wallbach, Rheinfelden und
Kleinhüningen, wo der Rhein nach der Enge bei Basel
plötzlich breit und von Inseln durchsetzt zu werden begann. Da
müssen unsere keltischen Urahnen samt ihren Tieren
durchgewatet sein.
Die frühere Keltensiedlung am unteren Rand des heutigen
Basel (bei der ehemaligen Sandoz) könnte etwas damit zu tun
haben. Auf jeden Fall war dort der Rhein weniger tief und reissend.
Er liess sich einfacher mit Fahrzeugen überqueren als in Basel
selber. Flüsse waren schon früher Transportwege. Und an
diesem Punkt, eben knapp unterhalb des heutigen Basel, war die
Landverbindung zwischen dem Doubs und dem Rhein die kürzeste.
Also war das ein idealer Platz für handeltreibende Leute. Dann
kamen die Römer. Sicher bestand zu römischen Zeiten bei
Kaiseraugst eine Brücke oder eine als Brücke dienende
Anlage über den Rhein, das bestätigen Überreste
einer rechtsrheinischen Anlage. Als der römische Grenzwall,
der limes, weit nach Norden Richtung Augsburg verlegt wurde,
spielte der Rheinübergang bei Kaiseraugst militärisch
eine wichtige Rolle.
Der Rhein in der Basler Gegend biegt sich ab wie ein Knie. Die
heutige Stadt kann man als einen viergeteilten Kuchen sehen: ein
Stück rechtsrheinisch, drei Stücke linksrheinisch. Im 3.
und 4. Jahrhundert tauchen rechtsrheinisch die Alemannen auf, auf
der linken Seite bleiben die romanisierten Kelten, die
Gallorömer. Oder wie der frühere Kantonsarchäologe
Rudolf Moosbrugger sagt: Der Rhein war zum Röstigraben
geworden. Das dauerte lange an; eine Zeitlang gehörte Basel
zum Königreich Burgund, und noch im späten Mittelalter
unterstand das Kleinbasel dem Bistum Konstanz, der Basler Bischof
gehörte zur Erzdiözese Besançon, und viele Basler
Bischöfe sprachen französisch. Von Brücken vernehmen
wir nichts.
Im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert entsteht eine
neue Situation. Das Elsass ist habsburgisches Stammland, das sich
um die auch weltlichen Herrschaften der Bischöfe von
Strassburg und Basel in Richtung auf die heutige Schweiz und den
Rhein aufwärts erweitern will. Die Waldstädte
Rheinfelden, Säckingen, Laufenburg und Waldshut werden
vorderösterreichisch. Verschiedene klösterliche
Herrschaften, aber auch die sich unter dem Bischof zünftisch
organisierende Stadt, sehen sich eingeengt. Darum der Streit
zwischen der Äbtissin von Säckingen und dem Schirmvogt
von Laufenburg: diese Rheinbrücke soll dem habsburgischen
Herrschaftsstreben dienen. Die Brücke bei Rheinfelden wurde
vermutlich schon 1200 gebaut, diesmal von den rechtsrheinischen
Konkurrenten der Habsburger, den Zähringern. Für
Säckingen darf man ebenfalls eine alte Brücke für
die Jahre um 1270 annehmen.
Der Bau der Basler Brücke ist eine politische Antwort des
Bischofs auf diese Situation. Er konnte sie nicht allein
finanzieren, die weiteren Geldgeber waren der Abt von St. Blasien
und der Prior von Bürgeln. Auch das hat seine politische
Logik. Verkehr und Handel sollten nicht in das zähringische
oder habsburgische Gebiet abwandern. Und was nicht weniger wichtig
ist: Erst mit dieser Brücke wurde die systematische Besiedlung
des Kleinbasel möglich. Es wurde eigentlich wie Manhattan
angelegt – drei Parallelstrassen zum Rhein und senkrecht dazu
die verbindenden Gassen. Da Basel seit dieser Zeit bis ins 18.
Jahrhundert hinein die dominierende Stadt am Oberrhein war, wurde
diese Vorgängerin der heutigen Mittleren Brücke bald
einmal die wichtigste. Über sie kamen und gingen die Fuhren
ins Wiesental und nach Süddeutschland, auf ihr zogen 1814 die
gekrönten Häupter Russlands, Österreichs und
Preussen auf ihrem Feldzug gegen das napoleonische Frankreich in
Basel ein.
Aber diese dem Handel dienende, die herrschaftliche Stellung
Basels markierende und den süddeutsch-schweizerischen Verkehr
aufnehmende Brücke hatte seit dem Ende des 17. Jahrhunderts
Konkurrenz bekommen. Mit dem Bau der Festung Hüningen wuchs im
Frankreich der Könige Ludwig XIV., XV. und XVI. die Lust, auch
am rechten Ufer des Rheins Fuss zu fassen. Von Hüningen aus
wurde zuerst auf die sogenannte Schusterinsel und dann zeitweise
bis auf das markgräfliche Ufer eine Brücke geschlagen,
meistens eine schwimmende, gelegentlich wohl auch eine solide
Holzkonstruktion. Ihr Zweck war militärischer Natur, gewiss
diente sie auch zivilen Zwecken. Für die Basler, die zwar
einen Teil der Schusterinsel mit Kleinhüningen ihr eigen
nannten, war sie doch eher exterritorial. Und man sah sie nicht
gerne, weil von ihr aus ja der ganze Schiffsverkehr durch die
Franzosen kontrolliert werden konnte. Sie bekam den Spottnamen
einer Brille auf der Nase der Basler.
Also lautet der Brückentheorie erster Teil: Keltische
Furten, römische Militärbrücken,
zähringisch-habsburgische Verbindungsbrücken, eine als
politische Antwort gemeinte Basler Brücke, eine
französischen Kriegszielen dienende Behelfsbrücke. Jede
einzelne hat ihre historische Logik.
Seit den Studententagen hatten wir uns kaum mehr gesprochen,
waren uns – selten genug – nur gelegentlich begegnet.
Aber jetzt, als ich über den Basler Münsterplatz ging,
stand er mit zurückgeworfenem Kopf vor der Münsterfassade
und blickte steif in die Höhe. Was starrst du so? Ich treibe
Botanik, sagte er, siehst du die grossen Rosen unterhalb der
Brüstung? Tatsächlich. Und was sind es für Rosen?
Riesige, sagte ich, und gefüllte. Sicher keine einheimische
Rose, sagte er, eher eine orientalische. Eine centifolia, also eine
hundertblättrige. Ich habe 68 dieser Rosen gezählt, jede
hat wohl einen halben Meter Durchmesser. Man darf sich vorstellen,
dass die aus dem vorderen Orient heimgekehrten Kreuzritter die
Kunde, vielleicht sogar Exemplare, dieser Rose mit nach Hause
brachten. Und jetzt zieren sie die Münsterfassade. Das
Münster ist ja eigentlich eine Marienkirche, und Rosen sind
der Maria zugeordnet.
Das war der Anfang eines längeren Gespräches, bei dem
ich nur der nehmende Teil war. In der Romanik (Rundbogen, sagte der
Lehrer) wimmelt es neben verschlungenen Ornamenten von Tieren,
Fabelwesen, typisierten Menschenfiguren. Eindrücklich ist eine
Fahrt ins elsässische Rosheim. Da kämpfen an der
Kirchenfassade Ritter, Bauern treiben den Esel, der Jude hält
den Geldbeutel. Da gibt es die Sphinx mit Krallen, geflügelte
Löwen, Drachen, Panther mit Echsenschwänzen. In der Gotik
(Spitzbogen, sagte der Lehrer) wandelt sich die Bildersprache: aus
den Menschenfiguren werden biblische Gestalten, Heilige und
Apostel, die zum Teil abstrakten Ornamente verwandeln sich
plötzlich in Pflanzen, unwahrscheinlich naturalistische,
botanisch minutiös nachgebildete Pflanzen, die sich noch heute
bestimmen lassen. Du findest Efeu, Weissdorn, Haselnuss, Hahnenfuss
oder Storchenschnabel, Eichenblätter, Erdbeeren und das Blatt
der Zaunrübe samt ihren gewundenen Ranken und den kleinen,
giftigen Beeren – übrigens häufig und
irrtümlich als Weinblatt interpretiert. Da siehst du die
Hagrose und das Hundsröschen, wie sie noch heute in unseren
Gärten blühen. Ich wage mal die These, dass die Gotik
eine Zuwendung zur Biologie und zur Botanik bringt, vielleicht im
Gefolge des Albertus Magnus, des Albert von Bollstädt
(1193-1280), und des Kaisers Friedrich II., der auch Botaniker war,
und unter dessen Regiment Schlettstadt zur freien Reichsstadt
wurde.
St. Georg in Schlettstadt, die Marienkirchen von Freiburg und
Basel sind überwältigende botanische Lektionen. Man kann
sich sogar fragen, ob die gotische Kirche nicht als Ganzes eine
letztlich botanische Erscheinungsform ist. Was sitzt zuoberst auf
einem gotischen Turm? Eine Kreuzblume, sagt der Fremdenführer.
Aber was ist die Kreuzblume botanisch? Man muss nur einmal eine
solche Kreuzblume, in der Fotografie von oben aufgenommen,
näher betrachten. Da sieht man eine vierblättrige
Blüte mit ausgefransten Blütenblättern, den
Fruchtknoten genau in der Mitte und nagelartig abstehenden
Staubgefässen zwischen den Blütenblättern. Es ist
die Raute, die in Italien und auf dem Balkan heimische Weinraute,
ruta graveolens, deren Blätter sich eben in ein eigentliches
Rautenwerk auflösen. Es ist dieselbe Pflanze, die die
Italiener in die Grappaflasche stecken, das gibt dann den Erba
Ruta-Schnaps. Und diese Pflanze heisst gelegentlich im Volksmund
noch immer Kreuzblume. Aber es wird noch verwirrender:
An den gotischen Kirchen laufen den Kanten von Stützmauern
oder Dächern entlang oft Leisten mit regelmässig
verteilten Noppen, knospen- oder knollenartigen Widerhaken, man
spricht dann von Krabben. Doch sie erinnern eigentlich wenig an
Krebse. Es sind auch keine Krebse, sondern „Krapfen“,
und das ist ein altes Wort für einen Haken, eine Kralle, eine
Klaue, einen gebogenen Knauf. Das italienische Wort grappa meint ja
auch eine Klammer, die französische agrafe kommt von daher.
Die noch nicht geöffnete Blüte der Weinraute hat genau
diese Form. Also darf man sich die gotische Kathedrale insgesamt
als eine riesige Weinraute vorstellen, auf der oben die Kreuzblume
blüht, die ruta graveolens, übrigens eine stark duftende
Pflanze, deren Staubgefässe die Nägel im Kreuz
symbolisieren könnten. Und die Kurven in den Fenstern und
Deckengewölben der gotischen Kirche simulieren die Kurven, in
denen die Weinraute ihre Stiele und Blätter entfaltet. Schon
Karl der Grosse hat seinen Gutshofbeamten die Pflege dieser Pflanze
ans Herz gelegt.
Die botanische Symbolik dieser drei Kirchen in Basel Freiburg
und Schlettstadt ist in ein dicht gewobenes Netz von Bezügen
eingelassen. Warum Rebenblätter und Trauben? Christus spricht
vom Wein als von seinem Blut. Warum Efeu? Efeu trägt
immergrüne Blätter, er ist konstant. Warum Eichen? Das
Holz der Eiche fault nicht, überdauert die Zeiten. Die Kirche
in Schlettstadt ist keine Marienkirche, also tritt die Rose als
Schmuck zurück, ich habe nur eine gesehen, wahrscheinlich war
es eher eine Pfingstrose. Überhaupt treten Rosen und
Pfingstrosen gerne abwechselnd auf; die Pfingstrose ist ja
diejenige Rose, die den einzigen Nachteil der echten Rose nicht
hat: sie wächst ohne Dornen. In Freiburg hält die Madonna
als Patronin des Münsters einen Rosenzweig in der Hand,
Weinranken mischen sich mit Pfingstrosenblättern. Wer in einem
homöopathischen Lehrbuch blättert, findet viele der im
Kirchenschmuck nachgebildeten Pflanzen als Heilpflanzen wieder,
dazu gehören die Weinraute selber, der Hopfen, der Efeu und
die rätselhafte Zaunrübe, der man, obwohl sie selber
giftig ist, entgiftende Wirkungen zuschreibt. Somit hilft sie auch
gegen böswillige Liebestränke, wird also zur
Beschützerin der Jungfräulichkeit. Und was bedeuten
Storchenschnabel, Hahnenfuss, Scharbockskraut und Haselwurz? Ich
habe in Freiburg am Münster einen Lastesel mit Sack gefunden,
der einen Acanthus, also eine Stachelähre oder einen
Stachelbärenklau, frisst. Der Acanthus ist der Schmuck der
korinthischen Säulenköpfe im alten Griechenland. Da
läuft eine Traditionskette von der Antike über die
Romanik bis in das spätgotische 15. Jahrhundert, wo jetzt der
Pflanzenschmuck des klassischen Altertums vom romanischen Esel
gefressen wird, damit die botanische Welt der Gotik aufschiessen
kann. Wie wenig wissen wir über diese Dinge!
Eine nicht gemachte Hausaufgabe?, fragte ich. Vielleicht, sagte
er, aber angefangen ist sie sicher, zum Beispiel im Buch
„Basilea Botanica“. Aber ob sie schon als abgeschlossen
gelten kann? Hans Wackernagel, botanisch so beschlagen wie
zoologisch kompetent, den Baslern als langjähriger Sprecher
des Zollis aus den Zeitungen und vom Lokalradio bekannt, lachte mit
blinzelnden Augen. Wenn man über so unvergleichliches
Anschauungsmaterial in nächster Nähe verfügt –
es lohnt sich schon, mit einem botanischen Auge von Basel nach
Freiburg und Schlettstadt und in noch viele Elsässer und
Breisgauer Städte zu fahren. Alle Macht den Pflanzen –
das war die oberrheinische Gotik.
Erhard Richter in Grenzach ist einer der Historiker, die gern
die kleinen und manchmal die kleinsten Verhältnisse genau
unter die Lupe nehmen. Die Geschichte grosser Nationen ist gewiss
interessant, auch diejenige einer ganzen Region, wie wir sie am
Oberrhein vorfinden, aber spannende wird sie besonders dann, wenn
man an einer einzelnen Zelle das Schicksal des ganzen Organismus
ablesen kann. Und so hat sich Erhard Richter über Grenzach
gebeugt und erzählt dessen Geschichte, die diejenige einer 250
Jahre alten Wiedervereinigung ist.
Es ist wieder eine grenzüberschreitende Geschichte. Aber
nun nicht zwischen dem südbadischen Grenzach und dem
schweizerischen Basel, vielmehr steigen wir in die Vergangenheit
des noch nicht schweizerischen Bistums Basel und seiner
nördlichen Nachbarn zurück. Da erinnern wir uns daran,
dass ursprünglich in der Basler Gegend Kelten wohnten, die
sogenannten Rauracher oder Rauriker. Dann kamen die römischen
Legionen, die ausziehwilligen Helvetier und Rauracher wurden bei
Bibrakte militärisch aufgehalten und mussten in ihre alten
Gebiete zurückkehren. Augst, eine römische Kolonie,
verlor langsam an Bedeutung zu Gunsten von Basel. Um den Basler
Münsterhügel bildete sich eine aus Kelten und Römern
gemischte Gesellschaft. Sie sass auf der linken Rheinseite, denn
auf der rechten Rheinseite erschienen um die Wende des 3. zum 4.
Jahrhundert die Alemannen. Man darf sich diese beiden Kulturen, die
gallorömische und alemannische, nicht nur in einem feindlichen
Gegensatz vorstellen. Wir haben Zeugnisse, dass sie sich zum Teil
sogar sehr gut arrangierten. Aber ein Gegensatz prägte sie:
Die Gallorömer lebten gern in Städten, die nicht viel
mehr als ein befestigtes Militärlager waren; die Alemannen
dagegen zogen eine offene Besiedlung vor, ihre Zentren waren nur in
Krisen bezogene Fluchtburgen. Der Münsterhügel von Basel
war eine mit Mauer und Wall befestigte Kleinstadt; auf dem Gebiet,
wo heute die Kirche von Grenzach steht, befand sich eine
alemannische Ursiedlung. (Und zwischen Grenzach und dem heutigen
Kleinbasel lag in der Nähe des Warteck-Areals das sagenhafte
alemannische Fischerdorf Oberbasel, wiederum eine Fluchtburg. Darum
sind die Strassennamen Alemannengasse, Römergasse, Burgweg und
Fischerweg, geschichtlich betrachtet, zutreffend gewählt.)
Wer von Basel auf dem rechten Ufer rheinaufwärts
fährt, erlebt Grenzach als eine Art Strassendorf, die beiden
Dorfteile liegen links und rechts der Durchgangsstrasse. Er
fährt, ohne es zu ahnen, auf einer alten politischen Grenze.
Es gibt, oberhalb der Strasse, ein nördliches Grenzach, das an
Riehen und Bettingen stösst, und es gibt unterhalb ein
südliches, das von der Strasse bis an den Rhein reicht. Die
naive Frage könnte lauten, warum eigentlich Grenzach, als
Zipfel zwischen dem Rhein und den baselstädtischen
Landgemeinden eingeklemmt, nicht zu Basel als eine Art Kleinbasler
Vorort gehört?
Diese Frage führt in die feudalen Zeiten zurück, vor
allem ins 12. und 13. Jahrhundert, als sich herausbildete, was wir
als Grundherrschaften bezeichnen, also von einem Lehensherrn
verliehene oder ihm unterstellte Herrschaftsrechte und -bereiche,
die manchmal erblich waren, manchmal aber auch nur dem
Lehensträger im Sinn eines Amtes verliehen wurden. Es war der
Bischof von Basel nicht der einzige Herr, der in der
oberrheinischen Ecke nach grösseren Territorien strebte. Er
hatte machtvoll Konkurrenten, unter denen ein Geschlecht besonders
hervorsticht. Es sind die Herren von Röteln oder Roetelen. Die
Ruine des Röteler Schlosses, das 1678 im Auftrag Ludwigs XIV.
vom Marquis de Frivilier zerstört wurde, war ihr
Stammsitz.
Diese Herren von Röteln tauchen im 12. Jahrhundert auf,
sind nach dem Zerfall der zähringischen Herrschaft nur noch
dem Kaiser untertan. Luthold von Roetelnheim zieht als Basler
Bischof mit dem Hohenstaufen Friedrich II. an den Reichstag nach
Mainz. Der letzte Nachkomme, wiederum ein Luthold, war Domprobst zu
Basel und übergab, da er kinderlos war, durch eine Schenkung
seine Burgen, festen Orte, Dörfer, Häuser und Höfe
samt den Bewohnern und allen Rechten an Junker Heinrich, den
Markgrafen von Hachberg-Sausenberg. Das war 1315, ein Jahr
später wurde Luthold im Basler Münster begraben. Somit
wurden die Besitztümer der Herren von Röteln
markgräflich.
Nun aber gab es aus noch älteren Zeiten eine andere
Herrscherfamilie am Oberrhein, das waren die Habsburger. Ihr Besitz
auf dem rechten Rheinufer bezeichneten sie als
vorderösterreichische Lande. Deren Verwaltungszentrum war
Rheinfelden, wo das habsburgische Wappen heute noch am Stadttor
prangt. Das südliche Grenzach, vom Rhein bis an die Strasse,
gehörte zum vorderösterreichischen Besitz, das
nördliche gegen Riehen und Bettingen zur Markgrafschaft. Die
Strasse bildete die Grenze. Die Sache kompliziert sich noch weiter,
da die Markgrafen von Hachberg nach 1540 das obere Grenzach an die
Herren von Bärenfels als Lehen gaben. Diese Familie war
zugleich im südlichen Grenzach ein Gläubiger
Österreichs, besass dort verschiedene Pfandliegenschaften. Der
Markgraf Philipp von Hachberg-Sausenberg, der kinderlos war, sich
dank der Schenkung auch Herr von Röteln nennen durfte, schloss
1490 einen Erbvertrag mit seinem Vetter, dem Markgrafen von
Baden-Pforzheim. Er kümmerte sich schon lange nicht mehr um
die oberrheinische Markgrafschaft, da ihn ganz andere
Möglichkeiten in Frankreich lockten, wo er Marschall von
Burgund und Gouverneur der Provence geworden war. 1503 starb er,
sein Stamm erlosch. Also ging jetzt der Besitz der Herren von
Bärenfels im nördlichen Grenzach in ein markgräflich
baden-durlachsches Lehen über, im südlichen Grenzach
blieben die Bärenfels als Darlehensgeber der Österreicher
Lehensherren. 1685 aber zahlten die Österreicher ihr Darlehen
zurück, was die Bärenfels nicht hinderte, auch im
südlichen Grenzach weiterhin gewisse Rechte zu beanspruchen.
Es gab dauernd Streit, alle möglichen Gerichte wurden in
Anspruch genommen, bis endlich der baden-durlachsche Markgraf Karl
August 1735 das Lehen im oberen Grenzach von den Bärenfels
zurückkaufte und 1741 von Österreich auch den unteren
Teil von Grenzach käuflich erwarb. Die Bärenfels nahmen
das Geld und erwarben das Rote Haus bei Muttenz, das sie offenbar
sehr gastfreundlich bewirtschafteten und bewohnten. Erst seit
diesem Datum 1741 darf Grenzach als „wiedervereinigt“
gelten und konnte somit, wie Erhard Richter sagt, eine einheitliche
und ungestörte Gemeindepolitik verfolgen.
Und jetzt fahren wir nach Pfirt, französisch Ferrette.
Vielleicht auch dem Käse zuliebe, vor allem aber, um wieder
einmal den Sundgau mit seinen alten Bäumen zu erleben.
Was ist das für ein merkwürdiger Ort, in den
Hügeln versteckt und aufgeteilt in die zwei Niederlassungen
Pfirt und Alt-Pfirt? Man gewinnt bei einem oberflächlichen
Besuch den Eindruck, dass der Teil, der sich Alt-Pfirt oder eben
Vieux-Ferrette nennt, eigentlich der neuere sei, wohingegen das
eigentliche Pfirt ganz mittelalterlich daherkommt, weil es sich an
das Schloss – ursprünglich zwei Schlösser –
anschliesst. Beginnt man in Pfirt geschichtlichen Spuren
nachzugehen, so ist die Mischung von Deutsch und Welsch, von Elsass
und Jura, von Frankreich und vorderösterreichisch-deutschen
Elementen unübersehbar.
Das beginnt schon früh, lange vor 1291 zum Beispiel. Der
Sohn des Grafen Thierry von Mömpelgard, aus der Dynastie der
Grafen von Mousson und Bar, Friedrich I., der in den Urkunden des
frühen 12. Jahrhunderts als Graf von Pfirt und Begründer
der Dynastie auftritt, hat als erste Gattin eine Tochter Bertholds
II. von Zähringen zur Frau, als zweite eine Stephanie von
Eguisheim. Und sein Sohn Ludwig I., der 1188 auf einem Kreuzzug in
Palästina stirbt, heiratet in erster Ehe Richilde, die Tochter
eines Grafen von Habsburg. Die Grafen von Pfirt waren also von
Anfang an mit den beiden grössten damaligen
Herrscherhäusern am Oberrhein liiert. Und wo bleiben die
Basler? Gemach, Graf Friedrich II. von Pfirt, wiederum verheiratet
mit einer Tochter Bertholds IV. von Zähringen, hatte
seinerseits einen Sohn namens Berthold von Pfirt, und dieser war
von 1249 bis 1262 Bischof von Basel. Sein Bruder Graf Ulrich I. von
Pfirt verkaufte gar die Grafschaft Pfirt an die Basler
Bischöfe, freilich nur, um sie sogleich aus den Händen
des Bischofs wieder als erbliches Lehen zu empfangen – es war
das, wenn man so will, eine Art Finanzierung oder feudalrechtliche
Hypothezisierung des Territorialbesitzes.
Seit 1271 war somit die Grafschaft Pfirt
basel-bischöfliches Lehen. Auf Ulrich I. folgten sein Bruder
Friedrich, dessen Sohn Ulrich II., dann Theobald, dessen Sohn, und
Ulrich III., dessen Enkel. Der hatte nur zwei Töchter namens
Johanna und Ursula. Ursula trat ihre Rechte an Pfirt an Johanna ab.
Graf Ulrich befürchtete, dass der Basler Bischof nach seinem
Tod erneut die Hand auf die Grafschaft legen würde, also
verhalf er einem seiner Gewährsmänner dazu, Basler
Bischof zu werden. Dieser musste nur vorher die Erbberechtigung der
gräflichen Tochter anerkennen, was auch geschah. Alles hing
nun davon ab, wen Johanna heiraten würde. Da tauchte Herzog
Albert von Österreich, genannt der Weise, auf und heiratete
die Grafentochter Johanna. So kam die Grafschaft Pfirt als ein
Lehen des Basler Bischofs an das Haus Österreich, das
bekanntlich in Sachen Hoheitsrechte wenig Spass verstand und was es
einmal erheiratet hatte, möglichst lang behielt. Bis 1648,
also dem Ende des Dreissigjährigen Krieges, konnten sich
folglich die Herzoge von Österreich auch Grafen von Pfirt
nennen.
Die Schweizer Geschichte auf der Schulstufe sieht in den
Österreichern – vergleiche Morgarten oder Sempach und
den Schwabenkrieg – noch immer so etwas wie den
natürlichen Erbfeind und vergisst gern, dass Zürich und
weite Teile des heutigen Aargaus eben auch habsburgische Lande
waren. In Basel ist die Erinnerung an König Rudolf von
Habsburg als vormaligen Gegner und späteren Freund nie ganz
erloschen, seine Gattin Anna wurde ja nebst ihrem Söhnchen im
Münster begraben. Liest man die wenigen Ereignisse nach, die
wir aus dem Leben des Grafen von Pfirt kennen, so gewinnt man den
Eindruck, dass die ordnende Hand der Habsburger ein Segen war. Denn
die Pfirter Grafen waren keine bequemen Herren. Friedrich I.
gründete wohl zahlreiche Klöster, bekämpfte das
Heidentum im Sundgau, aber schon sein Enkel Friedrich II. war
händelsüchtig, ein Raufbold, und legte sich praktisch mit
allen damaligen Gewalten an: den Herren von Mömpelgard, dem
Strassburger und Basler Bischof, dem Abt von Murbach, den
Habsburgern. (Sein Sohn Ludwig von ähnlichem Temperament soll
ihn erschlagen haben.) Dass nach 1324 die Grafschaft
österreichisch wurde, mussten die Leute in diesem von Fehden
immer wieder geschüttelten Gebiet als Erleichterung empfinden,
die Basler freilich auch als bedrohlich. Denn jetzt sassen die
Österreicher rheinaufwärts im Fricktal und in
Rheinfelden, dazu im Breisgau, hatten Herrschaftsrechte im Elsass
und schlossen die Klammer um Basel herum mit dem Erwerb der
Grafschaft Pfirt. Bis in die Wende vom 15. ins 16. Jahrhundert,
also dem Schwabenkrieg und König Maximilian von
Österreich, war die baslerische Gefühlslage gespalten in
Respekt und Furcht vor dem Hause Habsburg und in Anerkennung seiner
friedenstiftenden Tätigkeit.
Pfirt selber bestand zuerst aus dem heutigen Alt-Pfirt, nach dem
die ersten Grafen sich nannten. Um 1100 errichtete Friedrich I. auf
dem 612 Meter hohen Juraberg das Oberschloss. Sogleich siedelten
sich Dienstleute und Handwerker am Berghang an. Die sogenannte
Oberstadt, ursprünglich abgeschlossen durch zwei Tore, das
heutige Pfirt, war eine systematische Gründung. Die Unterstadt
entstand aus einem ursprünglich dem Hospiz vom Grossen St.
Bernhard unterstellten kleinen Kloster; sie entwickelte sich
vermutlich erst im 17. und 18. Jahrhundert. Damals aber
gehörte der Sundgau schon zur französischen Krone, die
ihn mit Teilen des Elsass als Lehen an Mazarin übergeben
hatte. Die habsburgische Klammer war aus der Sicht der Basler
wieder aufgebrochen, der Ring war gesprengt. Wie gefährlich
aber die Nachbarschaft der beiden grössten
kontinentaleuropäischen Mächte Habsburg und Frankreich
werden konnte, zeigte sich in den 1792 ausbrechenden Kriegen
zwischen dem republikanischen Frankreich und dem
deutsch-österreichischen Kaiser. Die alte Eidgenossenschaft
fand weder militärisch noch diplomatisch die Mittel und Wege,
um in diesem Konflikt zu bestehen, und brach 1798 zusammen.
Das Wappen von Pfirt zeigt Rücken an Rücken zwei
senkrecht stehende Barben – eine Erinnerung an den
Fischreichtum des Sundgaus, durch den heute die Route de la Carpe
frite führt. Gelegentlich ist es mit den Habsburger-Farben
Rot-Weiss-Rot unterlegt. Sie erinnern daran, dass über viele
Jahrhunderte Österreich der wichtigste Nachbar Basels war, der
gelegentlich auch versucht hatte, Basel einzukreisen und es sich
einzuverleiben.
Der Bund der schweizerischen Urkantone ist besiegelt, er hat
sich zum Bündnissystem der acht alten Orte erweitert. Aber
Basel ist noch Bischofsstadt, Reichsstadt, ist nächster
Nachbar zum Markgrafen von Hachberg-Sausenberg in Röteln, zu
den Habsburgern in Rheinfelden und Ensisheim und, etwas weiter
entfernt, zu den burgundischen Herzögen. Verglichen mit den
Städten, die heute die Schweiz bestimmen, ist es gross;
verglichen mit rheinischen Städten wie Strassburg oder
Köln, ist es klein. Das Beziehungsnetz Basels geht nach
Westen, Norden, Nordosten; die Eidgenossen im Süden sind
weniger wichtig. Wir sind in den ersten Jahren des 15.
Jahrhunderts.
Einer der reichsten Basler dieser Zeit finanziert adlige
Grundherren rundum, indem er ihnen Vorschüsse gibt, dafür
ganze Herrschaften als Pfand übernimmt. Er ist Pfandherr in
Laufen, Delsberg, im Birseck, auf dem Wartenberg, in Badenweiler.
Er kauft Bözen, die Herrschaft Hauenstein, das Amt Wehr. Er
ist Herr von Zell, besitzt das Schloss Altenstein bei Schopfheim,
Laufenburg untersteht ihm, er bezieht Einkünfte aus
Säckingen. 1388 ist er, wahrscheinlich um die 40 Jahre alt,
Basler Bürgermeister, er gehört zur städtischen
Prominenz. Er wohnt am Rheinsprung, da wo heute die alte
Universität steht. Wie 1401 eine ausserordentliche
Vermögenssteuer erhoben wird, weist er ein Vermögen von
über 10'000 Gulden aus. (Nach heutigem Geldwert wäre er
millionenschwer.) Auch die Herzoge von Österreich sind seine
Kunden, gegen einen Vorschuss hat er die auf einem Felskopf
gelegene Stammburg der Grafen von Rheinfelden, den sogenannten
Stein von Rheinfelden, zum Pfand übernommen. Sein Name ist
Jakob Zibol.
Von der Welt hat er mit seinen politischen Erfolgen und seinem
Geld nicht mehr viel zu erwarten, er wendet sich anderen Dingen zu.
Er kommt viel herum, da sein Stand als Achtburger ihn in die
Nähe des Adels rückt, seine diplomatischen
Fähigkeiten sind gesucht. Als Oberstzunftmeister wird er mit
einer Gesandtschaft nach Nürnberg geschickt, wo man den
Baslern unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt auch das
Kartäuserkloster zeigt. Es imponiert ihm, er möchte mit
den Mönchen reden. Ein Nürnberger Prior ruft sie
zusammen.
Nun verbringen die Kartäuser, als Orden im 11. Jahrhundert
gestiftet und seit 1170 vom Papst anerkannt, ihr Leben in der Regel
schweigend und einzeln in ihren Zellen, Aussprachen finden nur an
Sonn- und Feiertagen statt. Aber auf Geheiss des Priors reden die
Mönche mit Jakob Zibol, und da erfährt der Basler auch,
dass ihre Kartause 1380 von einem reichen Nürnberger namens
Marquard Mendel gestiftet worden sei.
Zibols Entschluss ist gefasst, er will auch in Basel ein solches
Kloster gründen. Dazu braucht er geistliche Hilfe. Was er noch
nicht weiss: Der benachbarte Markgraf Rudolf III. von
Hachberg-Sausenberg, der in Röteln residiert, hat
ähnliche Pläne. Er hat sogar einen Strassburger
Kartäuser namens Wynand nach Röteln kommen lassen, um
sich mit ihm zu beraten. Wynand ist in der oberen Markgrafschaft zu
Erkundungszwecken herumgeritten, hat aber keine passenden
Örtlichkeiten gefunden. Sie waren bald zu nahe bei den Leuten,
bald zu weit weg. Wynand schien es überdies, dass der Markgraf
nicht ganz über die nötigen Mittel verfüge, die
Existenz eines Klosters auf die Dauer zu garantieren.
Nachträglich erfährt Zibol von diesen Verhandlungen,
sofort lässt er seinerseits Wynand kommen. Er hat unterdessen
einen ihm gut scheinenden Platz gefunden: einen früher dem
Bischof gehörenden Hof im Kleinbasel unterhalb der
Theodorskirche. Mit dem Erwerb des Kleinbasels 1392 fiel er an den
Rat. Wynand kommt, erkundigt sich nach dem Stand und dem
Vermögen Zibols, zusammen besichtigen sie die Liegenschaft mit
Baumgarten, Reben, verschiedenen Gebäuden und Scheunen. Wynand
ist erfreut, das sind bessere Voraussetzungen als beim Markgrafen.
Kann man die Liegenschaft kaufen? Da Zibol selber zum Rat
gehört, kein Problem. Als die Ratskollegen hören, dass
Zibol den Hof nicht für sich, sondern für ein
Kartäuserkloster erwerben will, herrscht sogar Begeisterung.
Am 12. Dezember 1401 wird man sich einig, der Preis beträgt
600 Rheinische Gulden. Sicherheitshalber holt man die Einwilligung
des Probstes von St. Alban ein, der alte Rechtstitel auf diesen Hof
geltend macht. Zibol zeigt sich weiter grosszügig, mit dem
Einverständnis seiner Erben überschreibt er dem Kloster
Einkünfte in Form von Kornlieferungen von seinen Gütern
in Ötlingen. Eine alte Margarethen-Kapelle gegen den Rhein,
eine Schwachstelle in der Befestigungsmauer, darf mit Zustimmung
des Rates abgebrochen werden, sie liefert Steine für einen
Neubau. Der Bischof von Konstanz, geistlicher Herr über
Kleinbasel, ist ebenfalls einverstanden. Die Kartause wird der
Heiligen Margaretha gewidmet.
Die ersten Kartäuser übersiedeln von Strassburg. Die
ganze Klosteranlage ist noch reichlich primitiv, Zibol muss mehr
als einmal Lebensmittel zur täglichen Verpflegung über
den Rhein schaffen. Das neue Kloster gefällt dem Pfarrer zu
St. Theodor gar nicht, er fürchtet Konkurrenz; das Domkapitel
lässt sich sogar von Papst Bonifaz IX. 1402 bestätigen,
dass der Platz für die neue Kartause unseriös, eine
frühere Spiel-, Turnier-, Tanz- und Pfeiferwiese sei, wer dort
ein Kloster bauen wolle, gehöre exkommuniziert. Was macht
Zibol? Er zahlt noch einmal 200 Rheinische Gulden an das
Domkapitel, dann geben sich die Herren zufrieden. 1407 ist der
Bestand de Klosters so gesichert, dass das Mutterhaus der
Kartäuser in Grenoble die förmliche Aufnahme ins
Generalkapitel beschliesst. Wynand selber ist Prior in Basel
geworden, 1408 beginnt der Bau der Kirche.
Alles scheint so harmonisch, da bricht die Katastrophe ein: ein
Krieg, ein mieser Kleinkrieg von hässlicher Grausamkeit
zwischen den Baslern und Herzog Friedrich von Österreich.
Zibol ist auch Burgherr in Rheinfelden, als solcher den Habsburgern
verpflichtet, zugleich ist er Basler Amtsträger. Zu wem
hält Rheinfelden? Zu keinem von beiden, aber die Zibols sind
unaufmerksam, die Rheinfelder überrumpeln die Burg, nehmen
einen jungen Zibol gefangen. Darauf kerkern die Basler den
österreichischer Sympathien verdächtigen Vater mit den
anderen Söhnen ein. Die Sache kompliziert sich weiter, da die
burgundische Schwägerin Friedrichs ebenfalls Ansprüche
auf Rheinfelden erhebt, es wird ein Dreieckskrieg zwischen Basel,
Friedrich und Katharina von Burgund. Fast bis zum Tod hätten
sie Zibol im Gefängnis gebracht, schreibt der Chronist der
Kartause. Jetzt geht es ans gute Geld, Zibol wird nicht nur seiner
Ämter entsetzt, sondern mit 12'000 Gulden gebüsst, eine
enorme Summe. Er ist ein gebrochener Mann. Er lebt noch, als der
Markgraf als Vermittler den Streit beilegt, sogar ein Bündnis
zwischen den Baslern und Katharina zeichnet sich ab. Dann stirbt er
1414. Doch die Kartause ist gesichert. Die einzelnen
Mönchszellen sind gestiftete vom Gründer und seinem Sohn
Burkhard, dessen Gattin Agnes von Eptingen, von Isabella von
Portugal, der Mutter Karls des Kühnen, und von verschiedenen
Klerikern aus Basel, Mülhausen und Hessen. Die Zellen sind
heute abgerissen, nur das Haus des Priors und die Kirche stehen
noch, sie bilden zusammen den Komplex des Basler Waisenhauses.
In unserem Selbstverständnis ist das Dreiland am Oberrhein
dadurch charakterisiert, dass über die Grenzen der
Nationalstaaten Frankreich, Deutschland, Schweiz hinweg allerhand
nachbarschaftliche Gemeinsamkeiten, aber auch die Landschaft
– der Oberrhein mit seinem Auslauf nach dem Sundgau und Jura
– ein zusammenhängendes Gebiet erkennen lassen. Es hat,
mehr im Kleinen als im Grossen, eine gemeinsame Geschichte, einen
ähnlichen Lebensstil, verwandte Architektur; es hat aber auch
Gegensätze, mit denen schon frühere Generationen fertig
werden mussten: zwischen Fürsten, Bürgern und Bauern,
zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Deutsch und Welsch.
Das Dreiland ist als ein Randgebiet abhängig von ungleich
grösseren Mächten. Es fühlt aber ebenso die
Verlockung, unabhängig von diesen grösseren Mächten
seine Dinge selber zu regeln – gelegentlich auf eine Weise,
die diesen grösseren Mächten nicht recht gefällt.
Das Gefühl der relativen Kleinheit und zugleich der
Andersartigkeit bricht immer wieder durch; es schafft sogar eine
gewisse innere Übereinstimmung, die dazu führt, dass der
Jurassier und der Elsässer, der Markgräfler und der
Basler sich besser verstehen als Schweizer, Deutsche und
Franzosen.
In diesem von den Baslern Regio getauften Gebiet, so klein es im
Verhältnis zu Deutschland, Frankreich und der Schweiz ist,
gibt es noch einmal Miniaturregionen, die – wie Fraktale auf
einem Computer – das Bild der gegenseitigen Verzahnung im
Kleinen reproduzieren. Wer von den heutigen Schweizern und
Franzosen hat sich schon gefragt, warum der Pruntruter Zipfel mit
der Ajoie so merkwürdig und ein wenig wie eine Blase in
Richtung Frankreich ausgestülpt ist? Warum folgt seine Grenze
nicht dem Doubs, der, von Pontarlier kommend, nördlich von La
Chaux-de-Fonds eine Zeitlang tatsächlich die heutige
Landesgrenze bildet, dann aber wie ein Haarnadel in das
schweizerische Gebiet hineinsticht, bei St. Ursanne einen Bogen
macht, um wieder Richtung Frankreich zu entschwinden? Diese auf der
Hand liegende Frage führt sofort in die Geschichte, eine
Geschichte so alt wie diejenige der unterdessen 700jährigen
Eidgenossenschaft, und wenn man will noch einiges älter.
Die Luftlinie von der Krümmung des Doubs bei St. Ursanne
bis nach Basel liegt unter 40 Kilometern. Von der Antike bis ins
Mittelalter war der Warentransport zu Wasser der
leistungsfähigste und bequemste. Wollte man also Güter
vom Doubs auf den Rhein, der hauptsächlichsten Verkehrsader
Mitteleuropas, weiterspedieren, musste man diese Distanz auf dem
Landweg überwinden. Nachgewiesen ist, dass solche Verbindungen
schon zu Beginn unserer Zeitrechnung existierten. Die Niederlassung
keltischer Händler bei Basel und die Bedeutung des
gallorömischen Kembs hängen mit dieser Verbindung
Doubs-Rhein zusammen.
Die heute noch fühlbare Geschichte beginnt wenige Jahre vor
dem Bund der ersten Urkantone und zwar genau im Jahr 1283. Und
wieder einmal hatte Rudolf von Habsburg, ein eigentlicher Vater des
Dreilandes, seine Hände im Spiel. Er gab der Stadt Pruntrut,
im Herrschaftsbereich des Basler Bischofs gelegen, verbriefte
städtische Freiheitsrechte, die er eben auch als eine Art Dank
und Kompliment an den Bischof deklarierte. Er machte sich die Sache
einfach: statt diese Rechte im einzelnen aufzuzählen, verwies
er schlicht auf den fünf Jahre älteren Freiheitsbrief
für Colmar.
30 Kilometer nordwestlich von Pruntrut aber lag eine andere
Stadt, die dem Grafen Renaud von Burgund und seiner Frau
Guillemette gehörte, nämlich Montbéliard, auf
deutsch Mömpelgard. Und da diese beiden Städtlein seit
jeher in einer Art Konkurrenzverhältnis gestanden hatten,
blieb dem Grafen von Montbéliard nichts anderes übrig
als gleichzuziehen: er bestätigte – aber nicht wie
Rudolf auf lateinisch, sondern auf französisch – den
Bürgern von Montbéliard ihre städtischen
Rechte.
Damit waren die Steine gesetzt. Am südwestlichen Ende der
Regio bildete sich eine Miniaturregio, die insofern spannend ist,
als man sich hier in der alten Übergangszone vom
deutsch-alemannischen in den französisch-burgundischen Raum
befindet – das eigentliche Elsass war ja noch
deutschsprachig. Zwei Mächte standen sich gegenüber,
Mächte im regionalen Massstab wohlverstanden: der Graf von
Mömpelgard und der Basler Fürstbischof, in der Ajoie um
Pruntrut herum ein weltlicher Herr. Dank einer Frau wurde dieser
Gegensatz auch im grösseren Rahmen spannend. Im Alter von nur
neun Jahren wurde 1397 Henriette de Montfaucon, die Erbin der
Grafschaft, mit dem 10jährigen Eberhard dem Jüngeren von
Württemberg verlobt. Sie heirateten, Eberhard starb früh,
Henriette regierte das Land mit weiteren linksrheinischen
Herrschaften im Elsass und musste es dann ihren Söhnen
abtreten. So kam die Grafschaft Mömpelgard in
württembergischen Besitz – und blieb es bis zur
Französischen Revolution.
Das hatte Folgen zum Beispiel während der
Kirchenreformation. Ulrich von Württemberg sorgte dafür,
dass die Grafschaft Mömpelgard lutheranisch wurde; der aus der
Stadt vertriebene Fürstbischof von Basel setzte alle
Kräfte ein, die Ajoie beim alten Glauben zu halten. Zwischen
1575 und 1608 standen sich zwei Landesherren gegenüber, die in
mehr als einer Beziehung vergleichbar sind: hochgebildete,
humanistisch interessierte, bau- und reformfreudige Herrscher mit
grossen Perspektiven. Dass zum Beispiel das Fürstbistum Basel
überhaupt zur Schweiz zählen konnte, geht auf den Vertrag
des Fürstbischofs Jakob Christof Blarer von Wartensee
zurück, der mit den katholischen Orten 1578 eine Allianz
schloss. Dass die Grafschaft Mömpelgard in den
französischen Religionskriegen zahlreichen Hugenotten, die
calvinistisch und nicht lutheranisch gesinnt waren, Unterschlupf
bot und von ihren kommerziellen Talenten profitierte, geht auf die
Politik Friedrichs von Württemberg zurück, der über
die Grafschaft enge Kontakte zu den französischen Königen
Heinrich III. und Heinrich IV. hatte. In der Miniaturregio am Rand
der Regio spiegelt sich noch einmal europäisches Schicksal, zu
dem auch die gegenseitigen grausamen Verheerungen durch eine immer
wieder angemietete Soldateska gehörten.
André Antoine Bernard de Jeuzines, der Bernard de Saintes
genannt wurde, ein kleiner dürrer Mann, der nie lachte,
stellte um 1791 in Montbéliard die Guilloutine auf und
sorgte mit seinen Gesinnungsgenossen dafür, dass die 300 Jahre
alte württembergische Grafschaft Teil der Französischen
Republik wurde. Das Fürstbistum Basel überlebte auch
nicht, 1815 wurde der jurassische Teil zum Kanton Bern geschlagen,
und es brauchte noch einmal mehr als 159 Jahre, bis die Ajoie mit
dem Hauptort Porrentruy in den neuen Kanton Jura überging.
Der Name Armleder tönt irgendwie vertraut. Man schmeckt ihm
auch sein Alter an. Sind die Armleder Elsässer,
Süddeutsche oder Schweizer? Und wieso tönt dieser Name so
geschichtlich?
Jetzt schlage ich bei Hellmut G. Haasis nach, der bei rororo
drei Bände mit dem Titel „Spuren der Besiegten“
publiziert hat. Und finde dort im ersten Band Nachrichten –
keine schönen – über einen König Armleder.
Sogar seinen richtigen Namen weiss Haasis: Es handelt sich um einen
Ritter Arnold von Uissigheim, einer Stadt hoch über der Tauber
südwestlich von Würzburg. In der dortigen Kirche ist er
begraben, noch erkennt man den beschädigten Grabstein, wie ihn
Klaus Arnold 1974 beschrieb:
„Die strengen, ja finsteren Züge des mächtigen,
von dichtem, gelocktem Haar umrahmten Hauptes ziehen zuerst den
Blick auf sich. Es ist ein jugendliches, bartloses Antlitz
über einem betont breiten Hals, auf dem die Klinge eines
Schwertes aufliegt. Gehalten wird dieses von einer kleineren, auf
der Umrahmung sitzenden Gestalt, deren Oberkörper und Kopf
verloren sind. (...) Die Scheide zur Rechten des Mannes ist leer,
um anzudeuten, dass es sein eigenes Schwert ist, das ihm den Tod
bringt. Seine Hände sind nicht, wie man erwarten könnte,
gefaltet; vielmehr übereinandergelegt mit erkennbaren Resten
von Fesseln. Den Schutz der Unterarme bildet – noch niemand
hat es als bemerkenswert überliefert –
Armleder.“
Da ist der Ausdruck gefallen: Armleder, wie wir sie noch heute
von sehr englisch anmutenden Sportjacken kennen. Aber hier wurden
sie an Stelle von metallenen Armschienen verwendet, offenbar von
Leuten, die das Geld nicht hatten, sich eine richtige Rüstung
mit Armschienen aus Metall anzuschaffen, nämlich von Bauern.
Und der Anführer dieser Bauern wurde dann eben zu einem
„König Armleder“, auch wenn er eigentlich ein
Ritter war.
Wie kommen die Bauern zum Ritter und umgekehrt? Da muss man
schon in die Wirtschaftsgeschichte des 14. Jahrhunderts steigen,
wie Hellmut G. Haasis sie uns erklärt. Um 1336-1339 sind wir
in einer Zeit, da die Geldwirtschaft den alten Tausch von
Gütern und Leistungen zu verdrängen beginnt. Die Ritter
auf dem Land geraten in Bedrängnis, weil sie von den
Zinsgütern Naturalien und Renten nur in gleichbleibender
Höhe beziehen, die sich ausbreitende Geldwirtschaft aber die
Preise steigen lässt. Der Bauer war schon verschuldet, jetzt
musste sich auch der Ritter verschulden. Gläubiger waren in
beiden Fällen häufig jüdische Geld- und
Pfandverleiher, die in den Städten als sogenannte
„Kammerknechte“ unter dem Schutz des Kaisers standen.
Aber dieser Schutz war dürftig, bald begannen
Territorialherren und Grossgrundbesitzer ebenfalls gegen die
Zinslasten aufzubegehren. Und der Kaiser, der seinerseits in
Geldnöten steckte, liess sich den Judenschutz, für den er
den sogenannten Judenpfennig als Kopfsteuer erhob, von Städten
abkaufen, die auf ein funktionierendes Kreditwesen angewiesen
waren.
Das ergab eine unheilvolle Konstellation für die Juden, die
nach allen Seiten eben auch als Kreditbanken funktionierten. Papst
Benedikt XII. trat die lauernde Lawine los, indem er den
völlig verschuldeten Würzburger Bischof von allen den
Geldverleihern geleisteten Eiden löste, desgleichen die
Bürger von Würzburg von ihren Bürgschaftspflichten
befreite. Zugleich drohte er an, den Umgang mit Juden in Zukunft
durch Kirchenstrafen zu ahnden.
Jetzt begannen 1336 wahrhaft grässliche Judenverfolgungen,
die bald über das fränkische Gebiet hinausgriffen. Die
ältesten, auf deutsch geschriebene Chronik aus Colmar vermerkt
sie und sagt auch, dass die Juden in Niederfranken von einem
erschlagen wurden, der sich König Armleder nannte, denn mit
Armleder waren er und seine Gesellen bewaffnet. Ein sonst nicht
bekannter Nikolaus meldet an seinen Herrn, einen in Avignon
weilenden Trierer Notar, dieselbe Kunde und nennt Zahlen: 1500
Juden wurden ermordet, der genannte König Armleder wurde vom
Trierer Bischof, von Rittern, Adligen und Städten und also
nicht nur von den Juden gefürchtet. Dem schon genannten Klaus
Arnold gelang 1974 der Nachweis, dass es sich bei diesem
selbsternannten König um den Ritter Arnold von Uissigheim
handelte, dessen Grab er dann beschrieb.
Die fatale Allianz zwischen verschuldeten Bauern und verarmten
Mitgliedern des niederen Adels flammte auch 1337 wieder auf, griff
1338 in die Bistümer Strassburg und Basel hinüber. Von
Zabern bis Belfort, Delle und Pfirt wurde gemordet, am 25. Januar
1338 zum Beispiel in Rufach. Die Nachfolge des bereits gerichteten
Ritter Arnolds traten andere elsässische Ritter an, die
Adligen von Dorlisheim und ein Gastwirt namens Johannes Zimperlin
von Andlau. Auch sie nannten sich jetzt Armleder. Schutz fanden die
Juden nur in den Städten, weil die städtische
Bürgerschaft auf das Finanzwesen der Geldverleiher angewiesen
war und die städtischen Magistraten die Juden als Steuerzahler
schätzten. Kaiser Ludwig IV. etwa verpfändete als
Schutzherr der Juden alle jüdischen Güter in Colmar um
4000 Pfund Heller, das heisst genau um die Summe, mit der er bei
den Colmarern in der Kreide stand. So kam es denn auch dazu, dass
solche Bauernheere unter adliger Führung gewisse Städte
recht eigentlich belagerten, am besten sind wir im Fall von Colmar
dokumentiert.
Eine historische Beurteilung der Armlederbewegung ist auch heute
noch schwierig. Denn diese wirtschaftlich bedingte Bauernrevolte
ist zu schrecklich mit Judenverfolgungen belastet, als dass man in
ihr einen Freiheitskampf der Bauern sehen könnte, sozusagen
einen Vorläufer der späteren Bauernkriege. Die
Städte ihrerseits kannten Judenverfolgungen, so etwa Basel im
Jahr 1349. Als aber die Stadt 1356 vom Erdbeben heimgesucht wurde,
gab es Leute, die dieses Unglück als Strafe für den
Judenmord betrachteten. Umgekehrt erzählte man sich noch bis
ins 18. Jahrhundert, dass das Grab des ersten Königs Armleder
wundertätig gewesen sei.
Der Name Armleder hat es in sich.
Christian Bertin, ein junger Historiker in Basel, hat sich auf
die Spuren von Friederike Auguste Sophie, Fürstin von
Anhalt-Zerbst, geborene Prinzessin von Anhalt-Bernburg, gesetzt,
die von 1745 bis 1827 lebte. 1764 kam sie, einer Laune ihres Gatten
Friedrich August von Anhalt-Zerbst folgend (oder besser:
ausgeliefert) nach Basel, wo sie in der Neuen Vorstadt und im
Sommer auf Grossgundeldingen Wohnsitz nahm. Ihr Bruder war der
Gatte der russischen Zarin Katharina – also brachte die
Fürstin in das verträumte Basel auch einen Hauch der ganz
grossen Welt. Ihr Mann fiel in Basel durch grobschlächtige
Scherze und eigentliche Possen auf, verschwand bald in Richtung
nach verschiedenen europäischen Kasernenhöfen. Sie aber
blieb bis 1793, also fast 30 Jahre, in der Stadt und führte so
etwas wie einen literarischen Salon und private Hofstaat. Peter
Ochs, der Rat- und spätere Stadtschreiber, war vor Ausbruch
der Französischen Revolution dort ihr Gast. Sie war befreundet
mit dem damaligen Bürgermeister Peter Burckhardt – einer
ihrer Briefe an dessen Gattin ist auf dem Staatsarchiv erhalten
geblieben. In ihm finde sich auch eine Hofdame der Fürstin
erwähnt, denn sie schreibt von „ma Berenfels“,
offenbar einem Fräulein von Bärenfels, die der
Fürstin als Gesellschafterin diente.
Wer war dieses Fräulein von Bärenfels? Vielleicht
sollte man zuerst fragen, was es überhaupt mit dieser Familie
von Bärenfels auf sich hatte. Da trifft man auf eine Namen,
der in der Basler Geschichte – und in der Geschichte des
Dreilandes – eine erhebliche Rolle spielte, und zwar
während Jahrhunderten. Die Stammtafel derer von Bärenfels
beginnt mit einem Ritter Albert, nachgewiesen von 1259-1265, der
sich noch Vogt von Branbach (wohl Brombach?) nannte, und endet mit
Johann Ludwig als dem letzten Nachkommen männlichen
Geschlechts, gestorben 1839, sowie der Pfarrfrau Friderike
Wilhelmine, Gattin des Hans Rudolf Thurneysen, gestorben 1846. Ihre
Schwester Susanna Magdalena, die von 1750 bis 1837 lebte, war
niemand anders als die Hofdame der Fürstin von
Anhalt-Zerbst.
Dass ein Geschlecht in der männlichen Linie sechs
Jahrhunderte lang in der gleichen Region nachweisbar ist und immer
wieder politische Funktionen ausübte, ist alles andere als
alltäglich, war das auch für frühere Zeiten nicht.
Man hat es hier mit einer im besten Sinn alten Basler Familie zu
tun, freilich einer adligen, die schon die Neugierde des ersten
Stadthistorikers Christian Wurstisen weckte. Er vermerkt in seiner
„Bassler Chronick“ insgesamt neun Ritter von Berenfels,
darunter fünf Basler Bürgermeister im 14. und 15.
Jahrhundert, und dann auch die bei Sempach 1386 auf
österreichischer Seite gefallenen Brüder und Vettern
Lütold, Arnold und Adelberg von Berenfels.
Die Bärenfels waren Ritter, das heisst Adlige, und wenn man
die Ehepartner sowohl in der männlichen wie weiblichen Linie
nachschaut, stellt man fest, dass sie sich durchaus
standesgemäss zu verheiraten trachteten. Ihre Frauen oder
Männer fanden sie bei den von Eptingen, Münch von
Münchenstein, von Ramstein, Truchsess von Rheinfelden, von
Blumeneck, von Schönau, von Fleckenstein, von Offenburg, von
Hallwyl. Sichtbar wird ein dichtes Netz von adligen Familien
zwischen der baslerischen Bürgerschaft, dem Fürstbischof
und den mächtigeren Herren wie den Markgrafen, Habsburgern
oder Burgundern am Oberrhein. Manchmal fragt man sich, warum der
Basler Bischof oder eben auch die in Zünften organisierte
Stadt nicht eine viel expansivere Territorialpolitik betrieben
haben. Sie konnten es nicht, weil der Ring dieser Adelsfamilien
rund um die Stadt familiär und territorial, aber auch
militärisch eng und klug geknüpft war, und weil diese
adligen Ritter bald dem Bischof, bald der Bürgerschaft, bald
aber auch den grösseren Herren wie den österreichischen
Erzherzögen zudienten.
Markus Lutz, der unermüdliche geschichtsforschende Pfarrer
auf der Landschaft nach der Französischen Revolution, meint,
dass die Familie Bärenfels sogar schon um 920 in Basel
ansässig war. Johans der Vogt von Brambach wird 1305 als Joh.
I. von Berenuels ein Ritter genannt, 1309 wird von ihm als
„Joh. De Beyrenvelz, miles gerens negotia episcopatus
Basil“ gesprochen, also führte er als ritterlicher
Gefolgsmann die Geschäfte des Bistums. Arnold oder Erni III.,
1414 als Domherr von Basel nachgewiesen, wird 1437 abermals mit der
Herrschaft Bärenfels belehnt. Das ist ein Besitztum samt Burg
(heute ein Ruinenrest) zwischen Grellingen und Aesch. Seine
Söhne Johans IV. und Lütold III. nennen sich Herren zu
Arisdorf und Hägenheim, der letztere 1491 auch Herr zu
Grenzach. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, mit Melchior I.
(1563-1634) und Leopold II. (1573-1624) trennt sich die Familie in
den sogenannten Grenzacher Stollen und den Hägenheimer
Stollen. Bei weiteren Nachkommen findet sich auch der Titel eines
Herrn von Burgfelden. Aesch, Arisdorf, Hegenheim, Burgfelden,
Grenzach – da sieht man geradezu geografisch, wie der Ring
beschaffen war, in dem eine solche Basler Adelsfamilie um die Stadt
herum sass. Sie residierte auch in der Stadt selber. Ein
Bärenfelserhof stand früher am Petersgraben, ein anderer
Bärenfelserhof steht noch heute an der Ecke
Martinsgasse/Stapfelberg. Das sogenannte Iselin-Zimmer im
Historischen Museum stammt aus diesem Bärenfelserhof.
In der Geschichte des Dorfes Schönenbuch von Christian
Adolf Müller tauchen Mitglieder der Familie Bärenfels im
16. und 17. Jahrhundert immer wieder auf. Von Friedrich II. von
Bärenfels (1674-1737) wissen wir, dass er die Herrschaft
Grenzach 1735 an den Markgrafen Karl August verkaufte –
besser gesagt: der Markgraf zog dieses Lehen, das den
nördlichen Teil des Dorfes Grenzach betraf, gegen
Rückerstattung der Pfandsumme wieder an sich. Das Schloss von
Hegenheim war lange Jahre so etwas wie der Stammsitz des einen
Familienzweiges; ein Hannibal von Bärenfels verkaufte der
jüdischen Gemeinde von Hegenheim einen Acker auf dem heute
noch der über 300 Jahre alte jüdische Friedhof liegt.
Wenn man sich fragt, wie in früheren Zeiten solche
über Generationen wirkende Familien von den Zeitgenossen
empfunden wurden, fehlen einem die Vergleichsmassstäbe. Unsere
heutigen Familienstrukturen sind sehr anders und kurzlebiger
geworden; das neue Eherecht und das Erwerbsleben haben mit
patriarchalischen Sippen aufgeräumt. Vielleicht muss man
einfach den Blickpunkt etwas verlagern, dann findet man den grossen
Firmen ähnliche, die Jahrzehnte und Jahrhunderte
überdauernde Mächte. Es tönt vielleicht
merkwürdig, aber könnte doch zutreffen: Eine Familie von
Bärenfels hat man vor 500 Jahren vielleicht so empfunden, wie
wir heute eine über 100 Jahre alte Bank oder eine schon
über 200 Jahre alte Chemieunternehmung empfinden. Man muss mit
ihr rechnen, man kann ihr zudienen, und einiges vom privaten
Wohlergehen hängt eben auch vom Schicksal einer solchen
Unternehmung ab. Johann Ludwig von Bärenfels übrigens,
der Bruder der Anfang erwähnten Hofdame, führte den
offiziellen Titel eines Hofmarschalls der Fürstin von
Anhalt-Zerbst. Er starb kinderlos 1839, das Uhrwerk der Basler
Adelsgeschichte war abgelaufen.
Schlettstadt, im nördlichen Grenzbereich des Dreilandes
gelegen, macht den Eindruck einer Stadt, an der die sogenannt
modernen Zeiten gnädig vorbeigeeilt sind. Baulich und
künstlerisch ist viel Schönes übriggeblieben, hier
haben sich die Jahrhunderte oft glücklich verheiratet. Die
ganze Stadtanlage, in der Struktur intakt, ist geradezu ein
Prototyp der oberelsässischen Städte. Die Basler,
Mülhauser und Freiburger können in Schlettstadt
nachschauen, wie es bei ihnen auch einmal ausgesehen haben muss,
was sie also alles verloren haben durch Kriegsunglück oder
eigenen Unverstand. St. Fides (eine romanische Kirche mit
später dazugebauten Türmen) und St. Georg (ein Werk der
Gotik) dominieren die Stadt; diese beiden Kirchen sind nur einen
Steinwurf voneinander entfernt. Was haben sich diese Städte
zwischen dem 12. Und 15. Jahrhundert doch alles geleistet –
und St. Georg schaut sich im Innern an wie der Zwillingsbruder des
Basler Münsters.
Und jetzt tauchen wir in die Schulgeschichte. Zwischen den
beiden grossen Zentren Strassburg und Basel, beide von
Bischöfen und deren Dienstadel bewohnt, liegt dieses
Schlettstadt, eine alte Reichsstadt. Sie braucht Pfarrer und
Kleriker nicht allein, um Messen zu lesen, sondern um eben auch die
administrativen Geschäfte – heute würde man sagen:
die Büroarbeiten – zu erledigen. Also gibt es dort eine
Lateinschule, vermutlich seit dem Ende des 14. Jahrhunderts. Das
Latein lernt man nicht in der Bibel und kaum der Kirchenväter
wegen; Latein ist die administrative Aktensprache, Latein ist
zugleich, wie heute das Englische, die wissenschaftliche
Weltsprache. Wenn der Schlettstädter nach Polen oder Spanien,
nach England oder Italien einen Brief schreiben musste, brauchte er
Latein, weil er dann sicher war, dass der Empfänger ihn
verstand, und er sich mit seiner Lateinkenntnis schon ausgewiesen
hatte.
Aber wie das Latein gelehrt wurde, war – nach
heutigen Vorstellungen – schrecklich. Die Handwerker-,
Bauern- und Bürgerkinder mussten, ohne jede Vorkenntnis,
zuerst einmal das lateinische Lehrbuch, das sie noch gar nicht
verstehen konnten, absatzweise auswendig lernen. Wer es nicht
schaffte, kriegte Prügel. Und dann erhielten sie
grammatikalische Erklärungen wieder nicht anhand von
lateinischen Originaltexten, sondern anhand von antiken bis
spätmittelalterlichen Kommentaren. Es wäre so, wie wenn
wir heute Englisch mit englisch geschriebenen
Shakespeare-Kommentaren aus dem 17. Jahrhundert lernen
müssten.
Nach 1450 werden plötzlich – nicht nur im Elsass,
nicht nur in Basel, sondern in ganz Europa – Schulreformen
aktuell. Warum eigentlich? Hier waltet eine Gesetzmässigkeit,
die über die Mediengeschichte weit in die Kultur- und
Geistesgeschichte weist: In der zweiten Hälfte dieses
Jahrhunderts nämlich beginnt sich der Buchdruck, von
Strassburg und Mainz kommend, im Rheintal und gerade auch im
Dreiland auszubreiten. Wenn ich als Drucker die Technik der
typografischen Vervielfältigung herausgefunden habe und mir
jetzt überlege, wo ich einen Abnehmerkreis für
Bücher finden könnte, liegt die Schule ganz nah –
Schüler brauchen eben Schulbücher. Bis zur Erfindung des
Buchdrucks musste der Lehrer das Lehrbuch diktieren; nach der
Erfindung des Buchdrucks konnte er es verteilen. Die
Gutenberg-Bibel ist zwar das berühmteste Druckwerk der
Weltgeschichte, aber nicht ihr erstes; vorausgegangen sind ziemlich
sicher Schulbücher.
In Schlettstadt kommt ein Glücksfall dazu. Junge
Schlettstädter nämlich, die in Heidelberg studierten,
empfahlen ihrem Magistrat als Rektor der Lateinschule einen aus
Paderborn stammenden Kleriker namens Ludwig Dingenberg. Der wurde
1441 auch berufen. Sofort begannen die Schlettstädter
Lateinschüler Kirchenväter und Klassiker zu lesen,
Dingenberg dichtete auch selber (auf lateinisch), so etwa ein
Gedicht über den Untergang Karls des Kühnen von Burgund.
Der wahre Glücksfall für Schlettstadt aber bestand darin,
dass nun über 80 Jahre hinweg ein verständiger,
pädagogisch interessierter und wahrhaft gebildeter Rektor dem
andern folgte – Crato Hofmann, Hieronymus Gebwiler, Oswald
Bär, Johannes Sapidus –, und dass die Schüler ihrer
Schule verbunden blieben, sich in gelehrten Gesellschaften noch in
Strassburg und Basel fanden, auch als kaiserliche Beamte, Drucker,
Historiker, Juristen und Kirchenreformatoren die persönlichen
Kontakte behielten und sich einer gemeinsamen geistigen Disziplin
verpflichtet fühlten. Jakob Wimpfeling (1450-1528) und Beatus
Rhenanus (1485-1547) sind die glänzendsten Namen. Dank dem
ersten verbreitete sich die neue Pädagogik in gedruckter Form
durch ganz Deutschland, so dass er als der Praeceptor Germaniae,
der Unterweiser Deutschlands, schon zu Lebzeiten galt. Der zweite,
Rhenanus, war der wohl wichtigste Vermittler des auf das Latein
gegründeten oberrheinischen Humanismus. Ohne ihn wäre
Erasmus nicht nach Basel gekommen. Und so dichtete dieser damals
berühmteste Autor der Welt selber das Lob von Schlettstadt:
„Deine besondere Gabe ist die, dass du, Einzige Kleine,
soviel Männer erzeugt, reich an Geist und Verstand.“
Und was ist geblieben? Eine Ausstrahlung, ohne die die Rolle
Strassburgs und Basels als Buchdruckerstädte, die geistigen
Auseinandersetzungen im Reich des Kaisers Maximilian, die Zuwendung
Basels zur Eidgenossenschaft und die Kirchenreformation am
Oberrhein kaum verständlich wären. Zugleich – und
das ist beinahe ein Wunder – eine fast vollständig
erhaltene Schulbibliothek mit 500 Jahre alten Schulheften und
Akten, aufbewahrt in der Humanistenbibliothek von Schlettstadt,
zusammen mit der so gut wie intakten Büchersammlung des
Rhenanus. Aus diesen Beständen lässt sich ablesen, was
eine Schulreform bewirken kann, wenn sie auf ein eindeutiges
Lehrziel ausgerichtet ist, eine geistige Disziplin über
Generationen begründet, pädagogisch verständnisvoll
vorgeht und aus ihren besten Schülern von heute die Lehrer von
morgen zu machen versteht.
Eine natürliche Grenze ist eine solche, die die Natur in
Form von Hindernissen gesetzt hat: ein stürmisches Meer oder
ein wegloses Hochgebirge. Aber ein Fluss ist keine natürliche
Grenze, sondern schafft sogar eine besonders intensive
Nachbarschaftszone. Denn wo ein Fluss ist, gibt es auch Schiffe und
Flösse, Furten und Brücken; Fischer und Schiffer wohnen
auf beiden Seiten und wollen immer wieder ans andere Ufer. Der
Rhein ist heute die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland,
zwischen Deutschland und Frankreich. Er ist keine natürliche,
aber eine politisch sehr praktikable Grenze. Statt eines Striches
auf der Landkarte markiert ein lebendiges Gewässer die
beiderseitigen Territorien. Grossbasel und Kleinbasel sind durch
den Rhein weniger getrennt als vielmehr zusammengehalten.
In solchen Nachbarschaftszonen wechseln die Leute gern und oft
die Seiten. Gerade Basel ist undenkbar ohne die Zuwanderer aus dem
Elsass und aus Süddeutschland. Zuwanderer sind häufig
unternehmenslustig und einfallsreich. Und wenn sie sich an einem
Ort niederlassen, bringen sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten
mit. Diese vererben sich weiter. Zuzüger, oft sogar
Flüchtlinge und Asylsuchende, können schon in der ersten
Generation wirtschaftlich blühende Gewerbe und Unternehmungen
schaffen, die eine Generation später zur Zierde ihrer neuen
Heimat geworden sind.
Dieser Sachverhalt steht hinter Basels Ruhm als Druckerstadt in
der Wende vom 15. ins 16. Jahrhundert. Ohne süddeutsche und
elsässische Zuzüger wäre Basel nie die in der
Renaissance hochangesehene, mit Mainz und Venedig, Paris und
Nürnberg konkurrierende Druckerstadt geworden. Der damalige
Drucker war in der Regel auch der Verleger, dazu meistens auch der
Herausgeber, Lektor und Korrektor des durch ihn publizierten
Werkes. Die Basler Druckgeschichte ist eine
Zuzügergeschichte.
Warum die Leute nach Basel kamen, ist nicht eindeutig zu
beantworten. Aber es war eine Stadt, in der vor einer Generation
ein Konzil abgehalten worden war. Es besass eine Universität,
zählte Papierfabrikanten unter seinen Betrieben, verfügte
über Goldschmiede und Stempelschneider, die auch Buchstaben
herstellen konnten. Es war eine von der bischöflichen
Herrschaft schon weitgehend emanzipierte Bürgerstadt,
unabhängig von fürstlichen Launen. Und es verfügte
über Kapital, das nach Anlagen suchte. Das war für den
Buchdruck eine wichtige Voraussetzung, weil man ja, bevor sich das
Buch verkaufen liess, die Lettern und das Papier, die
Druckwerkzeuge und die Druckerschwärze finanzieren musste.
Auch die Druckgesellen wollten im Lauf der Drucklegung bezahlt
sein, die Erlöse kamen aber erst herein, nachdem das Buch
fertig gedruckt und manchmal auch noch gebunden worden war. Ohne
kapitalistische Vorfinanzierung war kein Buchdruck
möglich.
Die ersten Drucke mit beweglichen, gegossenen Lettern stammen
von Gutenberg, vielleicht aus seiner Strassburger Zeit während
der Armagnaken-Kriege am Oberrhein. Nachher wird Mainz zur Wiege
der Buchdruckerkunst. Aber Gutenberg überwirft sich mit dem
neuen Stadtherrn und seinen eigenen Partnern, er zieht nach
Eltville im Rheingau. Seine Gesellen aber verteilen sich in der
Welt bis nach Italien und Frankreich. Einige kommen auch nach Basel
und nehmen den Mund sogleich ziemlich voll:
„Wenn denn schon Mainz die Kunst des Druckes von
Büchern entdeckt hat,
zog diesen Karren zum Schluss Basel allein aus dem
Dreck.“
Die Buchstaben, in denen dieses hochmütige lateinische
Distichon von Gasparinus Barzizius gesetzt sind, strafen die
Behauptung der beiden Drucker Michael Wenssler und Friedrich Biel
etwas Lügen, denn sowohl der Satz wie der Druck sind reichlich
mangelhaft.
Hier nun tauchen die Namen der frühsten Basler Drucker auf.
Die Forschung kennt deren viele. Es ist die Zeit der sogenannten
Inkunabeln, also der Wiegendrucke, unter welchem Namen man die
Drucke von vor 1500 versteht. Der schon genannte Michael Wenssler
war Strassburger, 1462 an der Universität Basel
immatrikuliert, begann wohl um 1472 mit seinem Gesellschafter
Friedrich (von?) Biel zu drucken. Sein Kollege Berthold Ruppel fing
möglicherweise früher an, 1468, er war einer der
ursprünglichen Gesellen Gutenbergs, also wiederum ein
Zuwanderer. Der dritte im Bund war Bernhard Richel, ein
Elsässer, der für 1472 in Basel nachweisbar ist. Johann
von Besicken, ein kleinerer Drucker seit 1480, stammte aus
Besigheim bei Bottwar in Württemberg. Peter Kölliker, von
dem ein Druck aus dem Jahr 1484 bekannt ist, kam aus Olten. Sein
Geschäftspartner Johann Koch, genannt Meister, zog aus
Feldkirch im Vorarlberg zu. Nicolaus Kessler aus Bottwar war zuerst
Buchhändler und heiratete dann die Tochter von Bernhard
Richel. Ludwig Hohenwang, ein Geselle Wensslers, stammte aus
Augsburg. Johannes Schilling kam aus Winternheim, hatte das
Druckhandwerk in Köln gelernt. Lienhart Ysenhut, Briefmaler,
Kartenmacher, Schriftgiesser, erwarb schon 1468 das
Bürgerrecht in Basel, war aus Heydeck zugezogen.
Dann folgen die Namen, die der Basler Buchdruckgeschichte zum
Ruhmesblatt geworden sind: Jacob Wolff aus Pforzheim, Michael
Furter aus Augsburg, Johann Bergmann von Olpe aus dem Sauerland,
Johann Welker aus Amorbach im Odenwald, über Paris und Venedig
nach Basel zugereist, der sich dann Johannes Amerbach nannte, und
Johannes Froben aus Hammelburg in Unterfranken, der wichtige
Verbindungen zur Kobergschen Offizin in Nürnberg mitbrachte.
Und kein Basler in der ganzen Gesellschaft? Doch, bekannt ist
Martin Flach, 1483 Mitglied des Rates, der aber als Drucker wenig
Erfolg hatte und zuletzt sein Brot als Gremper, das heisst
Kleinkaufmann, verdienen musste.
Geschichte, so ist gelegentlich zu hören, sollte nicht nur
den grossen Ereignissen und den blendenden Namen nacheilen, sondern
sich auch die Mühe nehmen, in die alltäglichen
gewerblichen und sozialen Verhältnisse zu blicken. Das
Aufkommen des Buchdrucks in Basel mit seinen Zuzügern und
Bastlern, seinen handwerklichen Tricks und den persönlichen
Beziehungen zwischen den Druckergesellen, seinen zunehmenden
Vermögen und schlimmen Pleiten ist genau ein solches Thema. Da
gibt es eine junge und ehrgeizige Universität, die sich um die
Drucker eigentlich nicht kümmert; da gibt es einen stolzen,
durch die Burgunderkriege selbstbewusst gewordenen Rat, der
nebenbei den ersten Druckerstreik zu verhindert versuchen muss. Das
offizielle Basel befindet sich auf dem Weg der Annäherung an
die wilden Eidgenossen, nimmt wenig Notiz von den Freaks in seinen
Kellern und von der quicklebendigen Szene, die das Ende der von
Hand geschriebenen Bücher feiert. Und dennoch sind sie es, die
nach 1500 das Ansehen der Stadt in der ganzen gelehrten Welt
begründet haben. Eine zusammenfassende Geschichte, wie der
Buchdruck nach Basel gekommen ist, fehlte bis ins 21. Jahrhundert.
Erst im Jahr 2001 erschien von Pierre L. Van der Haegen „Der
frühe Basler Buchdruck“. Nun können wir nachlesen,
wie ökonomische, sozio-politische und
informationssystematische Standortfaktoren und Rahmenbedingungen
aus Basel eine Weltstadt des Buchdrucks machten.
Aus dem 15. Jahrhundert ist eine Aufzählung der
Bistümer am Rhein bekannt. Sie geht über Konstanz, Basel
und Strassburg weiter rheinabwärts. Und Basel gilt da –
aus heutiger Sicht überraschend – als das lustigste
Bistum. Also nicht das geizigste, nicht das frömmste, nicht
das konservativste. Enea Slivio Piccolomini, der Konzilsschreiber
aus der Zeit um 1440, sagt sogar, die Basler seien dem Bacchus und
der Venus zugetan gewesen, also tüchtige Trinker und
fröhliche Liebhaber.
Ein wichtiger Einschnitt im Basler Selbstverständnis ist
der Beitritt zum Bund der Eidgenossen, 1501, wie wir das gelernt
haben und von Zeit zu Zeit feiern müssen. Für uns ist ein
nicht-eidgenössisches Basel, zum Beispiel ein
baden-württembergisches oder französisches Basel,
schlechterdings nicht vorstellbar – um Himmelswillen, wo
kämen wir da hin, oder wo wären wir da hingekommen. Nur
ist das unsere heutige Sicht. Vor bald 500 Jahren sah die Sache
anders aus.
Mit 1474 war die burgundische Bedrohung des Sundgaus und
Elsasses vorbei, die Eidgenossen hatten Karl den Kühnen
geschlagen und erschlagen. Die Eidgenossenschaft bekam politisches
Gewicht, auch in ihrem Verhältnis zum deutschen Kaiserreich
– hintenherum vom französischen König
sorgfältig gehätschelt. Basel steckte in einer
Zwickmühle. Es war ja Reichsstadt, so wie Colmar oder
Schlettstadt, aber das Haus Habsburg, jetzt eben das kaiserliche
Haus, das unter Kaiser Maximilian die Eidgenossenschaft als Teil
des Reiches noch lange nicht abgeschrieben hatte, war Basels
unmittelbarer Nachbar. Das Elsass, der Sundgau, die Waldstädte
Rheinfelden, Laufenburg, Säckingen, Waldshut und Teile des
Breisgaus waren vorderösterreichische Lande. Basel hatte in
diesem Gebiet, sei es der Bischof, sei es die Stadt, zahlreiche
Besitztümer, bezog reichlich Zinsen und Abgaben.
Militärisch hatten die Basler erlebt, welch soliden
Rückhalt die Eidgenossen bieten konnten; wirtschaftlich und
diplomatisch musste Basel darauf bedacht sein, mit der
habsburgischen Herrschaft und somit dem kaiserlichen Haus in einem
vernünftigen Frieden zu leben.
Was Maximilian erstrebte: ein Bündnissystem zwischen
elsässischen und schwäbischen Städten, unter
Einbezug der Eidgenossen und anderer Reichsfürsten,
natürlich auch des Hauses Habsburg selber, kam nicht zustande.
Im Gegenteil, der sogenannte Schwabenkrieg brach aus, besiegelt mit
der entscheidenden Schlacht in der Nähe von Dornach. Die
Eidgenossen begannen sich von Habsburg und somit aus dem
Reichsverband zu lösen. Für Basel war die Kernfrage
gestellt: Reichsstadt oder eidgenössische Stadt? 1501
wählte es die zweite Alternative.
Wo den Basler Schulkindern noch lokale Geschichte gelehrt wird,
erzählt man ihnen vom Jubel , der in Basel herrschte: dass man
jetzt eine alte Spinnerin zur Bewachung der Stadttore einsetzen
konnte, weil die Verhältnisse so sicher geworden waren. Aber
man erzählt nichts davon, dass damit die alten Verbindungen zu
den elsässischen und breisgauischen Städten, zu den
Rheinladen überhaupt, plötzlich sehr dünn wurden.
Dass Basels Bedeutung als Reichsstadt drastisch sank, dass viele
Leute in der tonangebenden Schicht, die in grösseren
Verhältnissen dachten, entsetzt waren.
Da gab es einen Professor für römisches und
kanonisches Recht an der Universität, verheiratet mit der
Tochter eines Basler Zunftmeisters und Messerschmieds. Er war Sohn
eines Strassburger Ratsherren und Gastwirts, geboren 1457, seit
seinem 18. Lebensjahr in Basel ansässig. Dozent an der
Universität wurde er 1484, hielt neben seinen juristischen
Lektionen auch Vorlesungen über Poetik. Im gefiel ein
eidgenössisches Basel überhaupt nicht. Er sah Basel den
rheinischen Städten zugeordnet – es führten ja auch
die Basler Handelswege rheinabwärts. Er schätzte die
Rolle der Basler Juristen im Reichsverbund und in den kaiserlichen
Ämtern. Das eidgenössische Wesen schien ihm zu derb, zu
hemdsärmlig; er wusste als diplomatisch erfahrener Mann, dass
die Abgrenzung der Eidgenossen zum Kaiserreich auch etwas mit den
französischen Soldgeldern zu tun hatte. Der französische
König wollte für seine oberitalienischen Kriegszüge
schlicht die Söhne der Sieger von Grandson und Murten
einkaufen. Als er somit feststellen musste, dass kein Kraut gegen
die eidgenössische Begeisterung in Basel mehr gewachsen war,
packte dieser Mann im Alter von 43 Jahren seine Siebensachen und
zog im Herbst 1500 zurück in die Vaterstadt Strassburg.
Wie gesagt, dichtete er auch. Lateinisch in der Regel,
gelegentlich auch deutsch. Er schrieb 1494 sogar einen Bestseller
seiner Zeit: das bis zu Goethes „Werther“*
auflagenstärkste Buch der deutschen Literatur. Es war in
Versen geschrieben. Verse schrieb er, zurückgekehrt nach
Strassburg, weiterhin. Einer davon ist im Jahr 1512 den Baslern
gewidmet, die für den Winter-Feldzug von 1511 in die Lombardei
(das Lamparter Land) 300 Man stellen mussten:
Der stier zoch in Lamparter Land.
Do er me frost dan spisung fand.
Darumb zoch er wider heim,
Mit wenig gelt und eren cklein.
Basel, do du bist zu geselt
Dem stier, muostu, wan im gefelt,
In winter frost und hungers not
Ussziehen mit armer rott.
Freig werest du beliben, mir glaub,
On todschlag, sund und roub.
Jetz bistu angebunden dem stier an schwantz,
Nun muostu lernen den purentanz.
Das schrieb Sebastian Brant (1457-1521). Er war der Verfasser
des „Narrenschiffs“, das jeden definierbaren Typ von
Mensch als Narr darstellte, somit auch ein Porträt der
sozialen Verhältnisse kurz vor 1500 entwarf. Der Herr
Professor schrieb da, in knarrigem Deutsch, ein wahrhaftes
Volksbuch.
Sebastian Brant war, soviel wir wissen, von seinem Wesen her ein
konservativer Mensch. Aber zugleich war er ein lustvoll auf neue
Möglichkeiten bedachter Geist. Man darf sich vorstellen, wie
Sebastian Brant in den Druckoffizinen von Amerbach oder Bergmann
von Olpe nach einem Illustrator für sein
„Narrenschiff“ suchte und auf einen jungen
Nürnberger mit flaumigem Bart traf. Dieser zeichnete ihm die
Vorlagen für die Illustrationen des
„Narrenschiffs“, es war niemand anders als der junge
Albrecht Dürer.
Der Basler Thomas Wilhelmi nimmt sich mit der nötigen
philologischen und historischen Gewissenhaftigkeit der Herausgabe
von Brants gelehrtem und literarischem Werk an. Brant steht hier
als eine Gelehrten- und Dichterpersönlichkeit, die an einem
eidgenössischen Basel Anstoss nahm und es lieber gesehen
hätte, wenn die Stadt im alten Verbund der elsässischen
und süddeutschen Reichsstädte verblieben und dem Kaiser
möglichst viel erfahrene Hofräte und Richter gestellt
hätte. Dass die Basler dem Stier an den Schwanz gebunden einen
Bauerntanz aufführen mussten, hat er Zeit seines Lebens nicht
verwunden.
Kommt ein Gefährt in eine Kurve, ist die Beschleunigung am
äussern Rand der Krümmung immer die grösste. Man
muss nur zuschauen, wie Rennautos eine Kurve angehen. Dasselbe gilt
für Flüsse: am äussern Rand einer Flussbiegung
fliessen die Wasser schneller, darum sind in der Regel Flüsse
dort tiefer als gegenüber. Am deutlichsten erlebt man das,
wenn man in der Mitte einer Krümmung am Rand steht, und noch
besser kann man das verfolgen, wenn der Standort zugleich eine
gewisse Höhe über dem bewegten Fluss einnimmt.
Wo ist in Basel diese Stelle? Sicher im Grossbasel, in der Mitte
der Flussbiegung und dort, wo die Häuser möglichst hoch
über dem Wasser und möglichst nah an ihm stehen, so dass
man Kirschensteine aus dem Fenster in die Wellen spucken
könnte. Beste Adresse dafür ist wohl die Augustinergasse
1. Das Haus also, in dem Sebastian Brant zu seiner Basler Zeit
wohnte.
Nun stellen Sie sich bitte vor, dass es vor rund 500 Jahren
natürlich noch keine gemauerten Ufer, keinen Rheinkanal und
keine Kraftwerke oder Schleusen gab, sondern dass der Rhein sich
unterhalb von Basel in verschiedene Arme teilte, sogar Inseln
bildete. Hoch- und Niederwasser waren extrem ausgeprägt, bei
Hochwasser kam nicht nur ein wenig Schwemmholz wie heute mit,
sondern es tanzten ganze Bäume in den Wellen, vermutlich auch
die Kadaver ertrunkener Tiere. Der Rhein war ungewöhnlich
fischreich, also fuhren Fischerboote auf ihm herum; der Rhein war
ein zuverlässiger und billiger Transportweg, aus dem
Schwarzwald langten somit zu Flössen zusammengebundene
Baumstämme an. Reisende aus dem vorderösterreichischen
Rheinfelden und gelegentlich sogar aus Zürich oder Luzern
langten per Schiff bei der Schifflände an, von dort fuhren
ganze Warenladungen und Passagiere im Boot rheinabwärts
weiter. Vom Anfang der Augustinergasse hatte man überdies den
denkbar besten Ausblick auf die damals einzige Stadtbrücke mit
dem Käppelijoch, sah hinüber in die Sägereien auf
der Kleinbasler Seite, wo geflösste Hölzer verarbeitet
wurden und die Fischer ihre Netze auswarfen. Es war allerhand los
auf dem Rhein, dessen Tempo im Vergleich zu heute viel stärker
variierte. Für den Beobachter an der besagten Adresse musste
das Treiben gelegentlich einen närrischen Eindruck gemacht
haben.
Hier schrieb Sebastian Brant, vielleicht sogar mit Blick auf den
Rhein, sein „Narrenschiff“. Dass er die ganze
Menschheit in einzelnen Gruppen auf Schiffen verfrachtet begreifen
wollte, hat vermutlich verschieden Wurzeln. Die Menschen hatten
sich schon früher die alte Kirche (Sant Peters schyfflin) als
ein Schiff auf dem Meer der Welt vorgestellt, aber auch der
Antichrist fuhr auf einem, diesmal grossen Schiff durch die Fluten.
Da ist eine alte Vorstellungs- und Bilderwelt am Werk, die aber
– nicht zuletzt dank Brants Schöpfung – gerade
jetzt von einer neuen Sicht abgelöst wird. Man hat es auch
schon so verstanden: Das „Narrenschiff“ von Brant
schliesst das zu Ende gehende späte Mittelalter ab, das
„Lob der Thorheit“ (laus stultitiae) von Erasmus
öffnet 1509 dasjenige zur Neuzeit. (Übrigens machte
Erasmus 1514 bei Brant in Strassburg eine
Höflichkeitsvisite.)
Menschen als närrische Passagiere sah Brant dem Strom des
Lebens und der Zeit ausgeliefert. Wer ist denn ein Narr? Wer vom
alten Weg des rechten Lebens, des von den Kirchenvätern
vorgeschriebenen, letzten Endes asketischen Lebens, abweicht, wer
über irdischen Gütern und Vergnügungen oder aus
persönlichen Leidenschaften Solidarität,
Nächstenliebe, Verantwortungsbewusstsein und Erbarmen vergisst
und den eigenen Tod verdrängt. Damit, so Brant, sind wir
letztlich alles Narren. Sich selber hat er an mehr als einer Stelle
ihnen zugezählt, auf jeden Fall als Büchernarr.
Die Beziehung von Narrheit und Wasser geht noch weiter. Die
Lehre von den vier Elementen, also von Erde, Wasser, Luft und
Feuer, setzt die seelischen Verfassungen jedes Menschen in eine
Relation zum flüssigen Element. Wahnsinn und Wasser haben
miteinander zu tun; entfesselte Fluten begleiten symbolisch oder
rufen real Geistesverwirrtheit hervor. Die Epilepsie wird im
Mittelalter als ein inneres Kochen der Säfte des Menschen
begriffen, nicht zufällig äussert sie sich durch Schaum
auf den Lippen. Da die Wasser der Erde sich unter der Schwerkraft
des Mondes bewegen, heisst die Epilepsie als ein Zustand der
Verrücktheit auch die lunatische Krankheit. Wasser aus Quellen
und Brunnen können nicht nur das Alter oder das Geschlecht
verändern, nicht nur heilen oder vergiften, sie können
auch Leute zur Vernunft zurückführen oder in die
Verrücktheit entlassen. Die Bibel ist voll von Szenen oder
Gleichnissen, in denen das Wasser eine Rolle spielt: Jesus
schreitet über die Wasser, ein Sturm wird plötzlich
befriedigt, der wundersame Fischzug findet im Wasser statt.
Das erfundene Land Narragonien, nach dem Brants Narrenschiff
strebt, ist eine symbolisch äussert komplexe Destination,
etwas zwischen Schlaraffenland und einem Ort der Verderbnis, auf
jeden Fall kein seeliges Land.
Das Buch war zu seiner Zeit ein Riesenerfolg. Neuauflagen,
Nachrucke, Raubdrucke, Übersetzungen (lateinisch,
französisch, niederländisch, englisch) folgten einander.
Brant freute und ärgerte sich darüber, wurde zu einem
berühmten Autor.
Kehren wir zurück zum Ausblick aus einem Fenster der
Augustinergasse 1 in Basel. Sicher ist es so, dass das Schiff, das
die Narren trägt, viel weniger mit gesetzten Segeln und
zielbewusst einem Kontinent, wie etwa dem soeben entdeckten
Amerika, entgegen strebt; vielmehr treiben es und seine Passagiere
mit dem Wasser weiter an einen unbekannten Bestimmungsort. Wo wir
auf den Bildern Ruder sehen, sind es keine solchen, die für
einen grösseren See oder gar fürs Meer tauglich gewesen
wären, es sind nur einfache Steuerruder, wie man sie heute
noch einseitig auf Weidlingen braucht. In einer vom Christoph
Merian Verlag zur 500jährigen Wiederkehr der ersten Ausgabe
des Narrenschiffes veröffentlichten Publikation sind alle
Dokumente zum Leben Brants und alle Bezüge zu diesem
einzigartigen Werk an der Wende vom 15. ins 16. Jahrhundert
zusammenfassend dargestellt.
Die erste Anregung zu seinem eigenen Buch aber dürfte
Sebastian Brant durch den Blick aus dem Fenster seines Hauses
mitten in Basel bekommen haben: Der Rhein als der heimliche Vater
eines Bestsellers um das Jahr 1500.
Stefan Zweig lebte von 1881 bis 1942. Unsere Grosseltern haben
ihn gelegentlich mit glühenden Augen gelesen. Er war ein
Bestseller-Autor, aber von der intelligenten Sorge. Geschichte
interessierte ihn; man kann sogar sagen, dass im deutschsprachigen
Raum Stefan Zweig Erhebliches für das historische Bewusstsein
zwischen den beiden Weltkriegen geleistet hat.
Nach seinem Freitod erschien 1944 postum eine kleine Studie
über das Vespucci-Problem, wie Zweig das selber nannte. Sie
wurde mit dem Titel „Amerigo, die Geschichte eines
historischen Irrtums“ im Bermann-Fischer Verlag Stockholm
veröffentlicht, dem Hausverlag der deutschen, von den
Nationalsozialisten verfolgten Emigranten. Die
Fischer-Taschenbücher haben diesen Titel in ihr Sortiment
übernommen. 1992 war es angezeigt, auf diesen Text wieder
einmal zurückzugreifen, weil sich damals die Entdeckung
Amerikas zum 500. Mal jährte. Und was witzig ist: Wir wissen
unterdessen ein paar Einzelheiten mehr, die Zweig noch nicht
bekannt waren. Man muss sich dafür allerdings in den dicken,
durch Frank Hieronymus von der Universitätsbibliothek Basel
ausgearbeiteten Katalog der Basler Buchillustrationen von 1500 bis
1545 eingraben.
Um was geht es? Ganz einfach darum, warum Amerika Amerika
heisst. 1492 segelte Columbus westwärts unter völlig
falschen Annahmen, aber sichtete dann in der Karibik Land, von dem
er sich vorstellte, es könnte Japan oder vielleicht China,
wenn nicht sogar Indien sein. Die Geschichte dieser Entdeckung der
Neuen Welt soll uns hier nicht weiter beschäftigen, aber wohl,
wie sie rezipiert wurde.
Da gab es in Strassburg einen 1482 geborenen Philologen und
Schullehrer, der sich wie die meisten jungen Intellektuellen seiner
Zeit lebhaft für die kursierenden Berichte über die
Entdeckung der neuen Welt interessierte. Der Italiener Amerigo
Vespucci hatte nach seiner dritten Reise 1501/2 in diesem Weltteil
– er sprach, im Unterschied zu Columbus, ausdrücklich
von einer „Neuen Welt“ – einen ausführlichen
Bericht an die Adresse von Lorenzo die Medici auf italienisch
verfasst, und Mathias Ringmann oder Philesius, eben der besagte
Schullehrer, gab diesen Brief auf lateinisch heraus. Das war 1505.
Geografische Bücher hatten Hochkonjunktur, waren ein gutes
Geschäft. Freilich war es den Gebildeten der Zeit klar
geworden, dass das alte ptolemänische Weltbild durch diese
Neuentdeckungen in eine schiefe Lage geraten war. Vieles wollte
nicht mehr stimmen, neben Europa und Afrika und Asien musste man
einen vierten Weltteil zur Kenntnis nehmen.
Im März 1507 weilte Ringmann in St-Dié im
lothringischen Vogesenvorland. Der Sekretär des Herzogs
René II. von Lothringen, Gualtherus Ludd, hatte dort eine
Druckerei eingerichtet. Im Kreis um Ludd befand sich auch Martin
Waldseemüller, antikisiert Hylacomylus geheissen, der
vermutlich von 1470 bis 1521 oder 1522 lebte. Zusammen mit Ringmann
beschäftigte er sich mit geografisch-kartografischen Studien.
1507 publizierte er eine eigene Cosmographie bei Ludd in
St-Dié. Gewidmet war sie Kaiser Maximilian; sie enthielt
auch zwei Geleitgedichte Ringmanns und vor allem die
Übersetzung der Berichte Vespuccis, ausgeführt durch Jean
Basin de Sandacourt. Beigefügt war der Publikation aber auch
eine Weltkarte, und auf dieser Weltkarte findet sich, wie auch im
Text, zum ersten Mal der Name „America“. Die Neue Welt,
der vierte Weltteil, war verbindlich getauft.
Man darf sich anhand der Jahresdaten das Bild dieses Vorgangs
ziemlich farbig ausmalen. Nach der Rückkehr des Columbus
begannen die Berichte über das unbekannte Land im Westen zu
zirkulieren. Vor allem in den grossen Handelshäusern, die auf
die Schifffahrt angewiesen waren, herrschte Aufregung.
Plötzlich wollte jedermann diese Länder selber gesehen
haben. So reiste auch Amerigo Vespucci westwärts. Eigentliche
Zeitungen gab es nicht, aber – wie Stefan Zweig anschaulich
schilderte – es begannen in den verschiedenen Sprachen
Flugblätter zu erscheinen. Über die Handelshäuser
fanden sie Aufnahme in ganz Europa. Um 1507 waren der Literat
Ringmann vermutlich 25 Jahre, der Geograf Waldseemüller 37
Jahre alt. Wir haben es also mit einem sehr jungen und einem noch
jungen Mann zu tun, die, assoziiert mit einem Drucker in den
Vogesen, das blühende Geschäft der Strassburger und
Basler Drucker mit geografischen Büchern und Karten neidvoll
verfolgen. So etwas sollten wir auch machen, sagen sie. Jetzt
fällt ihnen der Text von Amerigo Vespucci in die Hände.
Aus ihm lernen sie, dass Columbus weder Japan noch China noch
Indien entdeckt hat, sondern die noch namenlosen Kuba, Jamaica und
Hispaniola. Vespucci selber ist über die Karibik hinaus bis an
die mittelamerikanische Küste gefahren. Wenn das aber eine
neue Welt ist, muss sie auch einen neuen Namen haben.
Ringmann und Waldseemüller haben das Problem erkannt. Aus
Amerigo Vespucci wird bei Ringmann zuerst Albericus Vesputius, aber
dann, zwei Jahre später, wird aus dem italienischen Amerigo
ein lateinischer Americus und somit wird der neue Kontinent eben
Amerika getauft. In seinen eigentlichen Umrissen bis hinauf ins
heute kanadische Gebiet ist er noch unbekannt, ganz zu schweigen
von seiner pazifischen Küste auf der anderen Seite.
Die Frage, wo die der Publikation beigegebenen Karten letztlich
gedruckt wurden, ist mit Sicherheit nicht zu beantworten.
St-Dié wird genannt, aber war diese vermutlich kleine
Offizin wirklich für solche grossen Formate eingerichtet? Oder
war Judd mehr Verleger als Drucker, und wurden die grafischen Teile
des Werkes in Strassburg gedruckt? Die Frage bleibt offen, nicht
weniger als die andere: wer nämlich diese Karte gezeichnet
hat. Denn die Art und Weise, wie auf ihr Ptolemäus (als
Vertreter der alten Kosmographie) und Amerigo Vespucci (als
Vertreter der neuen Kosmographie) dargestellt sind, deutet auf
einen bedeutenden Meister des Holzschnittes. Frank Hieronymus
erwägt zwei mögliche Künstler: den Strassburger
Johann Wechtelin und den in Basel wirkenden Urs Graf. Nach den
biografischen Daten könnten beide in Frage kommen; aus
formalen Erwägungen rückt Urs Graf in den
Vordergrund.
Gesichert aber auf jeden Fall ist: Amerika wurde in
St-Dié Amerika getauft. 1507 ist das entscheidende Jahr.
Knapp 15 Jahre waren verflossen, seit Columbus erstmals in der
Karibik gelandet war. Den Namen für den Neuen Kontinent hat
Amerigo Vespucci geliefert, aber erst auf Vorschlag von Martin
Waldseemüller und vielleicht auch Mathias Ringmann. Der
entscheidende Satz, der schon Stefan Zweig elektrisierte, lautet
übersetzt: „... welches Land, da Americus es entdeckt
hat, man das amerigische, also das Land des Americus oder eben
Amerika nennen darf.“ Ein kleiner Freundeskreis von
neugierigen Intellektuellen um einen geschäftshungrigen
Drucker hat mit Hilfe eines zugezogenen Künstlers im Dreiland
dem grossen Kontinent jenseits des Atlantik den Namen gegeben
– nachzulesen zum Beispiel eben bei Stefan Zweig oder Frank
Hieronymus.
Auf dem Bild von Holbein tritt Bonifacius Amerbach mit der
Strahlungskraft des erfolgreichen, anerkannten, seiner Sache
sicheren Mannes im besten Alter auf: ein schöner, angesehener,
in aller Bescheidenheit stolzer Mensch. Sein Vater Johannes war
noch Zuwanderer gewesen, nach Basel verlockt durch die Aussicht,
als Drucker und Verleger Karriere zu machen. Der Sohn darf sich
jetzt, befreundet mit Erasmus, Holbein und Froben, dem
Geschäftsnachfolger seines Vaters, als echten Sohn der Stadt
betrachten. Der Glanz, der auf ihm liegt, ist nicht zu
übersehen; Holbein hat ihn gespürt und gemalt. Rasur und
Toilette, Kopfbedeckung und Bart, Pose und die Staffage mit der
lateinischen Inschrift – alles stimmt.
Aber welche Kräfte haben diesen prächtigen Mann
geformt? Sicher das Vorbild seines erfolgreichen und zugleich so
tüchtigen wie gebildeten Vaters, der auch ein strenger
Erzieher war. Der Amerbachsche Haushalt im Kleinbasel darf geradezu
als das Muster einer durch und durch humanistischen Familie gelten,
wo Bildung und Erziehung, tägliches Verhalten und geistige
Disziplin, städtisches Wirken und internationale Kontakte im
schönsten Einvernehmen standen. Aber nun darf man näher
zuschauen und entdeckt, dass an der Ausbildung des Bonifacius
Amerbach (1495-1562) noch ganz andere Leute beteiligt waren. Neben
dem auf ihm ruhenden Glanz blieben sie meistens im Schatten der
Erinnerung. Einer von diesen Lehrern, der erste und vielleicht auch
wichtigste, ist Conrad Leontorius.
Wer ist dieser Mann? Geboren wurde er wohl um 1460 in Leonberg
zwischen Pforzheim und Stuttgart. Möglicherweise war sein
Familienname Töritz oder Toritz, er brauchte ihn später
nicht mehr, da er sich von seinem Geburtsort Leonberg latinisiert
Leontorius nannte. Um 1475 muss er in Basel gewesen sein, lernte
dort Johannes Amerbach, den Vater des Bonifacius, kennen. Man darf
annehmen, dass er Griechisch konnte, in Basel bei Johannes Reuchlin
auch Hebräisch studierte, obwohl die Universitätsmatrikel
seinen Namen nicht kennt. Nach groben Abschnitten lässt sich
sein Lebensweg weiterverfolgen. 1480 wird er Zisterzienser
Mönch in Maulbronn. Freundschaftliche Beziehungen zu Jakob
Wimpfeling und anderen humanistischen Gelehrten des oberrheinischen
Kreises sind nachweisbar. Da sind wir also mitten in der wesentlich
von der Lateinschule Schlettstadt getragenen vorreformatorischen
Humanistengesellschaft, die alles andere als griesgrämig war.
Man feierte, dichtete, musizierte, trank Wein bis tief in die Nacht
hinein. 1489 ist Leontorius Sekretär des Generalabtes Jean de
Cirey in Citeaux, befindet sich also in Frankreich; 1495 ruft ihn
das Mutterkloster Maulbronn wieder zurück und schickt ihn als
Beichtvater in das Zisterzienserinnen-Kloster Engental bei Muttenz.
Von diesem Nonnenkloster ist nichts übrig geblieben, es wurde
1525 im Bauernkrieg geplündert, 1534 nach der Reformation
aufgehoben. Die Gebäude und die kleine Kirche wurden an Bauern
verkauft, die die Gebäude später abrissen. 1509 hatte
Leontorius gesundheitliche Probleme, er musste zu Kurzwecken in das
Wildbad Hirsau reisen, es nützte ihm wenig. 1511 starb er im
Kloster Engental, erst 52 Jahre alt.
Allzuviel wissen wir von der Person und dem Charakter des
Leontorius nicht. Er war ein für seine Zeit hochgebildeter
Mann, gab 1506 eine Bibel heraus und edierte antike Texte. Von sich
selber sagte er, dass seine Veranlagung eher aufs Loben und Lieben,
nicht aufs Tadeln und Neiden aus sei. Er dichtete gern bei einem
Glas Wein, er schrieb vorzügliche Briefe. Vor allem war er ein
grossartiger Erzieher.
1507 – Bonifacius Amerbach war zwölf Jahre alt
– beschloss der Vater Amerbach, seinen jüngsten Sohn
nach Muttenz in die Schule des Klosters Engental zu Leontorius zu
geben. Offenbar war es eine ganze Gruppe von Knaben, die man da aus
Basel ins Internat über die Birs schickte. Die Mutter, eine
Bürgermeisterstochter aus Neuenburg am Rhein, vergoss
heimliche Tränen. Ein Brief von Leontorius an den Vater ist
erhalten geblieben. Er schrieb: „An den Knaben, die du mir
anvertraut hast, ist ein reger Wetteifer zu bemerken, jeder sucht
es dem andern in guten Sitten und Kenntnissen zuvorzutun. Doch auf
einmal kann man einen Menschen nicht dahinbringen, wohin man
möchte – das muss eben Schritt für Schritt und mit
Liebe geschehen. Deshalb lasse ich dich wissen, dass dein
Bonifacius auf freundliche Weise geleitet sein will und nicht durch
knechtische Furcht, und das gefällt mir an einem Knaben von
guter Art viel besser, als wenn man ihn, wie es deutsche Sitte ist,
auf barbarische Weise mit der Rute anspornt. Wenn du also seine
Handschrift nicht sofort verändert findest, so wundere dich
nicht, mein lieber Amerbach; denn nur im Verlauf der Zeit
erschliessen sich die Geister und gehen der Reife entgegen und
– so lautet mein Wahlspruch – jeder Tag ist der Lehrer
des andern.“ Und auch der Satz, mit dem Leontorius seinen
Brief beendete, muss dem Vater wohlgetan haben: „Lebe wohl
– und darfst dir von deinem Bonifacius Grosses
versprechen.“
An Johannes Amerbach sind insgesamt 35 Briefe des Leontorius
erhalten geblieben. Sie gelten auch der engen Zusammenarbeit dieser
beiden Männer als Drucker und Herausgeber für
theologische Texte und Quellen. Ebenfalls besitzen wir zahlreiche
lateinische Gedichte aus der Feder des Leontorius.
So wird hinter der strahlenden Gestalt des Bonifacius Amerbach
als feine Silhouette der süddeutsche Conrad Leontorius
sichtbar, der mit aufmerksamer Liebe die ersten Schritte des
Knaben verfolgte und ihn, als er später an die
Schlettstädter Lateinschule ging, mit seinen Gedanken
begleitete. Einmal mehr wird deutlich, was für ein intensives
persönliches und pädagogisches Beziehungsnetz zur Zeit
des Eintrittes von Basel in den Bund der Eidgenossen die
oberrheinische Tiefebene nach allen Seiten verknüpfte. Die
Figur des Leontorius macht deutlich, dass die Sorge um die Bildung
junger Menschen ältere Wurzeln hat und dass man sich vor allem
im Dreieck Schlettstadt-Freiburg-Basel mit einer neuen
Pädagogik befasste. Leontorius als einer ihrer Träger
hätte es verdient, von der historischen Forschung genauer ins
Auge gefasst zu werden; viele seiner Gedichte und Texte schlummern
noch ungelesen in den Archiven.
Thomas Wilhelmi hat mich zu einem Griff ins Gesangbuch der
evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz
veranlasst. Wir schlagen also auf – so sagt es jeweils der
Herr Pfarrer – Lied Nummer 171 „Auf diesen Tag bedenken
wir“. Gemeint ist der Tag der Himmelfahrt Christi. Aber
für einmal singen wir es nicht, sondern schauen nach dem Namen
des Verfassers. Johannes Zwick heisst er. Wer war Johannes Zwick?
Ungefähr um 1496 soll er in Konstanz geboren sein, er starb
1542 als evangelischer Pfarrer im ostschweizerischen Bischofszell.
Viel weitere Nachrichten haben wir nicht von ihm, wir wissen nur,
dass er in Basel und Freiburg die Rechte studierte, in Italien zum
Doktor jur. promovierte, sich nachher zur Theologie entschloss und
den lutherischen Glauben annahm. Das Gesangbuch führt
insgesamt sieben Lieder aus seiner Feder an; die Allgemeine
Deutsche Biographie ist nicht so sicher, ob sie wirklich alle von
ihm stammen.
Hatte er Kollegen? Wir schlagen auf das Lied Nummer 335, aber
diesmal im Deutschen Gesangbuch „Ich dank dir lieber
Herre“. Als Verfasser erscheint Johannes Kolros. Der wurde um
1487 in Kirchhofen bei Staufen geboren, immatrikulierte sich an der
Unversität Freiburg. 1529 wurde im Zug der reformatorischen
Schulordnung die Basler Lateinschule zu Barfüssern in die
erste deutsche Volksschule für Knaben umgewandelt, Kolros
wurde ihr Lehrmeister. Ihm verdanken wir ein
„Handbüchlin tütscher Orthografi“, eine
systematisierende Lautlehre auf hochdeutsch-schriftsprachlicher
Grundlage mit Berücksichtigung alemannischer
Eigentümlichkeiten. Er verfasste Theaterstücke, an
Totentanzszenen anknüpfende Spiele, die das Jedermann-Thema
auf die Bühne brachten und bis nach Augsburg zu zahlreichen
Nachbearbeitungen führten. Auch dichtete er an Texten von
Martin Luther weiter. Das Lied Nummer 205 im schweizerischen
Gesangbuch „Verleih uns Frieden gnädiglich“, das
dort Luther als Verfasser nennt, könnte eine Umarbeitung von
Kolros darstellen. Gestorben ist er in Basel, vermutlich zwischen
1558 und 1560. Hier war er durch seine Heirat Besitzer eines
eigenen Hauses am Petersberg, genannt zur Meerkatze, geworden.
Und die Elsässer? Auch die sprachen und schrieben damals
noch deutsch. Das Lied Nr. 269 „Dein, dein soll sein das
Herze mein“ nennt als Verfasser Leo Jud. Er ist 1482 im
elsässischen Gemar geboren, 1542 in Zürich gestorben. An
der Universität Basel lernt er Huldrych Zwingli kennen, mit
dem er sich befreundet. Nach Erwerbung des Magistergrades wird er
zuerst Pfarrer in St. Hippolyte, 1519 Zwinglis Nachfolger in
Einsiedeln. 1523 zieht er nach Zürich um und wird Pfarrer zu
St. Peter. Nach Zwinglis Tod arbeitet er eng mit dessen Nachfolger
Bullinger zusammen, beteiligt sich an der neuen
Bibelübersetzung, die als die sogenannte Zürcher Bibel in
die Geschichte eingegangen ist.
Jud ist nicht der einzige dichtende Elsässer, wir
können auch Lied Nr. 349 aufschlagen „Gib Frieden unsrer
Zeit, o Herr“. Geschrieben hat es Wolfgang Fabricius Koepfel,
lateinisch Capito. 1478 wurde er in Hagenau geboren, gestorben ist
er 1541 in Strassburg. Er war der dritte Gatte der schon zu ihrer
Zeit bekannten Wibrandis Rosenblatt. Capito besuchte nach der
Grundschule in Pforzheim die Universitäten Ingolstadt und
Freiburg, wo er als theologischer Lizentiat abschloss. Von 1515 bis
1516 finden wir ihn als Münsterprediger und Theologieprofessor
in Basel, wo Erasmus Capitos Hebräischkenntnisse überaus
schätzte. Vor seinem Umzug nach Mainz infolge einer Berufung
zu einer Domprädikatur erwarb er in Basel noch schnell den
Doktorgrad für kanonisches Recht, in Mainz holte er sich dann
den theologischen Doktorhut. Die Abreise aus Basel per Schiff nach
Mainz hatte einen kleinen Volksaufstand zur Folge. Man war den
kirchlichen Würdenträgern gram, dass sie diesen Mann
ziehen liessen, der so grundgelehrt und in seinem Wandel untadelig
war. Und zwar reklamierten weniger die Studenten als „das
Volk“, wie es in einem Brief an Zwingli zu lesen ist. Seine
reformatorischen Ideen waren im erasmischen Geist gemässigt,
aber er liess sich gern die Pfründen der reichen Strassburger
Propstei von St. Thomas verleihen und trat trotzdem plötzlich
als entschiedener Prediger der neuen Lehre in Strassburg auf. Ihm
schwebte eine neue Art von Landeskirche vor, eine eigentliche
Staatskirche, die in einem Landesherren zugleich die höchste
geistliche und weltliche Gewalt an ihrer Spitze vereinigen
würde. Vermutlich war er depressiv veranlagt, schon lange vor
seinem Tod sehnte er sein Ende herbei, weil er die Hoffnung auf
eine Besserung des kirchlichen Zerwürfnisses aufgegeben
hatte.
Capito 1478 geboren, Jud 1482 geboren, Kolros 1487 geboren und
Zwick 1496 geboren entstammten alle vier fast derselben Generation.
Sind sie sich begegnet? Wir wissen es nicht, möglich wäre
es schon gewesen. Für alle vier war das bestimmende geistige
und sehr bald auch politische Ereignis die Reformation im
oberrheinischen und schweizerischen Gebiet um 1529. Alle vier
hatten eine akademische Ausbildung genossen, alle vier übten
ein Predigeramt aus. Strassburg, Freiburg, Basel und Zürich
stecken den Raum ab, in dem sie sich bewegten. Alle vier
publizierten und verfassten Kirchenlieder. Und alle vier bedienten
sich dafür ganz direkt der deutschen Sprache, die sie mit
Meisterschaft handhabten. Zwick kann auch das in seiner Einfachheit
grossartige Lied „All Morgen ist ganz frisch und neu“
zugeschrieben werden. (In der für 1998 geplanten Neuauflage
des Kirchengesangbuches wird man das nachlesen können –
samt einer bisher unterschlagenen Strophe.)
Gewiss ist Martin Luther der grosse Erwecker der deutschen
Sprache mit seiner Übersetzung der Bibel, seinen
Streitschriften und seinen Liedern, die sich häufig an Psalmen
anlehnen. Aber seine Grösse verdunkelt gelegentlich
Zeitgenossen, die ohne ihn vielleicht so nicht zur Feder gegriffen
hätten, die aber, wenn sie schon schrieben, auf eine durchaus
eigenständige Tradition des deutschen Ausdrucks
zurückgreifen konnten. Diese war schon lebendig, bevor Luther
seine Thesen anschlug und die Bibel übersetzte. Das Dreiland
am Oberrhein ist in diesem Sinn auch eine Wiege deutscher
Dichtkunst, zu der das Holz noch von den Bäumen der Mystiker
und Minnesänger genommen werden konnte. Der gewaltige Umbruch,
den die Reformation darstellte, hat hier eine so reiche Ernte an
Liedern gebracht, dass man beinahe von einem Gesangverein sprechen
darf.
Es liegt schon einige Zeit zurück, dass Martin Steinmann
eine Auswahl von Briefen des Buchdruckers Johannes Herbst, der sich
Oporin nannte, in der „Basler Zeitschrift für Geschichte
und Alterskunde“ veröffentlichte. Also wird hier nichts
Neues berichtet, sondern es werden seit langem bekannte Texte
einfach wieder einmal aus der Schublade gezogen.
Johannes Oporin lebte von 1507 bis 1568, wurde also rund 61
Jahre alt. 1535 begann er sich mit drei Partnern als Verleger zu
betätigen, geistesgeschichtlich gesehen übrigens
äusserst erfolgreich, da diese Gesellschaft die
„Institutio“ von Johannes Calvin herausgab. Die
Buchdruckkunst war damals bereits gegen 100 Jahre alt, hatte also
ihre technischen und organisatorischen Kinderkrankheiten hinter
sich. Modern gesagt: Setzer und Drucker, Redaktoren und Korrektoren
kannten schon ihr Anforderungsprofil. Die ersten Basler Drucker
waren zwischen 1468 und 1472 aufgetaucht. Die grosse Zeit des
Basler Buchdrucks begann nach 1485, die klassische Zeit folgte im
16. Jahrhundert bis zur Reformation 1529. Die Drucktätigkeit
Oporins fällt also in die vierte Druckergeneration, wo sich
die Branche schon weitgehend strukturiert hatte, das Zusammenspiel
von Buchdruckern, Buchbindern und Buchhändlern funktionierte
und eben auch der Markt mit seinen Preisen und Margen diktierte,
mit dem Zwang zur Neuheit und – modern gesagt –
segmentierten Zielgruppen wie den Gelehrten, Schulen, reformierten
und altgläubigen Lesern. Es gab das internationale
Geschäft, es gab Konkurrenz und nach der Reformation eben auch
obrigkeitliche Zensur.
Die von Martin Steinmann ausgewählten Oporin-Briefe sind im
wesentlichen Geschäftsbriefe, sagen wenig über das grosse
und kleine Weltgeschehen oder über Oporins familiären
Verhältnisse aus. Aber sie erlauben gerade deshalb einen Blick
über die Schulter eines Verlags- und Druckherren dieser Zeit.
Sie zeigen den Unternehmer. Die Brieffreunde Oporins sitzen in
Zürich, Frankfurt, Regensburg, Marburg, Magdeburg, Esslingen,
Wittenberg, Augsburg, Wismar, Strassburg, Orléans, Paris und
Mailand. Sie definieren damit so etwas wie den nachbarschaftlichen
Raum, in dem ein Basler Drucker dieser Zeit wirkte. Spannend wird
diese Geschäftskorrespondenz, wenn man sich
vergegenwärtigt, dass der Buchdruck seinem Wesen nach nicht
nur ein noch immer modernes, sondern eben auch – etwa im
Vergleich zur Textilwirtschaft oder zum Weinhandel – ein sehr
andersartiges Geschäft war. Er kannte aufeinander folgende
Verarbeitungsstufen, brauchte Zwischenlager, Transporte und ein
Verteilsystem. Und er musste finanziert werden, wobei man daran
denken darf, dass es noch keine normalen Kredite bei
Geschäftsbanken gab, so dass Oporin mehr als einmal seine
privaten Silberbecher zu verpfänden hatte.
Da gab es zum Beispiel das Problem des Endverkaufspreises. Wenn
der Verleger und Drucker das gedruckte Buch an einen Leser zum
gleichen Preis wie an einen Buchhändler verkaufte –
wovon hätte dann ein Buchhändler leben sollen? Was aber
konnte der Drucker-Verleger einem Direktkunden sagen, wenn dieser
das Buch zurückbrachte, nachdem er gemerkt hatte, dass Oporin
es ihm teurer als dem Buchhändler verkaufen wollte? Ein Ausweg
bestand darin, dass man als Verleger eben selber eine Buchhandlung
führte und also Direktkäufer nur über die
Buchhandlung bediente. Das tat auch Oporin. Gebundene Preise aber
kannte man noch nicht.
Sorgen machten die Arbeitskräfte. Oporin spricht da von der
familia typographica, die er von der häuslichen Familie
(familia domestica) unterscheidet. Lehrlinge musste er, wie das bei
anderen Handwerkern der Brauch war, in die Hausgemeinschaft
aufnehmen. Wer setzen lernen wollte, musste sich zuerst als
Korrektor bewähren. 1536 war der Arbeitsmarkt für Drucker
günstig; Oporin sagte, wenn man eine volle Belegschaft haben
wolle, „findt man wol all tag den oder ein andren“.
1541 lässt er noch bei fremden Druckern drucken, betätigt
sich also nur als Verleger. Aber er seufzt über flüchtige
Arbeit, dass oft der beste Satz beim Ausdrucken von den Druckern
durcheinandergebracht werde. Er könne doch nicht ständig
neben der Presse stehen. Ende der 40er Jahre aber ist er selber
stolzer Besitzer einer eigenen Druckerei mit nicht weniger als
sechs Pressen. Doch schon 1557 spielt er wieder mit dem Gedanken,
seinen ganzen Betrieb zu verkaufen, da ihn die „endlosen
Scherereien und die Unzuverlässigkeit der
Arbeitskräfte“ belasten würden.
Das damalige bogenweise Drucken stellt man sich gern als einen
handwerklich gemütlichen Prozess vor. Aber Oporins Briefe
belehren uns eines besseren. Er weiss sich von Konkurrenten
umstellt, andere lauern und wollen nicht dulden, dass ihnen jemand
zuvorkommt. Ein Korrespondent schreibt Oporin Anfang Mai, dass
schon im Sommer ein bestimmtes Werk vorliegen sollte, also bleiben
dem Drucker für ein ganzes Buch nur wenige Wochen. Die
Frankfurter Buchmesse war schon damals ein zwingender Termin, der
Verleger war auf Aktualität erpicht, Oporin bekennt sich zu
seiner „Gier nach Neuigkeiten“.
1567, also ein Jahr vor seinem Tod, dachte Oporin wieder einmal
an den Verkauf seiner Firma und entwarf einen eigentlichen
Verkaufsvertrag. Aus ihm lässt sich ablesen, aus welchen
Teilen ein damaliges Druck- und Verlagsgeschäft bestand. Es
waren Haus und Hofstatt, die Druckerei selber mit allem Werkzeug,
sechs Pressen, Mobiliar, die Satzschriften und das Bücherlager
sowohl im Haus wie bei den Buchhändlern. Dazu kamen die
Illustrationen, in Holz oder Kupfer geschnitten. Im Vertrag
eingeschlossen waren auch die Verbindungen zu Autoren und
Händlern; Oporin verpflichtete sich, zukünftige Kontakte
an seinen Vertragspartner weiterzugeben. Nur zwei Bücher
wollte er von diesem Vertrag ausnehmen: die Anatomie von Vesal und
das besonders aufwendig illustrierte Werk von Johannes Basilius
Herold mit den pfalzgräflichen Stammtafeln.
Ein die ganze Briefauswahl durchdringendes Thema sind die
Schulden Oporins. Heute würden wir sagen, dass das die
notwendigen Fremdkredite waren. Wie er nach dem Tod seiner zweiten
Frau die Witwe Faustina Iselin, die Schwester des Basilius
Amerbach, heiratet, legt er seinem Schwager Basilius in aller
Ausführlichkeit seine Vermögensverhältnisse dar. Wir
sind also in der Lage, das Eigen- und Fremdkapital eines
Unternehmers dieser Zeit zu beurteilen. Drucken war nicht
möglich ohne Vorfinanzierung, ohne Lagerhaltung in Schriften,
Papier, Materialien, ohne Gerätepark und zu aktivierende
Lagerbestände an Endprodukten, dazu kamen die laufenden Lohn-
und Geräte-, Transport- und Fremdlagerkosten, kamen
immaterielle Werte wie Urheberrechte (Privilegien genannt),
Verbindungen und Goodwill.
Was eigentlich ist Kapitalismus? All diese Dinge unternehmerisch
in ein System zu bringen, sie kalkulierbar zu machen, Kosten auf
einzelne Endprodukte umzulegen und dafür sowohl eigenes wie
fremdes, also verzinsbares Kapital einzusetzen. Ich denke, die
Wirtschaftswissenschaftler, die sich mit der Entstehung des
Kapitalismus beschäftigen, sollten wieder einmal einen Blick
in die Briefe Oporins werfen.
Für die Menschen des 16. Jahrhunderts bedeutete diese alte
Wendung im Eheversprechen sicher nicht, dass man nun für Jahre
und Jahrzehnte ein Paar bilde, das die silberne, goldene und
diamantene, vielleicht sogar eiserne Hochzeit erleben würde,
sondern das war so etwas wie eine einfache Wette auf die
nächsten paar Jahre, wobei die Ehegatten annehmen mussten,
dass schon in Bälde ein Teil nicht mehr unter den Lebenden
weilen würde. Denn die Leute starben früh und
plötzlich; ein 50jähriger Mann war ein alter Mann, eine
70jährige Frau war eine ehrwürdige Muhme. Zweite, dritte
oder vierte Ehen, sogar mit neuen Kindern, waren keine Seltenheit;
ein zweifacher Witwer konnte eine dreifache Witwe heiraten. Das
hiess auch, dass Kinder häufig mit Stiefeltern, manchmal sogar
beiden, aufwuchsen, und dass sich in den Familien bunte
Verwandtschaftsgrade immer neuer Art ergaben. Heute nennt man sie
Patchwork-Familien. Und weil das Dreiland von Säckingen
über Basel nach Freiburg und auf der elsässischen Seite
bis nach Strassburg ein selbstverständlicher Lebensraum und
eine alltägliche Nachbarschaft war, konnten sich solche
beweglichen Familien auch geografisch mischen.
1504 war der Wallfahrtsort Eichsel auf dem östlichen
Dinkelberg in vieler Leute Mund, weil damals der päpstliche
Kardinallegat Raymundus Peraudi die Heiligkeit der Kunegundis,
Mechtundis und Wibrandis bestätigte. Als somit der Schultheiss
von Säckingen, Hans Rosenblatt, eine Tochter bekam, liess er
sie auf den Namen Wibrandis taufen. Die Mutter Magdalena war eine
Baslerin, eine geborene Strub aus einer Gerberfamilie. Da sich der
Vater lieber in kaiserlichen Kriegsdiensten herumtrieb, zog die
Mutter nach Basel zurück. Die Tochter Wibrandis heiratete mit
20 Jahren in Basel Ludwig Keller, einen Magister der Freien
Künste. Zwei Jahre später – ein Töchterlein,
das ebenfalls Wibrandis hiess, war schon geboren – wurde die
22jährige Mutter zum ersten mal Witwe, da Ludwig Keller
plötzlich starb.
Der bisher unvermählte Geistliche Johannes Oekolampad, seit
1522 in Basel als Pfarrer zu St. Martin anwesend, beschäftige
sich intensiv mit der Frage der Ehelosigkeit von Priestern. Er
disputierte, selber unverheiratet, auch öffentlich
darüber. Doch dann schien ihm die Zeit gekommen, für
seine ganz persönliche Situation die Konsequenzen zu ziehen.
Sollte er heiraten? Als 1528 seine Mutter, die ihm den Haushalt
besorgt hatte, starb, schritt er zur Tat und heiratete die
verwitwete Wibrandis Keller, geborene Rosenblatt. Sie war 24, er
war 46 Jahre alt. Erasmus und Bonifacius Amerbach konnten sich ein
paar spöttische Bemerkungen über diesen Altersunterschied
nicht verkneifen, aber Oekolampad schrieb an Farel, er könne
sich nichts besseres wünschen. Wibrandis lernte plötzlich
die von umfangreichen Korrespondenzen und zahlreichen Besuchen
getragene Bewegung der oberrheinischen und schweizerischen
Reformation kennen, sie versorgte die Familie des Strassburger
Reformators Butzer mit Schweizer Käse. Nach dem Sieg der
Reformation wurde Oekolampad oberster Pfarrer am Münster und
bezog das Hasengässlein (auf dem Areal des früheren
Rittergasse-Schulhauses), wo aus Zürich Zwingli zu Besuch kam.
Drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, entsprossen der Ehe.
Dann aber brach der Zweite Kappeler Krieg aus, Zwingli fiel auf dem
Schlachtfeld, Oekolampad erkrankte an einem Geschwür, und 1531
war Wibrandis wieder Witwe.
Eine weitere Todesmeldung kam, während Oekolampad noch auf
dem Krankenbett lag: der geborene Elsässer und Strassburger
Wolfgang Koepfel, der sich Capito nannte, hatte seine Frau Agnes
Röttel verloren. Seine Freunde mussten für den
unpraktischen, leicht zur Schwermut neigenden Gelehrten etwas tun;
auf dem Korrespondenzweg einigte man sich, dass eine
Vermählung mit Wibrandis, unterdessen mit der reformatorischen
Welt vertraut, angezeigt wäre. Sie heirateten 1532, Wibrandis
war 28 Jahre alt, Capito zählte 54 Jahre. Wibrandis zog um
nach Strassburg. Sie wurde wieder Mutter, gleich fünffach,
zwei Knaben und drei Mädchen kamen zur Welt.
1541 war ein schlimmes Pestjahr am Oberrhein. In Strassburg,
Colmar, Rheinfelden und Basel starben die Leute massenweise, in
Basel etwa der Bürgermeister Jakob Meyer und der
Universitätsrektor Simon Grynäus. Auch im Hause Capitos
ging der Tod um, Eusebius Oekolampad sowie Dorothea und Wolfgang
Christoph Capito starben, und schliesslich erlag auch der Vater
Capito der Pest. Die 37jährige Wibrandis war wieder Witwe
geworden.
Im Haus des andern Reformators von Strassburg, Martin Butzer,
ging die Pest ebenfalls um. Die pestkranke Gattin Butzers liess die
soeben verwitwete Wibrandis noch an ihr Krankenlager rufen und
flehte sie an, nach ihrem voraussehbaren Tod Gattin ihres Mannes zu
werden. 1542 war es soweit, die verwitwete Keller, Oekolampad,
Capito und geborene Rosenblatt Wibrandis heiratete Martin Butzer.
Er war 64, sie war 38 Jahre alt. Noch einmal wurde sie Mutter, 1543
eines Knaben, genannt Martin, und 1545 eines Mädchens mit dem
Namen Elisabeth.
Infolge des sogenannten Augsburger Interims von 1548 gerieten
die reformierten Städte in Bedrängnis, Butzer siedelte
nach England über, liess vorerst die Familie in Strassburg
zurück. Wahrscheinlich 1549 zog Wibrandis mit einem Teil der
Familie und aus Angst vor der englischen Küche mit einigen
Lebensmitteln versehen nach, kehrte dann 1550 nach Strassburg
zurück, um weiteren Hausrat nach England zu bringen. Das
gelang ihr, wenn auch nur mit Schwierigkeiten. Als sie aber 1551
wieder in Cambridge war, starb ihr Mann Martin Butzer dort.
Wibrandis war einmal mehr Witwe – was sollte sie in
England bleiben? Also kam sie zurück, diesmal nach Basel. Das
letzte Dokument, das wir von ihr besitzen, ist ein mütterlich
besorgter Brief an ihren Sohn Johann Simon Capito. Er soll weniger
trinken und spielen, sich vor schlechter Gesellschaft hüten,
er sei ein Tunichtgut und niemand gäbe einen Heller für
ihn. Das Schreiben fruchtete wenig, 1567 galt der junge Capito als
verschollen und seine Halbschwester Aletheia Oekolampad trat sein
Erbe an. Einmal mehr kam die Pest an den Oberrhein, im August 1564
wütete sie in Basel so stark, dass man Massengräber
aufwerfen musste. Am 1. November starb auch Wibrandis, wurde aber
nicht ins Massengrab gelegt, sondern neben ihrem zweiten Gatten
Oekolampad im Basler Kreuzgang bestattet.
Durch ihre zahlreichen Nachkommen ist sie eine Ahnfrau vieler
Basler Familien geworden, eine liebliche Rose, wie in einem ihr
gewidmeten Gedicht zu lesen ist, von der es in der Schweiz und im
elsässischen Land kaum eine schönere gab. Sie war 60
Jahre alt geworden und hatte vier Ehen überlebt, bis der Tod
sie selber holte.
Erasmus, das wussten die Basler, Freiburger und
Schlettstädter schon im 16. Jahrhundert, wollte in der
Kirchenreformation weder den alten Glauben mit all seinen
Missständen verteidigen noch einfach den neuen evangelischen
Glauben mit seinen zum Teil rigorosen Forderungen und Konsequenzen
annehmen. Er liess sich nicht nötigen, und so wurde er in der
Erinnerung der Leute zu einer Symbolfigur für Toleranz. Man
darf sie aber keinesfalls als eine Toleranz des blossen
Gewährenlassens verstehen. Die Reformation, verkörpert in
den Schriften Martin Luthers, hatte viele Aspekte und nicht nur
theologische. Sie ging auf eine alte revolutionäre Wurzel
zurück, wie das die Bauernkriege zeigen, die den Zorn Luthers
erregten. Sie war daneben Ausdruck eines wachsenden
Behauptungswillens, wie ihn vor allem die Zunftstädte
bewiesen. Ein Rat, der sich von seinem geistlichen Herren
emanzipieren wollte, war schnell einmal auch aus politischem
Kalkül reformatorisch gesinnt.
Das reformierte Lager war aber nicht einheitlich. Nicht nur
theologische, sondern eben auch politische Verschiedenheiten
spiegelten sich in den Auseinandersetzungen. Es gab Lutheraner und
später Melanchthonianer, genannt nach Luthers Nachfolger
Melanchthon; es gab auf dem Gebiet der heutigen Deutschschweiz
Zwinglianer und auf dem der Welschschweiz sowie Frankreichs
Calvinisten. Theologisch unterschieden sie sich in der Lehre vom
Abendmahl und in ihrer Einstellung zur Rechtfertigung durch den
Glauben sowie zur Prädestinationslehre. Um den Ausgleich
zwischen diesen Gruppen wurde heftig gerungen, man versuchte
einheitliche Regelungen zu treffen, mit wenig Erfolg. Zwischen den
verschiedenen Lagern gab es eine Unzahl kleinerer Fraktionen,
manchmal sogar nur isolierte Figuren, die bald in der einen, bald
in der anderen Lehrmeinung differierten und von den
Möglichkeiten des Buchdrucks so heftigen Gebrauch machten,
dass einzelne Räte die Zensur einführen mussten.
Glaubensflüchtlinge, die aus altgläubigen Gebieten nach
der Schweiz kamen, heizten den theologischen Disput mit ihren
individuellen Meinungen weiter an. Auch der Rat von Basel hatte
alle Hände voll zu tun, um richtungsweisend und schlichtend
und manchmal befehlend einzugreifen. Von der erasmischen Toleranz
blieb wenig übrig. Aber sein geistiges Erbe in Basel bewirkte,
dass hier neben der offiziellen Politik bei vielen Leuten ein
grosses Verständnis für religiöse Aussenseiter
erhalten blieb.
Einer von ihnen war der Rechtskonsulent, Professor der
Jurisprudenz, Universitätsrektor und Stadtsyndikus Basilius
Amerbach, der Enkel eines der grossen eingewanderten Basler
Drucker. Als Verwalter des materiellen Erbes des Erasmus
fühlte er sich der erasmischen Toleranz besonders
verpflichtet, von seinem Vater und Grossvater her verfügte er
über ausgezeichnete Verbindungen zur gelehrten Welt seiner
Zeit, und für Glaubensflüchtlinge aus diesen Kreisen war
er, wie man heute sagen würde, eine erstklassige Adresse.
Wir sind im Jahr 1567, Basilius Amerbach ist 34 Jahre alt, die
Basler Kirchenreform liegt schon fast 40 Jahre zurück.
Basilius hat ein schweres Schicksal hinter sich, seine Gattin und
sein Söhnchen sind soeben gestorben. Seine Pflichten nimmt er
gewissenhaft, er führt in seinen Geschäften eine
mustergültige Ordnung, von der die Forschung noch heute
profitiert. Da taucht von England kommend eine dieser typischen
Renaissance-Figuren mit dem Titel eines Marchese d’Oria
namens Giovanni Bernardino Bonifacio auf, ein extravaganter und
steinreicher italienischer Glaubensflüchtling, mit dem
Amerbach schon brieflich in Verbindung stand. Um den 20. Juli 1567
sehen sie sich zum ersten Mal in Basel von Angesicht zu Angesicht.
Der Marchese d’Oria erhofft von Amerbach, dass er ihm eine
Bleibe finde. Amerbach kann den Dorfpfarrer von Lörrach,
Theophil Grynaeus, dazu bewegen, Bonifacio aufzunehmen.
Lörrach ist konfessionell ein ziemlich neuralgischer Punkt:
die benachbarten vorderösterreichischen Lande sind katholisch,
Württemberg ist lutheranisch, Strassburg ist reformiert, die
Markgrafschaft will lutheranisch werden, Basel is zwar reformiert,
hat aber einen Anistes namens Sulzer, der zu den Lutheranern
tendiert. Es herrscht ein eigentliches konfessionelles Gezerre, und
der Marchese d’Oria mit seinen abermals anderen
Überzeugungen passt überhaupt nicht in diese
Konstellation.
In den dreiviertel Jahren, da er in Lörrach weilt, schreibt
er an Amerbach mindestens 65 Briefe, praktisch also jeden zweiten
Tag ein Schreiben. (Manfred Edwin Welti schildert das in seinem
1976 erschienen Buch über Bonifacio.) Der reiche Italiener,
dessen wichtigstes Gepäck Bücher sind, bombardiert
Amerbach mit immer ausgefalleneren Bücherwünschen.
Daneben muss Amerbach die Post des Bonifacio weiterleiten, bezahlt
die Rechnungen des Marchese für Porti, Lebensmittel und
Kleiderstoffe, ja sogar die Dienstbotengehälter und
Trinkgelder muss er für den Italiener auslegen, verwaltete
dafür aber dessen Barvermögen. Dazu kommen noch
Beratungen in sehr persönlichen Dingen. Schon zehn Jahre
vorher war Bonifacio einmal durch Basel gereist und war damals
durch seine drei dunkelhäutigen Dienerinnen, wahrscheinlich
Nordafrikanerinnen, aufgefallen. Dienerinnen ist zu schön
gesagt, vorher waren sie in Neapel Sklavinnen, die sich der
Italiener hielt, übrigens ganz in Züchten. In der
Zwischenzeit hatte er die eine in Venedig verloren, die andere war
ihm in Polen davongelaufen, nur die dritte war noch bei ihm. Sie
hiess Tisiphone und begann jetzt Krach zu schlagen, verfiel in
eigentliche Tobsuchtsanfälle. Der Marchese war ausser sich,
Amerbach sollte helfen. Auch der Pfarrer Grynaeus hatte
beschwichtigend einzugreifen. Tisiphone könne ja eigentlich in
seine Küche kommen und mit seiner Frau zusammensitzen, aber
das wollte Bonifacio auf keinen Fall. Ein weiteres Geschäft
für Amerbach bestand darin, dass er Bonifacio einen neuen
Wohnort suchen sollte. In Frankreich entwickelten sich die Dinge
konfessionell ungünstig, Amerbach fand ein Landgut im
solothurnischen Gebiet. Aber da meinte der Marchese, die
Solothurner seien ihm zu katholisch. Schliesslich wusste Amerbach
keinen Rat mehr, Bonifacio beschloss, wieder auf die Reise zu
gehen. An Amerbach erging der Auftrag, ein Fuhrwerk und ein
Rheinschiff zu organisieren, er musste Bonifacio sogar die
Nägel zum Verschliessen der Buchbehälter besorgen.
Schliesslich brach er endgültig auf, übernachtete noch
einmal bei Amerbach und bestieg dann den Weidling nach
Strassburg.
Man kann sich denken, dass Amerbach ein Stein vom Herzen fiel.
Man darf sich fragen, weshalb der schon mehr als genug
beschäftigte Amerbach sich das alles gefallen liess. Welti
meint: weil er den hohen Stand dieses Flüchtlings
schätzte, seinen Glauben achtete, weil der Basler für den
Italiener auch als Vermögensverwalter tätig sein konnte,
weil ihm ein Mann mit so umfassender Bildung und erstaunlichen
Buchkenntnissen imponierte und er ihn über alle
persönlichen Extravaganzen hinaus wohl auch mochte. Und wir
dürfen vermuten, dass die erasmische Toleranz-Lektion auch in
solchen Alltagsdingen bei Amerbach nachwirkte: auch Käuze soll
man tolerieren.
Goethe war geborener Frankfurter, studierte in Strassburg und
Leipzig, übersiedelte dann nach Weimar. An seinem Faust hat er
so gut wie das ganze Leben gearbeitet; es gibt den Urfaust, Faust I
und Faust II. Aber woher hat er die Figur und ihre Attribute wie
etwa den schwarzen Hund? Gab es einen Dr. Faust, und liegt er
wirklich in unserer nächsten Umgebung, nämlich im
südbadischen Staufen, begraben? Mit solchen Fragen
beschäftigt sich die Faust-Forschung seit langem und liefert
immer wieder kleine Steinchen zu einem langsam zusammenwachsenden
Bild.
Martin Jösel von der Volkshochschule Hochrhein in
Grenzach-Wyhlen und Volkshochschuldozent in Basel ist einer dieser
Faust-Forscher und hat in der Zeitschrift „Markgräfler
Land“ (Heft II, 1991) ein paar weitere Steinchen
herbeigeschafft. Ein historischer Faust darf mit Sicherheit
angenommen werden, seine Lebensdaten könnten bei 1480-1540
liegen.
Goethes Kenntnisse gehen indirekt auf ein in Frankfurt im 16.
Jahrhundert gedrucktes Buch zurück, die „Historia von D.
Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und
Schwarzkünstler“, herausgegeben von Johann Spies,
Frankfurt 1587. Nun lautet die naheliegende Frage: Und woher hatte
Johann Spies diese Geschichte über Dr. Faust?
Da rückt plötzlich Basel ins Gesichtsfeld. Denn ein
Basler war zu Beginn des Jahrhunderts gelegentlicher Gast in
Frankfurt. Zugleich war er ein Mann, der die Möglichkeiten des
Publizierens, die der noch junge oder sagen wir: jugendliche
Buchdruck anbot, in vollen Zügen auskostete. Es handelt sich
um Johannes Gast, vermutlich um 1500 geboren, der 1519 in Frankfurt
geweilt hatte. Gast, von dem rund 28 Drucke erhalten sind, war seit
der Einführung der Reformation bis zu seinem Tod Diakon zu St.
Martin. In seinen „Sermones convivales“ (also
eigentlich Gast-Gesprächen) berichtete er Interessantes,
Pikantes, Unterhaltendes und Erbauliches. Deren zweiter Band von
1548 war dem Frankfurter Bürgermeister Konrad Humprecht
gewidmet, und diesen Humprecht hatte Gast schon als Student
wiederum in Basel kennengelernt.
Gast schrieb aber nicht nur für die Druckpresse, sondern
führte auch Tagebuch. Das Original ging verloren, aber
Abschriften blieben erhalten. Sie zeigen Gast als einen kirchlich
frommen und sturen, daneben freilich zum Lästern und Schimpfen
aufgelegten Mann. Wenn man nun sowohl die gedruckten
Gast-Gespräche wie das Tagebuch durchforscht, was Martin
Jösel gewissenhaft getan hat, stösst man auf verschiedene
Stellen über den sagenhaften Dr. Faust. Zum einen sind es
Geschichten über Faust, wie er etwa ein Kloster verhexte, in
dem er schlecht bewirtet wurde. Die zweite Geschichte in den
Gast-Gesprächen ist aufregender, weil sie mit dem wie
selbstverständlich hingeschriebenen Satz beginnt: „Als
ich zu Basel mit Faust im Oberen Collegium speiste...“, was
die Faust-Forschung zum Teil wörtlich nahm, also als einen
Beweis für einen Basler Aufenthalt des Dr. Faust
interpretierte. Die betreffende Stelle schliesst, aus dem
lateinischen Text übersetzt, mit folgenden Worten: „Er
(Dr. Faust) hatte einen Hund und ein Pferd bei sich, die, wie
glaube, Teufel waren, da sie alles verrichten konnten. Einige
sagten mir, der Hund habe zuweilen die Gestalt eines Dieners
angenommen und ihm Speise gebracht. Der Elende endete auf
schreckliche Weise, denn der Teufel erwürgte ihn; seine Leiche
lag auf der Bahre immer auf dem Gesicht, obgleich man sie
fünfmal umdrehte.“ Soweit sich feststellen lässt,
war Gast der erste, der von Faust zu berichten wusste, dass er in
Begleitung von Tieren, eines Pferdes und eines Hundes, auftrat.
Faust hatte offensichtlich Umgangsformen, die leicht Skandal
erregten. Er war im damaligen Basel nicht der einzige. Ein anderer
Mann, der nicht weniger Ärgernis schuf, war der zum Dozenten
berufene Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus
(1493-1541). Als Arzt hatte er grosse Erfolge, heilte dem
Buchdrucker Froben den kranken Fuss, erleichterte Erasmus von
Rotterdam seine Gicht- und Nierenleiden. Aber man verzieht ihm
nicht, dass er nichts vom Professoren-Talar wissen wollte, seine
Vorlesungen auf deutsch hielt und mit fahrendem Volk sowie
Studenten in den Kneipen sitzen blieb. In „Dichtung und
Wahrheit“ verbindet Goethe selber die Figur des Paracelsus
mit derjenigen des Dr. Faust. Paracelsus schrieb: „Aller
Elementen Grund und Fundament ist Terra (...); diese hat in sich
den Samen und Würckung krafft aller ding.“ Goethe
lässt seinen Faust sagen: „Schau‘ alle
Wirkenskraft und Samen.“ Ganze Stellen aus dem Faust-Monolog
(„Da steh‘ ich nun ich armer Tor, und bin so klug als
wie zuvor“) kann man zum Teil fast wörtlich auf
Paracelsus-Zitate zurückführen. Und mit 1527 sind wir
genau in der Epoche, in der Paracelsus in Basel weilte, Johannes
Gast sicher schon eifrig seine Feder führte und der
legendäre Dr. Faust in der Stadt hätte verweilen
können.
Im Tagebuch Gasts tritt Faust unter diesem Namen nicht weiter
auf. Aber Gast erzählt Geschichten, einzelne Anekdoten und
Zwischenfälle, die immer wieder thematisch die Faust-Sage
anklingen lassen. Die Art und Weise, wie Basel in der von Spies
herausgegeben Faust-Geschichte erwähnt wird, lässt als
Informator mehr als einmal den Diakon von St. Martin vermuten. Das
geht bis zu Örtlichkeiten: Die in Frankfurt gedruckte
Faust-Geschichte spricht in der 2. Auflage zum Beispiel vom
Gasthaus Krone, das früher bei der Schifflände stand; im
Tagebuch von Gast finden sich Stellen über dieses Gasthaus, in
dem wiederum grausliche Szenen passieren, die sich in die Nähe
der Faust-Sage rücken lassen. Auch vom Oberen Collegium an der
Augustinergasse und den dortigen Essensmöglichkeiten ist die
Rede.
In ähnlicher Weise wird sogar über die Fasnacht im
Tagebuch von Gast und in der Frankfurter Faust-Geschichte
berichtet. Man erfährt dort, dass in Basel bereits vor der
Reformation die Lustbarkeiten über den Aschermittwoch hinaus
weitergeführt werden, und dass der Rat, nicht viel anders als
heute, auf Vermummungen äusserst empfindlich war.
Der junge Student Johann Wolfgang Goethe, der sich in Strassburg
mit dem Faust-Thema beschäftigte, trug bis in seine
späten Weimarer Jahre demnach einen Fundus von Geschichten und
Anekdoten um Faust im Kopf herum, zu dem wesentliches Material aus
der Studierstube des Basler Pfarrers Johannes Gast zu St. Martin
kam. Auf der einen Seite sind es schriftliche und gedruckte Texte,
auf der anderen Seite hat Gast liebend gern mündlich
berichtet, sogar ausschweifend erzählt. Unter seinen
Zuhörern sass vermutlich auch der unbekannte Verfasser der
nachher von Spies gedruckten Faust-Geschichte. Ob Dr. Faust
wirklich in Staufen, also ungefähr 40 Kilometer von Basel weg,
begraben liegt, hat der so mitteilungsfreudige Johannes Gast leider
nicht vermerkt. Hätte er es getan, wäre ihm ein
Ehrenplatz in der Goethe-Forschung sicher gewesen.
Es mögen 35 Jahre her sein, da sprach man plötzlich
von einer Turnschuhgesellschaft. Eine bestimmte Gruppierung von
Leuten kam nicht mehr in hart geschnürten und klackigen
Bally-Schuhen oder weichen italienischen Slippers daher, sondern
zog alte Turn- und Laufschuhe oder englische Desert-Boots aus
Wildleder an. Sie mussten nicht mehr geputzt sein, Alters- und
Gebrauchsspuren waren willkommen, ehemals weisse
Schnürbändel waren längst grau geworden.
Die Turnschuhkinder, die Halbstarken auf leisen Sohlen, die
Alternativen mit dem zwar lausigen, aber vermutlich fabelhaft
bequemen Schuhwerk. Sogar das deutsche Fernsehen entdeckte die
Schuhe eines Umweltministers grüner Provenienz und brachte
deren Bild in die Wohnstuben. Oben keine Kravatte mehr und unten
Adidas – war das die neue Politik? Die Welt ist verrückt
geworden, dass jetzt auf einmal Schuhe eine politische Bedeutung
annehmen.
Sie ist immer wieder auf dieselbe Weise verrückt. An den
Schuhen hat man schon vor mehr als 400 Jahren
Gesellschaftsschichten unterscheiden können: Der Bauer trug
einen andern Schuh als der Ratsherr mit seinen Schnallenschuhen,
als der Junker mit seinen Stiefeln und als der Ritter mit seinem
spitzen Schuh. Der Schuh des Bauern war ein halbhoher Schuh, den
man vorne oben binden musste. Wie nennt man einen solchen Schuh?
Bundschuh vielleicht.
Also sagten die Bauern im Dreiland, als sie sich von Steuern und
Zinsen schikaniert fühlten: Werfen wir einen Bundschuh auf!
Sie nahmen ein Bettlaken und malten diesen Schuh darauf. So
entstand die Fahne des Bundschuhs, und da sie sich gegenseitigen
Zusammenhalt schworen, wurde der Bundschuh eben auch ein Zeichen
für einen Bund. Eine durchaus revolutionäre
Eidgenossenschaft, könnten wir heute sagen. Der Bundschuh
flatterte heftig im Jahr 1525, also ein paar Jahre nach dem Beginn
der Kirchenreformation Luthers, aber noch vor ihrer gebietsweisen
Durchsetzung in Basel und in einzelnen Teilen des Elsass und
Breisgaus. Die spätere Geschichte spricht von der
Bundschuhbewegung als den Bauernkriegen; Luthers rabiate
Stellungnahme gegen die Bauern und Thomas Münzer ist bekannt,
sie spielt eine Rolle in der Abgrenzung der lutherischen
Reformation gegen die von Zwingli und später Calvin
beeinflusste kirchliche Erneuerung im Gebiet der heutigen
Schweiz.
Christian Wurstisens Basler Chronik von 1580 will auch eine
Geschichte der oberen deutschen Lande, also des Elsass und
Breisgaus sein. Wurstisen schildert die Unruhen in der
schweizerischen Bauernschaft seit 1513. Die Bauern forderten die
Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung von Steuern
– keinen „bösen Pfennig“ mehr –,
wollten nach Gutdünken heiraten können und keine
nachträglichen Erbschaftssteuern zahlen müssen. Speziell
aber empörten sie sich gegen die Ratsherren, die hemmungslos
französische Pensionen, eigentliche Schmiergelder, annahmen.
In ihren Forderungskatalog schlichen sich auch
kirchenreformatorische Postulate ein: sie wollten ihre Pfarrer
selber wählen; Pfaffen, Mönche und Ordensleute sollten
verschwinden, das Gut der Klöster verteilt werden. 1524 begann
es im Sundgau, Elsass, Schwarzwald und Breisgau zu gären. Die
Bauern zogen „mit offenen Zeichen zu Feld“, die
Bundschuhflagge wehte über ihren Köpfen. Sie heuerten
Söldner aus der kriegslustigen Eidgenossenschaft an; Wurstisen
spricht von sechs Fähnlein zu je 500 Mann freier Knechte.
Versammlungsort war Barthenheim unterhalb von Basel, da begann der
eigentliche Aufstand. Ihnen, sagten die Bauern, werde „der
Nagel zu hart geschlagen und zu sehr beschwäret“, im
Übermut ihrer tausendfachen Gefolgschaft überfielen sie
Klöster, wo sie Bücher, Zinsregister und Urbare (also
Liegenschaftsverzeichnisse) zerrissen und verbrannten. Wo kein
Schuldbrief mehr existiert, ist auch die Schuld dahingefallen.
Dank den Forschungen von Georges Bischoff kennen wir heute den
Weg des Bundschuhs durch das Elsass ziemlich genau. Sogar einzelne
Namen der Anführer wissen wir. Heinrich Wetzel von Spechbach
schwingt sich zum obersten Hauptmann des sundgauischen Haufens auf.
Es ist der 23. April 1525. Am 25. April sind die Bauern vor
Mülhausen, am 29. wird Schönensteinbach verwüstet.
Am 6. Mai besetzen sie Soultz. Dann erscheint der auf viele tausend
Bauern und Kriegsknechte angewachsene Haufen vor Guebwiller. Zuerst
wird verhandelt. Guebwiller, zur Herrschaft des Klosters Murbach
gehörend, ist ja zum grössten Teil ebenfalls von
Weinbauern bewohnt; die Einwohnerschaft ist gespalten, da diese
Erhebung auch eine Befreiung von fürstäbtlichen Auflagen
bedeuten könnte. Schliesslich öffnet die Stadt die Tore,
Klöster und kirchliche Besitztümer werden sofort
geplündert. Die Bauern wüten.
Der Zug wendet sich weiter gegen Thann. Der Fürstabt von
Murbach, Georges de Masevaux, weicht der direkten Konfrontation
aus, lässt geschickt verhandeln, sucht Rückendeckung
einesteils bei den Baslern, andernteils bei der
österreichisch-erzherzoglichen Verwaltung in Ensisheim. Ein
Waffenstillstand zeichnet sich ab, aber die Verhandlungen ziehen
sich hin. Unterdessen ist es Sommer geworden, die Arbeiten auf dem
Feld rufen, einzelne Bauern kehren zu ihren Höfen zurück.
Uffholtz und Wattwiller werden vergeblich belagert. Nicht nur die
Basler, auch der Markgraf Philipp von Baden will jetzt vermitteln.
Am 12. September 1525 kommt es in Offenburg zu einem Abschluss, der
einer völligen Kapitulation der Bauern gleichkommt. Der Druck
ist weg. Nun schlagen die weltlichen und geistlichen Herren
zurück, ungezählte Bauern werden erstochen, viele
summarisch hingerichtet, aufrührerische Zunftmeister abgesetzt
und mit schweren Bussen belegt. Die Bundschuhfahne wird eingerollt,
die Gecken – wie man ihre Gefolgsleute nannte –
verlaufen sich.
Die Bewertung der Bundschuhbewegung ist für den heutigen
Historiker schwierig. Zu viele Elemente vermischen sich da. Der
Einfluss der Kirchenreformation ist unübersehbar, die
Zerstörung von Klöstern hat ihre Parallele im Basler
Bildersturm von 1529. Unter den zwölf Artikeln, die im
schwäbischen Memmingen 1525 aufgestellt wurden, enthalten
nicht weniger als vier kirchliche Postulate. Daneben handelt es
sich aber nicht nur um einen Aufstand, sondern um eine eigentliche
Revolution: Abschaffung von Sondersteuern und der Leibeigenschaft,
freie Ausübung ziviler Rechte. Insofern der Bundschuh ein
formeller, dazu militärisch bewaffneter Bauernbund war, war er
auch eine Art Eidgenossenschaft, die eng mit den damaligen
demokratischen Bewegungen im Breisgau und in Schwaben sowie in der
Schweiz zusammenhing. Freilich war das vor kurzem
eidgenössische gewordene Basel alles andere als demokratisch
gesinnt, sondern befand sich schon auf dem Weg zu einem
patrizischen Zunft- und Ratsherrenregiment.
Die damalige Turnschuhgeneration fallierte. Der kluge
Fürstabt Masevaux von Murbach wurde ihr im Zusammenspiel mit
der erzherzoglichen Verwaltung in Ensisheim, den Basler Ratsherren,
dem Strasssburger Bischof und dem Herzog von Lothringen Meister.
Die Bauernrepublik am Oberrhein blieb ein Traum – ein so
schöner wie blutbefleckter.
Unter einem Renaissance-Menschen stellt man sich pracht- und
machtliebende Personen mit einem ungeheuren, manchmal bis an die
Grenze des Kriminellen reichenden Lebenswillen vor. Cesare Borgia
und seine Schwester Lucrezia etwa. Die Renaissance kommt zu Ende
des 15. Jahrhunderts über die Alpen nach Deutschland. Man
studiert nicht nur die alten lateinischen und griechischen Autoren,
man beginnt auch nach antikem Vorbild zu bauen, man will den Staat
als eine Art Kunstwerk begreifen, denkt der Erziehung der Jugend
nach. In der Epoche, die wir Renaissance heissen, erscheinen
individuell rundum ausgeformte und farbige Persönlichkeiten.
Häufig schreiben sie auch. In diesem Sinn waren der
französische Dichter Rabelais und sein in Basel weilender
Übersetzer Fischart Renaissance-Menschen, ebenso Montaigne,
der mit wachen Augen den Oberrhein besuchte, desgleichen der Basler
Schulrektor Thomas Platter. Antike Bildung, Kenntnis der Literatur,
eine rege gesellschaftliche oder politische Tätigkeit
kennzeichneten diese Menschen. Sie standen ihrer Welt, eben dem 16.
Jahrhundert, interessiert und offen, häufig auch beharrlich
fragend und manchmal skeptisch gegenüber.
Gesucht ist demnach ein typischer Renaissance-Mensch im Dreiland
am Oberrhein. So nannte er sich selber in seinem 1579 in Strassburg
verfassten Testamt: „Lazarus von Schwendi, Ritter und
Freiherr von Hohenlandsperg, Herr zu Kirchhofen, Pfandherr zu
Burkheim, Dreyberg und Kaysersberg, römisch-kaiserlicher Rath
und gewester Feld-Obrister zu Oberungarn“. Burkheim und
Kirchhofen liegen im Breisgau, die Herrschaft Hohenlandsberg
umfasste elsässische Dörfer wie Kientzheim, Sigolsheim,
Teile von Ammerschwihr, Türkheim, Wintzenheim. Lazarus von
Schwendi war somit ein Herr auf beiden Seiten des Rheins, und man
darf gleich hinzufügen, dass er auch Burgvogt zu Breisach
war.
Nun sein Leben in Stichworten: 1522 in Mittelbiberach unehelich
geboren. Zwei Jahre alt ist er, da er dank Kaiser Karl V.
legitimiert wird als Sohn des ledigen Ruland von Schwendi. Dieser
stirbt bald, Bürgermeister und Rat von Memmingen werden
Vormund und Testamentsvollstrecker. Lazarus soll studieren, er geht
nach Basel, das seit 1529 reformiert ist. 1535 zieht er weiter nach
Strassburg. Er lernt perfekt lateinisch und französisch;
später wird er auch spanisch, ungarisch, holländisch
sprechen. Aber er ist kein sehr ordentlicher Student, die
Vormünder haben Kummer mit ihm, runzeln die Stirn.
Mit 23 Jahren kommt er nach Memmingen zurück. Sogleich gibt
es Krach. Wegen einer etwas dubiosen Frauengeschichte kommt er
für ein paar Tage ins Gefängnis, wird dann aber
mündig erklärt und droht dem Rat unverzüglich einen
Prozess wegen ungetreuer Vermögensverwaltung an.
Es folgt der grosse Karrieresprung: auf dem Reichstag von
Regensburg tritt er 24jährig an der Seite Kaiser Karls V. auf,
der an diesem intelligenten Haudegen offenbar Vergnügen
findet. Er wird kaiserlicher Kommissar bei den protestantischen
Reichsstädten. Er mahn zur Toleranz, aber der Krieg des
Kaisers gegen den protestantischen Schmalkaldischen Bund bricht
aus; Schwendi geht ins Militär, erobert Gotha. Er nimmt einen
früheren Waffenbruder gefangen, das Hofgericht verurteilt
diesen zum Tod. Schwendi sieht sich vom Verurteilten als Erzschelm
und Bösewicht kurz vor der Hinrichtung beschimpft. Die ganze
Sache belastet ihn sehr. Als kaiserlicher Kommissar ist er
diplomatisch bei den protestantischen Fürsten tätig, der
Kaiser erhebt ihn in den Ritterstand, macht den
Dreissigjährigen zum Burgvogt von Breisach. Schwendi heiratet
– unglücklich –, tritt an die Spitze eines
Regiments deutscher Landsknechte. Er wird in die Niederlande
abkommandiert. Kaiser Karl dankt ab und überträgt die
Regierung der Niederlande seinem Sohn Philipp II., Schwendi
kämpft bis 1560 gegen die Franzosen.
37jährig kauft er die Pfandherrschaft Burkheim,
41jährig die Herrschaft Hohenlandsberg im Elsass zu vollem
Eigen. Er hat jetzt verschiedene Residenzen am Oberrhein: Breisach,
Burkheim, die Hohenlandsburg, am liebsten wohnt er in Kientzheim,
einem befestigten, mit Schloss und Stadtrechten ausgestatteten Ort.
Aber mit der Geruhsamkeit ist nichts, Kaiser Ferdinand schickt
Lazarus von Schwendi nach Ungarn gegen die Türken. Er erlebt
das ganze Elend solcher Feldzüge am eigenen Leib, erobert
schliesslich die Festung Tokay und führt 4000 Fässer
Tokayer Wein an den Oberrhein. Da ist wahrscheinlich die
Überlieferung entstanden, er hätte die Tokayer Rebe in
unsere Gegend gebracht.
Mit 47 Jahren hat er genug vom unsteten Leben. Er ist
häufiger in seinen Residenzen anzutreffen, von allen Seiten
kommen diplomatische und militärische Kuriere. Er dient nun
dem Kaiser Maximilian II.. Er äussert sich zum
Militärwesen, zur Reichsverfassung, er tritt in immer engeren
Kontakt zu den calvinistischen Niederländern. Erstaunlich ist,
wie der katholische Hofrat des Kaisers zusehends von einer fast
erasmischen Toleranz andern Glaubensbekenntnissen gegenüber
wird. Er schreibt viel, er dichtet über sich selber,
gelegentlich mit einem Anflug von Melancholie.
Mein treuer Dienst bleibt unerkannt,
Das Spiel zu Hof hat sich gewandt,
In Zeit der Noth war ich der best,
Jetzt bin ich schier geworden der letzt ...
Der Mann, der zu den Grossen seiner Zeit gehörte, gewinnt
plötzlich Züge einer lächelnden Weisheit und einer
selbstlosen Hingabe, wenn man sieht, wie er sich den sozialen
Zuständen seiner Herrschaft zuwendet. Er gründet
Spitäler, Stiftungen, setzt Lehrer ein. Er erlässt
Wirtshausgesetze, kämpft gegen den Alkoholismus seiner armen
Bauern. Er regelt die Anbauflächen der Rebberge, verkleinert
die Ernte, hebt ihre Qualität. Er führt Märkte ein,
damit die Bauern die Ware auch absetzen können. Er liest auf
der einen Seite Macchiavelli und arbeitet dafür, dass
Protestanten und Katholiken sich endlich verständigen –
das zu einer Zeit, da gerade in Frankreich wieder die
schrecklichsten Religionskriege wüten. Er kümmert sich
daneben um die Ärmsten der Armen. Aus dem ungestümen
Studenten, dem entschlossenen kaiserlichen Hofrat, der Kriegsgurgel
und dem internationalen Diplomaten ist ein nachdenklicher
Landesvater geworden. 1573 heiratet er zum zweiten Mal, diesmal
glücklich. Er bezeugt seiner lieben Hausfrau, dass „sie
sich ehrlich und treulich bei mir verhalt und in meiner
täglich mir zufallenden Krankheiten so viel liebs, treu und
guets gezeigt“. Zehn Jahre später stirbt er im Alter von
61 Jahren, geplagt von Gicht.
Das Schwendischloss im elsässischen Kientzheim steht noch.
Vom Schwendischloss in Burkheim kann man nur noch die Aussenmauern
sehen, das Innere haben die französisch-deutschen Kriege des
17. Jahrhunderts zerstört.
Man sollte Burkheim an einem heissen Sommertag besuchen: Laut-
und bewegungslos liegt das Dorf in den riesigen Rebbergen, die
Grillen zirpen, und aus den leeren Fenstern des mächtigen Baus
ragen die Büsche. Man steht an einer Stelle, wo vor 400 Jahren
ein grossartiger Mann den Sinn seines Lebens in den kleinen
Verhältnissen gefunden hat.
Lazarus von Schwendi zum zweiten. Denn das Bild, das Leserin
oder Leser von diesem Mann jetzt gewonnen haben könnten, ist
unvollständig.
Man muss sich noch einmal die Zeitläufte ins Gedächnis
zurückrufen, nicht nur am Oberrhein, nicht nur im Reich,
sondern in ganz Europa, um den Horizont zu ermessen, vor dem diese
Figur in unserer Erinnerung stehen darf. Vier Kaisern hat er
gedient, Karl V., dessen Bruder Ferdinand I., dessen Sohn
Maximilian II. und noch einmal dessen Sohn Rudolf II. Im
Religionskrieg von 1546 gegen den Schmalkaldischen Bund war er
aktiv, zur Zeit des Augsburger Religionsfriedens stand er in
kaiserlichen Diensten in den Niederlanden. Der türkische Druck
auf das Habsburgische Reich wich erst 1571 mit dem Sieg des Don
Juan d’Austria bei Lepanto, dafür begannen 1562 die
Hugenottenkriege in Frankreich, 1572 fand die für die
Hugenotten blutige Bartholomäusnacht statt. 1581 sagten sich
die Niederlande von Spanien los. Als kaiserlicher Rat, zuweilen
geradezu als Vertrauter des obersten Reichsfürsten, sah
Schwendi tiefer in die Hintergründe dieser Ereignisse, selbst
dann, als er in seine kleinen oberrheinischen Herrschaften
zurückgezogen schien.
Lazarus von Schwendi beginnt zu schreiben. Er tut das erstmals
1565 als aktiver Befehlshaber in Ungarn unter Maximilian II., wo er
mit anderen Kriegsräten Vorschläge zur verbesserten
Organisation der Armee entwirft. Schon der erste Satz dieses
Gutachtens ist auf eine Weise formuliert, die so genau in das
Denkschema des Lazarus von Schwendi passt, dass an seiner
Autorschaft kein Zweifel bestehen kann: „Der Krieg will vor
allen Dingen mit Geld und guter Ordnung durchgeführt werden.
Wo Geld mangelt, da fehlt die Ordnung, und wo diese nicht ist, da
kann nichts Bedeutendes geschaffen werden.“ Und nun wird
Punkt für Punkt abgehandelt: die für Kriegsleute und
Offiziere notwendigen Qualifikationen, die verschiedenen
militärischen Funktionen, die Rolle von Proviant, Besoldung,
Disziplin, die Bedeutung der Artillerie, der Festungsbauten, des
Nachschubs und des Kundschafterwesens. Ein fast fanatisch
nüchterner Verstand trifft sich mit dem unbedingten Willen,
Überblick und Ordnung herzustellen, der Realität gerecht
zu werden, zu keinem Augenblick Illusionen, guten Absichten oder
emotionalen Hoffnungen anzuhängen. Es ist eine Reflexion, die
in ihrer fast freundlichen Unerbittlichkeit direkt an Macchiavelli
anzuknüpften scheint.
Als sich Lazarus von Schwendi im Winterquartier auf den Feldzug
von 1566 gegen Süleiman II. in Ungarn vorbereitet, folgt eine
weitere Denkschrift: „Lazarus von Schwendis Bedenken, was
wider die Türken vorzunehmen, und wie man sich verhalten
möchte“. Es spricht zuerst der Militär, macht
seinen kaiserlichen Herrn darauf aufmerksam, dass die Türken
als vorwiegend berittener Gegner im Unterschied zu den kaiserlichen
Truppen äusserst beweglich seien: „Hingegen kann er zu
und von uns kommen, schier wie er will, und lässt sich zu
keiner Schlacht nöthigen, es sei dann ein gewisser Vortheil,
und ist sein Thun fast dahin gerichtet, dass er uns in das Feld und
in die Weite bringe“. Der Kaiser soll sich demnach auf einen
Defensivkrieg mit sicheren Stützpunkten einrichten, „so
gehören auch vor allen Dingen gute Leute in die
Besatzungen“. Aber militärisch denken heisst auch
politisch denken, der politische Rat geht dahin, „aus
kaiserlichem Gemüth und Verstand desto mehr aller kaiserlichen
Erzeigung und Milde gegen ihnen (das heisst den Ungarn
gegenüber) befleissen und ihnen geniessen lassen“.
1571 verfasst Schwendi ein Gutachten über die Verwaltung
einer ungarischen Provinz. Dann kommt 1574 von Maximilian II. die
Aufforderung an Schwendi, über die inneren Zustände des
Reiches, namentlich in Religionssachen, zu berichten. Die
Erschlagung der Hugenotten in der Bartholomäusnacht zwei Jahre
vorher hat auch am Wiener Hof Bestürzung ausgelöst. Der
Auftrag ist heikel – wie soll der sich als treuen Katholiken
betrachtende Schwendi am katholischen Wiener Hof über die
Protestanten reden?
Das Memoire entwirft ein historisch vereinfachtes
Gesamtgemälde des Reiches. Das Grundübel war der
Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst des 11. Jahrhunderts,
die Reformation und Luther haben da ihre Wurzeln, der Zustand der
Kirche machte sie notwendig. Der Augsburger Religionsfriede von
Karl V. muss die Basis auch für die Politik Maximilians II.
bleiben. Das heisst der Kaiser muss begreifen, dass er jetzt
über beide, über Katholiken und Protestanten, herrscht;
sinngemäss soll er seine Regierung und die Kammergerichte "mit
Leuten beiderlei Religion“ bestellen. „Und dass also
keine anderen Wege und keine anderen Mittel gibt, als jene, welche
die Zeit selbst reif macht, an die Hand genommen werden
können, als die Befriedigung der Gemüther und Gewissen
und eine gleichmässige, gesammte, mit gemeiner Autorität
verpflichtete und zugelassene Toleranz beider
Religionen.“
Eine solche Toleranz – das Wort taucht in Memoire immer
wieder auf – sei nichts Neues; Theodosius hätte sogar
Heiden in seinem Reich geduldet, in der alten Kirche seien die
Arianer gelitten gewesen, griechische und römische Religion
hätten sich vertragen, „und in der Schweiz sind durch
die Ordnung der Obrigkeit und Zulassung jetzt langer Jahre her
beide Religionen neben einander ohne grössere Zerrüttung
und Unfrieden gehalten worden“.
Maximilian II. war zufrieden, schickte anerkennende Worte und
10'000 Gulden an Schwendi. Hätte dessen Blick auf die Welt
auch die Nachfolger Maximilians II. verpflichtet, wäre dem
Reich der Dreissigjährige Krieg vielleicht erspart
geblieben.
Unter Schwendis Werken, die erst nach seinem Tod gedruckt
wurden, findet sich eine lateinische Abhandlung über den
Türkenkrieg, ferner sein umfassender „Kriegs
Discurs“, wiederum eine rein militärische Untersuchung,
eigentlich ein Armee-Handbuch. Er bleibt sich selber treu: Die
grosse Welt des Reiches ist so wenig wie die (kleinere) Welt einer
militärischen Organisation zu begreifen, wenn man sich nicht
dazu bereit findet, das Ganze nach allen seinen Teilen
überblicken zu wollen und die nötige Ordnung zu schaffen
– so wie er sie bei seinen Weinbauern im Elsass und am
Kaiserstuhl einzurichten verstand.
Im Flugzeug über den Atlantik läuft ein Film. Nach dem
Essen kann ich aus einem Plastiksäckchen zwei Ohrstöpsel
klauben, um auch den Ton für das Bild zu vernehmen, das sich
auf der Projektionsfläche vor meinen Augen bewegt.
Air-Travel-Filme könnten eine eigene Gattung darstellen. Es
gibt in Basel auch Fähri-Geschichten. „Verzell das em
Fährimaa“, ist ein alter Spruch; umgekehrt kann
natürlich auch der Fährimaa eine Geschichte zum besten
geben. Sie muss kurz sein, weil die Rheinüberquerung ja nicht
lange dauert. Kurzen Geschichten hört man gerne zu, vor allem
wenn sie eine Pointe haben, an die man sich erinnern kann.
Wie war das eigentlich früher, vor dem Flugzeug, vor der
Eisenbahn und bevor es Stahlseile von über 200 Metern
Länge gab, an die man eine Fähre hängen konnte? Gab
es vor bald 500 Jahren schon so etwas wie ein Postauto,
natürlich ohne Dieselmotor? Ein einigermassen
regelmässiges Verkehrsmittel zum Beispiel zwischen zwei
Städten, das das Publikum benützen konnte? In Strassburg
wurde immer wieder Messe gehalten – wie reisten damals die
Colmarer nach Strassburg, sofern sie keine eigenen Pferde besassen?
Sie gingen zu Fuss oder nahmen den Rollwagen, tatsächlich eine
Art Omnibus. Wer war der Betreiber solcher Rollwagen? Am ehesten
ein Wirt, denn vor der Abfahrt des Rollwagens mussten sich die
Fahrgäste besammeln, und da es noch keine Bahnhofuhren mit
Sekundenzeiger gab, konnte bei einer um eine halbe Stunde
verspäteten Abfahrt noch einiges – zur Freude des Wirtes
– konsumiert werden.
Von Colmar nach Strassburg braucht die Eisenbahn heute rund 35
Minuten. Der Rollwagen von 1550 dürfte schon seine fünf
oder mehr Stunden gebraucht haben. Was machen die Leute
während dieser Zeit? Sie erzählen einander Geschichten.
Solche Geschichten lassen sich aufschreiben, das ergibt dann eine
Rollwagengeschichte; macht man ein Büchlein aus ihnen, hat man
ein Rollwagenbüchlein.
Seinem alten Freund aus Colmar, dem Blumenwirt Martin Neu,
widmete im Frühjahr 1555 der soeben nach Burkheim im Breisgau
als Stadtschreiber übersiedelte Georg Wickram eine
Geschichtensammlung mit dem Titel „Das
Rollwagenbüchlein“ voll guter Schwänke und
Historien, „so man in schriften und auf den rollwagen,
desgleichen in scherheüseren unnd badstuben zu langweiligen
zeiten erzellen mag“. In der Ausgabe von 1555 ist ein
Holzschnitt zu sehen, der einen solchen Rollwagen zeigt. Zweimal
zwei Pferde ziehen ihn, der Fuhrmann sitzt auf dem hinteren linken
Ross. Das Gefährt ist ein seitlich offener Blachenwagen, in
dem die mittleren Passagiere quer zur Fahrtrichtung, die
übrigen längs zur Fahrtrichtung sitzen. Mindestens vier
Passagiere lassen sich erkennen, es dürften insgesamt um die
acht gewesen sein.
Die Geschichten sind deutsch geschrieben – wie denn sonst?
Nun, man hätte auch Latein erwarten können, ein grosses
Vorbild war damals Erasmus, der in seinen Colloquia (zur
Eingewöhnung der Schüler in das Latein als
Umgangssprache) Alltagsszenen auf lateinisch geschildert hatte.
Aber nun war die Zeit eine Generation weitergeschritten, mit der
Kirchenreformation Luthers gewann auch die deutsche Sprache an
Gewicht und wurde immer häufiger gedruckt. Wickram bekennt
übrigens selber, dass er eigentlich nie richtig Latein
studiert habe.
Im Rollwagenbüchlein, gewissermassen einer
Eisenbahnlektüre, stehen darum keine antiken Sagen oder
Heiligenlegenden oder erbauliche Predigten, im Gegenteil. Es sind
derbe Szenen, manchmal rührende, oft handfeste Spässe mit
gutmütigem Spott, eben unterhaltsame Kurzgeschichten aus der
Mitte des 16. Jahrhunderts.
Zum Beispiel wird erzählt, wie ein Ratsherr die junge Magd,
die seine Frau angestellt hat, verführt. Nun erwartet sie ein
Kind. Der Ratsherr fürchtet um seinen Ruf und bittet seinen
Freund, einen Arzt, um Hilfe. Der sagt, er solle sich selber schwer
krank stellen und ihn dann kommen lassen. Der Arzt erscheint und
erklärt der geängstigten Ehegattin auf Grund einer
Urin-Diagnose, ihr Mann sei tatsächlich schwer krank, denn er
erwarte ein Kind. Die Frau will das erst nicht glauben, aber der
Doktor bezeichnet das Übel als lebensgefährlich. Was kann
man tun? Das Rezept des Arztes: Der Mann müsse mit einem
jungen Mädchen schlafen, damit das heranwachsende Kind in
einen richtigen Mutterleib umziehen könne. Die Frau sagt, sie
kenne kein solches Mägdlein, der Arzt weist auf die
Hausangestellte hin. Diese sträubt sich zuerst, willigt
schliesslich ein, falls das Kind von der Frau nachher als das
eigene angenommen werde. Sie steigt also in das Bett des Ratsherrn,
dem geht es sofort besser. Nach 20 Wochen bringt die Magd ein Kind
zur Welt. Da die Frau über diese kurze Schwangerschaft stutzt,
erklärt ihr der Arzt, dass das seine Richtigkeit habe, weil
die andere halbe Schwangerschaft des Kindes ja im Bauch des Mannes
stattgefunden hätte.
Das Geburtsdatum von Georg oder häufiger Jörg Wickram
ist unsicher, meistens wird 1505 angegeben. Spätestens 1562
ist er nicht mehr am Leben. Er war also rund zehn Jahre jünger
als sein grosses Vorbild, der Meistersinger Hans Sachs, dessen
Texte er sammelte, aber einiges älter als Johann Fischart, der
geniale Strassburger, der Rabelais‘ Gargantua et Pantagruel
auf deutsch überarbeitete. Wickram war der uneheliche Sohn des
Obristenmeisters Konrad Wickram, der ihn aber anerkannte und ihm
ein kleines Vermögen sowie ein Haus in Colmar vermachte. 1546
wurde er als Bürger angenommen, brachte es jedoch, vermutlich
wegen seiner unehelichen Geburt, bloss zum Amt eines Weibels.
Literarisch wurde er wichtig zuerst als Theaterregisseur und
–autor, da hatte er auch Kontakt mit dem Basler
Theaterdichter Pamphilus Gengenbach. Ein paar Jahre lang
führte er eine Singschule in Colmar, in den Akten taucht er
auch als Buchhändler auf. Er nahm die protestantische
Konfession an. Da Colmar beim alten Glauben blieb, zog er 1554
über den Rhein und wurde Stadtschreiber in Burkheim, unterhalb
von Breisach gelegen.
Das Werk Wickrams ist besser bekannt als sein Leben. Er hat
Theaterstücke, Singspiele und Romane hinterlassen. Die
literarische Forschung bezeichnet ihn als einen Begründer des
deutschen bürgerlichen Romans. Das Dreiland zwischen Basel,
Freiburg und Strassburg ist auch thematisch seine Heimat.
Auffallend ist seine Bearbeitung französischer Stoffe, er war
ein geistiger Grenzgänger. Seine grossen Romane in etwas
schlichter Schwarz-Weiss-Manier sind heute schwer zu lesen. Anders
ist das mit dem Rollwagenbüchlein, das so frisch geblieben
ist, dass es der Verlag Reclam seit 1968 in sein Sortiment
aufgenommen hat. Für eine Fahrt in der Eisenbahn oder für
zwei Stunden im Flugzeug ist es noch immer eine vergnügliche
Lektüre.
Und wenn im Dreiland am Oberrhein heute wieder unter dem
Stichwort „Rollwagen“ ein Kurzgeschichten-Wettbewerb
unter deutschen, schweizerischen und französischen Autoren
ausgeschrieben wird, so lebt da eine Tradition weiter, die sich auf
runde 450 Jahre berufen darf.
Der Mann ist knapp über 33 Jahre alt. Er sitzt im Pfarrhaus
von Röteln, dem kleinen Dorf neben dem stattlichen Schloss der
Markgrafen von Baden. Unser Mann wurde vom Markgrafen Karl
persönlich in dieses für die ganze obere Markgrafschaft
wichtige kirchliche Amt berufen, das über alle Pfarrer eine
gewisse Aufsichtsfunktion auszuüben hat. Es ist der 6. Februar
1574, der Mann sitzt am Schreibtisch und will sich über sein
Leben Rechenschaft geben. Er hat sich Blätter aus Papier
zurechtgelegt, eine frische Feder geschnitten und schreibt.
Seit noch nicht ganz fünf Jahren ist er verheiratet mit
Lavinia de Canonicis, einer aus Oberitalien stammenden Frau. Thomas
Erastus, ein Theologe aus der Gegend des schweizerischen
Baden, zog sie als Pflegetochter gross und empfahl sie seinem
rund 15 Jahre jüngeren Freund zur Gattin. Geheiratet hatten
sie im August 1569. 1571 kam ein Sohn auf die Welt, wurde Josua
getauft, starb aber noch im gleichen Jahre. 1572 folgte eine
Tochter, die in Erinnerung an eine ebenfalls jung verstorbene
Tochter Erastus Anna Polybia getauft wurde. Unser Schreiber weiss,
wieviel er seinem älteren Freund verdankt. Weitere
Töchter entsprossen der Ehe, eine Maria Isotta 1573, ein Jahr
später eine Salome, eine Susanna kam 1576 zur Welt. Das aber
konnte er 1574 noch gar nicht geschrieben haben, das ist ein
Nachtrag aus dem Jahr 1577. Er hat also sein Heft aus dem Jahr 1574
sorgfältig zur Seite gelegt und es weitergeführt. Die gut
lesbare Schrift ist die gleiche, sie schwankt nur ein wenig in der
Grösse und in den Strichstärken, das hat mit der immer
wieder anders geschnittenen Feder zu tun.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man mehr als 400
Jahre später einem eigentlich noch jungen Mann über die
Schulter in seine privaten Aufzeichnungen blicken kann. Man kommt
sich indiskret vor. Auf der anderen Seite hat er gewollt, dass
diese Aufzeichnungen erhalten blieben, darum liegen sie ja auch auf
der Universitätsbibliothek, wo Sigfried Bühler, der
Hüter des Röteler Archives, Kopien machen liess. Wenn man
sich in den in einem einfachen Latein geschriebenen, gelegentlich
mit griechischen Zitaten und deutschen Nachträgen
ergänzten Text einliest, wird ein Eindruck immer stärker:
Hier schreibt ein Mann in der Lebensmitte über seine eigene
Vergangenheit. Er will sich Rechenschaft geben, will das Wichtige,
Entscheidende, Verbindliche festhalten, eine objektive
(Zwischen-)Bilanz erstellen.
Zuerst will er wissen, woher seine Familie kommt und wer als
Stammvater gelten kann. Er nennt einen Urgrossvater namens Jacobus
und eine Urgrossmutter namens Anna, von denen er drei
männliche Nachkommen, darunter also seinen Grossvater
Johannes, kennt. Dann führt er seinen eigenen Vater namens
Thomas an, dann setzt er sich selber mit seinen zahlreichen
Brüdern und Schwestern in die genealogische Übersicht. Ob
der Urgrossvater noch weitere Söhne und Töchter hatte,
weiss er nicht, aber die Anzahl der ihm noch gegenwärtigen
Personen liegt schon über 40 – es ist eine grosse
Familie. Sie kommt aus Veringerdorf, in Süddeutschland nahe
bei Sigmaringen gelegen. Ihr Name war Grüner, und weil es die
Nachkommen des Urgrossvaters nach Basel zog, wo sie eine
höhere Ausbildung bekommen konnten, nannten sie sich
latinisiert (oder eben gräcisiert) Grynaeus. Das war eine
Adaption des deutschen Namens Grüner, aber konnte auch einen
Bewohner der Stadt Grynium bedeuten, eine aeolischen Stadt, die
durch ihren Apollo-Kult bekannt war.
Unser Schreiber im Pfarrhaus von Röteln ist also Johann
Jakob Grynaeus, geboren 1540, gestorben 1617. Wie er 1574 seine
Notizen verfasst, versucht er auch festzuhalten, was er von den
Brüdern seines Grossvaters noch weiss. Einer, wieder ein
Jakob, war Schultheiss, ein vorsichtiger Mann; der andere hiess
Simon. Diesem Simon, also seinem Grossonkel, widmete er ein eigenes
Kapitel, voll Bewunderung für dessen Studienreisen quer durch
Europa, von Buda über Wien nach Wittenberg (wo er Luther und
Melanchthon begegnete) und Heidelberg nach Basel. Dort wurde er von
Oekolampad, dem Basler Reformator, an die Universität berufen.
Ehrfurchtsvoll zählt er Simons Freunde auf: Erasmus, Bucer,
Sturm, Thomas Morus – auch der junge Lazarus von Schwendi
wird erwähnt.
Auf seinen Vater Thomas (1511-1564) kommt er ausführlich zu
sprechen. Drei Mal habe er mit Heinrich VIII. von England
gesprochen und sei von Thomas Morus freundschaftlich empfangen
worden. Wir erfahren den Namen der Mutter, die Adelheid
Stöuber hiess; die Ehe seiner Eltern dauerte 31 Jahre. 1547
kam der Vater von Bern als Schullehrer nach Basel, dann berief ihn
der Markgraf Karl – wie später seinen Sohn – auf
die Oberpfarrstelle nach Röteln.
Aus seinem eigenen Leben nennt er Studienfreunde und akademische
Lehrer. 1559 ist er Diakon in Röteln, 1563 geht er an die
Universität Tübingen. Dort promoviert er, dann zieht er
1569 nach Heidelberg. Offensichtlich lebt er in nächster
Nähe zu Erastus, denn plötzlich ist jetzt von seiner
Heirat die Rede. Erastus kam für deren Kosten auf, und wie nun
unser Johann Jakob Grynaeus davon spricht, fallen ihm auch alle
andern finanziellen Verpflichtungen ein. Da wird alles haargenau
nach Gulden und Talern und Kronen aufgeschrieben. Aus den
Lebensaufzeichnungen des noch jungen Pfarrers wird plötzlich
so etwas wie ein Testament, und die Nachträge von 1577 und
1581 gleichen immer mehr einer Vermögensbilanz.
Aber eben, es ist eine Bilanz in der Mitte, nicht am Ende eines
Lebens. Die eigentliche Karriere des Johann Jakob Grynaeus begann
erst. 1574 wurde er Theologieprofessor an der Basler
Universität, Nachfolger des lutherisch gesinnten Antistes
Sulzer. Er bekämpfte sofort dessen Politik: Basel sollte
schweizerisch reformiert bleiben. Dann kam eine überraschende
Wende, da 1584 der Pfalzgraf Johann Casimir Grynaeus zu einer
Religionsdisputation nach Heidelberg einlud – und ihn
sogleich als Universitätslehrer zurückhielt. Zwischen
Basel und dem Pfalzgrafen begann ein regelrechtes Gezerre um die
Person dieses von den Studenten hochgeschätzten Lehrers, die
Basler mussten ihre Gehaltsofferte immer höher ansetzen, bis
er endlich im März 1586 zurückkam und dann auch Antistes
wurde. Er organisierte die Basler Kirche neu, bekämpfte die
Gegenreformation im Birseck. Er war die treibende Kraft bei der
zweiten Gründung des Gymnasiums auf Burg, vermittelte im
Streit der Mülhauser mit den katholischen Eidgenossen,
unterstützte die Einrichtung einer französischen
Gemeinde, veranlasste eine Münsterrenovation und war wohl der
erste akademische Lehrer, der freiwillig und kostenlos grosse
historische Vorlesungen für die akademische Jugend hielt.
Schon fast erblindet predigte er über 70 Jahre alt im
Münster, 1617 starb er, nachdem er seine Frau und sechs Kinder
hatte beerdigen müssen.
Familie, akademische Lehrer, Freunde, Finanzen – in all
diesen Dingen genaue Übersicht und Ordnung zu behalten, das
war sein Ernst des Lebens.
1923 wurde, soviel ich sehe, kein Jubiläum gefeiert. Aber
vielleicht hätte man eines feiern können: 600 Jahre
Verbindung von Basel und Mülhausen. Vom Jahr 1323 ist eine
Abmachung – ein Bund wäre zuviel gesagt – des
Bürgermeisters und des Rats von Basel mit „unsern guten
fründen“, dem Schultheissen und dem Rat von
Mülhausen, überliefert. Zweck der Absprache ist die
gegenseitige Anerkennung der Gerichtszuständigkeit. Basler
also müssen sich, wollen sie gegen Leute von Mülhausen
klagen, an Mülhausen wenden wie auch umgekehrt, ausgenommen
sind nur Bürgschaftsprozesse oder Händel mit rechtlosen
Personen. Praktisch hiess das, dass die Mülhauser keinen
Basler und die Basler keinen Mülhauser auf ihrem Territorium
arretieren durften – was vordem offenbar immer wieder
passiert war.
So schreibt es ein Basler, der Stadtschreiber in Mülhausen
wurde, Jakob Heinrich Petri (oder eben auch Henric-Petri), der von
1593 bis 1660 lebte und 1633 zum Bürgermeister von
Mülhausen aufstieg. Und so schreibt es auch der von 1646 bis
1732 lebende Mülhauser Josua Fürstenberger, der 1675
Stadtschreiber und 1699 ebenfalls Bürgermeister wurde. Der
zweite schreibt es bis ins Jahr 1617 ein wenig dem
Amtsvorgänger ab. Da stösst man auf eine
Merkwürdigkeit dieser frühen Zeiten: dass Stadtschreiber
die Geschichte ihrer Stadt von allen Anfängen an immer wieder
neu verfassten und fortführten, handschriftlich und noch nicht
im Hinblick auf einen Druck. Auch der Basler Peter Ochs (1752-1821)
nahm sich dergleichen vor, aber dachte, schon etwas moderner, an
eine baldige Drucklegung.
Auch 1966 wurde, soweit ich mich erinnere, kein Jubiläum
gefeiert. Und doch hätte man sogar noch einen besseren Anlass
gehabt, nämlich 500 Jahre Bündnis zwischen Mülhausen
und den Orten Bern und Solothurn. Diesmal ging es nicht bloss um
Gerichtszuständigkeiten, sondern um einen militärisch
bedeutsamen Pakt, der 1466 auf 25 Jahre abgeschlossen wurde.
Würde jemand die Stadt Mülhausen belagern und sie vom
Heiligen Römischen Reich „dringen“, also einer
Lehensherrschaft unterwerfen wollen, sollten Bern und Solothurn
ohne Kostenfolge für Mülhausen zu Hilfe eilen. Wäre
Mülhausen sonst in eine Fehde verwickelt und bräuchte
tatkräftigen Beistand, so könnte es auf seine Kosten
Zuzug von Bern und Solothurn verlangen. Für Bern und Solothurn
sollte die Stadt Mülhausen jederzeit zugänglich bleiben.
Nur sollte Mülhausen keinen Krieg beginnen und kein
Bündnis ohne Wissen von Bern und Solothurn eingehen.
Drittparteien gegenüber würde man sich solidarisch
verhalten, gemeinsame Beute gleichmässig teilen. Vorbehalten
blieben für Bern und Solothurn die Zugehörigkeit zum
Reich und der ältere eidgenössische Bund, für
Mülhausen die Bündnisse mit dem Pfalzgrafen bei Rhein und
den Reichsstädten im Elsass.
In der Chronik sowohl von Heinrich Petri wie von
Fürstenberger findet sich in fast identischen Worten der
Hinweis, dass die übrigen Orte der alten Eidgenossenschaft auf
Fürbitte der Stadt Bern die Stadt Mülhausen auch in ihren
Schutz aufgenommen hätten. Also stand Mülhausen von
diesem Zeitpunkte an unter eidgenössischer Protektion und
hatte die beiden militärisch potentesten Orte zu direkten
Bundesgenossen. Basel trat erst 1501 der Eidgenossenschaft bei.
Somit war Mülhausen in gewissem Sinn schon eine
eidgenössische Schwesterstadt geworden, als Basel noch
zwischen Habsburg und dem Reich, zwischen den oberrheinischen sowie
schwäbischen Städtebünden und den Eidgenossen
schwankte, im Innern darüber hinaus die Auseinandersetzung
zwischen der zünftischen Stadt und dem fürstlichen
Bischof führen musste. Bis zum Untergang der alten
Eidgenossenschaft war und blieb Mülhausen eidgenössisch,
und wenn heute in Mülhausen in nächster Nähe zum
alten Rathaus noch ein Restaurant mit dem Namen Guillaume Tell
steht, ist das kein touristischer Trick, sondern ein legitimes
Überbleibsel einer Geschichte von mehr als 300, wenn nicht gar
450 Jahren.
Wer weiss sie noch? Fragen Sie die Mülhauser, die Berner,
die Solothurner, die Basler, die Sprecher der Regio-Vereinigung in
allen drei Ländern. Und wie kam es dann, dass Mülhausen
so sang- und klanglos in der Französischen Republik aufging?
Und was steckt dahinter, dass die Fürstenberger, die Koechlin,
die Mieg, ja sogar die Fininger, alles Geschlechter aus
Mülhausen, plötzlich in Basel eine Rolle spielten?
Offensichtlich haben wir auch in eidgenössischen Belangen viel
vergessen. Das weiss auch der Leiter der Archives municipaux in
Mülhausen, Jean-Luc Eichenlaub, der einmal zusammengestellt
hat, was es an historischer Literatur zum Verhältnis
Basel-Mülhausen und Mülhausen-Eidgenossenschaft
eigentlich gibt – und dabei auf fast aufregende Lücken
gestossen ist.
Nachbarschaftlich gab es zwischen Mülhausen und Basel schon
immer enge Beziehungen, auch wenn diese Städte, die heute eine
halbe Stunde Autofahrt voneinander entfernt liegen, damals eine
Tagesreise weit getrennt waren. In den Chroniken nicht vergessen
ist die Hilfe nach dem Erdbeben von 1356: „Diesen
erbärmlichen Zustand haben die Mülhauser wie billig zu
Herzen gefasst, und deswegen nicht nur einige der Räthe dahin
gesandt, ihr Mitleid zu bezeugen, sondern auch ansehnliche Steuern
ausgetheilt und die Anordnung getroffen, dass die Bürger
wöchentlich (den Zünften nach) sich nach Basel begaben,
um an der Wiederaufrichtung der Häuser Hilfe zu
leisten.“ Aber politisch waren Mülhausen und Basel in
einer grundsätzlich andere Lage. Mülhausen war zwar seit
1275 freie Reichsstadt dank König Rudolf von Habsburg, aber
musste sich durch seine ganze spätmittelalterliche Geschichte
wehren gegen die habsburgische Landvogtei in Ensisheim, gegen den
Übernahme-Appetit verschiedener geistlicher und weltlicher
Herren, wohingegen Basel zuerst als Stadt eines mächtigen
Bischofs und dann als sich langsam vom Bischof lösende Stadt
eines Zunftregimentes ein anderes politisches Gewicht auf die Waage
brachte. Mülhausen suchte den Anschluss an befreundete
Militärmächte, das waren Solothurn und Bern; Basel suchte
den mehr diplomatischen Ausgleich im ganzen Spiel der
oberrheinischen Gewalten.
Auf Grund der Daten und des Bündnisses von 1466 ergibt sich
die überraschende Tatsache, dass nicht Mülhausen die
eidgenössische Schwesterstadt von Basel wurde, sondern dass
Basel mit seinem Eintritt in den Bund 1501 auch Mitglied des einen
Vertragspartners im militärischen Schutzbündnis für
Mülhausen wurde. Somit drängten sich logisch zwei weitere
Schritte auf: 1506 ein formelles Bündnis Basel-Mülhausen,
was das Einverständnis der anderen, jetzt 13 Orte
zählenden Eidgenossenschaft brauchte, und über die
Jahreswende 1514/1515 – für die italienischen
Feldzüge und Marignano waren Mülhauser hoch willkommen
– die formelle Aufnahme von Mülhausen in die
Eidgenossenschaft als zugewandter Ort. Das nächste
mülhausisch-baslerische Jubiläum könnten wir 2005
und das übernächste eidgenössisch-mülhausische
Jubiläum anno 2015 feiern.
Seit bald 500 Jahren ist Basel eine Schweizer Stadt. Davor war
es eine (nicht ganz so freie) Reichsstadt, weil es eine
Bischofsstadt war. Vor Kaiser Heinrich II. gehörte es zum
Königreich Burgund, das Bistum Basel war Teil des Erzbistums
Besançon, das Kleinbasel lag in der Diözese von
Konstanz – wohl eine Erinnerung an das Herzogtum Alemannien.
Kaiseraugst und Martigny streiten darüber, welches von beiden
der erste Bischofssitz auf dem heute schweizerischen Boden war; die
Nachfolge von Kaiseraugst als Bischofssitz trat Basel an. Zu
Frankreich, das heisst zur französischen Krone, gehörte
Basel nie, aber sehr wohl zum fränkischen Kaiserreich.
Von einem französischen Basel kann also nicht die Rede
sein. Kurz nach 1800 herrschte allerdings etwelche Beunruhigung, ob
Frankreichs erster Konsul und späterer Kaiser Napoleon nicht
auf die Idee kommen könnte, Basel dem Departement Haut-Rhin
einzuverleiben. Militärisch wäre das kein Problem
gewesen, das Birseck war ja schon französisch, nachdem es
lange fürstbischöfliches Reichsland gewesen war. Darum
sind im Gästebuch der Ermitage Arlesheim die Basler als
„étrangers“ verzeichnet. Die für Basel
gewaltige Festung Hüningen, die in französischen Augen
eher ein „Fort“ war, hätte bei einer Annexion von
Basel durch Frankreich die entscheidende Rolle spielen können.
Darum ist die Begeisterung der Basler beim Abbruch der Festung 1815
mehr als verständlich.
Und dennoch gibt es so etwas wie ein französisches Basel.
Basel lag am Ende des 17. Jahrhunderts so nahe bei Frankreich wie
Genf. Es war Handelspartner der Franzosen für
Seidenbänder, Florettseide, Baumwolle, Gerbstoffe und
typografische Lettern. Es hatte intensive Beziehungen zu Lyon,
Nantes (dem damaligen grössten französischen Hafen) und
Strassburg. Es beherbergte eine reformierte französische
Kirche. Es nahm schon im 15. Jahrhundert, zur Zeit des beginnenden
Buchdrucks, Gelehrte französischen Herkommens auf. Aus dem
südlichen Frankreich nach Deutschland reisende Beobachter
kamen fast notwendigerweise durch Basel. Für französische
Hugenotten war Basel mit seiner französischen Gemeinde ein
Stück Frankreich im Ausland. Somit kann man sagen: Politisch
gab es das französische Basel nicht, aber geistig und
literarisch existierte es über viele Jahrhunderte.
Das Buch eines Franzosen, das in der Welt des 16. Jahrhunderts
so wirkte (wenn auch auf einer anderen Ebene) wie „Das
Kapital“ von Karl Marx im 19. Jahrhundert, nämlich die
lateinisch geschriebene „Christianae Religionis
Institutio“ von Johannes Calvin, wurde 1536 in Basel erstmals
gedruckt. Thomas Platter, der Schulmeister auf Burg, war einer der
Verleger. Von den rund 5500 Studenten zwischen 1532 und 1601 an der
Universität Basel waren mehr als 450 richtige Franzosen, ohne
die Elsässer, Lothringer und Savoyarden dazuzuzählen.
Mehrere sind uns bekannt, so François Hotman, der
spätere Rechtskonsulent, mit Felix Platter befreundet. Pierre
de la Ramée oder Petrus Ramus logierte sich im früheren
Domizil von Calvin in der St. Alban-Vorstadt ein und schrieb eine
ausführliche lateinische Lobrede auf Basel und seine
Universitätsprofessoren. Bedeutende französische Poeten
des 16. Jahrhunderts studierten in Basel, so François de
Malherbe (1572) und Jean de Sponde (1581), der sich dem Basler
Professor Theodor Zwinger gegenüber als Alchimist bekannte.
Vermutlich begegnete er in Basel auch Théodore de
Bèze, dem Nachfolger Calvins. 1580 kam aus Bordeaux Michel
de Montaigne vorbei, speiste mit Felix Platter, Zwinger und Hotman
– und notierte alles gewissenhaft im Reisetagebuch.
Im 17. Jahrhundert waren mittelalterliche Stadtmauern
militärisch überholt, man musste der aufkommenden
Artillerie wegen Festungen mit flachen Schanzen anlegen. In dieser
Disziplin waren Franzosen führend. Von 1622 datiert das
Portrait im Basler Kunstmuseum von Agrippa d’Aubigné,
der, zugleich ein renommierter Dichter, die Basler beim modernen
Schanzenbau beriet.
Im 18. Jahrhundert erscheinen, angezogen vom Ruf der
Mathematiker Johannes I und Johannes II Bernoulli,
französische Mathematiker. Voltaire übernachtete 1758 im
Hotel Drei Könige, verfasst später eine ironische Basler
Predigt. 1765 bezieht Rousseau ein Zimmer dort, bedankte sich
nachher bei Johannes II Bernoulli für den freundlichen
Empfang. Madame Roland, eine seiner Jüngerinnen, findet
Gefallen an Basel, zwar weniger an der Architektur als am
tadellosen Service in den sauber eingerichteten Hotels und an der
grosszügigen Gastfreundschaft von Jakob Sarasin, bei dem sie
die Büste von Cagliostro bewundert.
Die Revolution schwemmt massenhaft Franzosen in die Stadt,
besonders auch Emigranten. Im Juni 1789 sitzen der von Ludwig XVI.
berufene Necker, Lavater, der Baron und Madame de Staël im
Drei König zusammen, neugierig beobachtet aus den
Nachbarhäusern. Die Ermitage Arlesheim wimmelt von
französischen Besuchern bis zu ihrer Zerstörung im Jahr
1792, dort wird ein Gedenkstein für den französischen
Gartendichter Delille aufgestellt. Im 19. Jahrhundert folgen sich
grosse Namen der französischen Literatur gerade reihenweise:
Stendhal 1821, 1838 und 1839, der Gefallen an den Markgräfler
Weinen findet; Saint-Marc Girardin, der 1834 beschreibt, was vom
Totentanz noch übrig blieb; Michelet 1843; Gobineau, der sich
nach Inzlingen verzieht; Viollet-le-Duc 1854, der über die
Münster-Restauration entsetzt ist; Théophile Gautier
1858, dem die gebratenen Forellen schmecken. Chateaubriand kommt
1826 und 1832 nach Basel, ärgert sich über einen
Zöllner. Gérard de Nerval publiziert 1830 einen Artikel
über den Rhein bei Basel. Victor Hugo steigt am 7. September
1839 im Storchen ab und meditiert über die törichten
Jungfrauen am Münster.
Das Zweite Kaiserreich und dann die Annexion des Elsass bringen
abermals einen französischen Zustrom. Ernest Renan bewundert
1878 den Bürgersinn der Stadt, während André
Suarès ein ganz anderes Bild entwirft: „Harter Kopf
und heisser Bauch, Basel ist eine spezielle Stadt, eine
Bürger-Kapitale. Sie ist chimärisch und fett,
religiös und fleischlich. (...) Sie hat den Stolz, solide und
reich zu sein. Sie brüstet sich mit ihren guten Sitten und
lacht im Innern über ihre Verwerflichkeit. Mit der einen Hand
liest sie die Bibel, mit der anderen streichelt sie, hinter einem
Vorhang von Vernunft und strenger Exegese, ihre Leidenschaften und
schiebt ihr Glas zur Flasche. Basel ist eine Stadt, die auf ein
Wirtshausschild „zur Mässigkeit“
trinkt.“
1968 hat Claude Pichois seine kleine Schrift „Ecrivains
français à Bâle“ publiziert. Sie ist mehr
als eine Sammlung von französischen Reiseberichten über
Basel. Denn wenn man sie in Gedanken noch durch die wichtigen
Beiträge der Welschschweizer zum städtischen Leben
ergänzt, wird es bald deutlich, dass Basel, obwohl
deutschsprachig, durch viele Jahrhunderte auch ein kulturelles und
sogar – siehe Peter Ochs – politisches Scharnier
zwischen dem deutschen und französischen Europa war.
Der elende Ausdruck „Krankengut“ ist eine moderne
Erfindung. Aber er spielt in der Planung der medizinischen
Versorgung eine wichtige Rolle: Wo überall finden sich die
Patienten, für die von einem ärztlichen Zentrum aus
gesorgt wird? Wir Heutigen haben da mehr Schwierigkeiten als die
Jahrhunderte vor uns, weil wir aus politischen Grenzen auch
Kassen-, Tarif-, Diplomanerkennungs-, Spital- und
Verschreibungsgrenzen gemacht haben. Nicht einmal Stadt und
Landschaft Basel verstehen ihre Gesundheitswesen zu
koordinieren.
Aber man muss auch das andere sehen: Unsere heutige medizinische
Versorgung ist so aufgebaut, dass sie allen
Bevölkerungsschichten zugänglich werden kann. Nicht nur
der Reiche soll sich kurieren lassen dürfen, auch der Arme
muss zum Arzt gehen können. Darum ist die Medizin von heute
mit den Krankenkassen und also dem Versicherungsgedanken
verknüpft, und Krankenkassen ihresteils brauchen, um
berechenbar zu werden, die Statistik.
Das sind Zusammenhänge, die früheren Jahrhunderten
verborgen blieben. Um so aufregender ist es, einem Arzt vor rund
400 Jahren zuzuschauen, der sozusagen an beiden Enden dieser
Zusammenhänge tätig war. Auf der einen Seite richtete er
sich eine Praxis ein, die von Basel aus linksrheinisch bis nach
Colmar, Auxelles, Montbéliard, rechtsrheinisch bis nach
Breisach, Freiburg, Waldshut, auf schweizerischer Seite bis nach
Pruntrut, Solothurn, Muri und Baden reichte, also sehr wohl das
umfasste, was wir heute die Regio nennen. Auf der anderen Seite war
er, in diesem Sinn seiner Zeit weit voraus, fasziniert von
kompletten, nach einheitlichen Kriterien erfassten Daten, weshalb
er die schlimme Pestepidemie von 1611 in Basel zum Anlass nahm,
Haus für Haus ohne Rücksicht auf soziale oder
wirtschaftliche Unterschiede nach Bewohnern, Pestinfektionen,
Sterbe- und Genesungsfällen zu inventarisieren, um sich ein
epidemologisches Gesamtbild dieser Seuche zu machen.
Felix Platter hiess der Mann, einziger Sohn aus der ersten Ehe
des Schulleiters auf Burg, des städtischen Gymnasiums in
Basel, geboren 1546, gestorben 1614. Er war ein Zeitgenosse des
französischen Essayisten Michel de Montaigne, zwar drei Jahre
jünger, aber in mehr als einer Beziehung ihm geistig verwandt.
Der 1576 von Montaigne gewählte Leitspruch „Ich halte
mich zurück“ war freilich gerade das Gegenteil von
Platters Lebenshaltung, der sich in seinem Beruf, in seinen
Ämtern und Geschäften zunehmend engagierte. Aber insofern
waren sie wieder so etwas wie geistige Zwillinge, als sie mittels
des geschriebenen Wortes herausfinden wollten, wer ein jeder von
ihnen eigentlich war. Dazu schrieb Montaigne in der Einsamkeit
seines Turms in der Nähe von Bordeaux seine Essais; dazu
verfasste Platter in der Tradition seines Vaters ein
ausführliches Tagebuch oder so etwas wie einen Lebensbericht,
leider nur bis zum Alter von 31 Jahren. Zu einer Fortsetzung ist er
kaum mehr gekommen, oder sie ist uns verloren gegangen, nicht aber
seine Abrechnungsbücher und sein Testament.
1557, als Platter mit seiner Arztpraxis begann, zählte die
Stadt höchstens 10'000 Einwohner, die von 17 Ärzten
– wie der statistisch interessierte Platter festhält
– betreut wurden. Also kam ein Arzt auf 588 Personen. (Heute
sind es etwa 270.) Platter war sehr jung, er musste sich um
Patienten bemühen. Nun profitierte er davon, dass ein Vater
Thomas vom mittellosen Walliser Geissbuben zum angesehenen
Gymnasiarchen herangewachsen war; die in der Stadt führende
Gesellschaft stand ihm offen. Schon die ersten Patientennamen, die
Platter erwähnt, Herr Ludwig von Reisach, der von Pfirt, die
von Utenheim, Junker Beat Morand von Andlau, Junker Christoph
Staufer und Junker Ludwig von Windegg, zeigen, neben
bürgerlichen Namen, wo der frischgebackene Doktor seine
Klientel suchte: in den vornehmen Kreisen in und vor allem um
Basel. Der erste Ritt zu einem Patienten geschah nach Thann, wo der
frühere Kostgänger beim Vater Platter, Theobald Surgand,
jetzt Ratsherr und Einnehmer im Dienst der Fugger, an einer
Herzinsuffizienz und Wassersucht erkrankt war. Nicht weniger als
acht Mal ritt Platter zu ihm, der Patient starb dennoch. Dafür
begannen die Honorare zu fliessen, Platter schrieb: „Gwan
also zum anfang ziemlich gelt.“
Zugleich arbeitete Platter wissenschaftlich, etwa als
anatomischer Präparator. Er bemühte sich um den Leichnam
eines zum Tode verurteilten Diebes, kochte das Gerippe aus und
stellte ein Skelett zusammen, das dann später die Mutter des
Delinquenten besuchen kam. Traurig sagte sie, dass man ihm nicht
die Erde habe gönnen mögen. 1560 weitete sich Platters
Praxis weiter aus, nach Pfirt, Colmar, Freiburg, Sulzburg, Olsberg,
Pruntrut. Der aus Basel vertriebene Fürstbischof Melchior von
Lichtenfels lud ihn an seinen Hof und gewann ihn als
ärztlichen Berater, dasselbe tat der Junker Hannibal von
Bärenfels in Grenzach. Immer mehr Ortschaften aus dem ganzen
oberrheinischen Dreiland tauchen in den Notizen Platters auf:
Binzen, Röteln, Habsheim, Mülhausen, Guebwiller, Murbach,
wo er das Vertrauen des Fürstabtes gewann. Transportmittel war
ausschliesslich das eigene Pferd, oft blieb Platter mehrere Tage
von Basel weg. Stolz notiert er: „Bruchten mich fast alle, so
von adel zu Basel woneten.“ Er hatte es geschafft. Badische
Markgrafen, Herzoge von Württemberg und Grafen von
Hohenzollern waren seine Freunde geworden, luden ihn ein.
Und dabei war dieses oberrheinische und süddeutsche
Kleineuropa von einem tiefen Graben zerrissen, dem konfessionellen
mit Reformation und Gegenreformation und im reformierten Lager noch
einmal durch lutherische, zwinglianische und calvinistische
Unterschiede belastet. Was hatte ein Arzt reformierten Glaubens mit
Fürstbischöfen und Fürstäbten zu schaffen?
Am 28. September 1580 kam von Plombières, nachdem er die
Erstausgabe seiner Essais dem König Heinrich III. in Paris
präsentiert hatte, Michel de Montaigne nach Thann, am 29. war
er in Mülhausen und später in Basel, blieb bis zum 1.
Oktober hier und ritt dann weiter nach Hornussen, Richtung Brugg
und Baden. Der Rat bewillkommnete Montaigne mit Wein und einer
langen Rede. Der Wein war sehr gut. Dann ging Montaigne in Platters
Haus (heute Ecke Hebelstrasse/Petersgraben), das voll bemalt und
mit französischen Ornamenten ausgestattet war. Platter zeigte
ihm sein Herbarium und seine Skelette. Zudem hatte er weitere
Gäste eingeladen, vermutlich Simon Grynaeus, Theodor Zwinger
und sicher François Hotman, den aus Paris stammenden
protestantischen Rechtskonsulenten. Montaigne und seine kleine
Gesellschaft gingen dann mit Platter und Hotman essen, besprachen
auch konfessionelle Probleme. Gesprochen wurde französisch,
das Platter von seiner Studienzeit in Montpellier beherrschte.
Montaigne fand nicht heraus, ob diese Basler nun Zwinglianer,
Calvinisten und Lutheraner sein wollten, und bekam den Eindruck,
dass einige noch heimlich am alten Glauben hingen.
Überraschend ist das nicht, da Platter selber im Hinblick auf
seine katholischen und auf der reformierten Seite wiederum
konfessionell verschiedenen Patienten in solchen religiösen
Dingen eine höfliche Unverbindlichkeit wahrte. Ein guter Arzt
ist eben für alle da.
Wenn die Baslerin auf den Marktplatz geht, um das frische
Sommergemüse einzukaufen, grüssen von der Rathausfassade
die Wappen der alten eidgenössischen Stände, also von
links nach rechts – Moment, wie viele Wappen sind es
überhaupt? Die alte Eidgenossenschaft hatte acht Orte, die
spätere hatte 13 Orte, aber hier sind 17 Wappen zu sehen. Das
erste links aussen, das muss Biel sein; dann kommen Wallis,
Graubünden, St. Gallen, Appenzell, Schaffhausen, Freiburg,
Zug, Schwyz, Luzern, Zürich, Basel, Bern, Uri, Unterwalden,
Glarus, Solothurn. Also sind es die Wappen der 13 alten
eidgenössischen Orte, ergänzt durch die vier zugewandten
Orte Biel, Wallis, Graubünden und St. Gallen. Aber das sind ja
nicht alle, es fehlen die zugewandten Orte Mülhausen und
Rottweil. Wer hat da, ausgerechnet am Basler Rathaus, mit
heraldischen Tricks das elsässische und süddeutsche
Vorfeld ausgeblendet?
Gemach, gehen wir in den Rathaushof. Da hängen noch einmal
Wappen. Und siehe da: auf weissem Grund erscheint das rote
Mühlrad mit den kreuzartigen Speichen von Mülhausen, in
der Nähe ebenfalls der einköpfige Adler auf goldenem
Grund mit einem Kreuz auf der Brust, das Wappen von Rottweil. Wo
liegt Rottweil? Nordöstlich von Villingen im Schwarzwald oder
auf der Luftlinie von Pforzheim nach Schaffhausen im Drittel
Schaffhausen zu. Sie beide, Rottweil und Mülhausen, waren
jahrhundertelang so gute Eidgenossen wie die Bündner,
Walliser, Bieler und St. Galler, aber sie sind es nicht geblieben
oder haben es nicht bleiben können. Das ist im Fall von
Mülhausen eine gar nicht so einfache Geschichte.
Von den Bündnisverträgen zwischen Mülhausen, Bern
und Solothurn (1460) war schon die Rede, desgleichen vom
Bündnis Basels mit Mülhausen (1506) und der feierlichen
Aufnahme Mülhausens als zugewandter Ort in die
Eidgenossenschaft (1515). Aber wie ist es Mülhausen in der
Eidgenossenschaft ergangen? Nicht nur gut.
Die Stadtschreiber Mülhausens im 17. Und 18. Jahrhundert,
Jakob Heinrich Petri und Josua Fürstenberger, vermerken es
fast pedantisch, dass Abt und Stadt St. Gallen, Graubünden und
Wallis in der Ordnung der zugewandten Orte vor Mülhausen
kommen, Rottweil und Biel erst nachher folgen. Man hielt viel auf
protokollarische Ordnung. Nach dieser würde also Biel gerade
nicht auf die Fassade des Rathauses gehören, sondern
müsste Mülhausen weichen. Dass Mülhausen schon vor
1515 mit den Baslern und Eidgenossen gemeinsame Sache machte, sieht
man daran, dass sein Hauptmann Martin Brüstlein mit einem
Aufgebot in die Schlacht nach Pavia zog. Vom Papst Julius II.
erhielten die Mülhauser ein Banner. Sie schlugen sich tapfer
bei Novarra, zogen dann mit 200 Mann nach Marignano – und
kamen arg dezimiert zurück. 1520 war in Mülhausen eine
neue Beschwörung der eidgenössischen Bünde
angesetzt, Gesandte aller Orte kamen über Basel nach
Mülhausen, die Stadt durfte sich solide in die
Eidgenossenschaft eingebunden fühlen. Und diese hatte den
strategisch wichtigen Punkt zwischen der burgundischen Pforte und
dem Elsass gewonnen. Neue Nachbarn der Eidgenossen waren jetzt die
österreichischen Lande im Elsass, die Grafschaften Pfirt und
Mömpelgard, die baslerischen und strassburgischen
bischöflichen Lande geworden; als nächstgrössere
Mächte erschienen die Freigrafschaft Burgund und das Herzogtum
Lothringen, dahinter das mächtige Frankreich.
Es war die Kirchenreformation, die diese anfänglich
militärische Ausweitung der Eidgenossenschaft ihrer
politischen Konsolidierung beraubte. Schon 1524, also nach den
Thesen Luthers, aber vor der offiziellen Reformation der
Städte Zürich, Bern und Basel, schlossen sich die
altgläubigen Kantone Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug
in Beckenried zu einem eigenen Bund zusammen, und nach den
eigentlichen Reformationskriegen spaltete sich die
Eidgenossenschaft praktisch in zwei Lager, ein katholisches und ein
protestantisches. Stützen des ersteren waren die alten
fünf Orte, dazu Freiburg, die teilweise paritätischen
Solothurn, Glarus und Appenzell; Träger des zweiten waren die
auf Städte ausgerichteten protestantischen Orte wie
Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, zu denen die reformierte
Stadt St. Gallen und eben auch Mülhausen stiessen. Der
helvetische Staatskörper, das sogenannte corpus helveticum,
war eben kein Staat, sondern ein wechselndes Bündnissystem,
das auch aussenpolitisch häufig gegensätzliche
Verpflichtungen einging. Mülhausen, damals ausschliesslich
deutschsprachig, hatte die Reformation gleichzeitig und in engstem
geistigen Kontakt mit der Stadt Basel angenommen. Es gab in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts somit eigentlich zwei
Eidgenossenschaften, getrennte Tagsatzungen waren häufiger als
gemeinsame. Sie waren sich nicht immer freundlich gesinnt.
Mülhausen erlebte 1586 die Demütigung, dass die
katholischen Orte den Bund aufsagten, der Stadt den alten
Bundesbrief mit abgeschnittenen Siegeln zurückgaben. Ein
daraufhin ausbrechender Bürgerkrieg konnte nur dank einer
Intervention der evangelischen Eidgenossen niedergeschlagen
werden.
In den Mülhauser Stadtchroniken lässt sich
nacherleben, wie die innerfranzösische konfessionelle
Auseinandersetzung auf Mülhausen einwirkte: der Mord an den
Hugenotten in der sogenannten Bartholomäusnacht, die
Gründung der Liga auf der katholischen Seite mit dem Herzog
von Guise, der Ruf des Königs Heinrich III. nach den
protestantischen Eidgenossen, die Verbindung der katholischen
Eidgenossen mit Spanien, das sich im Burgund einnistete. Es waren
zugleich die Jahre, da der in Pruntrut residierende Basler
Fürstbischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee die Allianz
mit den katholischen Eidgenossen suchte, das mit Bern und
Zürich verbündete Genf gegen den Herzog von Savoyen
kämpfte und – was heute fast ganz vergessen ist –
das ebenfalls protestantische Strassburg eidgenössisch werden
wollte. 1588 schloss es mit Bern und Zürich einen Bund. Im
Handbuch der Schweizergeschichte von 1980 wundert sich Peter
Stadler, der über dieses eher dunkle Zeitalter schreibt,
darüber, dass die Beziehung von Strassburg zum Land der
Eidgenossen historisch kaum bearbeitet worden ist –
tatsächlich eine nicht gemachte Hausaufgabe. Dasselbe gilt
für die Verbindungen Mülhausens zur Eidgenossenschaft und
zur Nachbarstadt Basel.
Die Verteilung der Wappen am Basler Rathaus ist ein Dokument
dafür. Auf der ursprünglichen Fassade waren nur 11 Wappen
abgebildet, also die achte alten Orte, ergänzt durch Freiburg
und Solothurn, dazu Basel. Beim ersten Umbau des Rathauses von 1606
bis 1611 kamen Biel, Wallis, Graubünden, St. Gallen, Appenzell
und Schaffhausen dazu. Mülhausen blieb im Hinterhof. War es
eine Rücksicht auf die gemeinsame Tagsatzung? Was es
diplomatische Vorsicht vor dem französisch-burgundischen
Einflussbereich? Wenn dereinst eine Auffrischung der Wappen am
Rathaus notwendig wird, sollten wir dafür besorgt sein, dass
das Mülhauser Mühlrad wieder auf die vordere Fassade
gesetzt wird, wo es historisch und protokollarisch und auch ein
wenig nachbarschaftlich hingehört.
Heute ein Sprung ostwärts über die Grenzen des
Dreilandes hinaus ins schwäbisch-württembergische Gebiet
und an den Neckar. Da liegt die alte Reichsstadt Rottweil, deren
Wappen mit einem schwarzen Adler, auf dessen Brust ein Kreuz
prangt, noch im Hof des Basler Rathauses zu sehen ist. Dieses Kreuz
im Rottweiler Wappen taucht nach 1521 auf und ist am ehesten als
ein Passionskreuz zu verstehen, das die Rottweiler Münzen von
denjenigen anderer Städte, die auch einen Adler im Wappen
führten, unterscheiden half. Aber man hat es auch schon als
ein Schweizerkreuz gedeutet. Das ist verständlich, denn
Rottweil gehörte als zugewandter Ort zur alten
Eidgenossenschaft, war demnach eine Schwesterstadt von
Mülhausen.
Kann man sagen, dass, was Mülhausen für Basel,
Rottweil für Schaffhausen war? In gewissem Sinn ja; die neuen,
1501 dem Bund beigetretenen Städte Basel und Schaffhausen
brachten damit Bundesgenossen aus ihrem geografischen Vorfeld mit.
Aber der wesentliche Unterschied liegt wohl darin, dass
Mülhausen, zwischen Sundgau und Elsass gelegen, im Vorfeld der
burgundischen Pforte und umgeben von habsburgischen Stammlanden,
nicht weit vom Rhein und den alten Römerstrassen entfernt,
strategisch eine ganz andere, gefährlichere und interessantere
Schlüsselposition innehatte als das rundum ins alemannische
Gebiet gebettete Rottweil. Zu den zahlreichen und gelegentlich
wechselnden Städtebündnissen des 14. und 15. Jahrhunderts
gehörte auch der Bund Rottweils von 1463 mit den acht alten
Orten der Eidgenossenschaft, der 1477 und 1490 erneuert wurde. Im
Schwabenkrieg – für die Schwaben dem Schweizerkrieg
– konnte es mit Mühe neutral bleiben, aber bei den
burgundischen, später den oberitalienischen Kriegen
kämpften Rottweiler auf der Seite der Eidgenossen mit, bekamen
wie die Mülhauser ein sogenanntes Juliusbanner vom Papst Pius
Julius II. Kaum war Maximilian, der oberste Herr im Reich, der die
eidgenössische Verbindung der Rottweiler mit schrägen
Augen verfolgt hatte, gestorben, schloss Rottweil mit den
unterdessen 13 alten Orten am 6. April 1519 einen ewigen Bund,
dessen Original im Stadtarchiv von Rottweil noch erhalten ist.
Zwischenfrage: Wo blieben die Rottweiler und Mülhauser an
den 700-Jahr-Feiern der Eidgenossenschaft? – Nach der
Französischen Revolution versuchte Johann Baptist von Hofer,
ein Rottweiler Vater des Vaterlandes, den alten Bund erneut zu
beleben; noch auf dem Kongress von Rastatt 1797 vertrat die Schweiz
die Interessen der um den Verlust ihrer Selbständigkeit
bangenden Reichsstadt. 1802 aber ist Schluss, am 8. September wird
Rottweil durch Württemberg okkupiert, am 23. November in
Besitz genommen und am 25. Februar 1803 definitiv Württemberg
zugesprochen. Die längst in voller Auflösung begriffene
Helvetische Republik hatte dazu nichts mehr zu sagen. Immerhin war
Rottweil von 1463 bis zu diesem Datum fast halb so lang
eidgenössische gewesen, wie die Urschweiz 1991 ihren Bund
feiern konnte.
Die kleineren, häufig kurzfristigen Beistandspakte zeigen
deutlich, dass aus eidgenössischer Sicht das im 14.
Jahrhundert zur freien Reichsstadt gewordene Rottweil für
Schaffhausen, St. Gallen, Appenzell ein interessanter Partner war;
in der gesamteidgenössischen Politik dagegen hat es kaum eine
Rolle gespielt. Ist somit das im Basler Rathaushof aufgemalte
Wappen von Rottweil nicht mehr als eine politische Anekdote? Ein
Rottweiler Bürger bleibt für die Basler unvergessen. Sein
Werk ruft Erinnerungen an eine Zeit wach, als Basel und mit ihm das
ganze Elsass durch bedrohliche Zeiten segelte, als neben der
habsburgischen Macht gleich zwei weitere Weltmächte der
damaligen Zeit sichtbar wurden: die burgundischen Herzöge und
der französische König. Es ist zugleich die Konzilszeit,
die Armagnaken verheeren das Elsass, an die Mauer des Friedhofes
bei der Basler Predigerkirche wird der Totentanz gemalt, und die
Pest lässt die Konzilsherren zum Teil panisch aus der Stadt
flüchten. Da taucht in Basel „Conrat Witz von Rotwiler
der moler“ auf, der ein Jahr nach der Armagnakenschlacht im
besten Mannesalter stirbt. Vielleicht hat er auch am Totentanz
gemalt, auf jeden Fall vermitteln seine Bilder den luxuriösen
Glanz der gleissenden Ritterpracht burgundischen Ursprungs aus dem
Herbst des Mittelalters: blanke Rüstungen, kostbarste
Gefässe, edle Textilien, Zierat und Schmuck. Es sind die
burgundischen Ritter im dezenten Schimmer ihrer
Prachtrüstungen, die die Rottweiler selber eine Generation
später auf der Seite der Eidgenossen gegen Karl den
Kühnen bei Grandson und Murten bekämpften. Rottweil macht
mit beim eidgenössischen Söldnerwesen, die Stadt tritt
1521 dem Soldvertrag der Eidgenossen mit dem König von
Frankreich, Franz I., bei, bezieht bis ins Jahr 1620
französische Pensionen.
Der Dreissigjährige Krieg überzieht das formell immer
noch eidgenössische Rottweil mit all dem grauslichen Elend,
unter dem auch das Elsass und die süddeutschen Lande im
Unterschied zur behüteten Eidgenossenschaft so entsetzlich zu
leiden hatten. Von 1100 Steuerpflichtigen zu Anfang des Krieges
bleiben 1666 nur noch 625 übrig. Durchmärsche und
Einquartierungen, Kontributionen und Ausplünderungen verheeren
das Land und entvölkern die Dörfer. Rottweil bittet
vergeblich um eidgenössische Hilfe, es muss sich 1633 dem
Herzog von Württemberg beugen. 1643 erobert es der
französische Marschall Guébriant, kurz danach
fällt Rottweil in kaiserliche Hand. Nach der Einverleibung von
Strassburg durch die französische Krone 1681 wird die
Rottweiler Gegend wiederholt Kriegsschauplatz, im spanischen
Erbfolgekrieg hält dort Prinz Eugen 1713 seine Heerschau gegen
die französischen Truppen. Er setzt die Befestigungen wieder
instand, Rottweil muss dazu 10'000 Jucharten Wald opfern und nicht
weniger als 15''00 Eichen schlagen. Johann Baptist von Hofer kann
die städtischen Angelegenheiten in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts wieder einigermassen in Ordnung bringen, aber dann
kommen die Revolutionskriege, französische Emigranten nisten
sich in Rottweil ein, schliesslich wird die Stadt
württembergisch.
Ins Bild einer jahrringartig um die alten Bünde gewachsenen
Eidgenossenschaft passen die beiden zugewandten Orte Rottweil und
Mülhausen nicht recht. Sie muten an wie Nebentriebe. Aber
unsere Erinnerung ist alles andere als gerecht: Es waren
Eidgenossen, die oft mehr Loyalität aufbrachten, als ihnen die
von Soldverträgen lebende Eidgenossenschaft zukommen
liess.
Seit 1945 schweigen die Waffen im westlichen Europa. (Und wenn
wir heute immer wieder Bilder von kriegerischen
Auseinandersetzungen sehen, ist eines gewiss: ein Krieg in seiner
modernen Version wäre für Europa das Ende von
ungefähr allem.) Man muss sich auf der Skala der
europäischen Geschichtsdaten gehörig herumschieben, um 50
Jahre zu finden, in denen kein Waffenlärm herrschte. Zwischen
dem Ersten und Zweiten Weltkrieg lagen nur 21 Jahre; zwischen dem
Deutsch-Französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg waren es
immerhin 43 Jahre – die Zeitgenossen sagten: eine goldene
Zeit. Weiter zurück gab es jedes Jahrzehnt Kriege: koloniale,
nationale, revolutionäre, Napoleon, Friedrich der Grosse,
Louis XIV., den Dreissigjährigen Krieg, Religionskriege,
Bauernkriege, die Burgunderkriege. Zwischen Basel und Strassburg
wurden durch das späte Mittelalter die zum Teil unendlich
grausamen kleinen Territorialkriege mit brennenden Dörfern,
vergewaltigten Frauen, abgeschlachtetem Vieh ausgetragen. 50 Jahre
lang Frieden, sogar nur kalter Friede, sind – historisch
gesprochen – der seltene Glücksfall.
In diesem Sinn herrschte auch im Breisgau, im Elsass und in der
Basler Gegend, alle zusammengenommen, oft Krieg. Und das für
die Basler bis zur Französischen Revolution friedliche 18.
Jahrhundert zeigte mit der französischen Festung Hüningen
vor den Toren der Stadt ein unmissverständlich kriegerisches
Antlitz. (Heute haben wir Mühe, die Reste dieser
Vauban-Festung bei der Durchfahrt zum Spargelessen überhaupt
noch zu entdecken.) Jeder Krieg ist in seinen Verästelungen,
im ganz persönlichen Leid unüberblickbar und unfassbar.
Seine Zeugnissen sitzt man ratlos gegenüber. Friedensliebe und
Wille zum Frieden aber tun gut daran, sie nicht zu vergessen oder
zu verdrängen.
Er nannte sich German Schleifheim von Sulsfort und wurde
vermutlich 1621 oder 1622 geboren in Gelnhausen, einer kleinen
Reichsstadt an der Strasse von Hanau nach Fulda gelegen. Schon im
Alter von 14 Jahren ist er Pferdejunge oder Offiziersbursche im
kaiserlichen Heer, also auf der Seite der durch Wallenstein
kommandierten Truppen. Nach dem Krieg heiratet er 1649, wird zuerst
Schaffner in einem Dorf des nördlichen Schwarzwaldes, beginnt
zu publizieren. 1667 tritt er in bischöflich-strassburgische
Dienste und wird Schultheiss der kleinen Stadt Renchen, etwa gleich
nahe bei Strassburg wie Offenburg gelegen. Da gibt er nun, noch
nicht 50 Jahre alt, seinen grossen Roman heraus, genannt „Der
abenteuerliche Simplizissimus“. Sein wirklicher Name lautet
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen.
Das Bühnenbild zu diesem Buch liefert der
Dreissigjährige Krieg – ein deutscher und
europäischer Krieg, dessen Verstrickungen, militärische
Bewegungen und Koalitionen noch heute kaum entwirrbar sind. Er
bringt abwechselnd die verschiedensten Teile des Reiches in Unruhe
und Not – Böhmen, Thüringen, Bayern, aber auch den
Oberrhein, das Elsass und den Schwarzwald. Die Schweiz bleibt
ausserhalb, sieht man vom damals fürstbischöflichen Jura
ab. Die europaweit verbreitete Meinung, die Schweiz hätte es
besser, sei eine verschonte Insel, etabliert sich erstmals und
weitet sich zur allgemeinen Vorstellung der Schweiz als eines
besonders glücklichen Landes aus. Wenn wir heute vom
Sonderfall Schweiz reden, so ist das die Fortsetzung eines
Gespräches aus dem 17. Jahrhundert. Bei Grimmelshausen liest
sich das dann so: „Die Eidgenossenschaft als das einzige
Land, darin der liebe Fried noch grünte. (...) Da sah ich
Leute in dem Frieden handeln und wandeln, die Ställe stunden
voll Vieh, die Bauernhöf liefen voll Hühner, die Strassen
wurden sicher von den Reisenden gebraucht, die Wirtshäuser
sassen voll Leute, die sich lustig machten.“
Von Villingen im Schwarzwald aus ist Simplizissimus mit seinem
Herzbruder nach Einsiedeln gewallfahrtet. Im Wald von Forchheim,
also unterhalb von Breisach, hat Simplizissimus mit dem
Strassenräuber Olivier Reisende überfallen und
erschlagen. Sein Herzbruder kämpft mit bei der Verteidigung
des noch von den Kaiserlichen beherrschten Breisach gegen die
Weimarer und Franzosen. Als Soldat oder Marodeur versucht
Simplizissimus baslerische Schiffe auszuplündern. Das vierte
und fünfte Buch dieses grossen Romanes spielen im Dreiland, da
muss auch der sagenhafte Mümmelsee liegen, in dem
Simplizissimus in den Mittelpunkt der Erde taucht, wo alle Meere
zusammenhängend verbunden sind. Als Geschenk bekommt er einen
Stein, der, auf die Erde gelegt, einen Sauerbrunnen erzeugt, also
ein Mineralbad, wie man sie in Südbaden und im Schwarzwald
immer wieder findet.
Der Schelmenroman zeigt also unseren Raum – warum sagen
das die Deutschlehrer nicht? Der Schelmenroman hat einen
blutigroten historischen Hintergrund, der sich um die Tragödie
des belagerten Breisach verdichtet – warum erzählten das
die Geschichtslehrer nicht? Breisach war zu Beginn des
Dreissigjährigen Krieges österreichisch, gehörte zum
Besitz des Erzherzogs Leopold, wurde dann von Bernhard von
Sachsen-Weimar erobert, wurde später die Hauptstadt des jetzt
französisch gewordenen Elsass, fiel erst 1714 im Frieden von
Rastatt an den österreichischen Kaiser Karl VI. zurück.
Der Kampf um Breisach galt schon zu seiner Zeit als die
grauslichste Episode dieses Krieges mit einer Hungersnot, die zum
Kannibalismus führte. Die ständigen Verheerungen im
Breisgau, Elsass, Sundgau liessen das Land veröden, Colmar und
Schlettstadt waren schwedische Garnisonsstädte. Zwischen 5000
und 7000 Leute flohen nach Basel, in dem, bei einer Einwohnerschaft
von unter 10'000 Seelen, unerträgliche Verhältnisse
herrschen mussten. Vermutlich waren sogar die Pestepidemien von
1610/11 und 1629 insofern hilfreich, als ihretwegen wenigstens
genug Wohnraum zur Verfügung stand, Basel also
Flüchtlinge in einer Höhe von mehr als der halben
Einwohnerschaft aufnehmen konnte. War denn immer Krieg? Nein, aber
ein Friede von einem halben Jahrhundert war – und ist –
ein fast unvorstellbar gnädiges Geschenk.
Wo Geschichten zur Geschichte werden, erinnert man sich immer
auch an einzelne Personen, Männer und Frauen. Und wo man sich
an Personen erinnert, die den Glanz, die Konflikte oder die Tragik
einer Epoche besonders deutlich verkörpert, ist man verlockt,
der betreffenden Person ein Denkmal zu errichten. Es gibt
Denkmal-intensive Zeiten – die ersten zwei Drittel des 18.
Jahrhunderts etwa, die Standbilder von zahllosen Fürsten und
Feldherren und Königen aufgestellt haben, oder das letzte
Drittel des 19. Jahrhunderts, wo kaum eine deutsche Stadt auf ihr
Bismarck-Denkmal verzichten mochte.
Das Dreiland am Oberrhein, das politisch kaum je, aber
nachbarschaftlich sehr wohl eine Einheit war, hat es da
naturgemäss schwieriger, es hat keine Königinnen,
Fürsten und Generale im Sinn von Reichsgründern mit
Standbildern zu ehren. Bernhard von Sachsen-Weimar (1604-1639) zum
Beispiel, der aus dem Elsass, dem Breisgau, der Rheinfelder und der
Delsberger Gegend ein Fürstentum zimmern wollte,
reüssierte nicht. Man müsste schon Denkmäler
für geistige Fürsten aufrichten, für Erasmus etwa,
der sich in Basel, in Freiburg, in Strassburg und in Schlettstadt
zuhause fühlte, oder für den im Breisgau geborenen, in
Basel ausgebildeten und in Strassburg wirkenden Jean Daniel
Schoepflin, den Geschichtsschreiber des Elsasses und der
Markgrafschaft. Aber für die Könige des Geistes geben die
Republiken von heute kein Geld aus.
Freilich ist unser Gedächtnis kurz, wir denken in
Jahrzehnten, wenn es hoch kommt in Jahrhunderten. Wie aber, wenn es
um ein Jahrtausend geht? Da taucht aus dem Schatten der Geschichte
im 10. Jahrhundert ein Graf namens Pirihtilo auf, dessen Sohn und
Enkel Birchtilo und dann Bezelin heissen. Schon der nächste
Nachkomme wird historisch fassbarer, er trägt jetzt den Namen
Bertold. Wir finden ihn um 1060 an der Seite des Gegenkönigs
Rudolf von Rheinfelden, des Herzogs von Schwaben, im Jahr 1073 im
Gefolge des Kaiser Heinrichs IV. in Italien. Es ist Bertold von
Zähringen, genannt nach einer Burg im gleichnamigen
nordöstlichen Stadtteil von Freiburg. In die Geschichte geht
er als Bertold I. ein, den eigentlichen Begründer eines
Herrscherhauses, das während mehr als 100 Jahren über den
Breisgau, den Thurgau, Lenzburg, die Reichsvogtei Zürich, aber
auch Teile von Burgund, später sogar der Provence und vor
allem der heutigen Westschweiz gebot. Es ist eine herzogliche
Familie, die den Titel merkwürdigerweise vom Herzogtum
Kärnten führte, dessen Herrschaft sie aber nie antrat.
Ihr heute lebendigster Ruhm besteht darin, dass dieses Haus durch
Konrad 1120 die Stadt Freiburg im Breisgau, durch Bertold IV. die
Stadt Freiburg im Uechtland (um 1157) und durch Bertold V. 1191 die
Stadt Bern gründete. Am 18. Februar 1218 starb Bertold V. ohne
direkte Erben, seine Besitztümer gingen an seine Schwäger
die Grafen von Kiburg und von Urach.
Würden die Schweizer von heute in ihrer Geschichte nach
einem fürstlichen Haus suchen, so böte sich keine Familie
schöner an als die der Zähringer, dieser imposant
geschlossenen Sippe, wo der Sohn dem Vater regelmässig (und
einmal dem Bruder) in der Würde folgte. Sie schlugen auch die
Brücke über den Röstigraben, Schaffhauser,
Zürcher, Berner Oberländer, Walliser und Genfer hatten
denselben Herrn. Aber eben, das war lange vor 1291. Und die
Schweizer hätten dann ein Fürstenhaus, auf das sich auch
Teile des heutigen Burgunds und die Breisgauer berufen
könnten, und dem sich die späteren Markgrafen von Baden
als zugehörig betrachteten. So aber ist, mit Ausnahme von
Burgdorf, Bern und Freiburg (im Uechtland), die schweizerische
Erinnerung an die Zähringer dünn geworden.
Also fahren wir wieder einmal Richtung Freiburg (diesmal im
Breisgau) und nehmen den Weg ins Glottertal. An seinem Ende liegt
am Rand einer Hochebene St. Peter, eine mächtige Barockkirche
aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts mit einem kleinen Dorf
gleichen Namens. Dem fast städtisch anmutenden, wie aus einem
Baukasten konzipierten Dorfplatz gegenüber führt ein
Torbogen in den Vorhof zum einstigen Kloster (heute ein
Priesterseminar), linker Hand erscheint die Kirche als eine steile
Fassade aus rotem Sandstein, durchzogen von waagrechten Risaliten.
Durch die Tür ins Innere: ein heller Raum mit tanzenden
Tonnengewölben, viel Weiss, Deckengemälde in pastosen
Tönen, golden schimmernde Altäre, auf der Empore im
Rücken die mächtige Orgel. Aber dann, vor jeder
Säule, auf denen die Langhausjoche ruhen, auf vorspringende
Piedestale gesetzt, einzelne Figuren, umflattert von wehenden
Mänteln, mit weit ausholenden Gebärden, in den
Händen Schwerter oder Szepter oder Schriftrollen. Sie sind
ganz in Weiss, muten an wie aus Porzellan, aber ein Saum oder ein
blinkendes Schwert ist plötzlich goldig oder silbrig
ausgeschmückt. Sie sind lebensgross, ausgespannt in
dramatische Gesten, mit wallenden Bärten und gespreizten
Fingern: die Herzoge von Zähringen, zwischen 1728 und 1731
gestaltet durch einen jungen Bildhauser namens Josef Anton
Feichtmayer.
Es ist eines der merkwürdigsten Familiendenkmäler,
vermutlich der Welt. Zum einen ist es praktisch komplett, keiner
der Herzoge in der Reihe fehlt. Viele wurden sogar hier begraben,
zum Teil unter dramatischen Umständen. Auch Hermann, der
älteste Sohn Bertolds I., Graf des Breisgaus und Markgraf von
Verona, gestorben 1074, findet sich. Er ging ins Kloster von Cluny
und gilt als ein Stammvater der späteren Grossherzoge von
Baden. Das Denkmal hat einen politischen Charakter, Hans-Otto
Mühleisen sagt es in seinem 1984 neu aufgelegten
Kunstführer: „Die Zähringer stehen hier mit
deutlich politischer Absicht als Stützen der von ihnen im
Mittelalter dem Kloster gewährten Rechte und gegen die
Ansprüche des Wiener Kaiserhauses, das eben diese
einschränkten wollte.“ Also die Zähringer im
Gegensatz zu den Habsburgern! Phantastisch ist zudem die
Vorstellung, dass dieses Denkmal mehr als 500 Jahre nach dem
Aussterben der Zähringer errichtet wurde, da hat sich die
historische Erinnerung einen riesigen Sprung geleistet.
Die Schweizer haben 1991 700 Jahre Eidgenossenschaft gefeiert.
Der Bund von 1291 hat mit neun Zehnteln des heutigen Gebietes der
Schweiz gar nichts zu tun. Wenn wir aber 1000 Jahre Schweiz feiern
wollten, so gäbe es ein herzogliches Haus, das vor 1000 Jahren
von Genf bis Schaffhausen, vom Wallis bis über Basel hinaus in
der heutigen Schweiz herrschte und residierte, Deutsch und Welsch
zusammenführte uns sogar die jetzige Hauptstadt der Schweiz
gründete. Vielleicht ist wirklich unsere geschichtliche
Erinnerung völlig falsch gewickelt, und es dürften die
Schweizer ihre wirkliche Wiege im Dreiland am Oberrhein suchen.
Im Mai 1679 plante ihre Allerchristlichste Majestät, der
französische König Ludwig XIV., eine Reise von Calais bis
nach Dôle in der Freigrafschaft Burgund. Durch den Frieden
von Nimwegen hatte er ja von den Niederlanden bis in das
früher spanische Gebiet der Freigrafschaft die
französischen Grenzen abgerundet, auch das Elsass hatte ihm
mit seinen zehn Reichsstädten den Treueeid leisten
müssen. Ihm fehlte nur noch Strassburg. Dumm war lediglich,
dass der Kurfürst von Brandenburg diesem europäischen
Friedensschluss noch nicht beitreten wollte, also verschob der
König seine Reise und schickte an seiner Stelle den Minister
Louvois auf die Fahrt. Und dieser schrieb dann an den Festungsbauer
Vauban, dass der König das definitiv in seinen Besitz
übergegangene Hüningen unterhalb von Basel zu befestigen
wünsche.
Eine Bedrohung der Basler und Schweizer? Louvois dachte nicht
offensiv, sondern defensiv. Er wollte nicht, dass
österreichische Truppen, von Rheinfelden kommend, an Basel
vorbei über Hüningen Richtung burgundische Pforte
vordringen könnten. In seinen Instruktionen stand sogar
ausdrücklich zu lesen, dass man diese Festung, die bis jetzt
nur aus einer Erdschanze bestanden hatte, nicht gegen die Schweizer
baue, mit denen der König auf keinen Fall einen Konflikt
riskieren wolle. Hüningen war vielmehr ein strategischer Punkt
zwischen Frankreich und dem im Breisgau sowie Fricktal
präsenten Österreich; 1633 hatten kaiserliche Truppen
dort schon eine Schanze aufgeworfen. Ein wenig gedachten die
Franzosen die Basler aber doch zu ärgern, ein
französischer Intendant des Elsasses namens Colbert schrieb,
dass Stadt und Kanton Basel dank einer solchen Festung etwas
sanfter und gemässigter würden, als sie sich gelegentlich
aufzuführen pflegten.
Vauban hatte Terminschwierigkeiten; Louvois war am 10. Juni 1679
allein in Hüningen angekommen, wo er die bestehenden
militärischen Anlagen besichtigte. Diese waren in einem
üblen Zustand. Am 14. August war dann auch Vauban in
Hüningen anwesend und untersuchte mit seinem Ingenieur Tarade
die ganze Gegend. Zuerst war von einer gewissen Garnison von nur
700 Mann die Rede gewesen, jetzt sprach Vauban plötzlich von
2500 Mann Infanterie und 500 Reitern. Zwei Standorte standen zur
Diskussion, Vauban entschied sich für den näher am Rhein
gelegenen. Denn es sollte die Festung den Schiffsverkehr von Basel
aus beherrschen können. Und warum nicht sozusagen in einem
Streich auch die sogenannte Schusterinsel und das rechte Rheinufer
in das Festungswerk einbeziehen? Der französische König
müsste lediglich bereit sein, dem Markgrafen von Baden das
entsprechende Stück Land gegenüber abzukaufen. Und mit
den Baslern würde man insofern fertig, als man ihnen reiche
Geschäfte für den Bau, den Unterhalt und die Verpflegung
in Aussicht stellte. Ende Oktober war die Festung schon im Bau, der
Marquis de Puyzieux war zu ihrem Gouverneur bestimmt worden. Basler
Händler und Handwerker wurden fleissige Zulieferanten, der
Basler Rat bat nur darum, dass das in aller Stille geschehen
möge. Denn was da entstand, sah für die Stadt am Rand der
Eidgenossenschaft ziemlich bedrohlich aus. In den Augen Vaubans war
Hüningen zwar nur eine kleine Festung; für die an die
Ausmasse des Spalentors gewohnten Basler aber war die Fortifikation
mit ihren bis zu acht Meter hohen Wällen ein Monstrum.
Am 26. August 1681 konnte man die Festung einweihen. Am 8.
Oktober war seine Allerchristlichste Majestät Ludwig XIV. in
Ensisheim, wo er den Deputierten sämtlicher Kantone huldreich
die Hand reichte. Zwei Tage später war er
höchstpersönlich in Hüningen, inspizierte alles, und
wiederum wünschten ihm die eidgenössischen Gesandten
Glück. (Der Basler Stadtschreiber Peter Ochs notierte aus den
Akten die Geldgeschenke und hielt unerbittlich fest, wer sie in die
eigene Tasche steckte und wer sie den Armen oder an die
Schüler auf Burg weitergab.)
Aus diesem Austausch von Komplimenten darf man freilich nicht
schliessen, dass die Schweizer den Bau der Festung Hüningen
einfach hingenommen hätten. Die Tagsatzung und der Vorort
Zürich versuchten alles nur Menschenmögliche, dieses
Vorhaben diplomatisch zu verhindern, erstaunlicherweise von Basel
nur schwach unterstützt. Denn für Basel – sagen wir
es krass – war diese militärische Anlage zwar bedrohlich
wie für keinen andern Ort, aber zugleich war sie ein
hübsches Geschäft. Die Festung, die der König
besucht hatte, war nur ein Anfang; zwischen 1684 und 1687 kam die
Rheinbrücke auf die Schusterinsel dazu, von der der obere
Zipfel zu Basel gehörte, und dann folgte der Schritt von der
Schusterinsel, die früher Frauenwörth, dann
Kälberinsel geheissen hatte, auf das rechte Rheinufer und also
auf markgräfliches Gebiet. Diesmal reagierte auch Basel
empfindlicher, denn diese Ausdehnung der Festung auf beide Seiten
kam tatsächlich, um in der Sprache des bayrischen Gesandten
bei der Tagsatzung zu reden, dem Aufsetzen einer Brille auf die
Basler Nase gleich. Frankreich konnte nun den Schiffsverkehr von
den Waldstädten über Basel rheinabwärts nach
Belieben kontrollieren. Aber der Markgraf von Baden selber
protestierte kaum, und auch der Reichstag in Regensburg fand sich
zu keiner einheitlichen Aktion gegen den französischen
König zusammen.
In den Vorstellungen der französischen Intendanten für
das Elsass und des Gouverneurs hätte sich Hüningen
innerhalb der Festung mit einem eigenen Leben füllen sollen.
Es war ja eine neue Ortschaft, das alte Hüningen hatte mitsamt
seinen zum Teil den Baslern gehörenden Häusern abgerissen
werden müssen. Und die alten Hüninger waren weiter aussen
neu angesiedelt worden, in einem Neudorf, wie der Name sagte. Aber
1684 gab es in Hüningen erst zwölf
Bürgerhäuser. Der offiziell eingerichtete Markt kam nie
richtig in Schwung, weil die Bauern den Basler Markt unendlich
attraktiver fanden. Zudem zeigte sich jetzt, dass die Soldaten in
der Festung von der Grenznähe auf ihre Weise zu profitieren
begannen: Deserteure schlüpften nach Basel, wo man ihnen
„Unterschlauff“ gab, das heisst sie vor der Obrigkeit
verbarg.
Im Krieg zwischen Ludwig XIV. und dem Reich von 1688-1698 blieb
Hüningen militärisch weitgehend verschont. Das
Festungsstädtchen nahm eine bescheidene Entwicklung, 1697
wohnten rund 500 Personen in Hüningen, jetzt auf gegen 80
kleine Häuser verteilt. Aber es waren arme Leute, „de
miserables gens pour la pluspart“. Frankreich war, im
Unterschied zur Zeit vor zehn Jahren, militärisch in arge
Bedrängnis geraten, der Friede von Ryswick zwischen der
französischen Krone und dem Kaiser und Reich enthielt als eine
Bestimmung den Abbruch des Vorwerks auf dem rechten Rheinufer. Die
stille Hoffnung der Basler, die ganze Festung abreissen zu
können, erfüllte sich nicht; der Brille fehlte zwar, von
Basel aus gesehen, der rechte Bügel, aber sie blieb auf der
Nase sitzen. So blieb es durch das ganze 18. Jahrhundert und bis
zum Zusammenbruch des napoleonischen Kaiserreiches, aber das ist
eine andere Geschichte.
Guillaume Platt, ein junger Historiker aus Hüningen, hat
die Akten so sorgfältig zusammengetragen, und Lucien Kiechel
hat ein so gut dokumentiertes Buch darüber verfasst, dass man
für einmal von einer wohlgemachten Hausaufgabe sprechen
darf.
Welches Fürstenhaus residierte über Jahrhunderte nicht
nur in Basel, sondern regierte sein Fürstentum in Krisenzeiten
gelegentlich von Basel aus? Es sind die badischen Markgrafen.
Markgräflerland, Markgräflerwein, Markgräflerreben
und Leute aus der Markgrafschaft – sie gehörten in
früheren Epochen enger und intimer zu Basel, als es die Zeit
seit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts vermuten
lässt. Jacob Burckhardt, der bekannteste Basler Professor,
spazierte noch zu Fuss zum Hirschen in Lörrach oder zur Krone
in Grenzach, und die badischen Grossherzoge gefielen ihm besser als
Bismarck.
Für die obere Markgrafschaft, die alte
Hachberg-Sausenbergische Herrschaft mit der Landvogtei Röteln,
war Basel seit jeher „die Stadt“, ein
selbstverständliches Zentrum, mit dem man sich politisch,
wirtschaftlich und auch familiär zu verbinden trachtete. Das
beginnt früh. Die Tochter des Walter III. von Klingen, des
Gründers des Klingentalklosters, namens Clara verheiratete
sich zur Zeit Rudolfs von Habsburg, also in der zweiten Hälfte
des 13. Jahrhunderts, mit einem Markgrafen. Ihr Grab im
Klingentalkloster kennen wir noch von Zeichnungen Emanuel
Büchels aus dem 18. Jahrhundert. Feststeht auf jeden Fall,
dass 1376 und 1379 der Markgraf, wahrscheinlich Rudolf III.,
verheiratet mit der Erbtochter der Herrschaft von Röteln, in
der Basler Augustinergasse, damals Spiegelgasse genannt, zwei
Häuser kaufte (Nr. 17 und 19). Es war mehr als ein
Pied-à-terre für den Markgrafen; hier sassen noch im
15. Jahrhundert die Richter des Markgrafen zu Gericht, um Klagen zu
beurteilen, die die Stadtbürger gegen Markgräfler
vorbrachten. Sebastian Brant, ebenfalls ein Bewohner dieser Gasse,
hatte kurz vor 1499 dieses Amt inne. 1522 verkaufte Markgraf Ernst
diese beiden Liegenschaften an die Artistenfakultät der
Universität. Das war der erste Markgräflerhof in Basel,
auch wenn er heute den (späteren) Namen
„Augustinerhof“ führt.
Der zweite Markgräflerhof in Basel geht auf den Markgrafen
Friedrich V. zurück, der 1639 – wir sind in den
schlimmen Zeiten des Dreissigjährigen Krieges – die
heutigen Liegenschaften Rheinsprung 24 und Martinsgasse 9-15
kaufte. Er erwarb sie von den Edlen von Hagenbach, verkaufte sie
aber schon 1686 an die Handelsleute Hans Georg und Peter Ochs
weiter, weil er zuviel Ärger mit alten Pfandbriefen hatte.
Dafür behielten diese Häuser den Namen „Alter
Markgräflerhof“.
Es gab noch einen weiteren Grund für diese kurze
Besitzdauer. Denn unterdessen hatten die Basler Pläne der
Markgrafen eine andere und wesentlich grössere Dimension
angenommen. Der Dreissigjährige Krieg und die Einverleibung
des Elsasses in Frankreich mochten es dem Markgrafen Friedrich V.
von Baden-Durlach ratsam erscheinen lassen, in Basel über
Liegenschaften verfügen zu können, die in Notzeiten
geeignet waren, nicht nur die Familie, sondern auch einen Teil der
Verwaltung aufzunehmen. Er kaufte 1648 in der Neuen Vorstadt (heute
Hebelstrasse) den Bärenfelser- und Eptingerhof, sein Sohn
Friedrich Magnus arrondierte den Besitz 1692 durch den Kauf des
Brandtmüllerhofes. Damit waren die Markgrafen zu einem der
grössten Grundbesitzer im Geviert Neue
Vorstadt-Petersgraben-Lottergasse (heute Spitalstrasse) geworden
und verfügten über ausgedehnte Gärten,
wahrscheinlich sogar mit Reben. Gab es gar einen linksrheinischen
Basler Markgräflerwein?
„Burgvogtei“ ist in Basel ein noch immer
herumgeisternder Liegenschaftsname, er wird am ehesten mit der
Arbeiterbewegung in Verbindung gebracht. Aber er stammt aus ganz
anderen Zusammenhängen. Im Niederländischen Krieg von
Louis XIV. war 1678 das Rötler Schloss zerstört worden,
das dort residierende Oberamt hatte seinen Sitz nach Lörrach
verlegen müssen. Zehn Jahre später begann der
Pfälzische Erbfolgekrieg, und wieder wütete
französisches Militär in Baden. Man musste auch für
die eigentliche Verwaltung einen Ausweichort im sicheren Basel
suchen. An der Rebgasse war der frühere Hof des Klosters
Wettingen zu kaufen, im Auftrag der markgräflichen Regierung
erwarb ihn 1686 der badische Rat und Landvogt Reinhard von
Gemmingen zur Verfügung der Burgvogtei Röteln. Sie blieb
in deren Besitz bis ins Jahr 1798, da die Burgvogtei in das
Eigentum eines Basler Eisenhändlers und Gerichtsherrn
überging.
Runde 100 Jahre vorher, nämlich 1688 sehen wir den Einzug
des Markgrafen Friedrich Magnus mit seiner Gattin Augusta Maria,
geborene Holstein-Gottorp, samt Kindern auf der Flucht vor
französischem Militär in die neu erworbenen
Liegenschaften an der Neuen Vorstadt. 1697 fanden im
zünftisch-bürgerlichen Basel wahrhaft fürstliche
Festlichkeiten statt: Erbprinz Karl Wilhelm von Baden heiratete
Magdalena Wilhelmine von Württemberg, und Eberhard Ludwig von
Württemberg heiratete Johanna Elisabeth von Baden – eine
Doppelhochzeit zweier Geschwisterpaare. Aber kurz bevor der Vater,
Markgraf Friedrich Magnus, nach dem Frieden von Rijswijk ganz
offiziell aus dem Basler Exil wieder in seine badischen Länder
zurückkehren wollte, brannten seine Basler Häuser in der
Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1698 nieder, er musste im
Nachthemd ins benachbarte Petersstift flüchten.
Friedrich Magnus schritt sofort zur Tat: An Stelle der alten
Höfe sollte ein eigentlicher Schlossbau entstehen. Es waren
Hüninger Fachleute, Bauunternehmer Augé und Ingenieur
Risse, die mit den ersten Arbeiten beauftragt wurden. (Der Bau der
Festung Hüningen hatte ein erhebliches bautechnisches Know-how
an diesen Platz gezogen.) Baumaterialien kamen zum Teil aus der
Markgrafschaft, für die spätere Bauführung und den
Innenausbau kamen auch Basler zum Zug. Der Markgraf drückte
aufs Tempo, Anfang 1705 konnte er erstmals im neuen
markgräflichen Palais Zimmer beziehen. Als eigentlicher
Architekt kann der Hüninger Unternehmer Augé nicht
bezeichnet werden, da die Pläne mit wenigen Abweichungen einer
Publikation des französischen Architekten Augustin Charles
Daviler entnommen sind.
Friedrich Magnus konnte sich seines Besitzes nicht lange freuen,
er starb 1709; dafür residierte sein Nachfolger Karl Wilhelm
gern und oft in Basel. Er benützte den Palast im dubiosen Sinn
auch als Absteige – 1720 führte er „drei Kutschen
Weibervolk mit sich, welches sich sehr skandalös
benahm“. Er arrondierte weiter und baute im Westen eine
zusätzlichen Flügel an; fürstliche Verwandte auf der
Durchreise waren gern gesehene Gäste. Er war der letzte
Markgraf, der auf diese Weise in Basel Hof hielt. Sein Enkel und
Nachfolger Karl Friedrich übernachtete zwar noch dort, aber
vorher musste der als Schlossverwalter fungierende Rat Herbster die
skandalösen Porträts, an denen sich Karl Wilhelm
verlustiert hatte, abhängen. Archivbestände, Bücher
und Kunstgegenstände wurden im letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts sukzessive nach Karlsruhe überführt; in den
Revolutionskriegen musste das grosse Haus für
militärische Einquartierungen herhalten. Endlich übernahm
in der napoleonischen Zeit, nämlich 1807, die Stadt Basel das
Gebäude für wenig Geld und richtete es für die
Zwecke des Bürgerspitals her.
Wenn das heutige Kantonsspital seine Patienten, Schwestern,
Pfleger und Ärzte mit einem ungewöhnlich schönen
Garten verwöhnen kann, dankt es das der Grosszügigkeit
und Weitsicht des badischen Markgrafen.
Dörfer, deren Namen auf –ingen enden, sind –
darüber ist man sich einige – alemannischen Ursprungs.
Sie gehen somit bis in die erste Hälfte des ersten
Jahrtausends zurück. Am Oberrhein gegen Basel zu finden wir
–ingen-Dörfer auf beiden Seiten des Rheins:
Hüningen, Häsingen, Zaessingen, Koetzingen auf dem linken
Ufer, Tüllingen, Ötlingen, Haltingen, Efringen,
Eimeldingen etc. auf der rechten Seite. Sind sie ein Zeichen
dafür, dass die Alemannen dieses Gebiet von Anfang an als eine
Übergangszone verstanden und besiedelten?
Sollte also auch das Basel unmittelbar benachbarte und an seine
Hafenanlagen anschliessende Friedlingen auf einen alemannischen
Fried oder Friedel zurückgehen? Es wäre ein Irrtum
über rund 1000 Jahre. Der um die letzte Jahrhundertwende in
Hüningen wohnende Karl Tschamber, dem wir auch die Geschichte
der Stadt und ehemaligen Festung Hüningen verdanken, hat 1900
im Selbstverlag als einen „Beitrag zur Geschichte der
Ödungen im badischen Lande“ eine Monografie über
Friedlingen und (das heute nicht mehr existierende) Hiltelingen
verfasst und erstmals die erwünschte historische Ordnung
geschaffen.
Das auf dem Tüllingerhügel gelegene Dorf Ötlingen
hatte einst so etwas wie einen Namensvetter, ein westlich unter dem
heutigen Bahnhof Weil am Rhein in der Ebene gelegenes Weiherschloss
mit dem Namen Ötlikon, auch Öttelichon oder Ötliken
genannt. Es gehörte zur Herrschaft Röteln. Der letzte
dieses Geschlechtes vermachte seinem Vetter, dem Markgrafen von
Sausenberg, 1315 alle seine Schlösser, Dörfer, Land,
Leute und Güter, darunter das Schloss Ötlikon. Es fiel
dann, als 1503 auch die Sausenberger ausstarben, an den Markgrafen
Christof I. von Baden. Von ihm gingen die Besitztümer der
baden-durchlachschen Linie mit denjenigen der
hachberg-sausenbergischen Linie und der Herrschaft Röteln auf
den Markgrafen Friedrich I. über, der im Dreissigjährigen
Krieg auf protestantischer Seite (mit den Schweden und Franzosen)
gekämpft hatte und dank dem Frieden von 1648 in Münster
und Osnarbrück seine Herrschaften wieder uneingeschränkt
übernehmen konnte. Er war es, der im Jahr des
Friedensschlusses und aus Dankbarkeit für diesen das Schloss
Ötlikon Friedlingen taufte und es zudem in den Rang einer
markgräflichen Residenz erhob.
Dieses Friedlingen, das nördlicher als der heute zu Weil am
Rhein gehörende Stadtteil Friedlingen lag, war kaum mehr als
das Schloss mit einem kleinen Weiler daneben. Neben den Beamten und
Bediensteten des markgräflichen Hofes beschäftigten sich
dessen Bewohner mit Landwirtschaft, Vieh- und Schafzucht. Es gab zu
Anfang des 17. Jahrhunderts gewerbetreibende Knopfmacher,
Strumpfweber, Bürstenbinder, Bandweber, einen Bäcker und
drei Wirte, aber keinen Metzger. Das Schloss selber war praktisch
eine Ruine, der Markgraf Friedrich, der schon 1649 starb, musste es
von Grund auf neu bauen. Sein berühmter Enkel Friedrich III.,
genannt Friedrich Magnus, verbrachte dort 1670 die Flitterwochen
mit seiner Frau, der Prinzessin Augusta Maria von Holstein-Gottorp.
Von einer Beschreibung aus dem Jahr 1698 können wir uns ein
Bild des Gebäudes machen. Es war ein Weiherschloss,
ähnlich wie Bottmingen oder Inzlingen, zählte drei Etagen
mit nicht weniger als 42 Zimmern, zwei Türme flankierten den
Bau auf der Nordseite.
Aber der Friede, den das neue Friedlingen geniessen konnte, war
von kurzer Dauer. Im sogenannten Niederländischen Krieg
(1672-78) überzog Louis XIV. auch den Oberrhein mit
militärischen Aktionen, eigentlichen Raub- und
Einschüchterungszügen. 1677 fiel Freiburg in
französische Hand; Marschall Créqui, die Generäle
Boufflers und Montclar wüteten durchs ganze Oberland, eine
Reihe von Schlössern – Hiltelingen, Röteln,
Badenweiler, Sausenberg, Rombach und die Hochburg – wurden
gestürmt und zerstört. Der französische Kommandant
Syffredy legte 200 Mann ins Schloss Friedlingen, holzte
sämtliche Obstbäume ab, schlug die Eichbäume im Wald
zwischen Kleinhüningen und Basel, demolierte die Häuser
des Weilers und zündete die Stallungen an.
Der Friede von Nimwegen setzte dem Elend für kurze Zeit ein
Ende, Markgraf Friedrich liess das Schloss Friedlingen wieder
instandstellen. Aber dann brach der Pfälzische Krieg aus, in
dem Heidelberg zerstört wurde, es folgte der Spanische
Erbfolgekrieg, der den sanften Namen Friedlingen als denjenigen
eines Kriegsschauplatzes in Deutschland und Frankreich bekannt
machte. Gegenüber standen sich auf der Kommandoebene der
Marquis de Villars und der Prinz Ludwig-Wilhelm aus der
baden-badischen Linie. Und wer siegte? Militärisch keiner von
beiden: Die Verbindung der Franzosen mit den sympathisierenden
bayerischen Truppen wurde wohl verhindert, aber die Präsenz
Frankreichs am Oberrhein auf der rechten Seite blieb bedrohlich;
die Festung Hüningen, von der aus das französische
Militär über die Schiffsbrücke nach Friedlingen
gezogen war, wurde – zum Schrecken der Basler – weiter
ausgebaut. Die Verluste auf kaiserlich-badischer Seite sollen 1600
Mann, auf französischer Seite 170 Mann ohne die Verwundeten
gezählt haben; das Schloss lag einmal mehr mitten im
Kampfplatz und wurde erneut so beschädigt, dass die
markgräfliche Verwaltung 1750 den ganzen Besitz verkaufte. Ein
Basler, vermutlich Hieronymus Wieland, übernahm das Gut mit
seiner Schlossruine in der Mitte.
Karl Tschamber verdanken wir es, dass die Erinnerung an ein noch
ganz anderes Schloss Friedlingen nicht völlig verloren ging.
Denn 1717 beabsichtigte der badisch-durlachsche Markgraf Karl
Wilhelm, der von 1709 bis 1738 regierte, oberhalb des alten
Schlosses ein neues Lustschloss zu errichten, das, wäre es
ausgeführt worden, nicht weniger als fünf gegeneinander
versetzte Baukörper mit zwei Wachhäuschen links und
rechts umfasst hätte – eine Anlage von gegen 200 Meter
Breite und einer ungewöhnlichen Monumentalität. Es
stünde heute auf der nach dem späteren Grossherzog
Leopold genannten Leopoldshöhe und hätte mit seinen
parallel zum Rhein auseinandergezogenen Gebäudeteilen in einer
eleganten Arroganz auf die zusammengepferchte Festungsstadt
Hüningen herabgeblickt. Die Pläne waren fertig, das
Projekt wurde sogar gerechnet, nur fehlte am Schluss in der
markgräflichen Kasse das Geld. Ohne Zweifel hätte es
wieder den Namen Friedlingen getragen.
Das neue Friedlingen aber, heute ein Stadtteil von Weil am
Rhein, entstand im wesentlichen erst im 19. Jahrhundert als
unmittelbarer Nachbar zu Kleinhüningen. Es ist eine Stadt der
Eisenbahner und Spediteure geworden, die lebendigste
ausländische Vorstadt von Basel, und an Stelle eines Schlosses
streben jetzt Industrie- und Verwaltungsbauten über die alten
Dächer.
Es gibt auch Erinnerungen, die wie verbleichte Schriften kaum
mehr zu entziffern sind. Das Jahr 1291 wurde in Basel sicher nicht
als ein Schicksalsjahr wegen des Bundes Urkantone empfunden,
sondern es war ein Jahr der Trauer. Der einstige Feind und
spätere Freund der Stadt, König Rudolf von Habsburg, war
gestorben. Für Basler, Elsässer und Breisgauer ist
Österreich heute ein dem Balkan benachbartes Land, an der
Grenze zu Tschechen, Ungarn, Slowenen und Kroaten gelegen.
Verschwunden ist weitgehend die Erinnerung, dass Basel über
viele Jahrhunderte von habsburgischen Herrschaftsbereichen fast
ganz umgeben war, dass die Stammlande der Habsburger im Elsass
lagen, dass das Fricktal und Südbaden
vorderösterreichische Lande waren. Nur am Stadttor von
Rheinfelden prangt noch das österreichische Wappen. Der
österreichische Gesandte bei der alten Eidgenossenschaft
residierte in Basel, noch in der Zeit unmittelbar vor der
Revolution war er gesellschaftlich ins Basler Stadtleben
integriert. Und vor dem Dreissigjährigen Krieg war das heute
still vor sich hinschlummernde Ensisheim zwischen Mülhausen
und Colmar das von farbigem Leben erfüllte Zentrum der
habsburgischen Reichsvogtei und Verwaltung.
Der Rückzug der Habsburger aus ihren vorderen Landen
– gemeint ist das Dreiland am Oberrhein – vollzog sich
in Etappen und über die Jahrhunderte hin. Mit dem Ende des
Dreissigjährigen Krieges ging die elsässische
Reichsvogtei verloren, Frankreich rückte an den Rhein vor. Die
Kriege Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. richteten Zerstörungen im
Breisgau und Schwarzwald an, Freiburg war zeitweise
französisch. Konfessionelle Gegensätze aus der
Reformationszeit überlagerten sich mit politischen
Gegensätzen: Die obere Markgrafschaft war reformiert, die
kaiserlichen Territorien im Breisgau und Schwarzwald waren
katholisch. Ein Kloster wie St. Blasien, das von einem
Fürstabt regiert wurde, war somit
österreichisch-kaiserlich und habsburgisch gesinnt.
Wo fürstliche Häupter begraben wurden, hatte in
früheren Zeiten für die Menschen eine tiefe Bedeutung.
Die Vorstellung, dass regierende Häupter und ihre Familien an
Orten ruhten, die die Bande zu diesen Herrschaftshäusern
zerschnitten hatten, störte die Leute. Herrschende Familien
sollten auch im Tod eine Heimat haben. Darum war die Vorstellung,
dass einzelne Habsburger in den eidgenössischen Basel und
Königsfelden begraben bleiben sollten, unangenehm – das
war unterdessen so etwas wie feindliches Land.
Für unser heutiges Empfinden sind das merkwürdige
Sorgen. Sie muten eher mittelalterlich an. Aber nun sind wir im
Jahr 1770, also schon im Zeitalter der fortgeschrittenen
Aufklärung und in den Jahren, da der junge Goethe seine
Schweizerreise plante. Da wurde in St. Blasien eine prächtige
Schrift von 38 grossformatigen Seiten gedruckt, die folgenden Titel
trug: „Feyerliche Uebersetzung der Kaiserlich Königlich
auch Herzoglich-Österreichischen Höchsten Leichen aus
Ihren Grabstätten Basel und Königsfelden in der Schweiz
nach dem Fürstlichen Stift St. Blasien auf dem Schwarzwald den
14. Wintermonates 1770“. (Siegfried Bühler vom
Rötler Archiv hat sie mir gezeigt.) Der Bericht umfasst eine
detaillierte Schilderung, wie und durch wen diese habsburgischen
Familienmitglieder aus dem späten 13. Und 14. Jahrhundert in
Basel und Königsfelden aus ihren Gräbern herausgenommen
und dann nach St. Blasien überführt wurden. Er
verzeichnet biografische Daten für jede einzelne und jeden
einzelnen dieser Toten, reproduziert auch die in den Gräbern
gefundenen Bleitafeln und gibt im abschliessenden Teil die Predigt
oder besser Grabrede wieder, die ein nicht weiter genanntes
Mitglied des Kapitulars hielt. Wir erfahren, wer der Promotor
dieser Leichenumbettung war, nämlich Fürstabt Martin II.,
der sich um den Wiederaufbau der vor kurzem abgebrannten
Stiftskirche besonders verdient gemacht hatte. Mit der
Überführung dieser Leichen bekam die neu erbaute
Stiftskirche St. Blasien auch eine Art höhere Würde und
Weihe.
Der ganze Vorgang ist von einer erstaunlich zeremoniellen
Umständlichkeit altväterischer Natur. Man realisiert beim
Lesen des gedruckten Textes plötzlich, wie im gleichen Jahr
1770 die Zeit sozusagen auf zwei verschiedenen Ebenen lief. In
Basel quält sich Isaak Iselin mit naturrechtlichen Postulaten,
in Strassburg studiert Goethe die Gotik, erfährt seine erste
grosse Liebe, das Zeitalter des Sturms und Drangs zeichnet sich ab,
in Zürich werden heftige literarische Auseinandersetzungen
geführt – aber im waldigen St. Blasien laufen die Uhren
noch im Takt der Kaiserin Maria Theresia. Man führt sich
allerdurchlauchtigst und kaiserlich-erzherzoglich auf.
Ein komplexer diplomatischer Apparat musste in Bewegung gesetzt
werden. Zuerst war das Einverständnis des Wiener Hofes
einzuholen. Dann musste der österreichische Resident bei der
Eidgenossenschaft, Herr von Nagel, zuerst in Bern vorsprechen, da
das Kloster Königsfelden mit insgesamt zehn damals schon gegen
400 Jahre alten Leichen unter Berner Herrschaft stand. Dann nahm
sich Herr von Nagel auch die Basler vor, die im Münster
über drei Leichen verfügten, nämlich die zweite
Gattin König Rudolfs mit dem Namen Anna und ihren beiden
Söhnen Hartmann und Karl. Die Basler Ratsdelegation bestand
aus den Herren Raillard, Passavant, Rosenburger und Daniel
Bruckner, dazu kamen als Ärzte Johann Heinrich Respinger und
Johann Jakob Thurneysen. Nachdem man im Kloster Töss im
Thurgau trotz der Hilfe von Jakob Breitinger keine illustre Leiche
mehr entdeckt hatte, wurden die zum Teil mumifizierten Toten zuerst
alle in Klingnau gesammelt. Unterdessen bestimmte der Hof zu Wien
den Vorösterreichischen Regierungs- und Kammerrat Freiherren
von Wittenbach als Hofkommissar, der für die
Überführung der Leichen von Klingnau nach Waldshut und
für die Übergabe an Herrn von Nagel verantwortlich war.
In Waldshut wurden sie dann von den Stiftsleuten übernommen.
In einem in allen Einzelheiten beschriebenen Trauerzug brachte man
insgesamt 13 Leichen schliesslich nach St. Blasien, wo sie in einer
speziell eingerichteten (und im Bericht abgebildeten) Gruft
beigesetzt wurden.
Die höchstrangige Leiche war ohne Zweifel Anna, die Gattin
des Königs Rudolf. Ihr Basler Grabmal war im grossen Erdbeben
zerstört, dann aber wieder eingerichtet worden. Natürlich
war jedermann brennend interessiert, seiner Eröffnung
beizuwohnen. Der Bericht sagt, dass sich die Gebeine der
Königin nicht nur in guter Ordnung befanden, „sondern
auch noch gröstentheils mit einander verbunden, und mit einer
braunen Haut, die der Balsamirung zuzuschreiben ist,
überzogen. Das Haupt, dessen Mund noch mit einigen weissen
Stockzähnen versehen ware, ruhete auf einem grünen
Polster.“ Der naturwissenschaftlich interessierte
d’Annone vermass die Leiche sogleich, der Bericht vermerkt
aber auch, dass von den Beigaben nichts mehr zu finden war. Und das
Söhnchen Karl zeigte erst zwei winzige Zähnchen, die
Ärzte schätzten sein Alter auf drei Monate.
Somit sind die habsburgischen Gräber in Basel seit
über 200 Jahren leer, und Anna ruht mir ihren Söhnen
nicht mehr in feindlichem und ketzerischem Boden.
Bevor Luthers Bibelübersetzung im deutschen Sprachraum des
16. Jahrhunderts in einer allen Lesern verständlichen Sprache
erschien, waren regional abgewandelte deutsche Idiome gang und
gäbe. Die Abstufungen zwischen eigentlichen Dialekten,
angenäherten regionalen Sprachformen und höfischen
Kanzleisprachen waren noch kaum definiert. Es brauchte zuerst die
Arbeit der deutschen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts mit ihren
Theaterstücken und Romanen, dann im 18. Jahrhundert diejenigen
der Literaten und Gelehrten, um Schritt für Schritt eine
eigentliche, für den ganzen Sprachraum verbindliche
Hochsprache zu schaffen. Das ging nicht ohne zum Teil heftige
Auseinandersetzungen, die ihren Grund auch darin hatten, dass es
– anders als in Frankreich – kein den ganzen Sprachraum
dominierendes Zentrum gab.
Die Schweizer, die sich militärpolitisch 1499 vom Reich
distanziert hatten und deren Reichsunabhängigkeit 1648
völkerrechtlich anerkannt worden war, hatten noch ein
besonderes Problem insofern, als der Unterschied des gesprochenen
Alemannischen zur schriftdeutschen Hochsprache immer
offensichtlicher wurde. Alemannisch sprach man, Hochdeutsch schrieb
man. Ein sehr gebildeter Mann wie der Rektor des Basler Gymnasiums,
Thomas Platter, beachtete in seinen deutschen Briefen um die Mitte
des 16. Jahrhunderts diese Unterscheidung noch kaum, er schrieb
beides durcheinander. Aber 200 Jahre später hatten sich die
Hochsprache und der Dialekt eindeutig getrennt.
Sprachgeschichtlich war das eine aufregende Sache, freilich
musste man sie zuerst einmal sehen und sich dann mit ihr
beschäftigen. Und wie machte man das? Nun eben systematisch,
nach Art der humanistischen Gelehrten oder der französischen
Akademiker, also mit einem Lexikon. In der Gelehrtensprache wurde
ein solches Idioticon genannt und im einzelnen liest sich das
so:
Bastand für tüchtig, fähig, der im Stande
ist. Mit Verwunderung findet man dis Wort auch im Kanzleyschriften
und Gesätzen.
Funke m., Socke, Leinschuh, Chausson. Fünkli
Söcklein, socculus.
Gepse f., flaches hölzernes Geschirr, worinnen man
die Milch aufbehält.
Pfluten, eine Gattung Teigklösse, die nur
halbgeprägelt genossen werden.
Wir sind ziemlich genau in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Da
sitzt in Basel an einem grossformatigen Manuskript von über
220 handschriftlichen Seiten ein Gelehrter und sprachlich
beschlagener Mann, der den Studenten gutes Deutsch beibringen will.
Darum achtete er auch auf die Unterschiede von Hochsprache und
Dialekt. Er hat Grosses vor: er möchte dieses Lexikon drucken
lassen und sucht Subskribenten. Offenbar hat er keine gefunden,
denn das dem Manuskript auf der Basler Universitätsbibliothek
beiliegende Subskriptionsformular ist leer.
Johann Jakob Spreng wurde 1699 geboren. Sein Vater war zuerst
Schulmeister in Mülhausen, wurde dann Schreib- und
Rechenmeister am Basler Gymnasium auf Burg. Der Sohn studierte
Theologie, wurde 1721 ordiniert und wirkte zuerst als Erzieher bei
einem bernischen Landvogt. Schon früh begann er zu dichten,
widmete Kaiser Karl VI. ein Sonett, erhielt dafür die
Anerkennung als poeta laureatus, also gekrönter Dichter, sowie
ein Familienwappen mit einem im vollen Sprung begriffenen Pegasus.
Als Pfarrer trat er in Süddeutschland verschiedene Stellen an,
bis er 1741 auf eigenen Vorschlag an der Universität Basel die
erste germanistische Professur erhielt. Im Kontakt mit den
literarischen Grössen seiner Zeit, also Gottsched, Opitz,
Flemming, Brockes, Haller, sah er seine Aufgabe darin, das mit
Dialektspuren durchsetzte Deutsch der jungen Basler zu
säubern. Die Regenz der Universität konnte 1745 bezeugen,
dass seine Arbeit „nicht ohne Seegen, und davon bereits
ziemliche Früchte beobachtete worden“. (Vielleicht
hätte er auch das Deutsch der Regenz im Auge behalten
müssen.) Die Stelle nährte ihn freilich nicht, so musste
er neben der Professur sein Brot als Pfarrer des Waisenhauses
verdienen.
Die deutsche Dichtkunst – wohlverstanden vor Goethe, der
erst in den Windeln lag – war damals von der philosophisch
befrachteten englischen Literatur beeinflusst. Daneben wirkte
Frankreich ein, etwa auf Wieland. Im Kreis um Spreng diskutierte
man heftig die Selbständigkeit der deutschen Literatur. Auf
Ermunterung Sprengs schrieb Albrecht von Haller sein langes Gedicht
über die Alpen, das durch ganz Europa Furore machte. Ein
anderer Freund Sprengs, der badische Hofrat Karl Friedrich
Drollinger, schickte Spreng jeweils seine Gedichte zur Korrektur,
damit er sie von süddeutschen und schweizerischen
Provinzialismen reinige. Spreng gab Drollingers gesammelte Gedichte
nach dessen Tod 1743 heraus, nicht ohne sie pedantisch
überarbeitet zu haben.
Selber dichtete Spreng auch und machte sich gleich an eine
Riesenaufgabe, nämlich eine Nachdichtung der Psalmen Davids.
Davon inspiriert dichtete er auch „Kirchen- und
Hausgesänge“. Der Rat wollte die Psalmenbearbeitung
offiziell einführen, aber die Pfarrkollegen schätzten die
auf Glätte bedachte Neubearbeitung Sprengs überhaupt
nicht. Nur am Gymnasium versuchten die Schüler sie zu singen.
Mit den eigenen Produkten, den „Geistlichen und weltlichen
Gedichten“ von 1748 hatte Spreng nicht viel mehr Glück
– von heute aus gesehen zu Recht.
Und doch hat Spreng grosse Verdientes. Er gründete die
„Basler Deutsche Gesellschaft“, die sich im
Literaturstreit zwischen Gottsched und den Zürchern Bodmer und
Breitinger auf die Seite Zürichs schlug. Mit Bodmer
überwarf er sich freilich, da er sein pedantisches (und
für unser Urteil törichtes) Korrigieren nicht lassen
konnte. Spreng gab auch Zeitschriften heraus,
„Sintemal“ hiess die eine, „Der Eidgenoss“
die andere. Als er eine Professur für Schweizergeschichte
erhielt, liess er seinem polemischen Bedürfnis freien Lauf,
zog sich den Tadel des Rates zu und musste erleben, dass eine
seiner Publikationen auf den päpstlichen Index gesetzt
wurde.
Das alemannische Wörterbuch war nicht das einzige
Lexikonprojekt. Er plante schon, was wenige Generationen
später die Brüder Grimm verwirklichten: ein
historisch-kritisches Wörterbuch. Es blieb unvollendet. 1762
wurde er noch Griechischprofessor, 1768 starb er an einem
Schlaganfall.
Seine Gedichte haben ihm keinen Nachruhm beschert. Sein wohl
wichtigstes Werk, das alemannische Wörterbuch, liegt
ungedruckt auf der Universitätsbibliothek, wo Siegfried
Bühler vom Rötler Burgarchiv sich eine Kopie gemacht hat.
Dank Peter Ochs, Jacob Burckhardt und Rudolf Wackernagel ist das
19. Jahrhundert in Basel kein poetisches, sondern ein
geschichtsschreibendes Jahrhundert geworden. Aber
untergründig, mit Johann Peter Hebel und sogar Jacob
Burckhardt selber, doch auch eine Zeit der Mundartdichtung. Da hat
der zu seinen Lebzeiten als „gschpässig“ geltende
Johann Jakob Spreng ganz anders nachgewirkt, als er selber
vorhatte.
Sire, sagte der Festungsbauer Vauban zu seinem König, der
einzige Platz für eine aussichtsreiche Verteidigung des
Elsasses ist Hüningen. Und Ludwig XIV. befahl 1679 den Bau
dieser Festung. Die alten Hüninger wurden umgesiedelt, ein
Teil zog ins Neudorf, andere gründeten etwas weiter westlich
St. Louis. So sahen sich die Basler plötzlich hohen
Festungswällen mit bewachten Toren gegenüber und lasen
eine Inschrift, die ihnen Angst und Schrecken versprach.
Militärisch machte Hüningen als Festung in der
Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Kaiser durchaus
Sinn. Im Herbst 1702 setzten die Franzosen nach Friedlingen
über, schlugen dort die kaiserlichen Truppen und zwangen sie
auf die Anhöhen zurück. Basel hörte
Schlachtenlärm. Noch bedrohlicher dröhnte er 1709, als
der kaiserliche General Mercy um Basel herum in den Sundgau
einfiel. Hatte Basel gar die Neutralität verletzt? Frankreich
setzte den andern Hebel, den es gegen die Stadt in der Hand hatte,
in Bewegung: es verhängte ein Embargo. Die Einkünfte aus
dem Elsass wurden blockiert, es gab kein Korn und keinen Wein mehr.
Ein neuer Streit kam 1736 auf: Die Basler und Hüninger konnten
sich nicht einig werden, wer beim Einfluss der Wiese Lachse fangen
durften. Es kam zu Tätlichkeiten, wieder sperrte Frankreich
militärisch den Warenverkehr. 1741 liess Ludwig XV. die
Brücke neben der Festung neu errichten, in der Folge wurde bei
Rheinfelden, Stetten und Weil gekämpft. Der Frieden von Aachen
stellte 1748 die Ruhe wieder her.
Sie hielt an bis in die Revolutionszeit. Zwischen Basel und der
Festung Hüningen ergab sich ein merkwürdig
nachbarschaftliches Leben. Der Läufelfinger Pfarrherr Markus
Lutz, ein Anhänger des Peter Ochs, beschreibt es so:
„Während der Sommermonate besuchten viele baslerische
Bürger die Hüninger-Gasthäuser zu ihrer Erholung;
auch hielten die verschiedenen in französischem Solde
befindlichen Schweizer-Regimenter in dieser Festung so geheissene
Werb-Depots, die manchen jungen Bürger lockten.“ Was man
von den baslerischen Schlitten- und Tanzfahrten weiss, waren die
königlichen Offiziere für die Damenwelt von beachtlicher
Anziehungskraft. Das Tanzen war in Basel reformatorisch streng
geregelt; in Hüningen galten andere Sitten und Gesetze. Doch
nach wie vor konnten jederzeit seine Kanonen ihre Bomben bis auf
die Rheinbrücke schiessen.
Dann kam die Revolution in Frankreich, die im Sundgau und Elsass
zu heftigen, gegen den alten Adel und die Juden gerichteten
Ausschreitungen führte. 1792 erklärte die
Nationalversammlung Österreich und dem König von
Böhmen sowie Ungarn den Krieg. Basel bat die Eidgenossenschaft
um Hilfe vor militärischen Verwicklungen, abwechselnd
schickten die Kantone sogenannte Repräsentanten. Die nunmehr
republikanische französische Armee verstärkte die
Besetzung von Hüningen, ein grosses Lager entstand daneben in
Häsingen. Es war eine andere Soldateska als vorher; beide
Seiten hatten ihre liebe Mühe, Zwischenfälle zu
verhindern. Im Sommer 1796 begannen zuerst die Artillerie-Duelle
über den Rhein zwischen Hüningen und Weil sowie
Haltingen, dann setzten französische Truppen über den
Strom, die Österreicher warfen sie wieder zurück. Im
Winter 1796 setzten die Österreicher – vergeblich
– zum Sturm auf die Schiffsbrücke und die Festung an.
Die Kämpfe waren verlustreich, der französische General
Abbatucci, dessen Denkmal in Hüningen früher auf dem
Areal der heutigen Ciba-Geigy stand, fiel dabei. In
Kleinhüningen halfen Basler Ärzte den Verwundeten. In der
Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1797 fanden die heftigsten
Kanonaden statt, schliesslich boten die Franzosen die Kapitulation
des Brückenkopfes auf der rechten Rheinseite an. Dieser wurde
in der Folge geschleift.
1798 wurde die Schweiz von den Franzosen besetzt.
Militärisch rückte Frankreich nicht von Hüningen,
sondern vom Waadtland aus ins Mittelland vor. Aber Basel, als
helvetischer Kanton mit Frankreich verbündet, musste sich
zahlreiche Durchzüge gefallen lassen. Der Krieg verlagerte
sich dann ostwärts, Wien fiel, 1805 konnten die
eidgenössischen Truppen in Basel abgedankt werden.
1809, Napoleon ist jetzt Kaiser, kündigt sich der
nächste Krieg an, in Hüningen wimmelt es von Soldaten. Am
11. März verlangen sie den Durchzug durch Basel und passieren
darauf mit insgesamt 20'000 Mann die Stadt. Napoleon will wieder
eine Brücke bei Hüningen bauen lassen, sein
Aussenminister Talleyrand verlangt die Abtretung des baslerischen
Teils der Schusterinsel. Dann zieht Napoleon nach Russland, muss
umkehren, in der Völkerschlacht von Leipzig wendet sich sein
Geschick. Bald stehen der Kaiser, der Zar und der König von
Preussen am Rhein, die alliierten Truppen ziehen vom Kleinbasel her
über die Mittlere Brücke, das Hauptquartier der drei
Monarchen wird von Freiburg nach Basel verlegt. Die eigentliche
Belagerung von Hüningen beginnt, der Kanonendonner wird
lauter. Napoleons erste Absetzung führt zur Übergabe der
Festung am 14. April 1814 an das österreichisch-bayerische
Belagerungscorps.
Die Verfassung, in der sich die Bewohner von Hüningen
befanden, war jämmerlich; die Basler brachten Brot,
Gemüse, Fleisch und Früchte in die Stadt. Am 24. April
wird Ludwig XVIII. als neuer Festungsherr proklamiert. Dann aber
kommt Napoleon für 100 Tage zurück, und sofort
erklärt sich die Garnison für napoleonisch, zieht die
Trikolore auf. Der General Rapp zieht ein, abermals wird die
Festung aufgerüstet, auch gegen Basel. Und Basel rüstet
gegen Hüningen auf. Es ist jetzt Frontstadt geworden, der
schweizerische General Bachmann sammelt Truppen für den
Einmarsch nach Frankreich. Bereits wird in der ganzen Zone um Basel
gekämpft, in Burgfelden, Hegenheim, Häsingen, Blotzheim.
Erzherzog Johann von Österreich leitet die Belagerung
persönlich, zum ersten Mal feuert die Festung direkt auf
Basel, allerdings ohne grosse Wirkung. Der französische
Kommandant Barbanègre droht mit weiteren Beschiessungen,
verlangt sogar Schadenersatz von Basel. Er weiss aber nicht mehr
recht, ob er napoleonische oder bourbonisch gesinnt sein soll.
Zürcher Artilleristen helfen bei der Beschiessung von
Hüningen. Am 24. August steigt die weisse Fahne, die die
Kapitulation ankündigt; am 26. August 1815 ist es soweit. Noch
1800 Mann sitzen in der Festung, sie werden beim Auszug entwaffnet,
doch die Offiziere dürfen den Degen behalten.
Und jetzt ist es mit der Festung Hüningen vorbei. Der
Vertrag von Paris hält es ausdrücklich fest: Die
Befestigungen von Hüningen werden dem Erdboden gleichgemacht,
so dass sie nie mehr wieder aufgebaut werden können. Die Sache
war nicht billig, die Sprengung brauchte 800 Mineure, 200
Bauarbeiter und 400 Handlanger. Ausgegeben wurden insgesamt 198'268
Franken. Ein Besucher aus dem Jahr 1816 schrieb: „Es bleibt
nichts oder fast nichts von Hüningen, und ich hatte Mühe,
überhaupt einen Weg durch die Ruinen zu finden, um auf den
Platz zu gelangen, der in der Mitte dieser kleinen Stadt liegt.
(...) Die Bevölkerung von Hüningen setzt sich nun aus ein
paar hundert Unglücklichen zusammen, die, da sie weder Brot
noch Arbeit haben, vermutlich zum Schmuggel oder zum Diebeshandwerk
verdammt sind.“ Im Mai 1817 waren die letzten
Aufräumarbeiten abgeschlossen. Die Faust im Nacken der Basler
war verschwunden.
Die Markgräfin Magdalena Wilhelmine, eine geborene
Württembergerin, wusste von ihrem Mann, dem regierenden
Markgrafen Karl Ludwig, offiziell viel Rühmliches zu sagen.
Aber wenn sie an seine Lebensführung im benachbarten Basel
dachte, zog sich ihr das Herz zusammen und wurden ihre Worte
heftig. Denn der Markgraf, den 1738 der Tod mitten im Umbau des
Markgräfischen Hofes an der Neuen Vorstadt in Basel, der
heutigen Hebelstrasse, ereilte, benütze diesen Palast für
reichlich unappetitliche Vergnügungen und hatte ganze Zimmer
und Korridore mit Bildern von nackten Damen ausgeschmückt.
(Letzte Muster dieser Sammlung lassen sich heute noch im Basler
Kunstmuseum besichtigen.) Da die Schwiegertochter der
Markgräfin gemütskrank war und ihr Sohn, der
markgräfliche Erbprinz Friedrich schon 1732 gestorben war,
übernahm sie selber die Erziehung des 1728 geborenen Enkels
Karl Friedrich, aus dem sie bis zu seiner Volljährigkeit einen
an Kopf und Herz christlich gebildeten und in seinen Sitten
verantwortungsvollen Menschen machen wollte. Das gelang ihr, und
sie erlebte noch die Genugtuung, dass ihr 23jähriger Enkel
1751 mit Karoline Louise Prinzessin von Hessen eine Ehe einging,
die eine glückliche wurde.
Die Markgrafschaft Baden hatte somit 1748 einen neuen
Landesvater, den Markgrafen Karl Friedrich, der bis 1811, also bis
ins Alter von 83 Jahren, und insgesamt 62 Jahre über die
Markgrafschaft herrschte und am Ende seiner Laufbahn deutscher
Kurfürst und Grossherzog geworden war. Das wäre noch
heute als Regierungszeit rekordverdächtig; den Leuten in der
Markgrafschaft, den Elsässern, Mömpelgardern,
Württembergern und Baslern kam es damals unglaublich und fast
wie ein Wunder vor. Denn die Zeitspanne, da Karl Friedrich als
Landesvater in Durlach und Karlsruhe sass, war ja nicht die
gemütlichste.
Erst regte sich Preussen unter Friedrich dem Grossen, Maria
Theresia, die noch Herrscherin im Breisgau war, geriet in
Bedrängnis, mit dem benachbarten Haus Württemberg gab es
viel Streit. Dann kam die Französische Revolution, Franzosen
marschierten in der Markgrafschaft ein, die Koalitionskriege
überzogen das Land. Dann tauchte Napoleon auf, die
Territorialverhältnisse im ganzen Deutschen Reich
veränderten sich dramatisch. Badische Landeskinder mussten
bald mit dem österreichischen Kaiser gegen Franzosen, bald auf
Seiten Napoleons gegen die Alliierten in die Schlacht ziehen,
manchmal wussten die Leute nicht mehr, auf welcher Seite sie
eigentlich standen. Das merkt man noch heute den Geschichten Johann
Peter Hebels aus dem „Rheinischen Hausfreund“ an, wenn
in ihnen Husaren, französische Offiziere, badische Soldaten
auftreten – wer kämpft nun eigentlich gegen wen? Es
herrschte seit den Koalitionskriegen mit dem revolutionären
Frankreich bis zum Vordringen Napoleons nach Russland ein heilloses
Durcheinander; Krieg war eigentlich immer und überall, auch in
der Schweiz.
Umso erstaunlicher, wie das Bild des Markgrafen Karl Friedrich
mit einem geradezu friedlichen Glanz über diesem Land Baden
schwebte, und gelegentlich gewinnt man noch heute den Eindruck,
sein Leuchten sei nicht ganz erloschen. Dabei veränderte sich
der Staat, den Karl Friedrich antrat, im Lauf seiner Regierungszeit
auf fast unvorstellbare Weise. In seinen ersten Jahren regierte er
über knapp 90'000 Untertanen, am Ende seiner Regierungszeit
war nicht nur das Territorium des dannzumaligen Grossherzogtums
Baden rund neunmal so gross geworden, sondern auch die
Bevölkerung war auf nicht weniger als 930'000 Einwohner
angewachsen.
Karl Friedrich war das Muster eines aufgeklärten
Landesvaters. Er wollte regieren über ein „freies,
opulentes, gebildetes und christliches Volk“. Was verstand er
unter frei? Dass seine Untertanen nicht länger Leibeigene sein
sollten, also hebt er 1783 die Leibeigenschaft auf –
übrigens sieben Jahre früher, als das die Basler
mit den Bewohnern der Landschaft tun. Und die alten Rechte seiner
Städte und Dörfer will er sorgfältig bewahren. Was
versteht er unter opulent? Wirtschaftliches Wohlergehen, also
kümmert er sich ganz persönlich um neue Saatkartoffeln
und bessere Obstsorten, fördert den Weinbau und die
Rinderzucht, installiert die von Franklin erfundenen Blitzableiter
und lässt für die Seidenraupenzucht Maulbeerbäume
pflanzen. (Von da die vielen Maulbeerbäume am Oberrhein.) Er
will Industrien einrichten helfen, zieht einen englischen Ingenieur
bei, der eine Ingenieurschule aufbauen soll. Damit er über ein
gesittetes Volk regieren kann, gründet er, ähnlich wie
Isaak Iselin in Basel, schon 1765 eine „Gesellschaft zur
Beförderung des gemeinen Besten“, richtet Lehrerseminare
ein, so dasjenige von Lörrach, und eine Lateinschule in
Müllheim. Er wendet sich direkt an den damals führenden
Pädagogen Basedow in Dessau, korrespondiert mit Lavater in
Zürich. Jean Daniel Schoepflin beauftragt er mit einem
Geschichtswerk über Baden. Den Dichter Klopstock will er an
seinem Hof ansiedeln; mit Herder korrespondiert er über ein
„Institut für den Allgemeingeist Deutschlands“,
eigentlich eine gesamtdeutsche Akademie. Christlich soll sein Volk
sein, also achtete er auf das Kirchenwesen und den religiösen
Unterricht. Nachdem die katholischen baden-badischen Lande infolge
eines Erbvertrages an sein protestantisches baden-durlachisches
Haus fallen, erstreckt sich sein christliches Herrschen sogar
über zwei Konfessionen. Schliesslich ist er es auch, der
Johann Peter Hebel in sein kirchliches Amt nach Karlsruhe
beruft.
Es ist ganz ungewöhnlich, dass ein deutscher Fürst des
18. Jahrhunderts so lange regierte und dennoch in den Berichten der
Zeitgenossen kaum Kritik, geschweige denn Anfeindungen,
Schmähungen und boshafte Bemerkungen hinterliess. So darf man
die Verse, die der von Goethe bewunderte Johann Peter Hebel ihm
widmete, nicht so sehr als höfische Schmeichelei, sondern als
Ausdruck einer wahren Verehrung verstehen:
O wär er do, o chönnt er’s seh,
der liebi Fürst, Gott het en geh!
Er isch so gnädig, isch so guet,
‚s wird Wohltat, was er denkt und tuet.
„Du Gott im Himmel, sei sein Lohn,
und schirme seinen Fürstenthron.“
Der Titel dieses Gedichtes lautet: „Der Ehrentag Carl
Friedrichs, Markgrafen zu Baden, nach Aufhebung der
Leibeigenschaft, den 23. Juli 1783, gefeiert im
Oberland“.
Von der natürlichen Geländebeschaffenheit her ist das
Wiesental so gut ein Nebental zum Rheintal wie das Ergolz- oder
Birstal. All diese Wasser fliessen ja ober- oder unterhalb von
Basel in den Rhein. Aber die Politik hat in einem halben Dutzend
von Jahrhunderten dafür gesorgt, dass die Ergolz und die Birs
basellandschaftliche und jurassische Gewässer sind, somit
schweizerisch wurden, wohingegen die Wiese, nach Hebel des
Feldbergs liebliche Tochter, heute ein badisches und
bundesdeutsches Gewässer ist. Nationalstaaten haben eben
Grenzen, und Basel trägt sein Schicksal, als grosse Schweizer
Stadt so weit hinausgeschoben zu sein, dass ihr Vorgelände zu
zwei Dritteln im Ausland liegt, seit langem geduldig.
Das Wiesental selber teilt sich nicht nur geografisch, sondern
auch geschichtlich in zwei Teilstücke auf, in das obere und
untere Wiesental. Das untere war markgräflich; das obere,
während langer Zeit unter der Hoheit des Fürstabtes von
St. Blasien stehend, vorderösterreichisch, also habsburgisch.
Das hiess auch, vom 16. bis ins 18. Jahrhundert, dass das untere
Wiesental protestantisch, das obere katholisch war. Dazu kam noch
ein Faktor, den wir als Orientierung bezeichnen können: das
untere Wiesental war nach Basel orientiert; das obere Wiesental war
mit Schönau und Todtnau über Bernau nach St. Blasien und
über Kirchzarten nach Freiburg orientiert.
Die Wirtschaftsgeschichte vom 15. bis 18. Jahrhundert entwickelt
sich in mitteleuropäischen Verhältnissen in der Regel aus
dem Zusammenspiel der städtischen Zunftwirtschaft mit der
ursprünglich agrarischen Wirtschaft des Hinterlandes. Nimmt
man grosse Städte wie etwa Zürich oder Basel, so ist
dieser Dialog zwischen dem städtischen Zunftregiment und dem
sich bald einmal gewerblich organisierenden Bauernland meistens
auch eine Auseinandersetzung um Herrschaftsrechte. Im heutigen
Zürich waren neben den Städten Zürich und Winterthur
Orte wie Uster oder Stäfa landwirtschaftlich-gewerbliche
Gegenzentren, die sich wirtschaftlich und politisch zu behaupten
suchten. Nimmt man dagegen Basel, fehlen solche Gegenzentren im
wirtschaftlichen Sinn. Denn das Baselbiet wurde mit seinen
gewerblichen Fähigkeiten schon früh von den Basler
Seidenbandherren so dicht mit einem Verlagswesen überzogen,
dass gewerbliche oder frühindustrielle Gegenzentren nicht
aufkamen. Und als reines Bauernland zählte es, verglichen etwa
mit dem Elsass oder Breisgau, nicht zu den ertragreichsten. Darum
wurde die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land eine
vorwiegend politische; wirtschaftliche Motive waren weniger
zwingend.
Wenn man den sehr unterschiedlichen Gang der Auseinandersetzung
Stadt/Land in Zürich und Basel beobachtet und dann zum Schluss
kommt, dass er für die heutige Struktur dieser Kantone
verantwortlich sei, hat man aus einem nationalstaatlichen (und
somit kantonalen) Gesichtspunkt recht, aber man sitzt auch einem
Perspektivfehler auf: man vergisst einfach das nach Basel hin
orientierte Wiesental. Herrschaftsrechte und Grenzverläufe
spielten dort zwischen der (eidgenössischen) Stadt und dem
„markgräflich/vorderösterreichischen) Land zwar
eine gewisse Rolle, sie waren seit dem späten Mittelalter bis
ins Zeitalter Napoleons stabil, aber wirtschaftlich kam es zu
mächtigen Bewegungen.
Eine Reihe von Voraussetzungen bestimmte das Geschehen. Zum
einen verfügten die Basler schon seit alters über
akkumuliertes Kapital. Dieser Kapitalreichtum kam auch davon, dass
die Basler Schatztruhen während des Dreissigjährigen
Krieges verschont geblieben waren. Zum andern lieferte die
Naturalwirtschaft des Wiesentals vor allem Holz aus dem hinteren
Talabschnitt für Bauzwecke, Holzkohlegewinnung und als
Brennholz. Eine Zeitlang, besonders im 15. und 16. Jahrhundert,
blühte in der Todtnauer Gegend das Bergwerkswesen, das Silber
und Eisen abbaute und verhüttete. Aus dieser Naturalwirtschaft
entwickelten sich erste gewerbliche Betriebe, Nagelschmiede und
Kettenmacher aus dem Bergbau, aus der Waldwirtschaft die
sogenannten Holzschnefler, die landwirtschaftliche Geräte und
Gefässe aus Holz, auch Schindeln herstellten. Eine
Besonderheit bis ins 19. Jahrhundert hinein waren die Bürsten
aus dem Wiesental mit Schweinsborsten, Pferde- und Ziegenhaaren,
pflanzlichen Fasern, in familiären Kleinbetrieben hergestellt
und durch Hausierer vertrieben. Der wichtigste Mark für diese
Produkte lag immer in Basel und in der übrigen Schweiz. Eine
weitere Voraussetzung für die Wiesentaler Wirtschaft war der
Reformwille des Markgrafen Karl Friedrich, der das Oberland und
besonders das Wiesental gewerblich und industriell auf jede
denkbare Weise zu fördern suchte.
Dann kommt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die
Textilindustrie auf, zuerst in Form einer Heimindustrie vor allem
im oberen Wiesental, wo sich in jedem Bauernhaus die
Spinnräder drehen, im unteren Wiesental bereits in der Gestalt
von Manufakturen. Die Baumwolle ist der neue, international
gehandelte Rohstoff, aber auch einheimischer Hanf und Flachs werden
verarbeitet. Es ist ein Berner, Johann Friedrich Küpfer, der
1753 das Privileg zur Errichtung einer Indiennefabrik in
Lörrach erhält. Zum Bau einer Fabrik braucht man Geld,
jetzt ist das Basler Kapital gefordert. Über die nächsten
120 Jahre ergiesst sich ein investitionshungriger Geldstrom aus der
Stadt, alle in der Textilwirtschaft liegenden Möglichkeiten
werden ausprobiert – das Spinnen, Weben, Färben,
Bleichen, und aus dem in der Revolution kriegsversehrten Lyon
kommen französische Seidenarbeiter ins Tal. Die
kaufmännisch kompetente Stadt kann ihre Handelsbeziehungen
für den internationalen Absatz der Produkte zur Verfügung
stellen. In der Lebenszeit seines Dichters Johann Peter Hebel wird
das Wiesental somit zu dem am stärksten industrialisierten
Teil des Grossherzogtums Baden, sogar ganz Deutschlands.
Eine Dissertation von 1935 von Richard Dietsche aus Zell,
genehmigt auf Antrag des damals frisch nach Basel berufenen Edgar
Salin, stellt die Fakten dieser Entwicklung exakt zusammen.
Wirtschaftlich steht das Wiesental zu Basel in einem ähnlichen
Verhältnis wie die Gegend von Uster zu Zürich, es spielen
die gleichen Gesetzmässigkeiten. So gehen zum Beispiel die
Anfänge der Maschinenindustrie auf Reparaturwerkstätten
für englische Textilmaschinen zurück. 1836 eröffnet
der Basler Louis Merian im wiesentälischen Höllstein sein
„Atelier“ und erklärt sich sogleich bereit, auch
„grössere Bestellungen in angemessener Zeit“
auszuführen. Er giesst sogar Roheisen, das ihm die staatlichen
Eisenwerke in Kandern und Hausen liefern. Als Kapitalgeber für
die Wiesentäler Industrie tauchen immer wieder Namen auf, die
für Basler Ohren familiär vertraut klingen.
Erst der Beitritt Badens zum deutschen Zollverein und dann 1871
zum Deutschen Reich hat durch diesen einheitlichen Wirtschaftsraum
Zoll- und Währungsgrenzen gezogen und die ökonomische
Symbiose des Wiesentals mit Basel aufgetrennt. Sollten sie in einem
europäischen Wirtschaftsraum dereinst dahinfallen, so kann man
sich, so schwer es die letzten übriggebliebenen Textilfirmen
im Wiesental jetzt haben, vielleicht unter ganz anderen Vorzeichen
auf eine Wiederbelebung dieser Partnerschaft einrichten.
Die Geschichte kennt sowohl Sieger wie Verlierer. Die
Geschichtsschreibung aber kennt mehr Sieger als Verlierer. Die, die
den Schauplatz verlassen müssen, zerstreuen sich, und die
Erinnerung an sie geht verloren. Was sagen uns noch die Namen der
Rink von Baldenstein, derer von Eberstein, von Ligertz, von
Schnorf, von Neveu, von Multenberg, von Reibelt, von Wangen, von
Schönau, von Roggenbach? Mit Equipagen und Dienern, Kindern
und Verwandten kamen und gingen sie vor etwas mehr als 200 Jahren
aus dem Elsass, dem Breisgau, Sundgau und Sisgau einander besuchen,
zogen im Sommer aufs Land, im Winter in ihre Stadtquartiere,
musizierten, spielten, lasen einander Romane vor – wir sind
in den etwas unwirklich anmutenden 70er und 80er Jahren des 18.
Jahrhunderts am Vorabend der Französischen Revolution.
Die Schweiz interessierte die künstlerisch und
intellektuell anspruchsvollen Europäer nicht nur ihrer
Naturschönheiten wegen, sondern durchaus auch wegen ihrer
politischen Vielfalt. Da gab es direkte oder
Landsgemeinde-Demokratien, Aristokraten, Zunftregimenter und
patrizische Staatsformen, gemeinsame Herrschaften und Untertanen,
die ihrerseits wieder Untertanen hatten, sogar leibeigene. Und es
gab Wahlmonarchien mit allem, was dazugehört: einem
Wahlkapitel, einem Schloss mit fürstlichen
Würdenträgern, einem Dienstadel, Landvögten und
einem eigentlichen Hof.
Die Ostschweiz kannte den Fürstabt von St. Gallen; hier ist
die Rede vom Fürstbistum Basel, das sich, nachdem Basel 1529
reformiert geworden war, von Reinach und Arlesheim bis nach
Pruntrut, in die Ajoie und bis nach Biel erstreckte, also den
Grossteil des heutigen Kantons Jura umfasste. Der Wahlmonarch, eben
der Fürstbischof, sass in Pruntrut; der Hofstaat und die
Wahlbehörde, das Domkapitel, sassen in Arlesheim, wo auch ein
Landvogt residierte. Selbst wenn man schon damals nicht recht
wusste, ob der Fürstbischof nun zu den Eidgenossen zählte
oder nicht – er betrachtete sich als Reichsfürst und
unterhielt zugleich ein Regiment in Frankreich –, so kann die
heutige Schweiz darauf verweisen, dass unter ihren politischen
Vergangenheitsformen vor gut 200 Jahren sogar Monarchien zu finden
waren.
1679 kam das Domkapitel von Freiburg im Breisgau, wohin es vor
der Reformation in Basel geflohen war, nach Arlesheim, diesmal auf
der Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen mit den
Franzosen. Sofort begann man zu bauen, zuerst am Dom und dann an
der eigentlichen Residenz, die sich um den Dom herum bildete.
Während rund 100 Jahren erlebte Arlesheim, das vorher nur aus
etwa 30 armseligen Bauernhäusern bestanden hatte, so etwas wie
einen Bau-Boom. Der basellandschaftliche Denkmalpfleger Rudolf
Heyer sagt es so: „Die Anwesenheit des Domkapitels machte
Arlesheim zu einem Anziehungspunkt für auswärtige
Handwerker und Künstler. Sie kamen um der Aufträge willen
ins Dorf, zogen nach Vollendung der Arbeiten wieder weg oder
liessen sich dauernd nieder.“
Den Domherren selber war Privateigentum erlaubt, also bauten sie
sich eigene Landsitze und Gärten. Sie befassten sich mit der
Verwaltung der Güter des Kapitels, überliessen die
kirchlichen Pflichten gern den Kaplänen und dem Dorfpfarrer.
Feste feierten sie in Pruntrut, für Studien und
Geldgeschäfte ging man nach Basel, Treibjagden fanden im
Elsass oder bei Ettingen statt. Ein Domherr musste nicht
priesterlich geweiht sein, freilich nach aussen im Zölibat
leben, vor allem musste er adliger Abstammung sein. Also hiessen
sie zum Beispiel von Mahler, von Buchenberg, von Thurn, von Verger
zu Moutier-Grandval. Sie waren um 1785 13 an der Zahl, hielten sich
gegenseitig die höfischen Chargen zu und hatten zuletzt Franz
Josef Sigmund von Roggenbach 1782 zum Fürstbischof
gewählt.
Aber im Untergrund bebte die Zeit schon. Nur kamen die Vorboten
der Revolution, die 1792 die Arlesheimer Idylle buchstäblich
mit der Axt zertrümmerte, wieder einmal aus der Ecke, in der
sie keiner vermutete. Die Romane von Rousseau waren bei den
gebildeten Zeitgenossen, vor allem den Damen, schon angekommen und
ins Bewusstsein aufgenommen. In dieses neue Naturgefühl, das
in einer ökonomisch unbelasteten Oberschicht als eine sehr
subjektive Empfindsamkeit die Geister zur Verbrüderung rief,
konnten auch die Gedichte Salomon Gessners aus Zürich
eingebettet werden. Dasselbe geschah mit den Versehen von Virgil
Jacques Delille /1738-1813), der damals noch über liebliche
Täler, verklärte Hügellandschaften und schattige
Pappeln am Bach dichtete, bevor er im Auftrag Robespierres seine
Verse auf das „Höchste Wesen“ verfasste.
Zwischen 1782 und 1786 tauchte in Basel und Arlesheim Giuseppe
Balsamo aus Palermo, besser bekannt als Graf Alexander Cagliostro,
mit seiner schönen Frau Serafina Feliciana auf. Sie wohnte in
Arlesheim bei Balbina von Andlau, der Gattin des
fürstbischöflichen Landvogtes Franz Carl von Andlau.
Diese soll der Maler Lauterburg (oder Loutherbourg) aus London
für die Anlage der Arlesheimer Eremitage gerufen haben, wohl
mit Zustimmung ihres Vetters, Heinrich von Ligertz, mit dem sie die
Verwandlung der natürlichen Höhlen und Terrassen
unterhalb des Schlosses Birseck in einen englischen und
symbolischen Park betrieb. Cagliostro heilte unterdessen die Gattin
des Seidenherren Jakob Sarasin von ihren Depressionen und
überzeugte Johann Jakob Bischoff, im sogenannten
Glöcklihof in Riehen eine Loge der ägyptischen
Freimaurerei einzurichten. Christian Cajus Lorenz Hirschfeld, der
auch von Goethe geschätzte Theoretiker der englisch
orientierten Gartenkunst, reiste durch Basel, unterhielt sich
wahrscheinlich mit dem Ratschreiber Peter Ochs, der schon bei einem
früheren Strassburger Aufenthalt Freimaurer geworden war.
Seine Geschichte der Stadt und Landschaft Basel widmete er der
Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die als Nachbarin und Verwandte des
regierenden Fürsten Franz von Anhalt-Dessau die der
Arlesheimer Eremitage verwandte Parkanlage von Wörlitz kannte.
Sie hat wohl auch dafür gesorgt, dass 1788 Prinz Georg von
Anhalt-Dessau, der Bruder des Fürsten, in Arlesheim vorbeikam
– der reformerisch veranlagte Markgraf Carl Friedrich von
Baden und Johann Kaspar Lavater aus Zürich waren schon vorher
aufgetaucht.
Die Eremitage von Arlesheim, erbaut 1785 und von den
internationalen Europareisenden bestaunt, mutet an wie ein
spätes Werk des ancien régime im Rokoko-Zeitalter, ein
Zeitvertreib für den letzten monarchischen Hof auf Schweizer
Boden. Aber eine nur leichte Verschiebung des Blickpunktes zeigt
diesen geradezu mythologischen Garten als einen Vorboten, sogar ein
Signal einer schon ganz anderen und revolutionären Symbolik.
Allgemeine, die Menschheit umfassende Ideen sollten dargestellt,
die Gefühle des Betrachters sollten zugleich
überhöht und verinnerlicht werden, christliche Elemente
vermischten sich mit antiken Vorstellungen. Hinter dem
Rokoko-Spielzeug einer adligen Gesellschaft erschien der riesige
Schatten einer neuen Zeit und eines ganz anderen Weltbewusstseins.
Und wenn auch 1792 dieser Garten von Revolutionären –
unter ihnen übles Gesindel – zerstört wurde, so
soll man nicht übersehen, dass dieselbe Französische
Revolution dann selber Gärten schuf, die in manchen Details
der ursprünglichen Eremitage von Arlesheim glichen und sie
vollendeten.
Der grosse Gegenspieler Napoleons war Clemens Fürst von
Metternich, der von 1773 bis 1859 lebte. Die Heilige Allianz, das
heisst das Bündnis der nachnapoleonischen Mächte Europas,
ist sein Werk. In der diplomatischen Sprache des frühen 19.
Jahrhunderts ist Metternich identisch mit Wien.
Die von Andlau waren eine elsässische Adelsfamilie, wie das
ja die Herkunftsbezeichnung sagt. Das Schloss Andlau lag nahe beim
elsässischen Odilienberg. Friedrich von Andlau, 1627 in
Ensisheim geboren, wurde Hofrat beim Fürstbischof von Basel,
der nach der Reformation seine Residenz in Pruntrut etablierte. Von
Andlau trat das Amt eines Landvogtes in der Herrschaft Delsberg an.
Sein Sohn Johann Baptist Georg von Andlau, geboren 1682,
führte wiederum den Titel eines fürstbischöflichen
Hofrats und Grossmeisters in Pruntrut, hatte den Rang eines
Brigadiers in der Armee des französischen Königs und war
Schlossherr und Landvogt auf Birseck bei Arlesheim.
An zwei seiner vielen Kinder darf man sich erinnern. Da ist die
Tochter Eleonore, geboren 1717 in Arlesheim, die 1734 Johann
Friedrich von Kageneck heiratete. Ihre Tochter Marie Beatrix
Antoinette verehelichte sich 1771 in Freiburg im Breisgau mit Franz
Georg Karl Joseph Nepomuk von Metternich, den der
österreichische Kaiser zum Fürsten machte. Und dessen
Sohn war der Vater der Heiligen Allianz. Unter seiner Aufsicht
wurde das Birseck dem Kanton Basel zugesprochen, der übrige
Teil des Fürstbistums kam an Bern. Metternich also hatte eine
geborene von Andlau zur Grossmutter; er stammt von der einen
grosselterlichen Seite aus dem Dreiland.
Der Bruder Eleonores war Franz Karl von Andlau, geboren 1727 und
gestorben 1792, beide Male in Arlesheim. Er trat in die Fussstapfen
seines Vaters, wurde wiederum fürstbischöflicher Landvogt
in Arlesheim, wo er aber nicht mehr das ziemlich heruntergekommene
Schloss Birseck beziehen wollte, sondern den Flachsländer
Landsitz erwarb und daraus den Andlauer Hof machte. 1758 heiratete
er Balbina von Staal, geboren 1736 in Pruntrut. Drei Söhne aus
dieser Ehe traten in den Dienst des Regimentes, das der
Fürstbischof im Sold des Königs von Frankreich
unterhielt. Die Tochter Laura heiratete einen jurassischen Baron
namens Conrad de Billieux. Die Andlaus waren also Vettern und Basen
des Fürsten von Metternich.
Der Engländer William Cox, der die Schweiz 1786 und auch
später noch bereiste – übrigens begeistert von den
landschaftlichen Schönheiten und verwundert über die
sozialen und politischen Zustände –, machte sich schon
auf seiner ersten Reise Gedanken über die merkwürdige
Position des Fürstbischofs von Basel zwischen den
europäischen Mächten. Auf der einen Seite war er
Reichsfürst, also eingebunden in das alte, nun habsburgisch
dominierte deutsche Kaiserreich. Auf der anderen Seite war er
verbündet mit Frankreich, für das er ein Regiment
unterhielt und in der Benediktiner-Abtei von Bellelay sogar eine
Militärschule eingerichtet hatte. Mit den katholischen Orten
der Eidgenossenschaft war er verbündet, war aber nicht
Vertragspartei in der Allianz zwischen den XIII
eidgenössischen Orten und Ludwig XVI. von 1777. Cox
formulierte es in seinem auf englisch in Basel gedruckten Buch wie
folgt: Bei Missheligkeiten zwischen Frankreich und dem Kaiser
würde die Situation des Fürstbischofs äusserst
unbequem sein, und seine zweifelhafte Verbindung mit den Schweizern
würde seine Herrschaft nicht vor einem Einmarsch dieser
Mächte bewahren.
Das war ein wenig Prophetie post festum, denn als seine
Reiseberichte 1802 gedruckt wurden, war es eben schon passiert.
1792 hatte der Fürstbischof gegen das annexionsfreudige
Frankreich österreichische Truppen angefordert, die zwar
kamen, aber bald vor den revolutionären Franzosen umkehrten.
Dann wurde 1793 die Raurachische Republik ausgerufen, dann wurde
das Fürstbistum von Frankreich als Departement Mont Terrible
annektiert, dann wurde es zum Departement Haut-Rhin geschlagen,
dann wurde es 1813 von den Alliierten besetzt und kam nach 1815 zum
grösseren Teil zu Bern, zum kleineren, nämlich dem
Birseck, zu Basel, Die Arlesheimer waren in wenig mehr als 20
Jahren von fürstbischöflichen Untertanen zu Raurachiern,
Jura-Franzosen, Elsass-Franzosen und schliesslich zu Baslern und
Schweizern geworden – ohne dass sie dafür oder dagegen
etwas tun konnten.
Heute scheint das längst abgetan und vergessen. In den
Schrebergärten von Arlesheim, Allschwil und Ettingen flattert
unangezweifelt die Schweizer Fahne. 1814 aber war noch nichts
entschieden, jede Möglichkeit stand offen. In Basel waren der
österreichische Kaiser, der russische Zar und der preussische
König vorbeigekommen, hatten ihr Hauptquartier aufgeschlagen,
liessen Hüningen erobern. Die Franzosen zogen sich zurück
– was sollte mit dem Fürstbistum geschehen?
Da tauchte plötzlich ein Mann auf, der den jetzt
höchst willkommenen Verwandtschaftsgrad eines Vetters des
Fürsten Metternich hatte, nämlich Conrad Friedrich Carl
von Andlau, der 1766 geborene jüngste Sohn des
fürstbischöflichen Landvogtes auf Birseck. Er war
Leutnant im Regiment von Eptingen im Dienst der französischen
Krone gewesen, in der Revolutionszeit amtete er in Freiburg als
Regierungsrat. Er heiratete eine Sophie von Schakim. Als der
Breisgau für kurze Zeit an den Herzog von Modena fiel, wurde
Andlau Regierungspräsident; wie der Breisgau dank Napoleon an
das Grossherzogtum Baden gelangte, besorgte er die Übergabe
und wurde badischer Staatsminister des Innern. Als der russische
Zar Alexander 1813 in Freiburg vorbeikam, wohnte er bei den
Andlaus. Conrad Friedrich Carl aber war zu dieser Zeit schon im
Hauptquartier Metternichs. Dieser hatte mit Andlau einiges vor, er
machte ihn zum Verwalter der eroberten französischen Gebiete
in Vesoul, gab ihm den Titel eines Gouverneurs der östlichen
Departemente, das heisst der Gebiete von den Vogesen über den
Doubs bis in die Haute Saône. Aber dann kam der Friede von
Paris 1814, und die Grenzen Frankreichs wurden wieder auf den Stand
von 1792 zurückgeführt. Von Andlau zog von Vesoul nach
Arlesheim zurück. Was wollte er?
Mit seinem Schwager Billieux reiste er nach Wien, um für
die Wiederherstellung des Fürstbistums zu plädieren.
Liesse sich aus dem alten Reichsland etwa gar ein neuer,
aristokratisch regierter Kanton der Schweiz machen? Der Wiener
Kongress sagte nein. Von Andlau behielt in Arlesheim den Andlauer
Hof, den er weiter arrondierte, kaufte das Schloss Birseck
zurück und liess sich zum Ehrenbürger von Pruntrut
machen, blieb aber Staatsminister im Grossherzogtum Baden. Sein
schönstes Denkmal ist die Wiederherstellung der in der
Revolution von 1792 vollständig zerstörten Arlesheimer
Ermitage, für die 1812 die lateinische Inschrift „post
fata resurgo“ (nach dem Unheil erstehe ich wieder auf)
angebracht wurde. Metternich hat sie, soviel wir wissen, nie
besucht, aber sonst viel prominente Leute.
In der griechischen Sage konnte Dädalus fliegen, Ikarus
stürzte ab. Leonardo da Vinci stellte sich mehr als einmal
dieselbe Frage, entwarf Fluggeräte, von deren praktischer
Erprobung wir wenig wissen. Im technisch faszinierten 18.
Jahrhundert gab es immer wieder Leute, die sich mit dem Problem
abmühten, wie sich der flügellos geborene Mensch aus
eigenen Kräften in die Lüfte schwingen könnte. Man
studierte nicht nur den Geräten nach; in Übereinstimmung
mit dem damaligen Stand der Naturwissenschaften fragte man sich
auch nach der Beschaffenheit de Atmosphäre -–warum blieb
sie überhaupt am Boden, wie entstand das Phänomen des
Luftdruckes, inwiefern musste man die erdnahe Luft als die dichtere
verstehen? In allen möglichen Ländern grübelten
Gelehrte, intelligente Dilettanten und Bastler solchen Fragen nach,
bis plötzlich am 21. November 1783 das Fliegen in aller Leute
Mund war.
Schon seit einiger Zeit hatten sich die Brüder Joseph
Michael und Jacques Etienne Montgolfier mit dem Prinzip eines
leichten, mit Heissluft gefüllten Hohlkörpers befasst. So
wie in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts die sowjetische
Hündin Laika erstmals in den Weltraum aufstieg, so waren die
frühsten Luftpassagiere im Sommer 1783 ein Schaf, eine Ente
und ein Hahn. Sie landeten unversehrt. Am 21. November des
genannten Jahres aber steigen Pilâtre de Rozier und der
Marquis François Laurent d’Arlande beim Schloss La
Muette von Paris zum erfolgreichen ersten Flug auf, bestaunt von
unzähligen Gaffern.
Das internationale Publikum war aufs höchste erregt. Sofort
kamen Vorschläge für technische Verbesserungen, statt
Heissluft verwendete man auch Wasserstoffgas. Der Basler Leonhard
Euler berechnete knapp vor seinem Tod (am 7. September 1783) noch
schnell die Auftriebsgeschwindigkeit und die Gipfelhöhe eines
Ballons. Sein Vorgänger an der St. Petersburger Akademie, der
Basler Daniel Bernoulli, hatte schon 1738 die ersten Ansätze
zur kinetischen Gastheorie formuliert. Urs Jakob Tschann von
Balsthal liess nach dem Prinzip der Brüder Montgolfier am 12.
Februar 1784 einen von seinem Bruder angefertigten Ballon steigen,
und 1000 Personen schauten zu, unter ihnen die Ehrengesandten von
Glarus, Appenzell und St. Gallen, die auf der französischen
Gesandtschaft gerade ihre fetten Pensionen abgeholt hatten.
Es gab auch geärgerte Leute. Unter ihnen waren jene zu
finden, gewissermassen in der Nachfolge Leonardos, die das Fliegen
nicht als inaktives Schweben, sondern als aktive und steuerbare
Bewegung verstanden haben wollten. Zu ihnen gehörte Carl
Friederich Meerwein (1737-1810), der in Leiselheim am Kaiserstuhl
geborene Sohn des Pfarrers Christian Meerwein. Er hatte Mathematik
und Baukunst in Strassburg studiert, in Jena Logik, Landwirtschaft,
ökonomische Chemie und Physik. 1764 war er in den Dienst des
Markgrafen Karl Friedrich von Baden getreten und wurde
Landbaumeister.
Schon 1782 hatte er in Basel eine erste Schrift über die
Möglichkeiten des Fliegens herausgegeben. Nachdem das Thema
brandaktuell geworden war, musste er sofort wieder zur Feder
greifen, und so kam in Frankfurt und Basel (bei J.J. Thurneysen dem
Jüngeren) seine Untersuchung „die Kunst zu fliegen nach
Art der Vögel, erfunden von Carl Friederich Meerwein“
heraus. Selber soll er mit seiner Erfindung einen kurzen Flug
absolviert haben, der im Misthaufen des Nachbars endete. In seiner
Publikation riet er zu folgendem Vorgehen: „Die sicherste
Gegend vor einen Lehrling in dieser neuen Kunst, ohne Lebensgefahr
den ersten Versuch zu wagen, wäre ein tiefes Wasser,
unmittelbar unter einer etwas beträchtlichen Anhöhe: wie
etwann an den sogenannten Rheinsprung in Basel. – Denn wer in
ein etwas tiefes Wasser fällt, der bricht weder Hals noch
Bein, und gegen das Ertrinken giebt es hinreichende
Verwahrungsmittel.“ Offensichtlich traute er seinen eigenen
Fluggerät noch nicht ganz, und im Grund seines Herzens war er
sehr damit einverstanden, dass andere Leute Kopf und Kragen mit
seinem Apparat riskierten.
Ein Kupferstich, der seinem Büchlein beigegeben war, zeigt
das Fluggerät. Es gleicht in mehr als einer Beziehung einem
heutigen Gleiter. Die wesentliche Schwierigkeit lag freilich in der
Beweglichkeit der Flügel, deren Mechanik mit den damaligen
technischen Mitteln praktisch nicht zu bewältigen war. Ihm war
klar, dass ein Fluggerät – in der heutigen Terminologie
gesagt – eine Leichtbauweise benötigte, aber Lindenholz
und möglichst luftundurchlässige Leinwand waren immer
noch viel zu schwer. Ihm ging es daneben darum, den Ruhm des ersten
Aeronauten nicht den Franzosen zu überlassen, sondern er
wünschte „zugleich die Ehre dieser Erfindung auf die
Deutschen zu bringen“. Aber selber verfolgte er, soviel wir
wissen, seine Pläne nicht weiter.
Vier Jahre später herrschte dann in Basel grosse Aufregung.
Im Februar 1788 kam nämlich der unterdessen berühmte
französische Aeronaut Jean Pierre Blanchard (1753-1809) in die
Stadt. Am 11. März liess er einen Ballon, an dem ein Schaf
hing, vom Markgräfler Hof aus aufsteigen. Das arme Schaf
landete im „Hof Ihro Gnaden Herren Bürgermeister
Debarry“ auf dem Münsterplatz, also im Mentelinhof neben
dem heutigen Gymnasium. Blanchard weibelte öffentlich mit
gedruckten Flugblättern für seine grosse Demonstration.
Vielleicht hatte er sogar die Schrift von Meerwein gelesen, denn
nun versprach er, dass sein Gerät auch Flügel hätte,
um sich „auf Art der Vögel in die Luft zu
schwingen“. Am 5. Mai 1788 fand die Demonstrationsfahrt
endlich statt, aber der Ballon wollte nicht richtig in die
Höhe steigen. Vermutlich war der mit Flügeln versehene
Apparat einfach zu schwer. Erst montierte Blanchard die Flügel
ab, dann zog er sich bis aufs Hemd und Unterkleid aus und
hängte sich in das über den Ballon geworfene Netz, das
war alles andere als bequem. Aber die Leute waren jetzt zufrieden,
denn Blanchard stieg tatsächlich auf, schwebte über die
Dächer der Stadt hinweg und landete schliesslich nahe bei
Allschwil. Bei der Landung verletzte er sich am Fuss. Doch wurde er
„hierauf in Begleitung vieler Gefährten und einer Menge
Personen allerley Standes mit allgemeinem Beyfall in die Stadt
begleitet“.
Das passierte in Basel ein Jahr vor Ausbruch der
Französischen Revolution. Schon sechs Jahre später stieg
ein Ballon namens „L’Entreprenant“ als erster
militärischer Beobachtungsballon der Geschichte während
der Schlacht bei Fleurus am 26. Juni 1794 in die Höhe.
Hauptmann Jean Marie Joseph Cutelle führte das Gefährt,
die Schlacht beobachtete General Morlot. Wie hatte es Carl
Friedrich Meerwein ahnungsvoll zehn Jahre vorher geschrieben:
„Was ist aber auf der Welt, und was hat der menschliche
Verstand gutes und nützliches ausgedacht, das die Bosheit
nicht auch zum Nachtheil des Nebenmenschen misbrauchen
lernte?“
Wenn dann Peter Ochs wenig später aus dem unruhigen Paris
nach Basel schrieb, dass er am liebsten mit einem Ballon nach Hause
fliegen würde, war das ein Kommentar sozusagen aus aktuellem
Anlass, und jedermann in Basel verstand, worauf er Bezug nahm.
Was wäre eine Stadt wie Basel ohne die Zuwanderer. Das
Geschlecht, von dem jetzt die Rede sein soll, geht auf einen noch
im 17. Jahrhundert, nämlich 1698 geborenen „Schrift- und
Filetschneider, auch Schriftgiesser“ zurück, der im
Alter von nur 20 Jahren aus Nürnberg nach Basel kam und hier
in die Schriftgiesserei Genath eintrat. Sein Name war Johann
Wilhelm Haas. So jung er war, so viel Fachkompetenz strahlte er
schon aus; für Hans Rudolf Genath wurde Haas bald zum ersten
Mitarbeiter und zur Stütze des Geschäftes. In moderner
Terminologie: Haas sorgte für einen Technologietransfer aus
der grossen Reichsstadt Nürnberg in das kleine republikanische
Basel. Er brachte Know-how, innovative Ideen, gab unternehmerische
Anstösse, dynamisierte die schon etwas verschlafene
Druckerstadt. Eigentlich hätte er hier hoch willkommen sein
müssen.
Aber die Gnädigen Herren von Basel hatten exakt im Jahr
1718, da Haas nach Basel gekommen war, eine 40jährige
Schliessung des Bürgerrechtes verabschiedet. Sie wollten keine
Wirtschaftsimmigranten, wollten dem heimischen Gewerbe die
Konkurrenz tüchtigerer Ausländer vom Leib halten. Um das
Geschäft von Herrn Genath selbständig zu übernehmen,
hätte Haas Basler Bürger sein müssen, und das war
jetzt, von 1718 bis 1758, durch die Sperre der
Bürgerrechtsaufnahmen unmöglich geworden.
Man staunt über die Geduld der damaligen Leute. Erst nach
19 Jahren, nämlich im Mai 1737, wagte es Genath, mit seinen
Nachfolgeproblemen erstmals bei der Regierung vorzusprechen. Er
schrieb, dass Herr Haas darauf bedacht sei, „entweder wieder
nach Nurnberg zu kehren, oder anderstwo, alss worzu ihme ein- und
andere Anleitung gegeben worden, sich zu setzen und auch für
sich zu arbeitten, hat sich aber biss dato noch ferners bey mir zu
bleiben bewegen lassen und zugleich zu verstehen gegeben, dass, wan
er hier under Ewer Gnaden Schutz lebenslang zu verbleiben undt
seine Kunst forzusetzen, die Hoffnung schöpfen könnte, er
sich verbinden wollte, mich so lang ich lebe, nicht zu verlassen,
sonder mir wie bisshero beyzustehen.“
Genath verlangte also nicht, dass Haas Basler Bürger
würde, er bat nur darum, dass der Rat Herrn Haas unter
„hiessigen Schutz“ annehme. Um sicher zu sein, dass die
Gnädigen Herren dem auch zustimmten, legte er eine Petition
von weiteren sieben Basler Buchdruckern bei, die alle Haas
empfahlen. Der Kleine Rat stimmte schliesslich zu. Gegen eine
Jahresgebühr von sechs Gulden durfte sich Haas unter
obrigkeitlichem Schutz fühlen, das heisst in heutiger
Terminologie, er bekam eine Niederlassungsbewilligung.
Das war aber erst der halbe Weg, denn Haas war damit noch nicht
Basler Bürger geworden. Dabei gefiel es ihm in der Stadt, und
nach 1740 war er zudem Geschäftsnachfolger von Genath
geworden. Was tut man in einem solchen Fall? Man machte es wie die
Professoren oder Theaterintendanten: Man sucht sich eine andere
Stelle, im Fall von Haas ein anderes Bürgerrecht. Er tat das
ziemlich raffiniert. Da ihm Basel nicht entgegenkommen wollte, er
aber doch in Basel zu bleiben wünschte, wandte er sich an
Biel, das immer noch mit dem Basler Fürstbischof als dem
anderen Stadtherrn verhängt war. Und siehe da: Gegen die
Erstattung von 300 Kronen bekam Haas 1746 das Bieler
Bürgerrecht und war gewissermassen Schweizer geworden,
Bürger freilich nur eines zugewandten Ortes, aber mit
baslerischen Verbindungen.
Am 26. Juli 1758 – Haas war jetzt schon 60 Jahre alt und
hatte heranwachsende Kinder – kam der nächste Versuch.
Er schrieb an Bürgermeister und Räte von Basel:
„Eine sehnliche, ja recht brennende Begierd und Verlangen mit
Ew. Gn. so freyem, sicherem und ruhigem Burgerrecht mich begnadiget
zu sehen, veranlasset mich vor Ew. Gn. in tieffster
Underthänigkeit zu erscheinen und Denenselben mit
respectuoster Hochachtung vorzutragen, wie dass ich mit sonderer
Herzensfreud vernohmen, dass Ew Gn. aus Höchstpreisslichst
Landesvätterlicher Vorsorg, zu mehrerer Bevölckerung dero
so berühmter Statt neben anderen auch Künstler und solche
Professionisten, welche Ew. Gn. Ehren Burgerschafft
ohnschädlich gn. auff- und anzunehmen gesinnet
wären.“
Wiederum war diese Supplikation von diversen Attesten begleitet:
Der Diakon zu St. Leonhard bestätigte den „erbaulichen
christlichen und exemplarischen Wandel“; sieben Buchdrucker
lobten ihn als Kollegen; der Geheime oder Dreizehner-Rat
untersuchte den Kandidaten genau, und am 21. August 1758 war es
dann soweit, dass der Grosse Rat Johann Wilhelm Haas samt Ehefrau
und zwei Kindern ins Basler Bürgerrecht aufnahm – nicht
ohne dass sich die Gnädigen Herren im letzten Moment noch
darüber stritten, ob der Neubürger hundert oder
zweihundert Neue Thaler der Staatskasse abliefern müsse.
Wenn man bedenkt, dass die drucktechnische Bedeutung Basels im
ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert fast
ausschliesslich an der Haas’schen Dynastie hing, dass hier
dank Haas und seinen Nachkommen die ersten Satzautomaten
konstruiert wurden, dass die Schriftgiesserei Haas nicht nur einer
der grössten Lieferanten von Typen nach Deutschland und
Frankreich wurde, sondern auch den für diese Zeit aufregenden
Versuch unternahm, Landkarten mit Hilfe von vorfabrizierten
Satzelementen zu gestalten, mutet die geradezu nerventötende
Umständlichkeit der Regierung, einen so hochbegabten Mann in
die Stadt aufzunehmen, grotesk an.
Wie Johann Wilhelm Haas und sein Sohn Wilhelm Haas-Münch
(1741-1800) die Umständlichkeiten einer Einbürgerung
aufnahmen, können wir nur ahnen. Wahrscheinlich ein wenig mit
Achselzucken, vielleicht auch mit Spott. Denn sie wussten sehr wohl
um ihren professionellen Wert und wieviel die Kunst der
Schriftgiesserei und des Drucks in Basel ihrem unternehmerischen
Sinn verdankte. Bekannt ist, dass im Spätherbst 1797 Bonaparte
als siegreicher General durch Basel reiste, seine Begegnung mit dem
Oberstzunftmeister Peter Ochs gehört zu den oft erzählten
Szenen. Weniger bekannt ist, dass am 23. November 1797 Wilhelm
Haas-Decker, der Enkel des Einwanderers, im Hotel Drei Könige
Bonaparte die neuste Karte der Cisalpinischen Republik vorlegte,
auf der Napoleon – laut den Memoiren von Haas –
„noch mit eigener Hand den letzten Ergänzungsstrich
bezeichnete und die Dedication an ihn genehmigte“.
In Sachen Technologietransfer war der zukünftige
Kaiser der Franzosen alles andere als umständlich. Wer ihm da
etwas Neues vorlegen konnte, war hochwillkommen, egal ob er
Franzose oder Ausländer war. Aus den gesammelten Schriften von
Wilhelm von Humboldt wissen wir, dass Napoleon 1798 in Paris eine
nochmals verbesserte Version der Haas’schen Karte den Herren
vom Institut National zur Begutachtung vorlegte. Der Nachkomme des
nach Basel eingewanderten Nürnbergers hatte Napoleons Gefallen
gefunden, und für die militärische Kartografie war das
auf jeden Fall ein interessanter Mann.
Heute haben wir das Auto und den Fotoapparat. Also sind wir in
weniger als zwei Stunden so gut wie überall im Dreiland, und
im Fotogeschäft können wir schon zwei Tage
später die Bilder von Pfirt oder St. Blasien oder Murbach
abholen. Praktisch – etwa nicht?
Wie machten es denn frühere Zeiten? Sie gingen zu Fuss,
ritten zu Pferd, stoppten einen Botenwagen oder benützten die
Postkutsche. Und wenn sie Bilder haben wollten? Dann musste man
selber zeichnen, aquarellieren und malen, oder man kaufte eben in
einem Kabinett Kupferstiche, dank deren Herstellung viele
Künstler, manchmal sogar sehr gute, ihr Dasein fristeten.
Jetzt aber sind wir in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts,
ganz knapp vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. Die
Zeitgenossen ahnten sie so wenig, wie wir den Zeitpunkt des
Zusammenbruchs des Staatssozialismus im Osten oder die deutsche
Wiedervereinigung ahnten. Ausgebaute soziologische und
politologische Institute, Prognosenfirmen und Lehrstühle
für Politikwissenschaften haben uns keinen Deut klüger
gemacht als unsere Vorgänger vor 200 Jahren, die den
heraufziehenden Sturm, die grösste Veränderung Europas,
auch nicht merkten.
Fast zur gleichen Zeit reisen ein Professor der schönen
Künste aus Kiel und der meistgelesene Gartenautor seiner
Epoche, ein Pfarrer und Schulleiter aus Sachsen und ein Hamburger,
ein schon revolutionär gesinnter Pädagoge, Richtung
Basel. Es sind Christian Cajus Lorenz Hirschfeld, Christian
Gottlieb Schmidt und Joachim Heinrich Campe, die 1784, 1786 und
1785 am Oberrhein vorbeikommen, alle drei neugierig, von
verständiger Intelligenz und wachen Auges. Und weil sie eben
nicht zeichnen oder malen, schreiben sie fleissig, ziemlich
besessen sogar – Hirschfeld und Campe schon im Hinblick auf
eine Veröffentlichung im Druck, während Schmidt vorerst
seine Reiseberichte bogenweise nach Hause schickt. Was wissen sie
zu berichten?
Hirschfeld: „Unter dem Genuss herrlicher Aussichten rollte
unser Wagen schnell über die schönen Strassen des
Elsasses, um uns einem noch schönern und glücklichern
Lande zu nähern. Die Berge vom Elsass und Lothringen waren
allmählich zur Rechten in der Ferne verschwunden; der Rhein
liess zur Linken zuweilen seinen prächtigen Strom
hervorglänzen; und vor uns erhoben sich nach und nach die
Gebürge der Schweitz in einem heitern Abendschimmer, der um
uns her die ganze ruhige Natur verschönerte. (...) Auf allen
Seiten erblickt man die fruchtbarsten Felder; sie sind mit allen
Arten von Gewächsen angebaut; die Dörfer verkündigen
Wohlstand, und die schönen, frohen und wohlgekleideten
Menschen den Genuss ihrer Glückseligkeit.“
Campe: „Eine herrliche Fahrt: Kunststrassen, so eben, als
wären sie mit Diehlen belegt; ein Postwesen, wie man es in
Deutschland, so weit ich es kenne, nirgends findet, und
Landschaften, welche an Fruchtbarkeit, Kultur und Bevölkerung
sogar die obere Markgrafschaft Baden hinter sich lassen! Um sich
von der erstaunlichen Volksmenge in Oberelsass einen Begrif zu
machen, braucht man nur zu hören, dass auf den Wochenmarkt von
Colmar Leute aus 400 Ortschaften kommen und an dem nämlichen
Tage wieder zu Hause fahren können.“
Schmidt: „Gestern Nachmittags trat ich meine Reise zu Fuss
hieher (St. Blasien) an, und ging noch bis Schoppen (Schopfheim)
einem kleinen Marggräflich Badenschen Städtgen. Ein fast
einziges enges recht schönes Tal fürt dahin, das von der
Wiese durchströmt und mit Dörfern übersäet ist,
deren gutes Ansehen einen guten Regenten verkündiget.
Vorzüglich habe die Kultur der Wiesen bewundert, die so
sorgfältig als Gärten gedünget gewässert und
unterhalten werden.“
Aber Schmidt noch einmal – und jetzt reist er von
Zürich Richtung Basel in einer Landkutsche: „Der Weg von
17 Stundten ist einem durch frappante Naturszenen verwönten
Auge eben nicht interessant; es ist hier der niedrigste Teil der
Schweiz, keine hohen Berge, keine himmelstürmenden mit ewigem
Eis bedeckte Alpen, keine abwechselnde romantische Täler,
bilden gefällige lachende Landschaftsgemälde, und selbst
an den verschiedenen Flüssen die man passiren muss, findet man
keine vorzüglich sich auszeichnenden Gegenden.“
Das sind, von drei verschiedenen Besuchern hingeworfene und
recht allgemein gehaltene Landschaftsschilderungen. (Die
Berichte selber, die zum Teil in modernen Nachdrucken
erhältlich sind, sind in manchen Einzelheiten wesentlich
interessanter.) Es ist überraschend, unsere Gegend durch 200
Jahre alte Brillen zu betrachten, man kriegt da ein merkwürdig
anderes Gefühl für das Dreiland. Schon aus diesen drei
fragmentarischen Stellen lässt sich etwas ablesen, das heute
vielleicht noch immer gilt, aber uns allen, ob in der Basler
Region, im Elsass oder im Breisgau zuhause, viel zu wenig deutlich
ist: Für Leute aus Kiel, Hamburg oder Sachsen waren die
oberrheinische Ebene und das ganze Land zwischen Jura, Vogesen und
Schwarzwald in ihrem schmucken Wohlstand, in ihrer Fruchtbarkeit
und Milde geradezu paradiesisch schön. Es war fast nicht zu
glauben, wie friedlich, wohlgeordnet und freundlich hier das Leben
vor sich ging, wie heiter es sich präsentierte,
unabhängig von den staatlichen Autoritäten, die damals
noch sehr buntscheckig gemischt waren. Nur wer schon romantisch
gestimmt war, in den Alpen nach Staubbachfällen, Gletschern
und Schluchten Ausschau hielt, war etwas enttäuscht; es musste
einer schon aus dem Flachland von Kiel kommen, um ihm
Grenzacherhorn und im Gempen den Anfang der Schweizer Gebirge zu
entdecken. Nein, was den Besuchern recht eigentlich zu Herzen ging
– und es waren ja weitgereiste Leute –, was sie auch
unbedingt niederschreiben und ihren Freunden zuhause mitteilen
wollten, war das, was sie die Glückseligkeit dieses Landes
nannten, nur fünf oder knapp drei Jahre vor der Revolution,
die dem Elsass zuerst die Guillotine und dann bald einmal allen
drei Teilen des Dreilandes schlimme militärische
Bedrängnis brachte.
Und die Maler? Noch einmal Hirschfeld: „Man malt indessen
noch immer, und bald wird die ganze Schweitz gemalt seyn. Auf
meiner letzten Reise durch die herrlichen Thäler des Bisthums
Basel fand ich an einem Tage an drey verschiedenen Stellen der Birs
Zeichner sitzen, welche die Wasserfälle dieses Flusses und die
umliegenden romantischen Gegenden studirten. Die Liebhaber der
Kunst sind in der Schweitz nicht weniger zahlreich, als die
Künstler selbst; und unter diesen gibt es viele durchreisende
Ausländer, die nicht leicht verfehlen, in einem mit den
reichsten und seltensten Naturgemälden bereicherten Lande zu
zeichnen.“ Viele solche Zeichnungen aus der Zeit vor 200
Jahren sind uns erhalten geblieben. Wie wird es unseren
Farbvergrösserungen im Jahre 2200 wohl gehen?
Ohne seinen Bruder Lukas, der zwölf Jahre älter war,
hätte er es nicht geschafft. Was hätte er nicht
geschafft? Nun weder die Firma noch das Haus noch den Lebenswandel
noch sein aufwendiges Gästewesen noch die Zuwendung zu allem,
was ihn interessierte und was ihm naheging. Er beteiligte sich mehr
als einmal an Preisausschreiben, hielt auch Reden. In einer Rede
kam er auf diese Kraft der Anteilnahme zu sprechen und formulierte,
auf was sie sich alles bezieht: „Die Genussfähigkeit,
deren wir empfänglich sind; den Wirkungskreis, den wir
umfassen können; das Sitten-Verhältnis, worin wir stehen,
und den Ruf, den wir erworben haben.“ Damit ist ein nach
allen Seiten offener Mensch von einem gewissen Stand gekennzeichnet
oder eben einer, der sich selber so versteht. Das noch heute
Spannende liegt darin, dass er Zeuge einer der grössten
Umbruchzeiten in der Geschichte war, die so gut wie alle
Verhältnisse auf den Kopf stellte und vor allem bei Leuten von
einem gewissen Stand tiefe Spuren im Privatleben zog.
Aber zurück zu seinem Bruder Lukas. Dieser sorgte in den
äusseren Dingen so energisch für ihn, dass er sich in
seinem etwas mehr als 60jährigen Leben ernsthaft nie
materielle Sorgen machen musste. Lukas nahm ihn schon in die Firma
auf, als er erst 13 Jahre zählte, sorgte für seine
Ausbildung und baute ihm vor allem das Haus. Das heisst er liess
ein Doppelhaus bauen, mit all dem notwendigen Drum und Dran,
Vorfahrt, Brunnen, zwei Innenhöfen, zwischen denen die
für die Firma notwendigen Produktionsräume untergebracht
waren. Der jüngere namens Jakob liess sich das gern gefallen.
Lukas war in solchen Dingen einfach effektiver, kontrollierte jede
Rechnung persönlich, feilschte und beanstandete die kleinste
Unregelmässigkeit – kein bequemer Bauherr. Also ein
amusischer Mensch? Weit gefehlt: er liebte Musik, hielt sich sogar
einen Hausmusikus und beauftragte den Architekten Samuel Werenfels,
gehörige Musikräume einzurichten. Wohingegen Jakob mehr
den literarischen Teil der Musen pflegte, selber dichtete und sich
in Theaterstücken versuchte. Der Hausbau der beiden
Brüder Sarasin zwischen 1762 und 1770 war auf jeden Fall das
Basler Stadtgespräch; ins obere Haus, das Weisse, zog Jakob
ein, das untere Haus, das Blaue, bezog Lukas Sarasin.
Über Jakob Sarasin wissen wir mehr, ganz einfach darum,
weil er so gerne schrieb, also auch ein erstaunlich fleissiger
Verfasser von Briefen war und seine Korrespondenzen sammelte. Sie
sind zu grossen Teilen erhalten geblieben. Lukas wurde 1730
geboren, Jakob 1742, das Todesjahr für beide war 1802. Sie
starben also als Bürger der Helvetischen Republik, die damals
schon dem Untergang zusegelte. 1899 publizierte August Langmesser
eine Auswahl von an Jakob Sarasin gerichteten Briefen mit einer
biografischen Einleitung; 1914 legte Emil Schaub Lebensbilder
beider Brüder vor. Der reiche Nachlass vor allem von Jakob
Sarasin, in seiner Gesamtheit nicht publiziert, ist eine
einzigartige Quelle für das geistige Leben im Raum
Strassburg-Emmendingen-Zürich-Biel-Basel vor der
Revolutionszeit. Politisch waren die Verhältnisse erstarrt, 22
Jahre musste Jakob warten, bis ihm endlich das Losglück 1788
zum Einzug in den Grossen Rat half. Zürcher Freunde
schüttelten den Kopf, dass man diesem Mann nicht schon
längst eine entscheidende Rolle in den Behörden
zugehalten hatte.
Und dennoch merkwürdig: bei all seiner Integrationsfreude
auch ins politische Geschehen wurde er oft als „fremder
Gast“ bezeichnet. Etwas hielt die Mitbürger auf Distanz.
Dieser Jakob Sarasin lebte in einer anderen, weil grösseren
Welt, gewissermassen nur zufällig in die eigene Stadt geraten.
Das war nicht allein sein Reichtum, der übrigens nach Ausbruch
der Revolution schnell zurückging. Das Kapital der Firma hatte
1786 noch 100'000 Gulden betragen, 1794 stand es auf 26'875 Gulden.
Jakob Sarasin verkaufte Pferde und Kutsche. Fremder Gast war er
viel eher, weil er als Freund und Briefschreiber,
Gelegenheitsdichter und Moralist in einem intellektuellen Kreis
lebte, der den meisten Mitbürgern im immer noch
zünftisch-patrizisch organisierten Basel fremd und offen
gestanden exotisch vorkam.
Wie musste man denn einen Mann einschätzen, bei dem Kaiser
Joseph II. (am 19. Juli 1777) inkognito als Graf von Falkenstein
abstieg, später (11. Juli 1784) Prinz Heinrich von Preussen
als Graf von Oels, und bei dem (15. Oktober 1789) die Fürstin
von Anhalt-Zerbst zu Gast war, ferner die aus Mömpelgard
vertriebenen Prinzen Eugen von Württemberg und seine Gattin
Dorothea Sophie von Preussen (Winter 1791/2)? Der aber zugleich
Christof Kaufmann, den abstinenten und als Vegetarier lebenden,
theatralischen Inbegriff des Genies aus der Sturm- und Drangzeit
beherbergte, daneben dem unglücklichen Liebhaber von Goethes
Friederike, Jakob Michael Reinhold Lenz, beistehen wollte? Jakob
Sarasin half dem Schwager Goethes Johann Georg Schlosser eine Kuh
schenken, dichtete zusammen mit Maximilian Klinger, auf den der
Begriff „Sturm und Drang“ zurückgeht, einen Roman,
korrespondierte mit Sophie von La Roche, die das
„Fräulein von Sternheim“ publizierte, reiste zu
Heinrich Pestalozzi und schickte ihm Geld, besuchte den durch die
sogenannte Halsbandaffäre – ein angeblicher
Bestechungsversuch an der Königin Marie Antoinette –
bekannten Kardinal Rohan in Strassburg und erklärte sich als
Freund und Verehrer des falschen Grafen Cagliostro, für den er
im Weissen Haus selber Salben und Tinkturen herstellte.
Vor allem diese Verbindung mit Cagliostro, der 1783 für die
von ihm gegründete Freimaurer-Loge in Riehen einen speziellen
Pavillon, den Glöcklihof, bauen liess, umgab Jakob Sarasin in
den Augen der Zeitgenossen mit einer exotischen Aura. Sarasin aber
war von unendlicher Dankbarkeit diesem unfassbaren Mann
gegenüber erfüllt – ganz einfach darum, weil
Cagliostro die heissgeliebte Gertrud, geborene Battier, die zehn
Jahre jüngere Gattin Sarasins, von ihren Anfällen hatte
heilen können. Die Liebesbeziehung Sarasins zu seiner Frau hat
im verspielten Rokoko-Zeitalter etwas Ergreifendes; die tiefe
Trauer über ihren Tod 1791 drohte die Kraft seiner Anteilnahme
mattzusetzen.
Vom Jahrgang und nach seiner Gesinnung war Jakob Sarasin ein
Mann des alten Regimentes. Aber 1798, als Basel sich als erster
Stand der Eidgenossenschaft freiwillig revolutionierte, rutschte er
als Ersatzmann in die revolutionäre Nationalversammlung. Er
war es, der nicht nur den Colmarer Dichter Gottlieb Konrad Pfeffel,
sondern eben auch den Goethe-Freund Johann Heinrich Merck und
Cagliostro selber an die Tagungen der Helvetischen Gesellschaft
einlud und sich von Catharina Schweighäuser aus Strassburg die
revolutionären Ereignisse im Elsass in jedem Detail berichten
liess. Er war Gast, Zuschauer voller Anteilnahme, aber im letzten
unberührt, die unglaublichen Veränderungen seiner Zeit
nahm er ohne Kummer und gelassen hin.
Moderne Stichworte dieser Art, zum Beispiel auch innovativ,
gruppendynamisch und vernetzt, dominieren unsere Gegenwart. Sogar
Generaldirektoren nehmen sie liebend gern in den Mund. Frühere
Jahrhunderte, die sich selber zwar auch als modern empfanden,
kommen uns daneben fabelhaft gemütlich vor. Wir haben rund um
die Welt einen Krieg am Fernsehen erlebt, das ist schon etwas
anders als der in der „Post“ von Müllheim seinen
Schoppen Markgräfler trinkenden und über das
Weltgeschehen nachdenkenden Johann Peter Hebel. Obwohl auch der am
Anfang Bonaparte wie Saddam Hussein betrachtete und erst
später von Napoleon als dem Friedenskaiser sprach. Die Welt
ist sehr anders geworden. Wirklich?
In den Editions du Rhin in Mülhausen ist ein Buch über
Jean-Frédéric Oberlin, den Wohltäter des
Steintales, erschienen. Das Steintal, französisch
Ban-de-la-Roche, liegt nordwestlich von Strassburg, also ein wenig
jenseits des Dreilandes, ist aber mit ihm eng verknüpft.
Jean-Frédéric Oberlin (ich lasse es beim
französischen Namen, auch wenn er besser deutsch sprach) lebte
von 1740 bis 1826, wurde als 86 Jahre alt – für die
damalige Zeit, noch viel mehr als für uns, ein wahrhaft
biblisches Alter. Von Beruf war er Pfarrer, protestantischer
Pfarrer in Waldersbach. Aber eine solche Bezeichnung führt
schon leicht in die Irre. Man könnte auch vom Oberlin dem
Pädagogen, von Oberlin dem Naturforscher, von Oberlin dem
Industriellen, von Oberlin dem Agronomen sprechen.
Man muss sich die Zeitläufe in Erinnerung rufen, um den
Hintergrund hinter dieser auf den ersten Blick so friedfertigen
Existenz zu entdecken. 1789 Revolution im Elsass – nicht
gegen die französische Krone, sondern gegen die alten,
sozusagen aus dem deutschen Reich geerbten Adelsprivilegien. Kriege
ab 1792, dem Jahr, da in Strassburg die Marseillaise entstand.
Basler Frieden 1795 zwischen Preussen und Frankreich, aber bald
beginnen die eigentlichen napoleonischen Kriege bis weit nach
Deutschland, Spanien und Russland hinein. Napoleons Rückzug
aus Moskau, der Einmarsch der alliierten Heere in Frankreich,
Napoleons Herrschaft der 100 Tage, dann die Schlacht von Waterloo.
1815 Abschluss des Wiener Kongresses, die Neuordnung Europas, das
Elsass bleibt französischer Besitz, die deutschen
Fürstentümer werden auf den napoleonischen Grenzziehungen
zum Teil ganz neu geordnet. Über Elsass-Lothringen, aber auch
über Basel, rollen die Wellen napoleonischer und alliierter
Koalitionen – und da sitzt in einem Vogesental ein einfacher
Pfarrer, immer am gleichen Ort, und hat nur das Wohlergehen seiner
Talschaft im Sinn. Dafür setzt er alle Hebel in Bewegung.
Zum Beispiel als Agronom: Er lehrt seine Bauern neue
Düngemethoden, ermuntert sie, Bäume zu pflanzen und die
Wälder aufzuforsten, fördert den Anbau der Kartoffel.
Oder als industrieller Berater: Er hilft bei der Einrichtung
einer mechanischen Spinnerei und unterstützt die Strassburger
Familie de Dietrich bei der Wiederbelebung der lokalen
Eisenindustrie.
Als Pädagoge: Er kümmert sich um die Schulung von
Mädchen und Knaben, entwickelt eigene pädagogische
Systeme, verfasst didaktische Lehrmaterialien und verarbeitet die
Erkenntnisse seines Zeitgenossen Pestalozzi, den er mit
glühendem Herzen liest.
Als Ökologe: Wiederverwendung von natürlichen
Materialien, sparsamer Energieverbrauch, organische Kreisläufe
in der Landwirtschaft sind seine Postulate. Modern gesagt:
Recycling.
Als Financier: Für seine Gemeindemitglieder gründet er
Kassen, die recht eigentlich als Vorläufer der späteren
Raiffeisen-Banken gelten können.
Daneben ist er Botaniker, Naturforscher, Spielzeugmacher,
Esoteriker, ein leidenschaftlicher Bücherleser und zuletzt
– oder vielmehr zuerst – auch Seelsorger, praktischer
Pfarrer mit langen Stunden an Krankenbetten. Papa Oberlin nannten
ihn die Leute, und seine heutigen Verehrer sagen ihm noch immer
so.
Schaut man auf das Netz der geistigen Beziehungen und der
tatsächlichen Kontakte, wird dieser Landpfarrer im kargen
Steintal zu einer geradezu europäischen Figur. Von dem etwas
älteren Basedow in Dessau übernahm er pädagogische
Prinzipien, desgleichen vom revolutionär gesinnten Campe. Mit
einem der wichtigsten Theoretiker der Französischen
Revolution, dem Abbé Grégoire, korrespondierte und
konversierte er. Die pietistische Baronin von Krügener
besuchte ihn. Er hinwiederum besuchte den blinden Fabeldichter
Pfeffel in Colmar. Der abgewählte helvetische Direktor, der
Basler Lukas Legrand, zog sich zu Oberlin als industrieller Berater
zurück. Oberlin suchte die physiognomischen Theorien Lavaters
in die Praxis umzusetzen. Deutsche, Schweizer, Engländer,
Franzosen wurden zusehends auf ihn aufmerksam. Dank seinem
ständigen Drängen investierten die de Dietrich gewaltige
Summen in die industrielle Entwicklung des Tals – da war,
vermutlich aus der Kasse des Peter Ochs, auch Basler Kapital
dabei.
Im Jahr 1835 sitzt in Zürich ein 21jähriger, politisch
verfolgter Student und schreibt anhand von Textvorlagen eine
Novelle mit dem Titel „Lenz“. Es ist die Geschichte von
einem Aufenthalt des gemütskranken Jakob Michael Reinhold Lenz
(1751-1792) beim Papa Oberlin im Steintal. Lenz, mit Goethe
bekannt, liebte die von Goethe verlassene Friederike Brion. Da ist
zu lesen: „In den Hütten war es lebendig, man
drängte sich um Oberlin, er wies zurecht, gab Rat,
tröstete; überall zutrauensvolle Blicke, Gebet. Die Leute
erzählten Träume, Ahnungen. Dann rasch ins praktische
Leben, Wege angelegt, Kanäle gegraben, die Schule besucht.
Oberlin war unermüdlich.“
Da schrieb Georg Büchner, das frühreifste Genie der
deutschen Literatur. Und als Textvorlage diente ihm ein Bericht von
Johann Friedrich Oberlin mit dem „Herr L.“
„Dichtung und Wahrheit“. Wahrhaftig: Das Dreiland am
Oberrhein kann für sein kreatives, kommunikatives und
interdisziplinäres Potential an eine Vergangenheit
anknüpfen, die es so schnell nicht übertreffen wird. Und
das Musée Oberlin in Waldersbach bleibt einer der
Wallfahrtsorte unserer Regio.
Wir stellen uns heute vor, dass die Landwirtschaft so etwas wie
die ursprüngliche Beschäftigung der Menschheit gewesen
sei, und dass das, was wir mit Erfindungen bezeichnen, auf dem
Gebiet der Technik, der Wissenschaften, des Gewerbes und der
Industrialisierung liege. Hier regiert die Innovation, hier
herrscht Fortschritt, daneben aber pflügt der Bauer seine
Felder wie eh und je und treibt das Vieh aus, macht Käse und
erntet im Juni die Kirschen.
Die Wirklichkeit ist anders. Das 18. Jahrhundert mit seinen
naturwissenschaftlichen Geräten, seinen mechanischen
Künsten, der Erfindung des Blitzableiters und den raffinierten
Spieluhren, eigentlichen Robotern, war auch das Jahrhundert der
Erfindung der Landwirtschaft. Der Oberrhein bietet dafür ein
auffallendes und schon für die Zeitgenossen
eindrückliches Beispiel, diesmal auf der badischen Seite.
Möglich gemacht hat es der Markgraf Karl Friedrich
(1728-1811), der, was schon damals bewundert wurde, ganze 65 Jahre
lang bis zu seinem Tod regierte. Er war ein reformfreudiger Herr,
und die blühende Landwirtschaft Badens, dessen Freundlichkeit
in den Versen Johann Peter Hebels nachklingt, dankt es ihm.
Aber man darf die dunkeln Hintergründe nicht vergessen.
Nicht nur der Dreissigjährige Krieg, sondern fast noch mehr
die Erbfolgekriege Frankreichs hatten das Land, die obere und
untere Markgrafschaft mit ihren vielen Enklaven im
vorderösterreichischen Gebiet, in den Ruin getrieben. Drei
Viertel der Bewohner waren erschlagen oder vertrieben, ganze
Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Geld fehlte überall;
noch 1739 lag der Zinsfuss für entlehntes Geld auf 32 Prozent.
Wo Bauern überlebt hatten, arbeiteten sie nach dem alten
Prinzip der Dreifelderwirtschaft, von denen immer eines brach lag;
die selbst gezüchteten Pferde hatten bestenfalls die
Grösse von Eseln. Viel mehr als Hanf, Holz und Holzkohlen,
Wein, Getreide und Kirschwasser wurde nicht produziert. Die
Strassen waren miserabel. Der Alkoholismus herrschte, was der
Spruch eines Basler Ratsherren belegt, der sich nach einem Malheur
an der fürstlichen Tafel mit dem Satz entschuldigte: „Wo
Trinken eine Ehre ist, ist Vomiren keine Schande.“
Markgraf Karl Friedrich kannte seine Bauern; er wusste, dass
Dozieren nichts hilft, nur das Beispiel zählt. Die sogenannten
Kammergüter, die durch die markgräflichen Kammern
verwaltete wurden, machte er zu Versuchsbetrieben; auf den eigenen
Domänen begann er mit systematischen Meliorationen und
Anpflanzungen. Samen und Stecklinge gab er gratis an die
Bevölkerung ab. Für die Kartoffeln, von denen viele
Bauern noch nichts wissen wollten, beschaffte er sich
möglichst vielversprechendes Saatgut. Er führte die
Runkel- und Stoppelrübe ein, Krapp zur Farbstoffgewinnung,
Raps für Öl und den Tabak. Statt das Land brachliegen zu
lassen, sollte es mit Klee oder Esparsette bepflanzt werden;
für den Flachsbau zu Textilzwecken liess er ausgesuchte Samen
kommen. Viehweiden wurden gegen die Kulturen polizeilich
abgegrenzt, Bachverbauungen gegen Erosionen eingerichtet.
1760 war ein kaltes Jahr, viele Reben erfroren. Die
markgräfliche Verwaltung suchte nach besseren Rebsorten,
verteilte gratis Stecklinge. Seine eigenen Gärtnereien
kümmerte sich in Deutschland und den Nachbarländern um
ertragreichere Obstsorten, in den Gemeinden wurden Baumschulen
angelegt. Baumpflege wurde ein Schulfach. Nach dem Wunsch des
Markgrafen entstanden entlang den Wegen Alleen von Pappeln, Weiden
und Linden.
Nicht alles war erfolgreich. Der Markgraf hatte gehofft, dass
die Seidenkultur Kindern, älteren oder gebrechlichen Leuten
neue Erwerbsmöglichkeiten bringe. Zu diesem Zweck liess er
überall Maulbeerbäume für die Zucht von Seidenraupen
pflanzen. Vielleicht schätzte er sowohl das Klima wie die
notwendigen Fertigkeiten seiner Untertanen falsch ein. Dafür
bewährten sich die Zuchtanstalten; das niedrige Landpferd der
Hardt wurde zu einer stattlichen Rasse hochgezüchtet.
Die ersten Erfolge der Landwirtschaftspflege wurden um 1760
sichtbar, mehr und mehr machten auch die Bauern mit. Karl
Friedrich, der bis zu handschriftlichen Protokollnotizen
persönlich Anteil nahm, verordnete so etwas wie einen zweiten
Schub nach 1770. Junge Badener wurden zur Erweiterung ihrer
Pferdezuchtkenntnisse nach England geschickt, Rebleute holten sich
neue Erfahrungen im Burgund und in der Champagne. Reiseberichten
der Zeit kann man entnehmen, das die badischen Wiesen besonders
schön waren. Meliorationsarbeiten und Bachverbauungen, neue
Düngermethoden standen dahinter. Aus Spanien liess der
Markgraf Schafe kommen, die auch eine bessere Wolle gaben. Die
Bienenzucht wurde verfeinert, die Kalender, an denen Johann Peter
Hebel mitarbeitete, gaben fachliche Ratschläge an jeden
Haushalt weiter. Eigentliche Schulungsarbeit im Rebbau und im
Forstwesen musste geleistet werden. Von Jahr zu Jahr wurde die
Markgrafschaft blühender, freilich brachten die kalten Winter
von 1783/4 und 1788/9 arge Rückschläge; der
Revolutionskrieg von 1792/3 mit Franzoseneinfällen und
französischen Emigranten im Land stoppte vor allem die
Meliorationsarbeiten.
Man hat den Eindruck, so etwas wie dem Wirken des gesunden
Menschenverstandes zuzuschauen. Aber die Hintergründe sind
etwas komplexer. Karl Friedrich interessierte sich lebhaft für
die Theorie der sogenannten Physiokraten. Diese gingen davon aus,
dass die eigentliche Urproduktion eines Landes Landwirtschaft und
Bergbau seien, dort entstehe im Sinn eines Mehrwertes der
tatsächliche Reichtum. Also sei es unzulässig, die
Landwirtschaft durch Abgaben und Zehnten und Zinsen zu belasten,
man müsse vielmehr eine einzige Steuer auf den
Grundstücken erheben, daneben völlige Gewerbefreiheit
verordnen. War diese Theorie richtig? Um eine Antwort
schlüssiger Natur zu bekommen, richtete der Markgraf 1769/71
insgesamt drei Gemeinden Badens nach physiokratischen Prinzipien
ein. Das Experiment misslang. Die Gewerbefreiheit wurde sofort zur
Einrichtung von Dorfschenken missbraucht, die Bauern konnten sich
nicht daran gewöhne, aus den laufenden Erträgen die
Grundsteuer zur Seite zu legen. Der Markgraf war einsichtig genug,
den missratenen Versuch abzubrechen.
Man darf ohne Übertreibung sagen, dass die Erfindung der
Landwirtschaft durch Karl Friedrich weit über die damalige,
noch zerstückelte Markgrafschaft hinaus weiterwirkte, und
dass, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das dreimal grössere
Grossherzogtum Baden vom Bodensee bis nach Mannheim entstand, seine
Lehren in ganz Süddeutschland und in der Schweiz schon ihre
Wirkung getan hatten.
Politisch wurde Mülhausen 1798 Teil der Französischen
Republik. Bürgerschaft und Räte beschlossen das auf
durchaus demokratische Weise, wobei die damalige Demokratie von
unserer heutigen mit dem allgemeinen Stimmrecht erheblich
verschieden war.
Wirtschaftlicher Druck von Seiten Frankreichs hatte beim
Entschluss nachgeholfen. Was sollte diese eidgenössische
Enklave in der französischen Randzone – vor allem
nachdem die katholischen Eidgenossen die Stadt nicht mehr als
Bundesgenossen betrachteten? Sie hatten ihr sogar die Schmach
angetan, die Bundesbriefe mit abgeschnittenen Siegeln
zurückzuschicken. Mülhausen konnte sich nur noch als die
Verbündete von Basel, Bern, Zürich und Schaffhausen
betrachten. Aber auch diese Rumpfeidgenossenschaft war 1798 nicht
mehr handlungsfähig. Das dank Bonaparte militärisch
erfolgreiche Frankreich, das mit dem Frieden von Campo Formio
über Habsburg triumphierte und vom Waadtländer
César La Harpe offen zum Einmarsch in die Schweiz ermuntert
wurde, hatte die alten Gewalten in der Eidgenossenschaft so
erschüttert, dass sie politische kopf- und ratlos geworden
war. Mit dem Beitritt zur Französischen Republik hingegen
eröffneten sich für Mülhausen ganz neue
Perspektiven, wirtschaftliche so gut wie politische und eben auch
geistige. Dazu kam, dass die Gesellen im Mülhauser Gewerbe
immer deutlicher republikfreundliche Parolen äusserten –
ein Verbleib von Mülhausen bei der Eidgenossenschaft und somit
beim alten Ratsherrenregiment drohte zu einer inneren Revolution zu
führen.
Wenn man heute, aus der Schweiz oder von Deutschland her,
elsässische Städte besucht, wirken Orte wie Schlettstadt
oder Rufach in einem mittelalterlichen Sinn
„germanischer“ als das nicht viel weiter von der Grenze
entfernt liegende Mülhausen. Dieses macht in der baulichen
Anlage, aber auch in der Art seiner Bewohner einen
„französischeren“ Eindruck. Das kommt sicher auch
daher, dass der mittelalterliche Kern von Mülhausen weniger
intakt als in andern Städten ist. Aber da muss noch mehr
dahinterstecken. Denn Mülhausen war doch jahrhundertelang eine
Reichsstadt, seine Akten wurden noch im 16. und 17. Jahrhundert auf
deutsch verfasst. Hat Mülhausen etwa schon der Reunion des
Elsass mit Frankreich nach dem Dreissigjährigen Krieg
zugestimmt? Überhaupt nicht und sogar im Gegenteil:
Mülhausen wollte eidgenössisch sein und bleiben, zugleich
reformiert und in einem engen Austausch mit der benachbarten
Schwesterstadt Basel, mit der die Mülhauser viele
familiäre, wirtschaftliche, akademische und berufliche Bande
verknüpften.
Paradox genug: am spürbar französischen (oder
französischeren) Charakter von Mülhausen ist einesteils
die aus der deutschsprachigen Schweiz importierte Reformation und
sind andernteils die aus der Schweiz hinzuströmenden
Zuzüger schuld.
Reformiert wurde Mülhausen im Gefolge von Basel und Hand in
Hand mit Basel. Seit 1506 waren beide Städte verbündet.
Die Reformation war auch eine politische Bewegung – man denke
an die um 1525 vor allem im Elsass ausgebrochenen Bauernunruhen.
Die politische Konstellation war in Mülhausen ähnlich wie
in Basel: die Reformation half einem zünftisch gesinnten
Bürgertum gegen die alten feudalen Gewalten, in Basel gegen
den Fürstbischof, in Mülhausen gegen die habsburgische
Reichsvogtei in Ensisheim. Während aber in der Schweiz nach
den Kappeler Kriegen eine einigermassen stabile Aufteilung in
reformierte und altgläubige Orte stattfand, litt Frankreich in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter schlimmen
Glaubenskriegen.
Hier kommt nun die spezifische Grenzlage Mülhausens ins
Spiel. Französische Protestanten, wenn sie Frankreich nicht
einfach endgültig Richtung Holland oder Preussen oder auch
Richtung Schweiz verlassen wollten, konnten sich zuerst einmal nach
Mülhausen flüchten. Sie blieben dann in der Nähe von
Burgund und Lothringen, befanden sich aber auf unangefochten
protestantischem Boden, keiner feudalen Obrigkeit unterworfen. In
den deutsch geschriebenen Chroniken von Henric-Petri und
Fürstenberger lässt sich nachlesen, welch gewaltigen
Eindruck die französischen Religionskriege auf die
Mülhauser machten und wie immer wieder
calvinistisch-reformierte Franzosen im eidgenössischen
Mülhausen Zuflucht fanden. Jede dieser Hugenottenfamilien,
wenn sie in Mülhausen bleiben konnten, verstärkte das
französische Element der Bevölkerung.
Dann kam der Dreissigjährige Krieg, die grosse
Auseinandersetzung zwischen dem katholisch-kaiserlichen Habsburg
und den protestantischen Reichsfürsten, zugleich ein Kampf
zwischen dem mehr protestantischen Norden und dem katholischen
Südosten, der Mächte wie Spanien und Schweden, dann auf
protestantischer (weil antihabsburgischer) Seite auch Frankreich
involvierte, also zu einer europäischen Auseinandersetzung
wurde. Das oberrheinische Gebiet, das nicht nur die
europäische Kornkammer, sondern auch so etwas wie der
europäische Obstgarten und Weinkeller war, erlitt die
Schrecken dieses Krieges erst nach 1632. Aber dann war es für
Jahre Schauplatz scheusslicher Kämpfe, von Requisitionen und
Raubzügen. Es verlor stellenweise die halbe Bevölkerung
– und wurde gerade dadurch interessant für Zuzüger.
In diesem Elsass war dem eidgenössischen Mülhausen ein
gnädigeres Schicksal beschieden, es blieb unversehrt, mit den
Eidgenossen wollte es keine der Kriegsparteien verderben.
Es ist staunenswert, was diese kleine Stadt an Flüchtlingen
alles aufnahm, fast 30 Prozent der Einwohner waren zeitweise
Asylanten, wie wir heute sagen würden. Raymond Oberlé,
der frühere Stadtarchivar von Mülhausen, hat die Lage der
Stadt in diesem Krieg in einem umfangreichen Buch beschrieben. Sein
Nachfolger Jean-Luc Eichenlaub hat die Register der alten
Mülhauser Familien nach dem Krieg von 1668 bis zur Revolution
rekonstruiert.
Die Befunde sind überraschend: Der Zufluss von
hugenottischen Flüchtlingen französischer Sprache
führte 1661 zur Gründung einer französischen
Gemeinde in Mülhausen. Die ersten sechs Pfarrer bis 1710 aber
waren Schweizer, Berner, Bieler, Neuenburger, Basler. Und diese
Berner sprachen französisch, waren also wohl Waadtländer
oder Seeländer. Die Namen der Gemeindemitglieder sind auch
angeführt samt ihren Herkunftsorten. Da entdeckt man
Neuenburger, Waadtländer, Jurassier, Genfer, sogar
protestantische Freiburger. Für sie alle waren das Elsass und
seine den oberen Teil bestimmende eidgenössische Stadt nach
den Schrecken des Krieges ein untervölkertes und darum
verlockendes Gebiet. Hier kam man billiger zu einem fruchtbaren
Land als auf den kargen Jurahöhen oder im Vorland der
Waadtländer Alpen. Es waren also Schweizer französischer
Zunge, oft Untertanen der Gnädigen Herren von Bern oder des
Basler Fürstbischofs, die ins Elsass auswanderten und zusammen
mit zuziehenden Hugenotten das französische Element im
ursprünglich deutschsprachigen Mülhausen
verstärkten. Und wenn heute ein nach Westen fahrender Basler
hinter Rixheim den Eindruck gewinnt, jetzt endgültig auf
französischem Territorium angekommen zu sein, so hat das seine
geschichtliche Logik.
Geboren wurde er 1736, gestorben ist er 1809. Er wurde also 73
Jahre alt. Er hat sein eigenes Land und Europa sich verändern
sehen, vom alten Königtum über die Revolution, die
jakobinische terreur bis zu Napoleon. Seine Familie stammt aus
Schwaben, aber der französische Intendant des Elsasses
d’Angervilliers bewog seinen Vater, am Conseil souverain
d’Alsace mitzuarbeiten. So kam er in Colmar zur Welt und
blieb in Colmar sein Leben lang.
Das war nicht nur ein Bedürfnis nach Sesshaftigkeit,
sondern eben auch eine Folge seiner Behinderung, weil er schon als
Jugendlicher Sorgen mit seiner Sehkraft hatte. Er erblindete,
heisst es, mit 22 Jahren; ob er wirklich ganz blind war, lässt
sich schwer entscheiden, da er immer wieder davon sprach, er
hätte soeben etwas gelesen. Wahrscheinlich las es ihm seine
Frau vor, sie war in diesem Sinn sein Freund,
„der mit mir liest und mit mir denkt,
der mit mir lacht und weint.“
Aber auf jeden Fall: ein Blinder oder stark sehbehinderter
Mensch geht nicht gern auf Reisen. Darum reisten die Leute zu ihm.
Und eine imponierend umfassende Korrespondenz mit seinen
Zeitgenossen ist erhalten geblieben. Briefpartner in Basel zum
Beispiel war der Seidenbandherr Jakob Sarasin, dessen
merkwürdiges Beziehungsnetz zu Dichtern und Künstlern,
Revolutionsfreunden und Monarchen, Pietisten und Hochstaplern die
geschichtlich häufig übersehenen geistigen
Hintergründe des 18. Jahrhunderts in Basel andeutet.
Der erblindete Colmarer ist Gottlieb Konrad Pfeffel, eine in der
damaligen literarischen Welt weit herum bekannte, hochgeachtete und
sogar verehrte Figur. Er dichtete sein ganzes Leben hindurch. In
der Ausgabe seiner „Poetischen Versuche“, 5. Auflage
Tübingen 1816/21, werden seine Gedichte chronologisch
geordnet. Sie beginnen 1754 und enden 1801. Also hat da einer 47
Jahre lang gedichtet und mit 18 Jahren ein Werk begonnen, das er
noch mit 65 Jahren weiterführte. Der Verleger Cotta muss
zufrieden gewesen sein, dass eine Auflage der anderen folgte.
Waren die Gedichte so gut, dass die Zeitgenossen sich darum
rissen? Von heute aus ist das schwer zu sagen; unsere literarische
und politische Welt ist anders geworden. Antike Götter und
Schäferinnen, orientalische Grabstätten und Turteltauben
gehen uns nicht mehr viel an. Aber Witz hatte Pfeffel schon:
„Ein trunkner Schweizer sah die Aare
sein Haus bedrohn. Was?, rief er aus,
das leid ich nicht! Schon zwanzig Jahre
darf mir kein Wasser in mein Haus.“
Die Faszination der Zeitgenossen aber muss sich noch an ganz
andern Dimensionen seines Werkes entzündet haben. Pfeffel war,
obschon im praktischen Alltag zweisprachig, ein deutscher Poet.
Politisch war er Elsässer, also Frankreich zugehörig. Und
dieses Frankreich begann sich nach 1789 unvorstellbar zu wandeln,
beeinflusste heftig auch Süddeutschland und die Schweiz. Ein
Dichter nun, der sozusagen laufend das Weltgeschehen poetisch
umsetzte, es in gereimten Fabeln und Allegorien versteckte, die
doch für jedermann verständlich waren – das bewegte
die Leute. Man war ja noch nicht so weit, dass sich im deutschen
Sprachraum alles ungestraft sagen liess. Nun goss hier einer seinen
gereimten Spott über die Gegenwart aus, zum Beispiel über
die rasende Entwertung des Papiergeldes der Französischen
Revolution:
„Wie seltsam geht es in der Welt?
Sonst nahm der Dieb uns unser Geld;
ich muss das Gegenteil erleben.
Seitdem der Schelm dem Biedermann
für Geld Papier bezahlen kann,
so gibt es Diebe, welche geben.“
Das war nun wirklich aktuell. Aktuell waren 1792 auch seine
Verse auf die Schweizer, die im Herbst dieses Jahres aus den
französischen Diensten entlassen wurden, nachdem im August die
Schweizergarde in Paris erschlagen worden war. Aus dem Jahr 1798,
dem Jahr des Untergangs der alten Eidgenossenschaft, stammt ein
anderes Gedicht:
„Erreicht mein Fuss einst auf dem schmalen Stege
das Paradies, so frag ich an der Tür:
Gibt’s Revolutionen hier?
Und sagt der Pförtner, ja, so geh ich meiner
Wege.“
Pfeffel, der deutsche Poet und der elsässische Erzieher
– er lebte bis 1793 von einer privat betriebenen
Militärschule in Colmar – war nicht nur Briefpartner von
Baslern und Zürchern, sondern sogar Schweizer Bürger.
Ursprünglich wollte er Basler werden für den Fall, dass
die Verhältnisse im Elsass untragbar würden. Als die
Basler sich wie meistens zugeknöpft zeigten, erwarb er 1782
das Bürgerrecht des mit den Eidgenossen verbündeten
zugewandten Ortes Biel. Seiner Blindheit wegen scheute er vor
Reisen zurück. In Basel aber war er dennoch gelegentlicher
Gast bei Jakob Sarasin im Weissen Haus; an die Helvetische
Gesellschaft, die ihn 1785 zu ihrem Präsidenten machte, ist
ein langer Hymnus gerichtet; der Tod Lavaters betrübte ihn
sehr. Die Frau Jakob Sarasins nannte er Zoë, ihrer
Schönheit widmete er viele Zeilen.
Spannend ist es, seine Stellung zur französischen
Staatsumwälzung zu beobachten. Den vorrevolutionären
Staat in Frankreich sah er von einem Faulfieber bedroht; als dann
die Revolution ausbrach, war er stolz, ein Franzose zu sein. Als
die deutschen Fürsten mit der Wiedereinführung der
Monarchie drohten, wurde sein französischer Patriotismus
flammend. Dann wurde Ludwig XVI. hingerichtet, Pfeffel schrieb an
Sarasin: „In meinem Herzen löscht es den Franzosen aus,
ich bleibe aber und sterbe ein Freund der wahren Freiheit, ein
Schweizer.“ Die jakobinische terreur verdunkelte sein
Frankreichbild, somit schloss er sich wieder mehr an Deutschland
an. Das Aufkommen Napoleons empfand er als eine neue Ordnung, er
widmete ihm lobende Strophen. Deutschland und Frankreich
endgültig zu vermählen, schien ihm die schönste
Möglichkeit:
„Traut jeden deutschen jungen Mann
mit einem schönen Kind der Franken,
so wird euch unsre Republik
und Deutschland bald das süsse Glück
des engsten Friedesbunds verdanken.“
Es ist wahr: aus literarischen Gründen wird man Pfeffel
heute kaum mehr lesen. Aber als zugleich deutscher,
französischer und schweizerischer Dichter, zu seiner Zeit
sogar von Goethe verehrt, darf er auch ein wenig als dreifach
einheimischer Poet des Dreilandes gelten.
Marco Jorio hat 1981 eine Dissertation geschrieben, die sich mit
dem südwestlichen Teil des Dreilands befasst. Dort existierte
über viele Jahrhundert nicht so sehr ein Staat als ein
staatsähnliches Gebilde, ein Stück des alten
Römischen Reiches deutscher Nation. Es nannte sich nach einer
Stadt, die gar nicht mehr zu ihm gehörte. Es erstreckte sich
vom Bielersee bis zur Burgundischen Pforte, von den Jurahöhen
bis in die oberrheinische Tiefebene. Es zählte gegen 65'000
Untertanen. Mehrheitlich sprachen sie französisch, zum Teil
aber auch deutsch. Im Süden waren sie reformierten Glaubens,
im Norden katholisch. Staatsrechtlich war dieses Reichsland schon
für die Zeitgenossen ein Unikum, da einzelne Herrschaften mit
verschiedenen Schweizer Kantonen im Burgrechtsverhältnis
standen, eine Stadt war sogar zugewandter Ort der alten
Eidgenossenschaft. Daneben unterhielt der Landesherr ein eigenes
Regiment in französischen Diensten und hatte mit Louis XVI.
einen Allianzvertrag geschlossen. Zugleich war er mit den
katholischen Eidgenossen verbündet.
Es herrschte ein gewählter Monarch. Und um die kuriosen
Verhältnisse noch ein wenig kurioser zu machen, sass dieses
Wahlkollegium nicht in der welschen Residenz des Fürsten,
sondern mit dem Hofstaat im deutschsprachigen Zipfel.
Das war das Fürstbistum Basel um 1790, ein geistliches
Hochstift mit der Residenz in Pruntrut und dem Hof des Domkapitels
in Arlesheim. Die weltliche Herrschaft – eine weitere
Merkwürdigkeit – deckte sich mit der geistlichen nicht,
da kirchlich das Fürstbistum mit der Ajoie zu Besançon,
mit Schliengen zu Konstanz, mit den südlichen Ämtern zu
Lausanne und dann zur Diözese Basel gehörte. Dafür
erstreckte sich die geistliche Herrschaft des Fürstbischofs
auch über das Oberelsass, das vorderösterreichische
Fricktal und grosse Teile des Kantons Solothurn. Finanziell lebte
der Fürstbischof von Zins- und Zehntenerträgen aus dem
Elsass und Breisgau, vom Warentransit, also Zöllen, und von
seinen Einnahmen aus dem Solddienst. Der Warenhandel war stark
defizitär. Getreide, Salz, Wein, Waffen und Medikamente
mussten importiert werden.
Und jetzt bricht im benachbarten Frankreich 1789 die Revolution
aus. Sie trifft das zwar arme, aber langsam aufblühende
Fürstbistum an der empfindlichsten Stelle: Die Zinsen und
Zehnten aus dem reichen Elsass fallen von einem Tag auf den andern
weg. (Der Stadt Basel geht es nicht besser.) Fürstbischof ist
seit 1782 Joseph Sigismund von Roggenbach, ein reformfreudiger
Herr, der sich besonders des Schulwesens annimmt. Nach Ausbruch der
Revolution bekommt er sofort mit den eigenen Leuten
Schwierigkeiten, vor allem dem Vertreter der Elsässer
Geistlichkeit in der französischen Nationalversammlung, dem
Weihbischof Jean-Baptiste Gobel. Zuerst weigern sich die Bauern,
den Kartoffelzehnt abzuliefern, im Sommer 1790 finden
revolutionäre Versammlungen von Patrioten statt. Was soll der
Fürstbischof tun? Er schickt Johann Heinrich Hermann von
Ligerz zum Kaiser nach Wien, um österreichische Schutztruppen
zu mobilisieren. Diese müssten zwischen Augst und Arlesheim
Basler Gebiet überqueren. Der Basler Rat ist zuerst dagegen,
dann wird auf Druck der Eidgenossen der Durchzug doch noch
gestattet. Die Revolutionäre fliehen nach Frankreich; Gobel,
der den verlangten Eid der Geistlichen auf die neue Verfassung
geleistet hat, wird zum Lohn Erzbischof von Paris, aber 1794
guillotiniert.
Wie ein Film läuft jetzt das ganze Geschehen Szene um Szene
ab: Am 20. April 1792 erklärt Frankreich Österreich den
Krieg, ein Grund ist die Anwesenheit kaiserlicher Truppen in
Pruntrut. Der französische General Custine marschiert sofort
ein, besetzt die Jurapässe, schlägt sein Hauptquartier in
Delsberg auf. Der Fürstbischof flieht nach Biel.
Revolutionäre Jurassier kommen zurück. In einem in
Delsberg geschlossenen Vertrag werden die südlichen Teile des
Fürstbistums in die helvetische Neutralität
eingeschlossen, im nordwestlichen Teil bleiben die Franzosen. In
Arlesheim bleibt das Domkapitel vorerst unbelästigt, am 22.
November aber kommt französisches Militär auf
fürstbischöflichen Boden, in der Folge beginnt die
Revolutionierung der im Grunde ihres Herzens bischofstreuen
Arlesheimer. Ein Teil der Domherren ist schon nach Basel
geflüchtet, wo auch der Domschatz liegt. Die übrigen
erhalten Hausarrest, zwei werden nach Pruntrut entführt und
eingesperrt. Der Fürstbischof ist nach Konstanz geflohen. Im
Mai 1793 werden die verlassenen Domhäuser geplündert und
verwüstet, der Dom dient als französischer Pferdestall.
Anfang 1793 wird eine autonome Raurachische Republik ausgerufen,
die aber schon kurz danach als Departement Mont-Terrible zu
Frankreich geschlagen wird und später ans Departement
Haut-Rhin fällt.
Das Ende des Fürstbistums war unaufhaltsam. Am 9. März
1794 starb der Fürstbischof von Roggenbach, sein (letzter)
Nachfolger wurde Franz Xaver von Neveu, der das Licht der Welt auf
dem Schloss Birseck erblickt hatte. Das Domkapitel sass wie nach
der Reformation wieder in Freiburg im Breisgau. Die Revolution
kochte weiter, jetzt wurden auch Klöster und Stifte
geplündert. Der Fürstbischof von Neveu versuchte sich
nach allen Seiten für seine Herrschaft zu wehren, aber der
Kaiser hatte andere Sorgen. Die Eidgenossen sahen sich selber von
Franzosen besetzt und riefen die Helvetische Republik aus. Der
letzte Zipfel fürstbischöflichen Gebietes in Schliengen
wurde Ende 1795 auch besetzt. Als die Franzosen sich Konstanz
näherten, floh von Neveu ins luzernische Kloster St. Urban.
Eine letzte Chance für den Erhalt seines Reichslandes erhoffte
er vom Kongress in Rastatt, in den Bonaparte wie ein Irrlicht
hineinzündete. Aber der ging Mitte Februar 1798 erfolglos
auseinander. Der Fürstbischof zog weiter nach Ulm, dann nach
Passau, endlich nach Wien. Er fand überall taube Ohren, so
verkroch er sich schliesslich in seine Vaterstadt Offenburg. Er
musste es noch erleben, wie der Markgraf Karl Friedrich von Baden
die Herrschaft Schliengen von den Franzosen übernahm. Nach
Napoleons Niederlage bei Leipzig hoffte von Neveu, mit Teilen des
Fürstbistums wenigstens als Kanton der Schweiz beitreten zu
können, aber dann gab der Wiener Kongress das ehemalige
Fürstbistum an Bern als Ersatz für den Aargau und die
Waadt, das Birseck fiel an Basel.
Dem Fürstbischof darf man es hoch anrechnen, dass er
schliesslich zum Verzicht auf seine weltliche Herrschaft bereit war
und sich nur noch auf seine geistlichen Ämter verlegte. Die
neuen Nationalstaaten Frankreich, die Schweiz und das mit dem Segen
Napoleons zusammengeschweisste Grossherzogtum Baden hatten ein
Reichsland ausgelöscht, das auf keine Weise mehr in das neue
Europa passte. Es dauerte mehr als 150 Jahre, bis aus den
Trümmern des Fürstbistums der schweizerische Kanton Jura
entstand, dessen südliche Grenze, wie zu den Zeiten der
Fürstbischöfe, noch immer nicht zur Ruhe kommen will.
Vermutlich war er ein Frühaufsteher, und um seiner Frau
nicht lästig zu fallen, ging er schon zu morgendlicher Stunde
aufs Büro. Er war ein guter Lateiner, was damals noch
selbstverständlich war; französisch und deutsch sprach er
von Haus aus, wahrscheinlich konnte er auch englisch und etwas
holländisch. Alte Schriften zu lesen hatte er bei seinem
akademischen Lehrer Johann Rudolf Iselin gelernt; Urkunden zu
entziffern war für ihn eine Art von Sport. Das Staatsarchiv
unterstand ihm, gewiss kümmerte er sich auch um dessen
Ordnung. Um den Überblick zu gewinnen, begann er in aller
Herrgottsfrühe alte Akten zu studieren, machte bald einmal
Exzerpte und gliederte diese nach Perioden. Einige seiner Freunde
beschäftigten sich intensiv mit Geschichte, zum Teil auf
geradezu philosophische und poetische Weise. Als ausgebildeter
Jurist interessierten ihn mehr Fakten, Verträge, auch
volkswirtschaftliche Daten wie die Wein- und Kornpreise oder die
Bevölkerungszahlen. In Nationen (wie Johannes von Müller)
oder in der ganzen Menschheit (wie Isaak Iselin) zu denken, lag ihm
nicht, Details faszinierten ihn. So schrieb er für die
Geschichte seines eigenen kleinen Gemeinwesens möglichst
faktisch und präzise, nach Perioden aufgeteilt, eben die
Geschichte der Stadt und Landschaft Basel.
Daneben war er selber Politiker, auf dem Weg zu immer
höheren Ämtern in seiner Vaterstadt. Dass er deren
Geschichte und Gesetzt genauer kannte als die übrigen
Ratsherren, machte ihn unentbehrlich und zugleich lästig. Er
wusste ständig alles besser, obwohl er nicht einmal in Basel
auf die Welt gekommen war. Noch mehr ärgerte die Leute, dass
er dieses enorme historische Wissen mit damals unanständig
modernen Ideen kombinierte. Die Menschen seien von Natur aus
gleich, es könne keine Untertanen geben, Gesetze müssten
für alle gelten und dergleichen. Dazu kam, dass er reich war,
sich aus Geld nie einen Kummer machte. Auch kannte er die
unwahrscheinlichsten Leute in Paris, Strassburg, Hamburg, sogar in
Berlin und Wien, und konnte somit Amtsgeschäfte gelegentlich
auf fast persönlicher Basis abwickeln. Überdies war er
charmant, ein Gesellschaftshirsch, ein guter Sänger, und sein
Vater hatte in Basel eines der schönsten Häuser
gekauft.
Die Rede ist von Peter Ochs, dem damaligen Stadtschreiber und
demnächst Oberstzunftmeister, also einem der vier regierenden
Häupter der Stadt. Und jetzt sind wir im Jahr 1795, drei Jahre
vor dem Untergang der alten Eidgenossenschaft. Da war das kleine
Basel (mit kaum viel mehr als 15'000 Einwohnern) unversehens ins
Scheinwerferlicht der internationalen Politik geraten: Das
Königreich Preussen suchte mit dem republikanischen Frankreich
einen Sonderfrieden im ersten Koalitionskrieg, Spanien würde
sich anschliessen, desgleichen der Fürst von Hessen-Kassel und
eventuell weitere deutsche Städte. Einleiten aber konnte
diesen Frieden, hinter dem schon der Schatten Napoleons in die
Höhe wuchs, niemand anders als der Basler Stadtschreiber.
Basel wimmelte plötzlich von Diplomaten, die von Ochs teils
offiziell, teils privat „komplimentiert“ wurden. Aus
Preussen kamen Graf von der Goltz, dann der Fürst von
Hardenberg, aus Schweden der Gesandte von Staël, aus
Frankreich der im Dienst Barthélemys stehende, aus Thann
gebürtige Legationssekretär Bacher, später der
holländische Gesandte de Witt, die Vertreter von Genua,
Frankfurt; die Städte Hamburg und Lübeck schickten
Briefe. Begonnen hatte der ganze Verhandlungszirkus mit einem
Weinhändler namens Schmerz, den der preussische Feldmarschall
von Möllendorf für die ersten Abklärungen zu Ochs
geschickt hatte.
Wahrscheinlich fühlte sich das offizielle Basel durch die
internationale Tätigkeit seines Stadtschreibers ziemlich
überfahren, im royalistisch gesinnten Bern herrschte Unmut,
dass ein Miteidgenosse behilflich war, die deutsche Koalition gegen
das republikanische Frankreich aufzubrechen. Am 5. April 1795 wurde
der Friede mit Preussen, am 22. Juli derjenige zwischen Frankreich
und Spanien unterzeichnet. Und Österreich? Der
österreichische Resident von Greifenegg sass ja auch in Basel,
auf der Kleinbasler Seite, und hatte natürlich die
Vermittlungstätigkeit des Peter Ochs mitbekommen. Vorsichtige
Sondierungen von Seiten Österreichs waren unterwegs; auf
keinen Fall wollte der kaiserliche Hof in Wien den Anschein
erwecken, aus militärischen Gründen einen Frieden mit
Frankreich zu suchen. Und dann gab es noch ein sowohl
familiär-dynastisches wie politisches Problem zwischen diesen
beiden Mächten. Auf der einen Seite befand sich die Tochter
Ludwig XVI. und seiner habsburgischen Gattin Marie Antoinette, die
beide 1793 guillotiniert worden waren, in französischem
Gewahrsam; auf der anderen Seite waren französische
Volksrepräsentanten und Bevollmächtigte in der Gewalt
Österreichs. Ein Austausch dieser Personen, die ein wenig die
Rolle von Geiseln spielten, war denkbar und konnte zu einer
Annäherung von Frankreich und Österreich führen. Wo
waren sie besser austauschbar als auf neutralem Boden, also in
Basel, das westwärts von der französischen Festung
Hüningen und ostwärts vom vorderösterreichischen
Gebiet um Rheinfelden und die Waldstädte flankiert war?
Ochs arrangierte diesen Austausch nicht selber, aber er wusste
um die Hintergründe, bot hilfreich Hand – und schrieb es
auf in seiner Geschichte von Basel. Das war seine andere, wiederum
für viele Basler ärgerliche Seite als Historiker: Er
führte diese Geschichte weiter bis in seine eigene Epoche und
wusste auch, dass er in dieser Zeit eine entscheidende Rolle
spielte, deren Bedeutung er als Protokollführer genau
dosierte.
Die Prinzessin Marie-Thérèse-Charlotte, die damals
noch nicht ganz 17jährige Tochter der Marie Antoinette, kam am
25. Dezember 1795 in der Festung Hüningen an. Am 26. Dezember
nachmittags wurde sie nach Riehen gefahren in das Rebersche
Landhaus. Beim Überschreiten der Grenze sagte sie: „Ich
verlasse mit Bedauern mein Vaterland, ich verzeihe meinen
Feinden.“ In Riehen befanden sich der französische
Legationssekretär Bacher, der kaiserliche Minister von
Degelmann und ein Prince de Gavre. Die Prinzessin hätte um
Basel herum über die Birsbrücke Richtung Rheinfelden
gefahren werden sollen, allein es herrschte Hochwasser, so fuhr sie
durch die Stadt und dann über die heutige Grenzacherstrasse
rechtsufrig rheinaufwärts. Die französischen
Staatsgefangenen der Österreicher – Ochs gibt acht Namen
– wurden am selben Tag durch österreichische Offiziere
dem Basler Landvogt Legrand übergeben und speisten am 27.
Dezember mit ihrem Gesandten Barthélemy und natürlich
Peter Ochs beim Wirt Erlacher zu Nacht. Unter ihnen befand sich
auch der Postmeister Drouet, der 1791 den Wagen des flüchtigen
Königs Louis XVI. aufgehalten hatte. Christian von Mechel, der
Basler Galerist und Bilderproduzent, entwarf flugs ein Portrait der
Prinzessin, und Ochs schrieb in seiner Geschichte Jahrzehnte
später den ironisch distanzierten und seinen kritischen
Ingrimm entlarvenden Schlusssatz: „Der Kaiser liess dem
Bürgermeister Burckhardt eine mit Brillanten besetzte Dose,
Reber einen brillanten Ring und dem Aide-Major Kolb, der die
Bedeckung bis an die Grenzen ausführte, eine goldene Halskette
zustellen.“
Schweizerische Diplomatenstädte sind heute Bern und Genf.
Vor 1789 war Genf eine eigene Republik, aber interessant wegen
seiner Lage zwischen der französischen Krone, den Savoyern und
den Schweizern. Die vorrevolutionäre Diplomatenstadt war
Solothurn, gelegentlich auch Baden, weil es dort lustiger war und
diese Stadt von mehreren eidgenössischen Orten regiert wurde.
Diplomaten, die aristokratische Umgangsformen liebten, wählten
gern Bern als Aufenthaltsort, da hatte man Stil und Lebensart und
sass im Zentrum der militärisch stärksten Macht der
Eidgenossenschaft. Basel war diplomatisch eher zweitklassig, die
nächsten Machtzentren Strassburg und Karlsruhe lagen weiter
weg, nur der österreichische Geschäftsträger zog
Basel als Residenz vor, weil die alten habsburgischen Stammlande ja
im Elsass gelegen hatten, weil der Breisgau praktisch vor der
Tür lag und er für die vorderösterreichischen Lande
mit den Waldstädten und dem Fricktal zuständig war.
Nachdem aber das revolutionäre Frankreich 1792 dem Kaiser
den Krieg erklärt hatte und die Auseinandersetzung zwischen
Frankreich und den deutschen Fürsten militärisch zu einem
Kampf um den Rhein als französische Ostgrenze führte,
wurde Basels Lage plötzlich spannend. Hier sass man ja am
Scharnier dieser ganzen Front, einem Gelenk, das weder
französisch noch kaiserlich noch badisch-markgräflich,
sondern eben eidgenössisch war, und die Eidgenossen hatten mit
ihren Regimentern im Dienst Frankreichs auch militärisch
einige Bedeutung. Das hatte auf grausliche Weisse der Tod der
Schweizer Garde im August 1792 gezeigt. Wenn also der preussische
König als ein dem Kaiser zuerst treuer Reichsfürst an
einen Rückzug aus diesem Krieg mit Frankreich dachte, war es
ratsam, entsprechende Schritte auf einem neutralen Boden
vorzunehmen. Dass diese schweizerische Neutralität sich mit
einem offiziellen Soldbündnis mit der französischen Krone
vertrug und es zuliess, dass Schweizer Truppen daneben in
holländischen, englischen, italienischen Diensten standen,
störte niemand.
So wurde Basel 1795 plötzlich zu einer Diplomatenstadt. Das
war die Stunde für den Basler Ratschreiber Peter Ochs, den
promovierten Juristen mit einem reichen staatsrechtlichen und
historischen Wissen, mit guten internationalen Verbindungen und
perfekten Französisch-Kenntnissen. Und es war die Stunde
für François Barthélemy, den französischen
Gesandten bei den Eidgenossen.
Zum Gesandten hatte ich noch Louis XVI. ernannt, derselbe Louis,
der unterdessen mit seiner österreichischen Gattin
Marie-Antoinette guillotiniert worden war. Aber das jakobinisch
gewordene Frankreich rief diesen Diplomaten deswegen nicht
zurück – ganz im Gegenteil: man war jetzt, da in Paris
die terreur wütete, besonders darauf angewiesen, dass
Frankreichs Interessen im Ausland durch Gesandte wahrgenommen
wurden, die das Vertrauen ihrer diplomatischen Partner genossen und
die alten Beziehungen weiterführen konnten. Das ergab für
Barthélemy eine doppelt merkwürdige Lage, eine
diplomatische einerseits und andererseits eine private,
gewissermassen psychologische. Diplomatisch diente er jetzt einer
neuen und revolutionären Regierung, von der die meisten
eidgenössischen Orte, allen voran Bern, Solothurn und
Freiburg, aber auch Luzern und die Innerschweizer Kantone nichts
wissen wollten. Sich also vom republikanischen Frankreich bei den
Schweizern akkreditieren zu lassen, war nicht möglich.
Wie Barthélemy das Problem löste, zeigt sein
diplomatisches Geschick: er blieb einfach als nicht-akkreditierter
Gesandter in der Schweiz, und wenn er an die führenden
Politiker in den einzelnen Orten schrieb, deklarierte er seine
Briefe als Privatkorrespondenz. Psychologisch war seine Lage
delikater. Er trauerte über den Tod des Königs,
verabscheute die jakobinische Republik, ängstige sich immer
mehr über die Grobheit, mit der der Pariser
Wohlfahrtsausschuss mit der Schweiz umzuspringen begann – und
blieb dennoch auf seinem Posten. Er bewunderte und liebte die
Schweiz. Hätte er seine Funktion aufgegeben, wäre er
sofort zum verfolgten Emigranten geworden und seine grosse Familie
in Frankreich – er selber war unverheiratet – wäre
verfolgt und enteignet worden. Barthélemy war somit ein
Ambassadeur contre coeur.
Geboren wurde er 1747. Der Aussenminister Louis‘ XV.,
Etienne-François Duc de Choiseul, protegierte ihn. 1768
begann er seine diplomatische Karriere als Sekretär in der
französischen Gesandtschaft in Schweden. Dann kam er nach
Wien, später nach London, wurde chargé
d’affaires. Man sagte ihm eine fast beleidigende
Höflichkeit nach, eine Eigenschaft, die ihm die Mitglieder des
regierenden Wohlfahrtsausschusses spöttisch ankreideten. Er
sei nicht mehr als ein diplomatisches Formular. Aber er war
nützlich und nötig.
In dem von Peter Ochs vermittelten Basler Frieden von 1795
komplizierte sich die psychologische Lage Barthélemys noch
einmal. Sein Auftrag war es, den Frieden zwischen dem
republikanischen Frankreich und dem Königreich Preussen,
ferner dem Landgrafen von Hessen-Kassel und dem Königreich
Spanien herzustellen. Deutsche Fürsten sollten aus der
Koalition mit dem Kaiser herausgebrochen werden. Barthélemy
fand das eigentlich widerwärtig, hielt es für einen
Treuebruch Preussens dem Kaiser gegenüber. Aber er redigierte
zugleich einen Vertrag, nach dem Frankreich bis nach Holland an den
Rhein vorrücken konnte. Den fünf Jahre jüngeren
Ochs, der an französischen Revolutionsfeiern teilgenommen
hatte und mit dem Blick auf die strategische Lage Basels fast
bedingungslos für ein gutes Verhältnis mit Frankreich
eintrat, mochte er nicht. Er fand ihn abscheulich – und
mietete sich zugleich in seinem Haus, dem Holsteinerhof, ein.
Barthélemy liebte die alte, die aristokratische Schweiz,
aber als die Basler Offiziere mit königlichen Orden an der
Brust vor ihn traten, fand er das beleidigend. Als er kurz darauf
selber Mitglied des Pariser Direktoriums wurde, überschwemmte
Ochs sein Appartement mit Blumen zum Abschied. In Paris wurden die
Gegensätze zwischen Barthélemy und Reubell sowie Barras
unüberwindlich, nach wenigen Monaten deportierte man
Barthélemy in die Verbannung nach französisch Guyana.
Napoleon, damals Erster Konsul Frankreichs, holte ihn zurück
und machte ihn zum Senator. Als der Senat am 18. Mai 1804 Napoleon
zum Kaiser erklärte, gab es nur eine Nein-Stimme. Es war
diejenige von Barthélemy. Konsequenterweise trug der Brief
des Senats an die provisorische Regierung vom 1. April 1814, mit
dem Napoleon als abgesetzt erklärt wurde, wieder die
Unterschrift Barthélemys. Dafür machte ihn Louis XVIII.
zum Pair de France, ernannte ihn zum Staatsminister und gab ihm das
Grosse Kreuz der Ehrenlegion. Die Gewissenskonflikte, in die ihn
seine politische Haltung immer wieder geführt hatte, schrieb
er sich in einem Band Memoiren von der Seele. Er starb hochbetagt
im Jahr 1830.
Am Vorabend der grossen Französischen Revolution stellt man
sich die Verhältnisse am Oberrhein gern altväterisch und
etwas idyllisch vor. Da sind einfache Bauern im Sundgau und
Schwarzwald, die ihre Weinberge pflegenden Elsässer,
dazwischen die brave Stadt mit ihren puritanischen Seidenband- und
Handelsherren, ängstlich auf Neutralität bedacht. Die
Verhältnisse waren ja auch eng und überschaubar, die
Stadt hatte in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts nicht einmal
16'000 Einwohner, man kannte sich gegenseitig. Für dubiose
Elemente, Spione, Geheimdienste und Agenten war das nicht gerade
ein vielversprechender Platz.
Denkt man. Aber man stellt sich etwas Falsches vor. Zum ersten
herrschte Krieg zwischen dem republikanischen Frankreich und den
deutschen Fürsten sowie dem Kaiser. Dessen Vorlande lagen im
Breisgau, in den sogenannten Waldstädten und im Fricktal. Der
Oberrhein war eigentliches Frontgebiet. Zum zweiten war das eine
Region, in der viele Leute sowohl deutsch wie französisch
sprachen und dazu noch Dialekt; da war es leicht, dass sich einer
als ein ganz anderer ausgab. Zudem wimmelte es von
französischen Emigranten auf der rechten Rheinseite und sogar
in Basel. Eine ganze Armee unter dem aristokratischen Fürsten
Condé dürstete danach, die Republik in Frankreich
wieder abzuschaffen. Sogar aristokratisch gesinnte Schweizer
stellten sich ihr zur Verfügung. Eine Armee der damaligen Zeit
war begleitet von Sekretären, Boten, Ehefrauen samt Kindern,
Händlern, Agenten und Zuträgern, manchmal sogar von
Dichtern. Zum dritten verfügten die Basler, so sehr sie sich
mit einer möglichst strikten Neutralität Mühe gaben,
über etwas, das auch vor 200 Jahren kriegsentscheidend wichtig
war, nämlich über die Postverbindungen der
Handelshäuser. Diesen konnte man Briefe nach Paris und Berlin,
Wien und Genua anvertrauen. Zudem war Basel noch immer ein
leistungsfähiger Druckort, Flugblätter liessen sich hier
leicht bestellen, und die Gazetten aus dem Ausland lagen in den
Lesegesellschaften auf.
Mit seinem französisch-republikanischen sowie
kaiserlich-markgräflichen Vorder-, seinem
fürstbischöflichen und eidgenössischen Hinterland
war Basel eigentlich ein Paradies für Spione. Dazu kam, dass
in sichtbarer Nachbarschaft nordwestlich vor der Stadt die
französische Festung Hüningen stand, deren Offiziere frei
in der Stadt verkehrten. Der diplomatische Vertreter des Wiener
Kaiserhauses, der österreichische Repräsentant,
residierte in Kleinbasel. Der Gesandte der Französischen
Republik, den die aristokratischen Berner und Solothurner nicht
hatten akkreditieren wollen, hatte sich privat beim Basler
Stadtschreiber Peter Ochs einquartiert. Das Fürstbistum hatte
schon 1792 seine Revolution erlebt und war an Frankreich gefallen
– Allschwil und Oberwil und Arlesheim, das ganze Laufental
und der Jura waren französisches Territorium. Wer etwas
ausspionieren wollte, hatte genug Möglichkeiten. Und
nachrichtendienstliche Auftraggeber sassen praktisch in jeder
Wirtschaft.
Nun werden Spionageberichte gewöhnlich nicht in
Bibliotheken oder Staatsarchiven abgelegt, und darum ist es gar
nicht so leicht, sich 200 Jahre später den Umfang und den
Inhalt solcher Spionageberichte zu vergegenwärtigen. Auch die
professionellen Historiker, selbst wenn sie ihre Vorliebe für
bisher übersehene Sachverhalte und Dokumente bekunden, bringen
uns oft nicht viel weiter. Im Bereich der historischen Forschung
über Spionageberichte ist man auf interessierte Laien,
extravagante Sammler und vor allem auf gut Glück
angewiesen.
Da gab es einen Mann namens Valentin Probst, 1740 im
elsässischen Rufach geboren, von Beruf Advokat, verheiratet
und Vater von sieben Kindern. Er war in der Revolution Maire von
Rufach geworden, reiste dann als Deputierter in
Landesgeschäften nach Paris und erhielt dort vom
Wohlfahrtsausschuss die ordre, sich nach Nürnberg zu begeben,
wo er sich darum bemühte, vom Magistrat der Stadt als ein
Kaufmann aus der Schweiz toleriert zu werden. Das gelang ihm
halbwegs. Dann reiste er nach dem schweizerischen Baden, um beim
französischen Gesandten Barthélemy weitere Anleitungen
einzuholen, fuhr wieder nach Paris und kam dann mit neuen
Aufträgen nach Basel zurück. Er trieb sich auch in
Schaffhausen, Zürich und Baden herum, reiste erneut nach
Nürnberg, wo er sich mit Wirtschaftsspionage und Erforschung
der öffentlichen Meinung befasste. Er kannte persönlich
den Freiherren von Hardenberg, also den preussischen
Bevollmächtigten, der bei Peter Ochs den Frieden von Basel mit
Barthélemy aushandelte. In Nürnberg nahm er Kontakt zu
revolutionsfreundlichen Gesellschaften auf – man fragt sich,
wie er das bewerkstelligte. Nun, ganz einfach: er liess sich durch
Basler Handelshäuser empfehlen. Er gibt sogar Namen: so
benützte er für poste restante das Handelshaus Vischer
und Werthemann. Das war nicht gratis; in den Papieren Probsts fand
sich eine Rechnung über 298 Gulden „für bezahlte
Pakete und Briefe“. Probst verteilte auch revolutionäre
Literatur, die er zum Teil selber aus dem Französischen
übersetzte, gelagert wurde sie wiederum in Basel.
Woher wissen wir das alles? In den beiden Bänden mit dem
Titel „Gebt der Freiheit Flügel“ (rororo Sachbuch
8363) hat Hellmut G. Haasis Dokumentationen aus der Zeit der
deutschen Jakobiner zusammengetragen. Probst wurde am 13. Juni 1795
um 23.00 Uhr in Nürnberg auf Betreiben der
österreichischen Geheimpolizei verhaftet und als besonders
gefährlicher Agent nach Wien überführt. Die
österreichische Geheimpolizei verhörte ihn während
11 Tagen gründlich und setzte ein umfangreiches
Verhörprotokoll auf, das in den Kriegsakten (Faszikel 472)
erhalten blieb. Dort hat es Hellmut G. Haasis aufgestöbert und
in den wichtigsten Passagen in seine Dokumentation aufgenommen. Die
Fragen stellte ein Hofrat Schilling. Das Verhör fand
übrigens, so weit sich das dem Protokoll entnehmen lässt,
ohne Gewaltandrohung statt, da Probst bereitwillig Auskunft gab.
Probst blieb vorerst in Haft, seiner Frau in Rufach durfte er nur
hin und wieder einen stark zensierten Brief schreiben; die Polizei
sorgte dafür, dass man dem Briefkuvert nicht ansah, woher es
kam. Seine Freilassung verdankte er dem in Basel stationierten und
mit Peter Ochs eng befreundeten Sekretär der
französischen Gesandtschaft und dem Chef des
französischen Geheimdienstes auf schweizerischem Boden,
nämlich Théobald Bacher. Dieser wusste, wie
Geheimdienste untereinander erfolgreich verkehren: er liess im
Augst 1796 den vorderösterreichischen Regierungsrat Hermann
Tröndlin von Greiffenegg in Freiburg im Breisgau durch
französische Soldaten arretieren und tauschte ihn am 20. April
1797 gegen Valentin Probst aus. Es war die Zeit, da Johann Peter
Hebel von Karlsruhe aus zum ersten Mal wieder sein geliebtes
Oberland besuchen konnte, da Peter Ochs im Ruhmesglanz des von ihm
vermittelten Basler Friedens sich zur Reise nach Paris
vorbereitete, und wo der Untergang der alten Eidgenossenschaft
unmittelbar bevorstand. Die verzopfte gute alte Zeit kam an ihr
Ende, die Spione aus allen Lagern und auf allen Seiten wussten
es.
Der als schweizerischer Kaufmann getarnte Maire von Rufach,
Valentin Probst, der die Reichsstadt Nürnberg im Auftrag des
Pariser Wohlfahrtsausschusses ausspionieren sollte und dort von der
österreichischen Polizei enttarnt wurde, war –
nachrichtendienstlich gesprochen – ein idealistischer
Amateur. Militärisch hatten seine Rapporte wenig Bedeutung.
Noch war der Basler Frieden zwischen dem republikanischen
Frankreich und dem Königreich Preussen nicht geschlossen, die
französischen Truppen hatten schon den Rhein
überschritten und standen in Süddeutschland einer
Koalition von deutschen Fürsten, dem Kaiser und
französischen Emigranten gegenüber. Das
revolutionäre Frankreich führte seinen Krieg offensiv,
die linksrheinischen deutschen Städte, allen voran Mainz,
waren umstritten, in Mainz war sogar für kurze Zeit die
Republik ausgerufen worden. Die revolutionäre Unruhe in
Süddeutschland war beträchtlich, auch in der Schweiz
bewegte sich viel. Der nördliche Teil des Basler
Fürstbistums war an Frankreich gefallen, Genf erlebte seine
eigene Revolution mit einem selbstgemachten Terrorregiment, am
Zürichsee griff die Obrigkeit im Stäfner Handel hart
durch, während im St. Gallischen Fürstenland der
Fürstabt seinen Untertanen neue Rechte zugestand,
Graubünden erklärte sich für
franzosenfreundlich.
Basel, obwohl von Arlesheim bis Hüningen von Frankreich
umschlossen, schien noch ruhig. Drei Parteien, die Aristokraten,
die Demokraten und die Neutralen, hielten sich die Waage. Der
Stadtschreiber Peter Ochs war überzeugt, dass Basel sich
freiwillig, aber verfassungskonform und somit von oben nach unten
revolutionieren müsse. Nachdem er 1795 den Basler Frieden
zwischen Frankreich und Preussen vermittelt hatte, genoss er ein
internationales Ansehen. Der von Bern und Solothurn abgelehnte
französische Ambassador François de Barthélemy
wohnte in seinem Haus, dem Holsteinerhof. Im Stab
Barthélemys arbeitete als Sekretär und Übersetzer
Jacques Augustin Théobald Bacher mit, Ochs duzte ihn, und
dieser perfekt zweisprachige Bacher kannte die Schweiz sehr gut, da
er schon seit 1779 in Solothurn und Baden das organisatorische
Zentrum der französischen Gesandtschaft gewesen war.
Bacher war alles andere als ein grober Jakobiner. Er entstammte
einer reichsfreiherrlichen Familie, kam aus Thann, daher seine
Zweisprachigkeit. Er begann seine Karriere als Leutnant im Alter
von 14 Jahren noch in der königlichen Armee und diente
später sogar unter dem preussischen König. Früh
bewarb er sich beim diplomatischen Dienst, er selber wünschte
sich den Posten eines Legationssekretärs bei der
französischen Gesandtschaft in der Schweiz. Militärisch
ausgebildet und diplomatisch geschult musste er es, nachdem 1792
das revolutionäre Frankreich dem Kaiser in Wien en Krieg
erklärt hatte, als seine Pflicht betrachten, auch
militärische Nachrichten zu beschaffen, vor allem aus
Süddeutschland, wo sich von Mainz über Freiburg und den
Schwarzwald bis an den Bodensee die Heere gegenüberstanden.
Bacher war intelligent, ein glänzender Organisator, also nahm
er die Sache professionell in die Hände.
Wiederum stellt sich die Frage, woher wir das so genau wissen.
Diesmal kam ein glücklicher Zufall zu Hilfe: Ein Basler
Autographensammler wollte Auskunft über seine Bestände,
und bei der Durchsicht fanden sich mehr als ein Dutzend eigentliche
Spionageberichte aus den Jahren 1793 und 1794. Zum Teil stammen sie
von Bacher selber, zum Teil liefen sie nachweislich über sein
Büro. Das Gebiet, das sie abdecken, geht von Speyer bis an den
Bodensee. In erster Linie sind es militärisch relevante
Informationen, zum Beispiel aufgelistete Truppenbestände: 300
Mann kaiserliche Truppen in Auggen, in Riegel und Endigen 100 Mann,
in Weil 50 Infanteristen, bei Breisach zwei Kanonen, in der oberen
Stadt ebenfalls zwei Kanonen und ein Mörser.
Überläufer und Emissäre erstatten zusätzliche
Berichte mit den Truppenstärken in der Gegend von Mannheim und
Offenbach, von Rastatt bis Rheinfelden. Ein besonderes Augenmerk
hatten die Spione auf die Moral der französischen Emigranten
auf deutschem Boden; ein Kundschafter suchte herauszufinden, warum
die Frauen dieser aristokratischen Offiziere plötzlich so
strahlende Mienen zeigten. Offenbar stand eine Offensive Richtung
Frankreich bevor.
Bacher selber hatte ein sehr detailliertes Bild von der Schweiz,
er betrachtete sich als ihr Freund. Als die Basler Räte
Barthélemy ein Essen mit 50 Gedecken offerierten, zu dem
auch der Kommandant von Hüningen mit seinen ersten Offizieren
eingeladen war, schlossen Peter Ochs und Bacher nähere
Bekanntschaft. Sie muss auf einer sehr persönlichen
Vertrauensbasis geruht haben, vergleichbar der nicht weniger
vertraulichen Beziehung zwischen dem Bürgermeister Peter
Burckhardt und Barthélemy selber, der sich beim Basler sogar
schriftlich über die revolutionäre terreur in Paris
beklagte.
Bacher versuchte sich systematisch einen Überblick
über die militärische Lage auf dem rechtsrheinischen
Gebiet zu verschaffen. Er verzeichnete Truppenstärken,
Militärlager und Artilleriestellungen. Ihn interessierte auch
die Moral der Soldaten: die österreichische Mannschaft sei
missmutig und wolle nach Hause. Bacher machte sich selber auf den
Weg; sein Bericht vom 28. Juli 1794 beginnt mit dem
auffälligen Satz: „J’arrive dans ce moment de
Schwetzingen“, und den Rapport vom 7. Dezember 1794
bezeichnet er als „Bulletin de Fribourg“. Abgeschickt
wurden die Berichte zum Teil an Armee-Kommandos oder auch an die
Pariser Instanzen. Auch er brauchte für seine
vielfältigen Korrespondenzen die Postdienste der Basler
Handelshäuser, die Gebrüder Merian tauchen namentlich in
den Akten auf.
In unseren traditionellen Denkschemen haben wir Mühe,
dieses ganze Spionagewesen nachvollziehen zu können. Wir
denken heute nationalstaatlich und territorial. Aber so dachte die
Revolutionszeit nicht. Der durch die Revolution geschaffene
Gleichheits- und Freiheitsbegriff gewann rasch eine
grenzüberschreitende Anerkennung. Den Baslern um 1794 blieb
gewiss nicht verborgen, dass der Legationssekretär Bacher so
etwas wie einen professionellen Nachrichtendienst betrieb. Aber sie
wussten, dass auch die französischen Emigranten in Basel, der
Schweiz und in Süddeutschland allesamt spionierten und sowohl
mit eidgenössischen Magistratspersonen als mit dem
kaiserlichen Hof und dem englischen Gesandten in Bern Relationen
unterhielten. Die Aufregung dieser Jahre legte sich erstmals, als
dank Peter Ochs der Basler Frieden 1795 zustande kam. Als nicht
einmal 2 1/2 Jahre später die alte Schweiz selber Revolutionen
erlebte, in Basel von oben nach unten, im Waadtland von unten nach
oben und in Bern sowie der Innerschweiz auf Druck einer
französischen Invasion, waren die Jahre, da Basel und seine
Nachbarschaft ein europäisches Spionagezentrum darstellten, zu
Ende. Die Armeen Napoleons verlegten die Fronten weit nach Osten
und Norden, Bacher hatte andere Geschäfte im deutschen Reich
zu erledigen, und Napoleon hatte aus der Schweiz einen blossen
Satellitenstaat gemacht, dessen Kinder Richtung Moskau marschieren
mussten.
Die ersten von Hand gezeichneten oder gemalten Landkarten waren
kaum viel mehr als über eine Fläche verteilte Inventare
von Ortschaften, bei denen die Zeichner mit unregelmässigen
Flussläufen und gewundenen Strassen ziemliche Probleme hatten.
Mit solchen Karten konnte man sich in der Landschaft schlecht
orientieren, aber man sah wenigstens, an welchen Städten zum
Beispiel der Rhein von Basel an abwärts vorbeilief oder
über welche Ortschaften man von Rheinfelden nach Strassburg
reiten musste.
Mit dem Aufkommen des Holzschnittes, dann des Kupferstiches und
des Buchdrucks begann man an Landkarten höhere Anforderungen
zu stellen. Auf der einen Seite begannen, besonders nach der
Entdeckung Amerikas, Darstellungen der gesamten Erdoberfläche,
verteilt auf zwei Halbkugeln, populär zu werden; auf der
anderen Seite wurden, wie man das beim Kosmographen Sebastian
Münster nachschauen kann, Stadtansichten und Regionalkarten
publiziert, die sich der geografischen Wirklichkeit anzunähern
versuchten. Die Vermessungstechnik, die schon den Kelten bekannt
gewesen war, schuf die Voraussetzungen für die Erstellung von
Landkarten, also benötigte man auch trigonometrische
Kenntnisse. Da waren die Mathematiker und Geometer des 16. und 17.
Jahrhunderts gefordert. Das 18. Jahrhundert sah das Aufkommen
festgefügter Territorialstaaten, und die Fürsten dieser
Staaten wollten nun auch auf dem Papier sehen, wie ihr Staat in
seiner Gestalt und in seiner Länge und Breite mit
Flüssen, Bergen und Strassen beschaffen war. Landkarten wurden
immer feiner und genauer, mit den heutigen Kartenwerken verglichen
waren sie freilich noch immer primitiv.
In den Feldzügen des ausgehenden 17. bis zum beginnenden
19. Jahrhundert, also in den Kriegen Louis‘ XIV., des Alten
Fritz und dann Napoleons, waren Landkarten von wachsender
militärischer Bedeutung. Nun musste man auch einigermassen
zuverlässig Distanzen und Verbindungswege, Flussläufe und
befestigte Städte ablesen können. Einen Nachteil hatten
sie: sie mussten immer noch zuerst gezeichnet und dann
spiegelverkehrt auf eine Kupferplatte gestichelt werden. Das war
eine augentötende und vor allem langwierige Arbeit, bei der
sich Zeichner und Kupferstecher auch damit abmühten, wie man
Städte und Berge, Wälder und Seen eigentlich darstellen
sollte: im Grundriss oder in der Aufsicht? Ferner verlangten solche
Karten immer einen zweifachen Druck, zuerst druckte man das Bild,
dann wurden in einem zweiten Durchgang die Namen hinzugefügt.
Das stellte einige Anforderungen an die sogenannten
Passergenauigkeit. Nicht zuletzt auch darum waren Landkarten teuer,
und wenn die militärische oder politische Lange sich
geändert hatte – eine zerstörte Brücke, eine
verschobene Grenze –, dauerte es Monate, wenn nicht
Jahre, bis wieder eine aktuelle Karte vorlag.
Wie wollte man das schneller machen? Das war eine
Problemstellung ganz nach dem Geschmack der aus Nürnberg nach
Basel eingewanderten Dynastie der Familie Haas, von Johann Wilhelm,
seinem Sohn Wilhelm, genannt der Vater, und dessen Sohn Wilhelm,
genannt der Sohn. Das 18. Jahrhundert war technisch interessiert,
war von mechanischen Geräten fasziniert, war auch ein grosses
typografisches Jahrhundert. Der Steindruck, also die Lithografie,
war noch nicht erfunden, das, was wir heute Chemigrafie nennen,
noch gänzlich unbekannt. Aber verwandte Probleme standen schon
an: Wie zum Beispiel konnte man Musiknoten im Druck
vervielfältigen? So entstand der Gedanke, Karten mit
ausschliesslich typografischem Material zu setzen. Einmal mehr
bewies das Dreiland am Oberrhein seinen Erfindergeist.
1778 veröffentlichte der in Karlsruhe wirkende Hofdiakon
August Gottlieb Preuschen (1734-1803) beim Basler Buchdrucker
Johannes Schweighauser einen „Grundriss der typometrischen
Geschichte“. Schon in einer Erklärung an die Kaiserliche
Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg von 1775 schilderte
er, wie mittels der Typometrie „geographische Bilder und
Objekte nach geometrischen Regeln und Verhältnissen darinn
geordnet werden müsten“. Von 1774 stammt der erste, noch
ziemlich primitive Versuch einer Karte von Sizilien. Preuschen
fehlte in Karlsruhe ein Mann, der seine Ideen technisch umsetzen
konnte, den aber fand er in Basel bei Wilhelm Haas Vater und
Wilhelm Haas Sohn. Haas hatte sich nämlich mit Bleilinien und
Durchschussmaterial und seiner 1772 konstruierten Handpresse aus
Eisen schon international einen Namen gemacht. 1776 begann er nach
den Ideen von Preuschen figürliches Typenmaterial
herzustellen. Berge und Wälder symbolisierende Bäume
waren in der Ansicht, Flüsse, Strassen und befestigte
Plätze waren in der Aufsicht dargestellt.
Preuschen war hoch zufrieden, weniger war es Johann Gottlob
Immanuel Breitkopf (1719-1794) in Leipzig, der schon Erfahrungen im
Druck von Musiknoten hatte. In den zu Berlin erscheinenden
„Wöchentlichen Nachrichten“ ergab sich eine
heftige Kontroverse zwischen Haas und Breitkopf, welcher letztere
Haas Flickarbeit vorwarf, das heisst dass die Haassche Offizin mit
verpöntem Füllmaterial gearbeitet hätte. Haas
produzierte 1776 im Sinn eines Probemusters ein kleineres Blatt mit
der Darstellung des Kantons Basel, 1777 machte er sich an eine
grössere Karte von Sizilien. Der König beider Sizilien,
Ferdinand IV., nahm sie huldvoll entgegen und schenkte Haas eine
goldene Dose; die Zarin Katharina II. schickte gleichfalls
Anerkennungsgeschenke.
Bis heute sind von Wilhelm Haas Vater zwei, von Wilhelm Haas
Sohn 19 gesetzte Landkarten bekannt. Von 1792 an wird es
offensichtlich, dass solche Karten vor allem aus militärischem
Interesse hergestellt wurden; 1795, zur Zeit des Basler Friedens,
zeigt eine Karte die Neutralitätslinie zwischen Preussen und
Frankreich; 1796 eine andere die Bewegungen der französischen
und österreichischen Armeen. 1797, nach dem für Bonaparte
günstigen Friedensschluss von Campo Fornio, kommt eine neue
Italienkarte, die Napoleon, der mit Wilhelm Haas Sohn zusammensass,
eigenhändig im Grenzverlauf korrigierte. Als die Rede davon
war, dass das bisher österreichische Fricktal an Basel fallen
könnte, erschien 1798 flugs eine Karte der Landschaft Basel
und des Fricktals; kaum war die Helvetische Republik
gegründet, setzte Haas deren Karte mit der neuen "Cantons- u.
Districts-Eintheilung“. Nachdem das alte Fürstbistum
französisch geworden war, publizierte Haas die neu
abgegrenzten Departemente des Ober- und Nieder-Rheins.
Aus einer von Eduard Hoffmann-Feer verfassten Untersuchung
wissen wir, dass einzelne Karten in nicht weniger als zwei Wochen
hergestellt wurden. Ein solches Tempo gefiel auch Napoleon, dem die
Dinge nie schnell genug gehen konnten. Im nachrevolutionären
Europa war die Haassche Schriftgiesserei eine Adresse erster
Güte, und es verwundert nicht, dass die Herren Haas der
Helvetik, die aus der alten Schweiz einen modernen Staat gemacht
hatte, freundlich gegenüberstanden und auch gern, wie es der
auf Besuch weilende Lavater aus Zürich bestätigt, Uniform
trugen. Die Erfindung der Lithografie freilich führte dann
dazu, dass das 19. Jahrhundert von einer typografisch gesetzten
Landkarte ohne Schmerzen Abschied nahm. Ihre Genauigkeit
genügte den modernen Ansprüchen nicht mehr.
Der Läufelfinger Pfarrer Markus Lutz (1772-1835), den man
als einen Gefolgsmann des Basler Revolutionäres Peter Ochs
betrachten darf, war einer der fleissigsten Historiker aus der
Frühzeit des 19. Jahrhunderts. 1819 publizierte er ein
Baslerisches Bürgerbuch, das als eine wichtige Quelle gilt,
weil Lutz Dokumente heranzog, die wir heute nicht mehr kennen. In
diesem Buch beschäftigte er sich auch mit der Familie Huber,
von der es im alten Basel mehr als eine gab. Ihre Nachkommen
ordnete er nach Bürgermeistern, Ratsmitgliedern, Richtern,
Landvögten, Professoren und dann Gelehrten ohne akademische
Stellen. Unter ihnen figuriert der 1758 geborene Wernhard Huber wie
folgt: „Wernhard, gestorben 1818 zu Bern. Dichter,
Epigrammatist und belletristischer Schriftsteller, der für die
leichtern Gattungen der Poesie nicht ohne Talent war, und unter
andern Zeitverhältnissen noch mehr würde geleistet
haben.“
Das ist eine in ihrer Kürze für Markus Lutz typische
Würdigung, aber merkwürdig ist, dass sie den eigentlichen
Beruf verschweigt, nämlich Apotheker, und von den
öffentlichen Ämtern dieses Wernhard Huber kein Wort
verlauten lässt. Dabei hätte hier doch stehen
können: Mitbegründer der Basler Lesegesellschaft,
Mitglied des revolutionären Bärenkämmerleins zum
Rheineck, Präsident der Basler Nationalversammlung, Mitglied
des helvetischen Grossen Rates und dessen Präsident,
helvetischer Regierungskommissär in Solothurn, helvetischer
Senator. Es ist anzunehmen, dass Lutz diesen Wernhard Huber kannte,
vielleicht sogar von Angesicht, und auf jeden Fall hätte er
seine politische Laufbahn nennen können. Aber er schweigt
darüber. Warum?
Nun, wir sind eben im Jahr 1819. Die Revolution ist schon lange
vorbei, desgleichen die Helvetik. Napoleon ist verbannt nach St.
Helena, Basel ist wieder eine selbständige Republik im
schweizerischen Staatenbund. Die Erinnerung an revolutionäre
Ereignisse und helvetische Ämter unterbleibt besser, der Rat
sieht das nicht gern. Da spricht man lieber von literarischen
Dingen. Huber, so meint Lutz, hätte in den leichteren
Gattungen der Poesie mehr leisten können, wenn es die
Zeitverhältnisse erlaubt hätten.
Er erklärt ihn sozusagen zu einem Opfer des Zeitgeistes.
Und das stimmt sogar. Denn an diesem Wernhard Huber lässt sich
exemplarisch erleben, wie die geistigen Strömungen der Zeit
einen bildungshungrigen Autodidakten formten, wie die Literatur auf
ihn einwirkte, wie das europäische Revolutionsgeschehen ihn
bestimmte und in eine Karriere drängte, in der er sich
verstrickte. Um 1799 steht er im grellsten Licht, doch wie die
politische Lage sich ändert, tritt er ab ins Dunkel,
verlässt seine Vaterstadt Basel und verlebt wahrscheinlich die
letzten 18 Jahre seines Lebens in Bern. Aus dieser Zeit wissen wir
kaum mehr etwas über ihn.
Wernhard Huber ist im geografischen Sinn keine Figur des
Dreilandes, er ist nicht zwischen Basel, Colmar und Freiburg
herumgereist. Sein Wirkungskreis war Basel und das benachbarte
Solothurn. Dennoch figuriert er mit vollem Recht in diesen
Geschichten, denn es gibt auch eine geistige Geschichte, die keine
Grenzen kennt. Als deren Produkt darf Huber gelten.
Sein Grossvater war Apotheker, sein Vater war es, der Sohn
sollte es wieder werden und akzeptierte das auch. Aber seinen
eigenen Vater kannte er nicht, der starb kurz nach seiner Geburt,
und als er sieben Jahre alt war, starb auch seine Mutter. So wuchs
er im grosselterlichen Haus auf. Das war ein pietistisches Haus,
ein Treffpunkt der unter dem Einfluss des Grafen von Zinzendorf
stehenden Brüdergemeinde von Herrnhut im Sächsischen.
Seit 1740 hatte sich in Basel eine Herrnhuter Gemeinde gebildet,
die die Jesusliebe pflegte und sogar einen so aufgeklärten
Kopf wie den Ratschreiber Iselin beeindruckte. Wernhard Huber wurde
im Kindesalter selber nach Neuwied in die Brüdergemeinde
geschickt, immatrikulierte sich dann 1760 an der Basler
Universität. Er erlernte das Apothekerhandwerk, heiratete mit
23 Jahren, las unbändig viel, lernte fremde Sprachen und
schloss sich an den Zürcher Pfarrer Johann Kaspar Lavater an,
der Pate eines seiner Söhne wurde. Er trat selber in die
Basler Brüdergemeinde ein. Ein Bekehrter? Vielleicht, aber
einer, der sogleich seine Krise erlebte. Es war die Zeit des
literarischen Aufbruchs in Deutschland, eingeläutet von
Goethes Werther, der Beginn des sogenannten Sturm und Drang. Huber
las alles, was er fand, er begann sich vom religiösen
Pietismus zu lösen und schwenkte zu einer Naturempfindlichkeit
hinüber, die nicht weniger inbrünstig war.
Woher wissen wir das alles so genau? Der Kirchenhistoriker Paul
Wernle schrieb schon 1922 einen ausführlichen Aufsatz
über Wernhard Huber, wir kennen aber auch Hubers eigene
Publikation „Funken vom Heerde seiner Laren“, 1787 in
Basel gedruckt. Sie ist alles andere als ein literarisches
Meisterwerk, aber insofern ein erstaunliches Dokument, als in
diesem kleinen Buch so gut wie alle Zeitströmungen kurz vor
der Französischen Revolution nachweisbar sind. Im gleichen
Jahr half Huber in Basel die Lesegesellschaft gründen. Dann
kam die Revolution, und aus dem ursprünglichen Pietisten, dem
Lavater-Verehrer, dem Stürmer und Dränger, der sich auch
für den falschen Grafen Cagliostro und den magnetisierenden
Heilkünstler Mesmer begeistert hatte, wurde plötzlich ein
wilder Republikaner. Nicht einmal drei Jahre nach dem Sturm auf die
Pariser Bastille folgte die gewaltsame Revolutionierung im Birseck,
der fürstliche Hofstaat in Arlesheim zerstob in alle Winde,
1797 reiste Napoleon durch die Schweiz, und 1798 fand die
freiwillige Revolutionierung Basels statt. Huber gehörte zum
engsten Kreis der Revolutionsfreunde und präsidierte,
während Ochs noch in Paris weilte, die Basler
Nationalversammlung. Er galt schon damals als feuriger Redner, und
diesen Ruf behielt er auch als Mitglied des Grossen Rates zur Zeit
der Helvetik in Aarau.
Seine Laufbahn wurde, als die kaum gegründete Helvetische
Republik schon zu wanken begann, recht dramatisch. Der Kanton
Solothurn galt als Unruheherd, Huber wurde als
Regierungskommissär dorthin abgeordnet und sollte mit
helvetischen sowie französischen Soldaten Ordnung schaffen. Es
war ein vergeblicher Versuch; er hetzte murrenden und
aufständischen Landleuten nach, und als er einzelner habhaft
werden konnte, richtete er sogleich ein Kriegsgericht ein. Und
dieses sprach mehrere Todesurteile, die auch vollzogen wurden. Die
Parallelen zur Entwicklung des französischen
Revolutionärs Robespierre sind unübersehbar: ein ganz auf
spirituelle Entwicklung angelegter Mensch wird plötzlich zum
blutigen Gewaltherrscher. Die Helvetik lief ja nicht friedlich aus,
sondern stolperte nach 1800 von einem Staatsstreich in den
nächsten, Huber war noch am Anfang dabei, aber dann zog er
sich aus dem politischen Leben zurück und fand, wie Paul
Wernle sagt, eine Sekretariats- und Bibliothekarsstelle in
Bern.
Wernhard Hubers „Funken vom Heerde seiner Laren“
sind der „Freundschaft, der Wahrheit und dem Scherze“
gewidmet. (Sie verhalfen ihm in Basel zum Spitznamen
„Laarifunggi“.) Wer Todesurteile unterschreibt, scherzt
nicht mehr; zwischen dem Pietismus und einer Naturverehrung
schwankend, hat Huber seine Wahrheit nie gefunden, und seine
Freundschaften sind in den Stürmen des Zeitgeistes
zerbrochen.
Mit 28 Jahren nicht nur General zu sein, sondern auch
Oberkommandierender einer ganzen Armee, Sieger über die
Truppen des Kaisers und nebenbei Totengräber der
Venezianischen Republik, dazu (wie jedermann wusste) nachgerade der
bestimmende Mann in Paris – das war schon eine Massierung von
Ruhm, Respekt und Ansehen, die die Zeitzeugen aufregte und sie in
Versuchung brachte, diesem Bonaparte um jeden Preis einmal
persönlich gegenüberzustehen, einen Zipfel seines Wesens
zu erwischen.
Heute würden die Pressefotografen den Eingang zum Hotel
belagern oder mit Teleobjektiven auf den Dächern
gegenüber sitzen. Abgestiegen war Bonaparte im Hotel Drei
Könige in Basel, nachdem man ihn in Liestal mit einem
Freiheitsbaum gefeiert und am St. Albantor mit militärischen
Ehren und Kanonensalven abgeholt hatte. Dann wollte er den Bruder
des zweiten Gatten seiner Grossmutter kennen lernen, den
Pastetenbäcker Faesch, sass am Gala-Diner zwischen dem
Oberstzunftmeister Peter Ochs und dem Bürgermeister Peter
Burckhardt, und am Nachmittag durfte ihm der Drucker Wilhelm Haas
Sohn seine aus typografischen Elementen hergestellte Landkarte von
Oberitalien vorlegen. Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass
Ochs diese Begegnung einfädelte; sicher waren sie, Ochs und
Haas, Gesinnungsgenossen in diesen Novembertagen 1797 – nur
wenige Monate vor dem Untergang der alten Eidgenossenschaft.
Aber eben, Fotografen gab es noch keine. Dabei wäre es doch
wirklich spannend gewesen, den erfolgreichsten General auch in
seinem äusseren Erscheinungsbild fixiert zu haben – wie
sieht der bestimmende Mann Europas im jugendlichen Alter aus?
Merkwürdig sieht er aus, nicht gerade schön: im Profil
sieht man eine übergrosse, leicht gekrümmte Nase, einen
eher missgelaunten Mund, aber sehr intensive und grosse Augen. Die
Haare sind fast unordentlich frei nach vorn gekämmt, fallen
hinten über den extrem hohen Uniformkragen, der für den
eher gedrungenen Körper etwas zu gross geschneidert erscheint.
Die Halsbinde hat er stramm bis unter das Kinn gezogen.
Tatsächlich wurde Napoleon Bonaparte bei seinem Basler
Besuch auch porträtiert, und zwar von Marquard Wocher.
Wiederum kann man sich vorstellen, dass Peter Ochs seine Hände
im Spiel hatte, Wocher zeichnete in seinem Auftrag später Tell
Vater und Sohn als offizielle Vignette der Helvetik. Auf jeden Fall
konnte im eng gefüllten Terminkalender des Generals am 24.
November 1797 nur ein Porträtist zum Zug kommen, der rasch zu
arbeiten wusste, keine technischen Schwierigkeiten fürchtete,
einen Blick für das Wesentliche besass und sowohl in der
Miniatur- wie Aquarelltechnik über reiche Erfahrungen
verfügte. Für Marquard Wocher traf das alles zu.
Wer war er? Sammler von Stichen schätzen ihn als einen
grossen Meister, bekannt ist sein jetzt wieder restauriertes
Rundpanorama von Thun, und in der Zeit nach 1803 war seine
berühmteste Bilderserie das „Vater Unser eines
Unterwaldners“. Geboren wurde er am 7. September 1760,
gestorben ist er am 19. Mai 1830. Er war der Sohn des Tiberius
Dominikus Wocher aus Mimmenhausen, der Nachbargemeinde von
Überlingen am Bodensee. Sein Vater und Onkel waren schon
Maler, Marquard ging beim Vater in die Lehre. (Das führt noch
heute gelegentlich zu fehlerhaften Zuweisungen einzelner Werke an
den Vater oder Sohn.) Eine zusätzliche Ausbildung bekam er bei
Johann Ludwig Aberli in Bern; in der Freizeit studierte er vor
allem die Landschaft bei Thun. 1779 begegnete er im Atelier des
Meisters dem damals 30jährigen Goethe, der Aberli als
Kupferstecher überaus schätzte. Seit den achtziger Jahren
verkaufte Wocher in Bern Stiche auf eigene Rechnung, wahrscheinlich
war er damals bereits nach Basel übergesiedelt, wo er bis zu
seinem Tode blieb.
Von 1798 stammt ein Selbstporträt, eines seiner
schönsten Blätter. H. Albert Steiger, Basels bester
Wocherkenner, beschrieb es wie folgt: „Ein höchst
raffiniertes Aquarell, zeigt uns den sehr aufgeweckten Mann,
elegant à la mode gekleidet; unter dem eher keck
aufgesetzten Zylinderhut kommen die langen gelockten Haare zum
Vorschein. Seine etwas scharfen Gesichtszüge lassen aber doch
auf einen sehr sensiblen Menschen schliessen, ja fast weisen sie
eine weibliche Feinheit auf. Der klare entschlossene Blick
verrät den genauen Beobachter, dem selbst die kleinsten
Details nicht entgehen können.“
Wocher war damals 38 Jahre alt. Es wurden stürmische Jahre:
Revolutionierung von Basel, Helvetische Republik, die bis 1802 in
Staatsstreichen unterging, Mediationsverfassung von Napoleons
Gnaden, Einzug der Alliierten 1813 (schlimmster
Neutralitätsbruch der Schweiz), eine neue Verfassung 1814
– das alles begleitet von gewaltigen wirtschaftlichen Krisen
und ideologischen Auseinandersetzungen. 1807 schrieb Wocher:
„Auf bessere Zeiten warten und darüber zu Grunde
gehen.“ Aber zugleich setzte er sein Organisationstalent bei
der Gründung der Schweizerischen Künstlergesellschaft in
Zofingen ein und war 1812 Mitbegründer der Basler
Künstlergesellschaft. Am 29. April 1800 hatte er Anna Maria
geb. Fatio geheiratet, die Witwe des Architekten Johann Ulrich
Büchel, der das Haus zum Kirschgarten gebaut hatte. Das
Kirchenbuch in Muttenz verzeichnet ihn als „neuen
helvetischen Bürger“ – zwei Jahre später ging
die Helvetische Republik zu Ende, und das Grossherzogtum Baden, zu
dem das Gebiet des Konstanzer Bischofs am Überlingersee
geschlagen wurde, war noch nicht geboren. Von Geburt war Wocher
katholisch, als Freimaurer wurde er exkommuniziert, jetzt heiratete
er in einer reformierten Kirche draussen auf dem Land. Er war
konfessions- und staatenlos geworden.
Im Buch von Hans Peter Treichler „Die Magnetische
Zeit“ von 1988 ist beschrieben, wie Treichler das Thuner
Rundpanorama persönlich aufsucht. Im Basler Jahrbuch von 1943
hat H. Albert Steiger erstmals die verfügbaren Nachrichten
über Marquard Wocher zusammengetragen. Dass er seither, also
seit rund 50 Jahren, die umfassendste Wocher-Sammlung aufgebaut
hat, konnte er damals noch nicht sagen. Sie ist mit seinem Tod an
das Kupferstichkabinett Basel gefallen. Wenn sie einmal
kunstgeschichtlich aufgearbeitet sein wird, wird man einen vom
Überlingersee über Bern nach Basel gekommenen
Künstler entdecken, den man nach rückwärts an
Füssli (geb. 1741) und nach vorwärts an Ingres (geb.
1780) messen darf. Die Chancen, dass dannzumal ein paar bisher
ahnungslose Basler in alten Schränken noch Stiche, Bilder oder
Dokumente von Wocher finden werden, stehen nicht schlecht. Denn als
man nach seinem Tod die Erbschaft inventarisierte, ergab sich ein
Passiven-Überschuss. Also wurden ziemlich sicher Kunstwerke
und Schriften vergantet, die jetzt noch irgendwo stecken
könnten.
Fragen Sie einmal einen Basler, was denn nun auf der rechten
Seite des Rheins dem Oberelsass gegenüberliegt, der Breisgau,
die Ortenau oder die Markgrafschaft – er wird Probleme haben.
Die braunen Hinweistafeln auf der deutschen Autobahn Richtung
Karlsruhe machen die Sache auch nicht leichter, weil da bald
Markgräflerland, bald Kaiserstuhl, bald Schwarzwald zu lesen
ist. Und warum spricht man vom Markgräfler Wein oder von
Kaiserstühlern, aber nicht von Breisgauer Weinen?
In solchen differenzierten Namenszuweisungen steckt immer die
Geschichte. Sie sind Überbleibsel, die die Sprache aufbewahrt,
auch wenn die Fakten aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Die
nördlichen Nachbarn der Basler, liebevoll Badenser genannt,
sind eben auch Breisgauer, Schwarzwälder, Markgräfler und
Kaiserstühler, irgendwie gehört das alles zusammen,
freilich ist ein Schwarzwälder kein Kaiserstühler. Da
bewegt man sich im Umkreis von landschaftlichen Begriffen, aber
nicht weniger stösst man auch auf historische Relikte. Es
lohnt sich, diese etwas näher anzuschauen, vielleicht stecken
sogar Personen dahinter.
Nehmen wir etwa die Weine. Dass die Kaiserstühler, richtig
gepflegt, sogar mit grossen Tropfen konkurrieren können, liegt
zuerst an der vulkanischen Erde, in der sie wachsen. Aber schon
taucht da ein Fürst wie Lazarus von Schwendi (1522-1583), auf,
der die Weine in seiner Herrschaft auf beiden Seiten des Rheins
besser gepflegt sehen wollte. Seine Verordnungen für den
Weinbau im Kaiserstuhl und im Elsass sind bekannt; ohne seine
Förderung hätte sich der Qualitätsbegriff des
Kaiserstühlers nicht schon im 16. Jahrhundert durchsetzen
können. Dass die badischen Weine insgesamt einen guten Namen
besitzen (und sich in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise
in der Güte grossartig gesteigert haben), geht auch auf den
Markgrafen Karl Friedrich (1728-1811) zurück, der sich
persönlich um Weinsorten und um die Weinpflege kümmerte.
Aber was hat er nun verbessert – die Markgräfler Weine
oder die badischen? Beide, lautet die Antwort.
Es war Jean Daniel Schoepflin, den dieser Markgraf mit einer
Geschichte seines Fürstenhauses beauftragte. Schoepflin
führte das Geschlecht der Markgrafen bis auf die Herzoge von
Zähringen, die grossen Herrscher des 11. und 12. Jahrhunderts,
zurück. Wenn wir die Verhältnisse der Markgrafschaft in
der Mitte des 18. Jahrhunderts betrachten, entdecken wir einen
ziemlich zerstückelten Herrschaftsbereich. Zur unteren
Markgrafschaft gehörten die alten Residenz Durlach, die neue
Residenz Karlsruhe und verschiedene weitere Ämter wie etwa
Pforzheim, wo sich Karl Friedrich für den Aufbau einer
Schmuckindustrie verwendete. Die Markgrafschaft Hachberg bildete
ein Oberamt mit Sitz in Emmendingen, zu dem auch ein Teil des
Kaiserstuhls gehörte. Territorial abgetrennte Gebiete waren
Sulzburg und die Herrschaft Badenweiler. Müllheim war Sitz des
unteren Teils des Oberamtes, weitere Herrschaftsteile lagen um die
Schwerpunkte Sausenberg und Röteln. Das heisst ganz einfach:
die eigentliche Markgrafschaft war überall von
vorderösterreichischen Landen oder geistlichen
Besitztümern, auch des Basler Bischofs, durchschnitten. Der
eigentliche Breisgau mit Breisach und Freiburg war
österreichisch, also nur teilweise markgräflich.
Die lange Regierungszeit des Markgrafen Karl Friedrich von
insgesamt 62 Jahren ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die alte
Markgrafschaft stufenweise erweiterte. Der Markgraf bemühte
sich, einzelne Herrschaften zu kaufen oder zurückzukaufen, so
etwa vom Hochstift Basel das Dorf Binzen. Eine wesentliche
Vergrösserung erfuhr die (baden-durlachsche) Markgrafschaft
durch das Aussterben der (badisch-badischen) Seitenlinie. Karl
Friedrich erhielt dank einem rechtzeitig abgeschlossenen Erbvertrag
1762 wesentliche Gebiete im Norden seiner Markgrafschaft hinzu. Sie
waren mehrheitlich von Katholiken bewohnt. Der protestantische
Markgraf musste seine Verwaltung auch auf die andere Konfession
einstellen; die neu hinzugewonnenen Lande, die nach mehr als 250
Jahren wieder an ihn zurückfielen, wurden von Rastatt aus
verwaltet.
Karl Friedrichs Herrschaft schien glücklich konsolidiert,
der wirtschaftliche Aufschwung war unübersehbar. Reisende
wussten davon zu erzählen. Aber dann kamen die Revolution, die
Revolutionskriege, die französischen Emigranten, die sich in
diesem noch feudalen deutschen Reichsland einnisteten. Es kam der
Aufstieg Napoleons, die Markgrafschaft wurde Frontland. Der
Friedenskongress von Rastatt brachte dürftige Ergebnisse, der
Frieden von Lunéville demütigte die deutschen Staaten.
1803, als Napoleon der Schweiz die Mediationsverfassung verschrieb,
fand in Deutschland der sogenannte Reichsdeputationshauptschluss
statt, an dem die Frankreich nahestehenden deutschen Fürsten
ihre Territorien zu Lasten der geistlichen Landesherren zu
erweitern verstanden. Damals fielen das Bistum Konstanz, Reste der
Bistümer Speyer, Basel und Strassburg auf dem rechten
Rheinufer, pfälzische Ämter und nassauische Gebiete,
verschiedene Abteien, Reisstädte wie Offenburg, Zell und
Ländereien am Neckar an den Markgrafen. Auch die
Universitätsstadt Heidelberg gehörte dazu. Karl Friedrich
bekam die Kurfürstenwürde, das heisst er wurde Mitglied
des Kollegiums, das den deutschen Kaiser hätte wählen
können.
Aber das Tempo der Politik Napoleons war schneller, als es der
komplizierte Apparat des alten Reiches verkraften konnte. 1806
entstand unter Führung Napoleons der Rheinbund, der die
süddeutschen Fürsten zusammenfasste und offiziell das
Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation
bedeutete. Die Nachbarfürsten von Württemberg und Bayern
nahmen den Königstitel an. Karl Friedrich musste sich, als der
Rang eines Kurfürsten sinnlos geworden war, mit dem Titel
eines Grossherzogs begnügen oder wollte es so. (Inwieweit er
da von seinem bevollmächtigten Minister Sigismund von
Reitzenstein hinters Licht geführt wurde, ist schwer zu
entscheiden.)
Die Sache hatte ihren Preis: Der Bruch der Loyalität dem
Kaiser gegenüber fiel Karl Friedrich unendlich schwer, und
badische Landeskinder hatten jetzt mit den Franzosen gegen
Österreich und später Russland zu marschieren. Durch das
ganze 19. Jahrhundert erstreckte sich das Grossherzogtum Baden wie
ein L vom Einfluss des Neckars über Baden-Baden und Freiburg
bis nach Basel und von dort im rechten Winkel bis an den Bodensee.
Sein Ende kam mit dem Ende der Monarchien nach dem Ersten
Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land Baden dann mit
Württemberg zusammengelegt – nicht zu jedermanns
Zufriedenheit, weil Alemannen und Schwaben doch irgendwie
verschiedene Leute sind, verschiedener wahrscheinlich als die
Sundgauer und Elsässer oder die Basler und Baselbieter. Unter
dem Obertitel badische Weine können wir jetzt sowohl
Kaiserstühler wie Markgräfler trinken, nur die
Stuttgarter und Esslinger schmecken immer noch anders.
Am liebsten hätte er sich ganz den klassischen Studien
gewidmet, sich in die antike Welt versenkt. Als er 1847 starb, fand
man in seinem Totenbett den platonischen Dialog Phaidon, die
Lektüre seiner letzten Tage. Die schönste, wenn
möglich lebenslängliche Aufgabe für ihn wäre es
gewesen, als Kurator der Universität Heidelberg zu wirken, ein
paarmal war ihm das auch vergönnt. Aber die Politik war
stärker, riss ihn immer wieder in ihren Strudel zurück.
Basel kannte er gut. Er traf sich mit Peter Ochs, wir wissen, dass
sie sich später auch wieder in Paris begegneten.
Von Geburt war er ein Franke, 1766 in der Nähe von Bayreuth
geboren; er hatte in Göttingen und Erlangen studiert. 1788
bewarb er sich um badische Dienste beim Markgrafen Karl Friedrich
und legte glänzende Zeugnisse vor. Aus einer Adelsfamilie
stammend, wurde er adliger Hofrat mit Sitz und Stimme im
Hofratskollegium und zeichnete sich, nach den Zeugnissen seiner
Vorgesetzten, durch eine „nachahmungswürde
Gewandtheit“ aus. Diesem Kollegium lag die Verwaltung der
Markgrafschaft Baden ob, soweit nicht der Markgraf selber und sein
geheimer Rat sich die Geschäfte vorbehalten hatten; er
beschäftigte sich mit wirtschaftlichen und kulturellen
Problemen, ihm unterstanden die Strafrechtspflege und die Polizei.
Der Markgraf wurde bald auf den jungen Mann aufmerksam. 1792, da
war er 26 Jahre alt, wurde er Landvogt der Landgrafschaft
Sausenberg und der Herrschaft Röteln, und diese war im
Oberland die grösste und angesehenste. Residenzort war
Lörrach, auch von daher war der junge Mann mit den Basler
Verhältnissen vertraut. Als er sich noch mit einer Kusine
gleichen Namens vermählen konnte, schien alles aufs beste und
sogar aufs geruhsamste eingerichtet.
Sein Name: Sigismund von Reitzenstein.
Nur dass das Jahr seiner Amtseinsetzung als Landvogt von
Röteln zugleich das Jahr war, da die unterdessen
revolutionierte Französische Republik dem Kaiser in Wien den
Krieg erklärte und die Besitztümer sowie Lehensrechte des
Markgrafen auf dem linken Rheinufer faktisch schon an sich gezogen
hatte. Nun rückten österreichische Truppen ein, um das
rechte Rheinufer vor den Franzosen zu schützen. Dass die
Waldstädte am Hochrhein, Teile des Schwarzwaldes, Freiburg und
der Breisgau eben nicht markgräfliches, sondern
vorderösterreichisches Land waren, dass sich zwischen den
österreichischen und markgräflichen Gebieten noch
allerhand sonstige Herrschaften befanden, komplizierte die
militärpolitische Lage. Der junge Landvogt hatte alle
Hände voll zu tun. 1794 kam es zwischen ihm und der
österreichischen Schutzmacht zu ernsthaften
Auseinandersetzungen. Dann vernahm er, dass 1795 in Basel
Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und Preussen begonnen
hatten – es war ein Alarmsignal für ihn. Denn das konnte
bedeuten, dass Preussen neutral wurde, der Markgraf also als
Minderheitspartner in der vom Kaiser geführten Koalition immer
weniger zu sagen hatte. Aus den österreichischen Schutztruppen
drohten Besatzungstruppen zu werden. So eilte er nach Basel,
verhandelte mit dem französischen Gesandten Barthélemy,
dem preussischen Unterhändler von Hardenberg. Er dachte gleich
wie Ochs: sich gegen das unterdessen militärisch erstarkte
Frankreich zu stellen, war sinnlos, vor allem da der im Osten
liegende Nachbar Württemberg mit Frankreich einen
Nichtangriffspakt abzuschliessen bereit war.
Um was es eigentlich ging, durfte der knapp 30jährige
badische Hofrat offen nicht aussprechen, aber in seinem Kopf war
die Sache klar: Das Ende des Heiligen römischen Reiches
deutscher Nation stand bevor, und es bot sich die Gelegenheit, aus
der auf feudalen Rechten aufgebauten und zerstückelten
Markgrafschaft einen modernen geschlossenen Territorialstaat zu
machen. Für beides war engstes Einvernehmen mit dem Frankreich
des Direktoriums und dann Napoleons die Voraussetzung.
Am 22. August 1796 wurde in Paris durch Reitzenstein der Vertrag
zwischen Frankreich und der Markgrafschaft geschlossen, der Friede,
Freundschaft und gutes Einvernehmen schaffen sollte. Der Markgraf
trat seine linksrheinischen Besitzungen an Frankreich ab,
räumte den Franzosen Brückenköpfe (wie denjenigen
von Hüningen/Friedlichen) ein, und Frankreich versprach Baden
bei der Erlangung territorialer Kompensationen Teile der
Bistümer Basel, Konstanz und Speyer, die Säkularisation
geistlicher Stifte und Herrschaften.
Der damals schon betagte Markgraf Karl Friedrich zögerte,
als Reichsfürst fühlte er sich immer noch dem Kaiser in
Wien verpflichtet; Reitzenstein flehte, drängte, ignorierte
die ordre, nach Röteln zurückzukehren. Mit Talleyrand
setzte er sich zusammen, verhandelte offen darüber, den
österreichischen Breisgau nicht mehr der alten Markgrafschaft,
sondern einem neuen Grossherzogtum Baden einzuverleiben, das wie
ein Winkeleisen von Konstanz über die Basler Ecke bis zur
Pfalz reichen sollte.
Nach Ausbruch des zweiten Koalitionskrieges und dem Sieg der
Franzosen bei Marengo 1800, nachdem sich Napoleon auch mit dem
jungen Zaren Alexander ins Einvernehmen gesetzt hatte und
Reitzenstein in Paris Talleyrand gegenüber mit Schmiergeldern
mehr als grosszügig umging, nahm das neue Grossherzogtum Baden
Gestalt an. Dem immer noch zögerlichen Karl Friedrich von
Baden wurde die (nur noch formelle) Kurwürde angetragen. Der
Reichsdeputationshauptschluss von 1803 besiegelte die von
Frankreich gewünschte Neuordnung der süddeutschen
Staaten. Das Grossherzogtum Baden, dem 1805 auch der Breisgau mit
der Stadt Freiburg zufiel, war nicht anders als die Schweiz ein
französischer Vasallenstaat geworden. In den Heeren Napoleons
marschierten badische Soldaten zusammen mit schweizerischen.
Am Kabinettstisch verteilte man Städte und Länder, hob
uralte Rechte auf, tauschte ab und topfte um, schickte geistliche
Fürsten in die Pension. Von heute aus gesehen mutet es mehr
als zynisch an. Zweimal spielte Reitzenstein sogar mit der Idee, in
das neue badische Fürstentum auch die Schweiz einzubeziehen
– war nicht die westliche Schweiz uralter zähringischer
Besitz? Um 1807, als der aus Arlesheim vertriebene Konrad von
Andlau, einst fürstbischöflicher Gefolgsmann, sein
diplomatischer Mitarbeiter geworden war, erwog er den Gedanken,
neben Hessen-Darmstadt auch die Schweiz dem Grossherzogtum
einzuverleiben und aus ihm ein Königreich zu machen. Auf der
anderen Seite muss man sehen, dass die von Napoleon betriebene
Neuordnung Westeuropas, die im Rheinbund kulminierte, nur der
äussere Aspekt seines politischen Willens war. Der innere
enthüllte sich dann, wenn man auf die verwaltungstechnische
Bereinigung dieser auf dem Reissbrett entworfenen Staaten blickt.
Da war der energische Sachverstand eines Sigismund von Reitzenstein
für den Aufbau des Rechts- und Erziehungswesens im
Grossherzogtum Baden nicht weniger unentbehrlich als die
hellsichtige Intelligenz seines 14 Jahre älteren Zeitgenossen
Peter Ochs in der Republik Basel. Sie waren sich auch insofern
ähnlich, als beide sich, hätten es die Umstände
zugelassen, am liebsten nur der Reform ihrer Universitäten
gewidmet hätten. Die Zeitumstände, aber auch der eigene
Ehrgeiz zwangen sie in die Rolle staatlicher Architekten.
Die Geschichte berichtet von Dingen, die einst Ereignisse waren.
Von Vorhaben, die sich nicht verwirklichen liessen, schweigt sie
lieber. Das, was heute ist, weil es so geworden ist, hätte
vielleicht auch ganz anders sein können. Aber wer will
davon noch reden? Wäre Herzog Leopold 1386 bei Sempach nicht
zusammen mit seinen Gefolgsleuten aus dem Basler Adel gefallen,
hätte Katharina von Burgund eigene Nachkommen gehabt oder
wäre Strassburg nach dem Muster von Mülhausen ein
zugewandter Ort der Eidgenossenschaft geworden – die heutige
politische Landschaft am Oberrhein sähe wohl anders aus.
Doch stösst man gelegentlich bei der Lektüre
historischer Akten auf Vorhaben, deren Realisierung so weit
vorangetrieben war, dass man sich nachträglich wundert, warum
sie nicht Wirklichkeit wurden. Man sieht sich durchformulierten
Konzepten gegenüber, entdeckt die Spuren der
Handlungsträger, findet Drucksachen, Briefe,
Verhörprotokolle und schaut in ein dichtes Netz von
untereinander verknüpften Ideen, Aktionen und Menschen. Alles
hing nur an einem Faden, der dann riss, und so verschwanden diese
Ideen, Aktionen und Menschen wieder von der Bildfläche. Sie
gerieten in eine Vergessenheit, aus der sie nur die Geduld der
historischen Forschung erlösen kann. Eine solche Forschung hat
manchmal selber ihre merkwürdige Geschichte.
Schon liegt die Zeit hinter uns, da es ein marktwirtschaftlich
westliches und ein staatssozialistisches östliches Europa gab.
Republikanisch-revolutionäre Geschichtsforschung musste von
der Sache her relativ leicht ein Heimatrecht an der Akademie der
Wissenschaften der einstigen DDR bekommen. Dort machte sich 1962
auf Grund vorausgegangener Arbeiten anderer der DDR-Historiker
Heinrich Scheel einen Namen mit seinem Werk „Süddeutsche
Jakobiner. Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im
deutschen Süden“, dem er 1979 einen Quellenband
„Jakobinische Flugschriften aus dem deutschen Süden des
18. Jahrhunderts“ folgen liess. Wo schon auf der ersten Seite
eines Vorworts Marx und Engels, auf der zweiten Seite Lenin und
Stalin zitiert werden, schien für den westlichen Leser Skepsis
angebracht. Oder betrieb Scheel eine Art Mimikri? Denn das
Material, das er vorlegte, war in seinem Umfang und in seiner
Unbekanntheit eigentlich erstaunlich. In einem von den deutschen
Freiheitskriegen und von Preussen dominierten Geschichtsbild
tauchten plötzlich bürgerliche Republikaner aus Freiburg,
Stuttgart, Ulm und Lörrach auf. Mit einer Verspätung von
rund 10 Jahren gab Scheel Anstoss zur westdeutschen
Jakobinerforschung von Hamburg über Mainz bis in die obere
Markgrafschaft. Walter Grab, Elisabeth Fehrenbach, Axel Kuhn, Otto
Büsch nahmen den von Scheel ausgeworfenen Faden auf.
Weil es sich bei diesen Forschungen um die Nachwirkung von
Unterlegenen und Besiegten handelte – der deutsche
Republikanismus bekam 1796-1800 keine Chance und unterlag auch 1848
–, war das ein Thema, dessen sich auch nicht an
Universitäten etablierte Historiker annehmen konnten. Bisher
übersehene Dokumente legte der in Reutlingen-Betzingen
ansässige Hellmut G. Haasis vor („Gebt der Freiheit
Flügel. Die Zeit der deutschen Jakobiner 1789-1805“,
1988), Erwin Dittler in Kehl rekonstruierte geradezu minuziös
(„Jakobiner am Oberrhein“, 1976) die Vorgänge in
der Basler Ecke auf der deutschen Seite. 1993 fasste Uwe Schmidt in
seinem Buch „Südwestdeutschland im Zeichen der
Französischen Revolution“ nicht nur die bisherigen
Ergebnisse zusammen, sondern legte aus übersehenen Wiener und
Pariser Akten abermals neue Quellen vor.
Schreibe ich hier eigentlich einen Forschungsbericht oder eine
Geschichte? Beides. Zum einen wissen wir jetzt ganz genau, dass
Südwestdeutschland, besonders die badischen und
vorderösterreichischen Gebiete, schon 1796 bereit waren, die
zwar sanfte, aber im Kern absolutistische Herrschaft des
Markgrafen, des Kaisers in Wien und der weiteren weltlichen oder
geistlichen Herren umzustürzen. Zum andern sehen wir, dass
parallel zur Revolutionierung der Schweiz 1798 eine
Staatsumwälzung in Süddeutschland vorbereitet war, wobei
Basel als die wichtigste Nachrichtenzentrale und Drehscheibe
funktionierte. Das Datum des 17. Januar 1798 zum Beispiel, an dem
in Liestal ein Freiheitsbaum aufgerichtet wurde, war am Grenzacher
Hörnli festgelegt worden. Und zum dritten taucht in diesen
Plänen das Vorhaben einer gemeinsamen
süddeutsch-schweizerischen Republik auf, eines völlig
neuen Staates. Wirtschaftlich hätte er die mehr
gewerblich-industriell organisierte Schweiz mit dem im
Getreideanbau starken Süddeutschland zusammenführen
sollen. Ethnisch berief man sich auf die gemeinsame alemannische
Sprache, historisch auf die einstige Herrschaft der Zähringer.
Das politische Argument ging dahin, dass die Schweiz und
Süddeutschland zusammen einen Staat ergäben, der von
seiner Grösse her als Republik dem republikanischen Frankreich
weniger ausgeliefert gewesen wäre und den als zu
übermächtig empfundenen Nachbar Österreich
hätte zurückdrängen können.
Süddeutsche Republikaner wie Jägerschmid, List,
Bärstecher und Fahrländer weilten und wirkten zeitweise
in der Schweiz selber, bewegten sich wie Irrlichter zwischen
Stuttgart, Strassburg, Basel und Bern; auf schweizerischer Seite
fanden sie Gehör bei Philipp Albert Stapfer, Albert Haller,
César La Harpe, Remigius Frey. Auch Peter Ochs kannte diese
Pläne. Er riet aber am 4. Juni 1798 als frisch gewählter
helvetischer Direktor dazu, zuerst die eigene Republik zu
konsolidieren, bevor man sich mit den Süddeutschen einlasen
sollte.
Eine gemeinsame süddeutsch-schweizerische Republik entstand
nicht, weil die französische Generalität auf beiden
Seiten es Rheins verschiedene Ziele verfolgte: in der Schweiz einen
Einheitsstaat gegen die alten kantonalen Oligarchien, in
Süddeutschland Vereinbarungen mit den stärksten
Fürstenhäusern aus militärischen Gründen. Eine
solche Republik hätte auch keine Chance gehabt – denkt
man heute. Aber vergisst dabei, dass die Staatsgründungen der
napoleonischen Zeit von erstaunlicher Dauer waren: das
Königreich Bayern, das Königreich Württemberg, das
Grossherzogtum Baden und letzten Endes sogar die zum Zeitpunkt der
Abdankung Napoleons definierte Schweiz.
Die von Heinrich Scheel bis Uwe Schmidt geleistete
Forschungsarbeit macht es auch nötig, dass man in der Schweiz
die geschichtlichen Darstellungen der Helvetischen Republik
überprüft. Aus dem bundesstaatlichen Gesichtswinkel von
Zürich und Bern mag das Projekt einer
süddeutsch-schweizerischen Republik so absurd erscheinen wie
der Plan von 1806, ein Königreich Helvetien in der Schweiz und
Baden einzurichten. Aus der Basler Perspektive hingegen war es eine
Option – eine riskante, unheimliche, vielversprechende?
1807 erschien in Paris, verfasst von einem früheren
Generalinspektor der Militärfahrzeuge namens Viton, eine
chronologische, genealogische und politische Geschichte des
fürstlichen badischen Hauses in zwei Bänden,
französisch geschrieben, typografisch sorgfältig
aufgemacht und tadellos gedruckt. Schon der erste Satz der
Einleitung lies die Absicht dieser Publikation, nicht einmal drei
Jahre nach der Kaiserkrönung Napoleons erschienen, deutlich
erkennen: „Das badische Haus ist dank seinem Ursprung das
erlauchteste der regierenden Häuser Europas.“ Der
Markgraf von Baden-Durlach, der die markgräflichen Linien von
Hachberg-Sausenberg und Baden-Baden wieder zusammengeführt
hatte, sollte als der angesehenste und ehrwürdigste
fürstliche Herrscher gefeiert werden, andern Häusern wie
dem habsburgischen, brandenburgischen, hessischen, aber auch
spanischen, sardinischen und selbst dem Zaren weit überlegen
an Würde und Ruhm – von den Bourbonen und dem englischen
Königshaus ganz zu schweigen.
Das längste Kapitel in dieser Verherrlichung galt dem 1722
geborenen Markgrafen und jetzt Grossherzog von Baden Karl
Friedrich, der schon 85 Jahre alt war und von dem Monsieur Viton
dennoch schrieb: „Die badische Nation kann hoffen, dass
dieser Fürst sie noch während langen Jahren regieren
wird, und wenn der Lauf der Zeit ihn wegnimmt, wird sie in seinem
Enkel, dem grossherzoglichen Erbprinzen (Karl Ludwig Friedrich),
alle Tugenden entdecken, die seinen erhabenen Grossvater
auszeichnen.“
Wie kam man ausgerechnet in Paris dazu, dieses süddeutsche
Fürstenhaus aus Durlach und Karlsruhe derart in den Himmel zu
heben und über alle regierenden Häupter Europas zu
stellen? Nun, es hatte damit, genealogisch gesprochen, schon eine
gewisse Richtigkeit, wenn man auf den Stammbaum blickte. Monsieur
Viton unterzog sich der mühseligen Arbeit, aus Chroniken und
der Literatur seiner Zeit (zum Beispiel der von Schoepflin auf
lateinisch verfassten Geschichte des badischen Hauses) die
Abstammungslinien dieser Fürsten in chronologischen
Ahnentafeln bis in die merowingische Zeit zurückzuführen,
also weit über die Zähringer (11. bis 13. Jahrhundert)
hinaus. Sie können ihre Herkunft von den sogenannten
Etichonen, Herzogen im Elsass im 7. Jahrhundert, ableiten, der
Familie, zu der auch die heilige Odilie gehörte. Unter ihren
Ahnen befindet sich Adalbert oder Alberich, Herzog des Elsasses,
von Schwaben und Alemannien, gestorben 722, der wiederum als
Stammvater der Zähringer und Habsburger gilt. Bei den
Zähringern wird deutlich vermerkt, dass sie ja auch über
die Schweiz geherrscht hätten. Ein Zähringer führte,
1030 urkundlich nachgewiesen, erstmals den Titel eines Markgrafen.
Verschwägert und verschwistert war man schon mit den
ottonischen Kaisern. Und was die Gegenwart anbelangt, so behauptete
es Viton nicht nur, sondern weist es mit genauen Namen und Daten
nach, dass die Mehrzahl der regierenden Häupter im damaligen
Europa von Prinzessinnen des badischen Hauses abstammten,
nämlich der in Wien residierende Kaiser, die Könige von
Preussen, England und ein Grossteil der deutschen Fürsten.
Druckjahr dieser Publikation, wie gesagt, 1807 – nehmen
wir an, Monsieur Viton sass schon 1805 an seinen Recherchen. Zehn
Jahre vorher bemühte sich die französische
republikanische Diplomatie, den König von Preussen vom
habsburgischen Kaiser zu trennen; 12 Jahre vorher wurde der eigene
König in Paris guillotiniert, 13 Jahre vorher erklärte
Frankreich dem Oberhaupt des Deutschen Reiches den Krieg und
hängte die Aristokraten an die Laterne. Und jetzt diese
fleissige Ehrfurcht vor einer deutschen Fürstenfamilie, der
man sogar attestierte, dass sie sich im Kampf gegen Louis XIV und
Louis XV erfolgreich behauptet hatte!
Nun, im sogenannten Reichsdeputationshauptschluss von 1803 war
klar geworden, dass es mit den mehr als 300 weltlichen und
geistlichen Herrschaften im Deutschen Reich zu Ende war, dass
kleinere und vor allem geistliche Herrschaften unter die
grösseren Fürsten verteilt und säkularisiert
würden, dass der neue Herr Europas, der sich 1804 selber die
Kaiserkrone aufgesetzt hatte, es nur noch mit gekrönten
Häuptern von berechenbarem (aber Frankreich unterlegenem)
Gewicht zu tun haben wollte, und dass er sich diese im Rheinbund
von 1805 gefügig zu machen gedachte. Da war der badische
Markgraf als nächster Nachbar Frankreichs am Oberrhein die
interessanteste Figur. Schon im Frieden von Lunéville hatte
Napoleon dafür gesorgt, dass der Markgraf sein Territorium von
Heidelberg und Mannheim bis nach Konstanz erweitern konnte und die
früher die Markgrafschaft durchschneidenden
vorderösterreichischen Besitzungen ihm zugeschlagen wurden,
zudem erhielt er die Würde eines Kurfürsten.
Nun aber passierte etwas völlig Überraschendes.
Während der Herzog von Bayern und derjenige von
Württemberg zu Königen avancierten, reichte es dem
Markgrafen nur zum Titel eines Grossherzogs, freilich „von
königlicher Würde“. Das war umso
überraschender, als der badische Kronprinz zugleich mit der
von Napoleon adoptierten Stéphanie de Beauharnais, einer
Nichte der Kaisern Joséphine, verheiratet wurde, Napoleon
damit Schwiegervater von Karl Ludwig Friedrich geworden war.
Lag das – man hat es lange vermutet – an der
Bescheidenheit des greisen Karl Friedrich, der nicht
titelsüchtig war? War es eine absichtliche Zurücksetzung
durch die französische Diplomatie, war es eine Intrige der
Bayern oder Württemberger? Alles falsch. Der Schlüssel
liegt beim bevollmächtigten badischen Minister Sigismund von
Reitzenstein, der Stéphanie, die Gattin des badischen
Kronprinzen, dazu bewog, den möglichen Titel einer
Königin so lange zurückzuweisen, bis Napoleon ihr neben
einem vergrösserten Baden auch die Schweiz als
Herrschaftsbereich und Teil eines Baden und die Schweiz umfassenden
Königreichs Helvetien anbieten würde. Napoleon schwankte,
sein Schwiegersohn begann ihm schon zu missfallen, und
Aussenminister Talleyrand sagte: „Toute la Suisse –
non, c’est trop“. 1806 nahm dann Napoleon auch formell
den Titel eines „Médiateurs de la Suisse“ an,
damit waren die Befürchtungen in der Schweiz, mit Baden in
eine Königreich Helvetien vereinigt zu werden, vom Tisch.
Von heute aus gesehen erscheint das
süddeutsch-schweizerische Projekt eines badischen
Königreichs Helvetien absurd. Historisch betrachtet waren die
Herrschaftsformen der Eidgenossen links vom Hochrhein zwar auch
absolutistisch, aber es waren fast ausnahmslos Republiken, die sie
ausübten. Wohingegen rechts vom Hochrhein fürstliche
Häupter das Sagen hatten, weltliche und geistliche bunt
gemischt. Das politische Grundgefühl divergierte stark. Doch
vergessen wir nicht: Die napoleonischen Staatsformen, so die
Königreiche Bayern und Württemberg, dazu das
Grossherzogtum Baden, waren zwar in manchen Beziehungen
künstliche Schöpfungen, dauerten aber mehr als 100 Jahre
bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es ist nicht auszumachen, ob
ein badisch-schweizerisches Königreich Helvetien nicht auch
hätte dauern können.
Die Druckkosten für sein prächtiges Buch hat Monsieur
Viton vermutlich ersetzt bekommen. Die Schweizerinnen und Schweizer
von heute aber dürfen sich dankbar an Herrn Talleyrand
erinnern, der eine gemeinsame Monarchie für übertrieben
hielt.
Die Grenzstadt Basel ist durch ihre politische Lage für
dubiose Elemente einladend, die sich für Schmuggel,
Autodiebstähle, Drogen, Geldwäscherei, Einbrüche
etc. interessieren – wenn es heiss wird, kann man rasch
über die normale oder grüne Grenze verduften. (Wenn
demnächst die EU fremdenpolizeilich zu einem einheitlichen
Raum werden sollte, kommen auf unsere Polizei ein paar neue
Probleme zu.) Wie war das denn früher?
Gehen wir einmal ins Jahr 1819 zurück und lesen die
„Geschichte der Verbrecher X. Hermann, F. Deisler, J.
Föller und Jos. Studer, durch das Kriminalgericht zu Basel den
14. Juli 1819 theils zum Tode, theils zur Kettenstrafe
verurtheilt“. (Marco Niemz hat mich freundschaftlich auf
diese Publikation aufmerksam gemacht.) Die Schweighausersche
Buchhandlung in Basel hat sie, nach den Prozessakten bearbeitet,
„zur Warnung“ herausgegeben. Es ist ein Büchlein
von gegen 120 Seiten – Verbrechen in aller Breite und bis in
die Tiefen der Lebensläufe hinein zu schildern, ist keine
Erfindung der Neuzeit. Sogar die Portraits der Missetäter sind
reproduziert, eigentliche Fahndungsbilder, denen auch zu entnehmen
ist, dass die verurteilten Männer an den Hand- und
Fussgelenken durch eiserne Manschetten, die mit Ketten
untereinander verbunden waren, gefesselt wurden. Das Basel der
beginnenden Biedermeierzeit, das sich altväterlich behutsam
geben wollte, freilich auch eine stramme Zensur eingeführt
hatte, kannte in criminalibus keinen Spass. Das liberale
Strafrecht, das Peter Ochs bereits 1812 entworfen hatte, war
unbeachtet in der Schublade des Bürgermeisters Bernhard
Sarasin verschwunden.
Die vier Missetäter, von denen drei unter riessiger
Anteilnahme des Publikums vom 4. August 1819 öffentlich
enthauptet wurden, nannten sich Xavery Hermann, Ferdinand Deisler,
Jacob Föller (auch Feller geschrieben) und Joseph Studer,
Zudem waren zwei Frauen in das Verfahren verwickelt, nämlich
Rosina Leber und Maria Waidele. Sowohl der Autor wie der Verfasser
der Bildlegenden machen sofort klar, was es mit dem Prozess
Spezielles auf sich hatte (und weshalb auch ich von dieser
Geschichte berichte): Die Missetäter waren Elsässer,
nämlich Hermann, Föller und Studer, währenddem
Deisler aus dem badischen Inzlingen kam; die Frau Leber, geborene
Hermann, stammte aus Colmar, Frau Waidele, geborene Fernbach, war
eine Schwarzwälderin. Angehalten, also verhaftet, wurden sie
zum Teil in Basel oder an der Grenze. Die Entrüstung
darüber, dass die Delinquenten Ausländer waren, ist im
Bericht noch heute spürbar.
Auffällig ist das Datum des Urteilsspruchs, nämlich
der 14. Juli. Das kann schwerlich ein Zufall sein, denn dass am 14.
Juli im Revolutionsjahr 1789 die Bastille gestürmt worden war,
blieb unvergessen. Was aber hatten solche Gauner 30 Jahre
später mit der Französischen Revolution zu tun?
Der erste Koalitionskrieg Frankreichs mit den deutschen
Fürsten von 1792 brachte für das Deutsche Reich Verluste
an linksrheinischem Gebiet, nach 1803 begann dann die
Zusammenlegung und Neuorganisation zahlreicher deutscher
Fürstentümer, die Napoleon weiterführte. Dadurch
entstanden Rechtsunsicherheiten und fast so etwas wie
polizeilich-juristische Freiräume, die die damaligen
Ordnungskräfte überforderten. Nach 1792, also nach dem
Kriegsbeginn, etablierten sich am Rhein auffällig viele
Gauner- und Diebesbanden, zu denen natürlich auch durch die
Revolution entwurzelte Leute stiessen. Für die wachsende
Kriminalität konnten somit in den Köpfen vereinfacht
denkender Bürger die Franzosen verantwortlich gemacht werden.
Es war symbolisch gemeint, wenn man solche Kriminelle an einem 14.
Juli zum Tod verurteilte. Die berühmteste Figur aus dem
Verbrechermilieu, der sogenannte Schinderhannes, der 1803 mit 19
Genossen guillotiniert worden war, repräsentierte in diesem
Sinn eben auch das anarchische revolutionäre Element.
Schillers „Räuber“, die den Skandal gesetzloser
Banden auf die Bühne brachten, wiederspiegeln vorwegnehmend
die hohe Kriminalitätsrate der Jahre 1798 bis 1815, die so
kleine Gemeinwesen wie die Republik Basel noch lange danach
erregten.
Zu dem Misstrauen Ausländern gegenüber kommt noch eine
zweite Diskriminierung. Das in Basel gedruckte Büchlein
vermerkt vor jeder Biografie der einzelnen Gauner, welcher Religion
sie waren. „Xaver Hermann von Kolmar“ steht da, und in
Klammern wird hinzugefügt „Katholik“. Geradezu
pedantisch sammelt der Verfasser alle negativen Vorzeichen:
Colmarer ist er, katholisch ist er, vom Bläsitor in Basel
zieht er nach Allschwil, das eine Zeitlang auch französisch
war, dann übersiedelt er auf französisches Gebiet bei
Benken, konstruiert sich selber eigentliche Diebeswerkzeuge, bis er
am 11. März 1818 „im Solothurnischen Dorfe Flüe,
bei dem dortigen Bäcker und Wirth, während er mit dem
Maire von Leimen eine Bouteille Wein trankt“, verhaftet
werden konnte. Schliesslich wurde man der ganzen Bande der vier
Spitzbuben habhaft. Hermann und Föller gestanden zuerst,
Deisler und Studer leugneten noch. Der Bericht fährt fort:
„Man sah sich daher genöthigt, schärfere Massregeln
eintreten zu lassen, welche mit den oft ganz kurzen, zuweilen nur
in einer einzigen Frage bestehenden Verhören bei Beiden die
beste Wirkung hervorbrachten“ – ganz offensichtlich
wurde im Basel von 1818 noch gefoltert. Doch waren die drei
Todesurteile von 1819 die letzten, die in Basel gefällt
wurden.
Die Publikation zählt fast genussvoll die einzelnen
Einbrüche und Vergehen des diebischen Quartetts auf. Am 19.
Mai 1817 zum Beispiel erbrachen sie den Opferstock im Münster,
zu dem sie sich mit Nachschlüsseln Eintritt verschafft hatten.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1814 wollten sie ein
Warenlager an der Stadtmauer ausrauben, wurden aber durch einen
Herrn Frossard aus Lausanne gehindert. In der Nacht vom 8. zum 9.
Juni 1817 stahlen sie bei Fräulein Dienast am Fischmarkt
silberne Bestecke etc.
Man muss sich bei all diesen Schilderungen immer wieder vor
Augen halten, dass Basel zu jener Zeit eine Stadt in der
Grössenordnung von weniger als 20'000 Einwohnern war, und dass
die Organisation der Polizei noch sehr im argen lag – ganz
abgesehen vom Fehlen der heutigen Kommunikationsmittel wie Telefon,
Kopierer und Fax. Aber schon damals stellten sich
Datenschutzprobleme. „Die Stellung von Bürgern, die
Auslieferung der Pässe, die Aufzeichnung der Namen und
äusseren Kennzeichen in das Polizeiregister ist
verdachterregenden Eingewanderten eine alllzulästige und
gefahrdrohende Sache.“ Dagegen steht die erschreckend hohe
Kriminalitätsrate: „Im Jahr 1818, belaufen sich die
eingefangenen und zum Theil ausgelieferten Verbrecher jeder Art auf
108; angehaltenes Gesindel in der Stadt auf 2101; Im Kantone auf
593; zusammen daher auf 2816 Köpfe.“
Der Ruf, dass die Grenzstadt Basel für kriminelle Vorhaben
ein besonders attraktiver Ort sei, stammt nicht von heute, sondern
hat sogar als Spitzbuben-Dreieck seine eigene Geschichte.
Warum industrialisierte sich eine Stadt wie Mülhausen schon
im 18. Jahrhundert und eine durchaus vergleichbare Stadt, wie
Schlettstadt bis in unser Jahrhundert, praktisch nicht? Das sind
die naiven Fragen, auf die die Geschichtswissenschaft nicht immer
sofort eine Antwort bereithält. Beide waren ja
Reichsstädte, und im späten 15. und frühen 16.
Jahrhundert waren wahrscheinlich technisch-gewerbliche Kenntnisse
in Schlettstadt – man denke an den Buchdruck –
verbreiteter als in Mülhausen. Im Augenblick, da man die
schweizerische Geschichte zu Hilfe ruft, findet man vielleicht eine
Antwort.
Mit 1515, dem Jahr der Schlacht von Marignano, war
Mülhausen zugewandter Ort der Eidgenossenschaft geworden,
zusammen mit seinem eher kleinen Stadtbann, einem Dörflein da,
ein paar Äckern dort und Teilen des Hardwaldes dazu.
Staatspolitisch war Mülhausen für die Eidgenossen eine
Exklave, schon der Weg nach Basel führte über fremdes
Territorium, und da liessen sich dann immer wieder habsburgische,
murbachisch-fürstäbtliche und später
französische Zollposten nieder, um die Ein- und Ausfuhr nach
Mülhausen zu besteuern. Man konnte Mülhausen die Korn-
und Weinzufuhr unterbinden, man konnte zuziehenden Eidgenossen den
Transit erschweren – die Geschichte des eidgenössischen
Mülhausens ist voll von solchen Schikanen. Also war es auch
logisch, dass die Stadt sich früh um die Produktion von
Gütern ausserhalb des landwirtschaftlichen Bereiches
kümmerte, von Waren, die auf dem grösseren Markt gesucht
waren und gegebenenfalls auch eine Zollbelastung ertrugen. (Da
könnte Mülhausen fast ein Modell für die Schweiz von
heute sein, die sich an den Grenzen zum europäischen Markt
schwertut.)
Gewerbliche Organisation und industrielles Schaffen brauchen
letzten Endes immer einzelne Menschen, die die gegebenen
Voraussetzungen auch zu nutzen wissen. Und manchmal sind das ganze
Familien. Da taucht aus dem Nebel der Geschichte ein Zürcher
Küfer auf, der am 12. Dezember 1604 Bürger von
Mülhausen wird, ein offenbar schon wirtschaftlich denkender
Mann, dass er aus Hottingen mit etwas sauren Trauben ins Elsass mit
den süsseren Trauben umzieht, und im Wappen führt er eine
Traube samt Rebmesser. Sein Name: Hartmann Koechlin. Seine
Nachkommenschaft ist riesig, fast nicht mehr zu zählen, auch
wenn sie einen Augenblick, als ein Nachkomme namens Samuel, Sohn
des Hirschenwirtes in Mülhausen, im Alter von wenigen Monaten
seine beiden Eltern an Typhus verlor und als Weise aufwuchs, zu
verlöschen schien. Von ihm, der dann zahlreiche Kinder und
Kindeskinder hatte, stammen sozusagen als zweitem Stammvater die
Koechlins in Mülhausen, Basel, Lörrach und der
übrigen Welt ab.
Für das Dreiland am Oberrhein ist die Familie Koechlin
exemplarisch durch ihre Aktivitäten in allen drei nationalen
Teilbereichen, in Mülhausen, in Basel und in Lörrach. Die
Einbürgerungspolitik Basels vor der Französisches
Revolution war beängstigend restriktiv und insofern sogar
erfolgreich, als die Bürgerschaft abzunehmen begann. Eine der
wenigen Neuaufnahmen ins Bürgerrecht betraf 1782 Hartmann
Koechlin (1755-1813) von Mülhausen; er fand Gnade vor den
Augen der gnädigen Herren, weil er der Schwiegersohn des
Stadtschreibers Isaak Iselin (1728-1782) war, des damals
berühmtesten Baslers. Seither gibt es Koechlins in
Mülhausen und in Basel, ihr Spielfeld, wenn man es so sagen
darf, war die Wirtschaft dieses Oberrheins, wo man Grenzen nur
kennt, um sie zu überwinden.
Eine der auffälligsten Figuren ist Nicolas Koechlin
(1781-1852) von der Mülhauser Linie. Ihm verdankt Basel den
Anschluss an die Eisenbahn von Elsass-Lothringen. Es war ein wenig
wie heute mit den Autobahnen: die Deutschen und Franzosen
führen sie bis an die Grenze, und dann sollen die Basler
schauen, wie sie sie abnehmen. Knapp 20jährig gründete
Nicolas Koechlin eine Stoffdruckerei, die schon 1806 in Masevaux
eine Tochtergesellschaft etablierte; 1809 kaufte er in
Lörrach, zusammen mit einem Basler Teilhaber Merian, ein
älteres Unternehmen auf, das Koechlin 1819 allein
übernahm. Als ein moderner Mann seiner Zeit war Koechlin
napoleonisch gesinnt, Oberst der Nationalgarde, stellte aus seinem
persönlichen Vermögen 200'000 Franken für die
Verpflegung der belagerten Festung Hüningen zur
Verfügung, brachte aber zugleich seine Familie zur Sicherheit
in die Schweiz und meldete sich persönlich bei Napoleon. Der
Kaiser war gerührt über soviel Loyalität. Dessen
Verbannung nach St. Helena brachte Koechlin nach Mülhausen
zurück, wo er 1820 noch eine Spinnerei gründete,
später Webereien und Bleichereien, die er auch in Lörrach
und Masevaux ausbaute. Seine Belegschaft zählte auf dem
Höhepunkt seines Wirkens nicht weniger als 5000 Arbeiter,
Angestellte und Reisende; Agenten Koechlins sassen in Moskau, New
York, Mexiko, Rio, London, Alexandrien, Indien, Peru. Mit Jean
Dollfus aus Mülhausen und Christoph Merian aus Basel zusammen
baute er das „Nouveau Quartier“ in Mülhausen, wo
heute noch die Société Industrielle de Mulhouse in
einem von ihm geschenkten Gebäude residiert. Dort empfing er
dann 1828 Karl X., den nachrevolutionären König von
Frankreich, und wurde – zum zweiten Mal nach Napoleon –
chevalier der Ehrenlegion.
Der Industrielle, Offizier, Bankier – er besass auch ein
eigenes Bankinstitut –, der Politiker – er war
Député von 1830 bis 1841 –, der
gesellschaftlich souveräne und schöne Mann wusste auch,
wie man den nicht ganz so weltmännischen Baslern die Eisenbahn
zu verkaufen hatte. Er lud die Spitzen der Basler Gesellschaften
zur Einweihung des Bahnhofes nach St. Louis ein und arrangierte das
Festbankett im Basler Casino. Da kam dann der ganze Basler Tross
von St. Louis in den Kutschen nach Basel zurück, voran die
flotten Husaren in der Galauniform – wer wollte da noch etwas
gegen einen Anschluss Basels an die elsässische Eisenbahn
haben?) Eiligst brachen die Basler in die alte Stadtmauer ein
riesiges Tor, durch das die Dampflok einfahren konnte. Das erste
Bahngeleise auf helvetischem Boden war eben nicht die sogenannten
Spanischbrötlibahn von Zürich nach Baden, sondern die
Linie Basel-St. Louis, die zugleich den Anschluss an die
internationale Linie bis Strassburg brachte.
Die Traube im Wappen Koechlin hat viele Beeren. Ein Nachkomme in
Amsterdam namens Henry Koechlin versucht, über die sich noch
immer ausbreitende Deszendenz den Überblick zu wahren und muss
laufend Nachträge zur Genealogie publizieren. Die Basler, die
noch wissen, dass die Firma Novartis aus dem Zusammenschluss der
Ciba-Geigy mit der Sandoz entstand, dürfen sich daran
erinnern, dass die älteste Chemiefirma Basels und darum auch
etwas alväterische Geigy unter Carl und Hartmann Koechlin nach
dem Zweiten Weltkrieg einen so imposanten Aufschwung nahm, dass sie
schliesslich als ebenbürtiger Partner mit der Ciba fusioniert
werden konnte, aus der dann, zusammen mit Sandoz, die Novartis
hervorging. Dass deren Betriebsstätten jetzt neben Basel auch
in Hüningen und Grenzach stehen, ist nichts anderes als die
Fortführung einer Tradition, die im Hause Koechlin schon bald
200 Jahre Gültigkeit hat.
Personen- und Ereignisgeschichte hat den unnachahmlichen
Vorteil, dass sie sich leicht erzählten lässt.
Mentalitäten, ökonomische Verschiebungen und
Stimmungslagen sind historisch schwerer verständlich zu
machen, weil sie schwieriger fassbar sind. Es sei denn, man
könne auf Institutionen oder Erscheinungen zurückgreifen,
die indirekt solche Situationen, die für „das gemeine
Volk“ (der Ausdruck war vor 200 Jahren nicht despektierlich
gemeint) charakteristisch waren, zum Ausdruck bringen.
Dazu gehören die Auswanderungen aus der Schweiz und dem
ganzen Oberrhein. Es gab sie schon immer, die schweizerischen
Söldner waren auf ihre Weise auch Auswanderer, Auswanderer
waren die schweizerischen Bauern, die nach dem
Dreissigjährigen Krieg in das unterbevölkerte Elsass und
die oberrheinischen Lande zogen.
Der Drang zur Auswanderung wurde durch politische Ereignisse
erheblich verstärkt. Die faktische Unterwerfung der Schweiz
nach 1798 unter das französische Regiment und das Napoleon
zugestandene Recht, 18'000 Soldaten in der Schweiz auszuheben,
brachten so etwas wie einen Auswanderungsschub. Der normale Weg
führte diese schweizerischen Familien über Basel, es gab
noch keine Eisenbahnen; die teuren Postkutschen-Verbindungen konnte
sich ein Auswanderer in der Regel nicht leisten. Also war man auf
den Wasserweg nach Amsterdam angewiesen.
Das Jahr 1816 war ein richtiges Hungerjahr, die klimatischen
Bedingungen waren miserabel; aus Zeitzeugnissen wissen wir, dass
die Kinder wie Vieh in die Wiese getrieben wurden, um Gras zu
essen. Damals entschlossen sich völlig verzweifelte
Familienväter, das Abenteuer einer Auswanderung nach Amerika
zu wagen. Des einen Elend aber war schon immer des andern
Geschäft: In Basel etablierten sich eigentliche Agenturen, die
den auswanderungswilligen Schweizern und Badenern das Blaue vom
Himmel versprachen.
Die Reise ging von der Basler Schifflände über
Breisach und die Pfalz bis nach Holland, wo die Auswanderer auf die
Schiffe zu warten hatten, die sie in die Neue Welt zu
transportieren versprachen. Für viele Frauen, Männer und
Familien war schon das eine Reise ins Unbekannte: Man wusste nicht,
wie verlässlich die Vertragspartner waren, dem Rhein entlang
wurde zwar noch deutsch gesprochen, aber mit den holländischen
Kapitänen war die sprachliche Verständigung
plötzlich schwieriger. Der schweizerische Handels-Consul von
Planta in Amsterdam hatte alle Hände voll zu tun, er musste
schweizerischen Auswanderern, die sich in der Grossstadt Amsterdam
nicht mehr zu helfen wussten, jede Art von Unterstützung
gewähren.
Die Überfahrt ging damals vorwiegend nach Philadelphia. Die
Passage für eine erwachsene Person kostete 170 Gulden, Kinder
unter vier Jahren waren frei, Kinder zwischen vier und 14 Jahren
zahlten 85 Gulden. Wer nicht über das nötige Bargeld
verfügte, musste sich als Erwachsener für 190 Gulden
verpflichten, und das bedeutete, dass er in Amerika eine
entsprechend salarierte Stelle bedingungslos anzutreten hatte.
Aber beginnen wir beim Ausgangspunkt der Reise, an der Basler
Schifflände. Die Schiffe, mit denen man die Reise auf dem
Rhein unternahm, waren speziell für Auswanderer konstruiert.
Das hiess, dass man möglichst viele Personen auf einem solchen
Schiff, eine Art von grossem Weidling, unterbringen wollte. Ein
Schiffsmeister Jakob Hindenlang entwarf im Frühjahr 1816 sogar
ein Schiff mit zwei Etagen, das eine Länge von gegen 20 Meter
und eine Breite von um die 3,40 Meter hatte. Aber der Rat traute
dieser Schiffskonstruktion nicht und verlangte, dass das obere
Verdeck wieder entfernt werden müsse. Erste Destination war
Amsterdam.
In Amsterdam waren die Auswanderer noch lange nicht am Ziel
ihrer Wünsche. Die versprochenen Schiffe lagen häufig
noch nicht im Hafen, andere waren für die Ausfahrt auf keine
Weise vorbereitet. Der Hungerwinter 1816/17 verlangte auch in
Amsterdam seinen Tribut, die Auswanderer kampierten in
äusserster Not in Kasernen, wo sich niemand um ihr Schicksal
kümmerte. Die niederländische Regierung erliess 1817 eine
Verfügung, „dass keine Auswanderer, welche die Absicht
haben, sich in die Meerhäfen der Niederlande zu begeben, um
sich da selbst für die Vereinigten Staaten einzuschiffen, das
Königreich betreten dürfen, insofern nicht bekannt in
Holland wohnende Personen für die Kösten, welche ihr
Aufenthalt daselbst bis zur Einschiffung verursachen wird,
Bürgschaft leisten werden“. Das wirkte bis nach Basel
zurück, wo die Regierung Auswanderer nur noch zulassen wollte,
wenn sie den Nachweis über die notwendigen finanziellen Mittel
erbringen konnten.
Dann erst begann die Reise über das grosse Wasser. Aus dem
Basler Jahrbuch von 1941 kennen wir einen ausführlichen
Bericht von einer Atlantiküberquerung, die Eduard Wirz wieder
ausgegraben hat. Tag für Tag können wir die Ereignisse
nachlasen und sehen, dass die Überfahrt insgesamt 102 Tage
dauerte. Die Lebensverhältnisse waren schlimm, an Komfort
fehlte es an allen Ecken und Enden.
In einem Auswandererlied der damaligen Zeit lautet ein Vers wie
folgt:
Ist gleich unsere Reise beschwerlich
bis in Nordamerika,
so ist dessen End doch herrlich,
bald sind wir demselben nah.
Der Tagebuchschreiber, dessen Bericht diese Daten entnommen
sind, gehörte freilich zu einer begüterten Klasse.
Ärmere Auswanderer standen vor der Notwendigkeit, ihre
Überfahrt mangels Geld mit einem festen
Anstellungsverhältnis bei Amerikanern zu bezahlen, bei dem
natürlich der Kapitän das Geld samt Provision einstrich.
Einem andern Bericht ist zu entnehmen, dass ein Mädchen sich
auf nicht weniger als sechs Jahre verpflichten musste. Eduard Wirz
zitiert ein entsprechendes Dokument: „Diejenigen, so ihre
Überfahrt bezahlt hatten, begaben sich fort, die
Unglücklichen aber, welche die Überfahrt und den
Unterhalt abverdienen mussten, damit der Schiffskapitän oder
Unternehmer sich dadurch bezahlt machen konnte, mussten den Verkauf
ihrer Person abwarten. Aus Mitleiden besuchte ich mit einem Freund
diese Unglücklichen; es war ihnen schon eine Wohltat, da sie
ihre Sprache reden hörten. Mancher von ihnen hätte sich
gern an uns verkaufen lassen.“
Es war eine mildere Version eines eigentlichen Sklavenhandels.
So war in einer Anzeige zu lesen: „Zu verkaufen eine
tüchtige Dienstmagd, die noch drei und ein halbes Jahre zu
dienen hat. Sie ist eine gute Spinnerin.“ Aber es gab auch
Auswanderer, die nach Ablauf ihrer Dienstzeit völlig frei
wurden. Ihre Nachkommen sind zum Teil die heutigen Bürgerinnen
und Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, andere starben
vergessen und verschollen im Wilden Westen.
Flüchtlingshatz, informelle Mitarbeiter, Asylantendrangsal
scheinen der Gegenwart abgelauschte Wörter zu sein. Aber sie
waren schon früher im Schwang und oft von einer
gefährlichen politischen Brisanz.
Wir sind in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Schweiz,
vom Wiener Kongress 1815 anerkannt und in ihren Grenzen garantiert,
war noch immer ein Staatenbund. Fremdenpolitik war im wesentlichen
Kantonssache. Grenzkantone wie Basel, Genf, Tessin hatten damit
naturgemäss mehr Schwierigkeiten als die Kantone im Innern der
Schweiz. Noch gab es keine Eisenbahnen, Flüchtlinge kamen zu
Fuss, per Schiff oder auf Pferdefuhrwerken ins Land. Es gab aber
einen Kanton, für den politisches Asyl suchende
Flüchtlinge ganz besonders heikle Probleme stellten, weil er
auch ein Grenzkanton war, aber zugleich der jüngste unter
allen Mitgliedern des eidgenössischen Bundes. Der Halbkanton
Basel-Landschaft.
1830 war n Paris die Julirevolution ausgebrochen. Die liberalen
Ideen bekamen einen revolutionären Schub. In der
Verwirklichung liberaler Grundsätze war Basel behutsam und
umständlich, den Landschäftlern riss nicht zuletzt unter
dem Eindruck der Julirevolution der Geduldsfaden.
Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen folgten, die
Tagsatzung, zum Teil auch unter dem Eindruck des französischen
Geschehens, fasste den Trennungsbeschluss. Nun mussten
plötzlich die Aufständischen von gestern die Regierung
von heute bilden. Wenn da ein ausländischer Flüchtling,
der wegen seiner republikanischen Gesinnung von einem konservativen
Regiment drangsaliert worden war, an die Tür pochte, wurde sie
ihm aufgetan. Ordentliche Aufnahmeverfahren und gar systematische
Kontrolle der Asylsuchenden waren allerdings kaum möglich,
denn der neue Kanton musste sich verwaltungstechnisch erst einmal
organisieren und eine funktionierende Polizei von Langenbruck bis
zum Birsfeld einrichten. Dieses Birsfeld, das heutige Birsfelden,
war bis nach Muttenz und Pratteln hinein überhaupt ein
sensibler Punkt, weil da Flüchtlinge aus Deutschland jederzeit
unbemerkt über den Rhein setzen konnten.
In Europa war es ungemütlich. In Deutschland führte
Fürst von Metternich aufgrund der Karlsbader Beschlüsse
von 1819 ein ganz und gar nicht liberales Regiment mit
Polizeischikanen, Interventionen und unerbittlicher Zensur. Die
Studenten revoltierten, am 27. Mai 1832 fand auf dem Hambacher
Schloss ein von 20'000 Leuten (darunter vielen Frauen) besuchter
Burschentag statt, der sechs Wochen später den Bundestag der
Fürsten in Frankfurt zu neuen Verboten für politische
Vereine und Volksversammlungen führte. Auch das Hissen der
Flagge schwarz-rot-gold für ein freies und einiges Deutschland
wurde unter Strafe gestellt. (Was nicht ganz zwei Jahre später
deutsche Handwerksgesellen im Steinhölzli bei Bern nicht
hinderte, diese Flagge zu schwingen und dafür die
Papierfähnchen der Staaten des deutschen Bundes zu
verbrennen.) Aufstände wurden aus Belgien, Polen, Italien und
von der Pyrenäenhalbinsel gemeldet, die unterdrückten
Republikaner wurden zu Flüchtlingen. Sie drängten in
liberale Staaten, also nach Frankreich und in die Schweiz.
Ein Aufsatz von Ernst Würgler-Preiswerk in den Baselbieter
Heimatblättern von 1951 schildert die damalige Lage. Den
konservativen ausländischen Mächten war jedes Mittel
recht, in die schweizerische Politik einzugreifen. Ein deutscher
Flüchtling, Baron von Eyb, war besonders aktiv, versuchte
überall Verschwörungen anzuzetteln. Schliesslich
schnappte ihn die Zürcher Polizei. Beim Verhör ergab es
sich, dass der Herr von Eyb ein falscher Baron war und eigentlich
Zacharias Aldinger hiess. Der österreichische Gesandte bei den
Eidgenossen, Graf vom Bombelles, hatte ihn als agent provocateur
oder informellen Mitarbeiter selber eingeschleust. Der
französische Gesandte in der Schweiz, der Herzog von
Montebello, trieb das gleiche Spiel, sein Agent hiess Auguste
Conseil, den diesmal die Berner entlarvten.
Die erst vor kurzem getrennten Basel-Stadt und Basel-Landschaft
waren in einer entgegengesetzten Position. Den Städtern sass
noch der Neutralitätsbruch von 1813 in den Knochen, wo sich
die alliierten Armeen samt Kosaken in der Stadt breitgemacht
hatten. Die Landschaft schwelgte im Triumph revolutionärer
Gefühle. Ein Deutscher namens Julius Alhard Gelpke hatte schon
am Göttinger Aufstand teilgenommen, war am 3. April 1833 am
republikanischen Überfall auf die Frankfurter Hauptwache, der
kläglich scheiterte, beteiligt gewesen. So floh er in die
Schweiz, wo er der Zürcher Polizei gar nicht in den Kram
passte. Was tun? Er ging nach Liestal, erhielt gegen eine
Gebühr von tausend Franken am gleichen Tag das
Gemeindebürgerrecht von Tecknau und später das
Baselbieter Bürgerrecht. (Seinem Enkel verdanken die Basler
die moderne Rheinschifffahrt.)
Aus der Selbstbiografie Gelpkes erfahren wir auch, wie deutsche
und polnische Flüchtlinge in der Schweiz an
revolutionären Projekten für die Nachbarstaaten
bastelten. Einer Aufforderung von Giuseppe Mazzini folgend wollten
sie im piemontesischen Savoyen mit Waffengewalt einen Umsturz
anzetteln. Die Genfer Miliz wusste es zu verhindern, die gefangenen
Rabauken wurden wieder ins Innere der Schweiz zurückgeschickt,
wo die Bevölkerung auf polnische Freischärler bereits mit
Unmut zu reagieren begann. Eine Flüchtlingshatz zeichnete sich
ab, Asylanten waren nicht mehr willkommen; dem Fürsten
Metternich kam das zupass.
Die Liste der Namen von vorwiegend deutschen, aber auch
polnischen Flüchtlingen, die in den neugeborenen Kanton
Basel-Landschaft strömten und ihre revolutionären Ideen
weiter verbreiteten, ist imposant. Sie dienten dem jungen
Staatswesen als Lehrer und Pfarrer (viele Basler Pfarrherren hatte
man in die Stadt zurückgeschickt), Ärzte und Advokaten,
Rechtskonsulenten – und Schriftsteller. Ein Wilhelm Sauerwein
reimte republikanische Gedichte, die die neue Zeitung „Der
Unerschrockene Rauracher“ der Staatsdruckerei Banga fleissig
abdruckte. Das Regierungsgebäude von Liestal glich zeitweise
einem Verschwörerlokal. Metternich sprach von einem Pestherd
Schweiz. Es hagelte diplomatische Noten. Wo der ausländische
Wunsch nach Ausweisungen zu heftig wurde, griffen die
Landschäftler immer wieder zum Instrument der raschen
Einbürgerung. Dann konnte der die auswärtigen
Geschäfte führende eidgenössische Vorort darauf
hinweisen, dass schweizerische Kantonsbürger nicht ausgewiesen
werden durften.
Die Vorstellung, dass die Schweiz sich seit dem Verschwinden
Napoleons geruhsam in einem internen Prozess bis zur Gegenwart
entwickelt hätte, ist falsch. Gerade in der Basler Ecke
entdeckt man beim näheren Zusehen, wie das deutsche und
französische, ja sogar italienische und polnische Geschehen
tief in das kleinstädtische und dörfliche Leben
hineinwirkte.
Bei Goethe erlebt der alt gewordene Doktor Faust den Abschluss
der von ihm veranlassten Deicharbeiten und Meliorationsvorhaben
nicht mehr. Er ist zu alt, er kann nur noch ermunternd
ausrufen:
Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!
Lasst glücklich schauen, was ich kühn ersann.
Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten,
Das Abgesteckte muss sogleich geraten ...
Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,
Wie sich verlängt der unternommen Graben.
Und was tun die Arbeiter? Sie gewinnen dort Land, wo Wasser das
Land bedroht, unwirtlich macht oder gemacht hat. Es ist das alte
Bild eines auf Kultur und geordnete Wirtschaft bedachten Menschen
im Kampf gegen die unheimliche und zerstörerische Natur.
Friede stellt sich dann ein, wenn Natur und Menschenwerk im
Gleichgewicht gegeneinander abgegrenzt ruhen – sagen wir es
noch einmal in einem dichterischen Bild, diesmal von Joseph Viktor
von Scheffel, dem Verfasser des „Trompeters von
Säckingen“:
Schaum und Brandung, feste Städte,
Burg und Fels und stilles Kloster,
Und die Rebe reift am Hügel,
Und der Wächter grüsst vom Turme,
Und die Wimpel flattern lustig ...
Nun war der Rhein unterhalb von Basel seit Urzeiten nicht so,
wie er heute ist, schon gar nicht mit seinem Kanal links vom alten
Flusslauf. Sondern er war eben das immer wieder verschobene
Geflecht von Armen und Strängen, durchsetzt mit Inseln,
Auenwäldern und angeschwemmtem Geschiebe. Dieser wilde Rhein
war ein Tummelplatz für Fischer, Weidlingfahrer, Schmuggler
und Naturfreunde, aber ein Ärgernis für
Transportschiffer, Ingenieure und Militärs. Was war das
für eine lausige Grenze zwischen Nationalstaaten! Aber auch
der zivile Besucher hatte gelegentlich zu klagen. Einer der
berühmtesten hielt in seinem Lebensbericht fest: „Die
Rheininseln waren denn auch öfters ein Ziel unserer
Wasserfahrten. Dort brachten wir ohne Barmherzigkeit die
kühlen Bewohner des klaren Rheins in den Kessel, auf den Rost,
in das siedende Fett, und hätten uns hier in den traulichen
Fischerhütten vielleicht mehr als billig angesiedelt,
hätten uns nicht die entsetzlichen Rheinschnaken nach einigen
Stunden wieder weggetrieben.“ Der oberrheinische Hans im
Schnakenloch hiess in diesem Fall Johann Wolfgang und mit Nachnahme
Goethe.
In den napoleonischen Kriegen waren Rheinbrücken und
Rheintransporte strategische Faktoren. Nach den napoleonischen
Kriegen lagen Frankreichs Staatsgrenze und – was noch
wichtiger war – Frankreichs Zollgrenze am Oberrhein. Die
erste Anwendung der Dampfmaschine geschah auf Schiffen. Die alte
Schifffahrt hatte schon den Oberrhein benutzt, aber sie war
beschwerlich gewesen – wer einen Weidling flussaufwärts
stachelt, weiss warum. Es gab Basler, die fuhren mit ihren Waren
bis zur Rheinmündung und verkauften dort ihre Fahrzeuge als
Brennholz. Treideln heisst das gute alte Wort, was ein Schiff vom
Ufer aus mit einem Seil flussaufwärts schleppen heisst. Im
Juli 1832 landete erstmals ein Dampfschiff, die „Stadt
Frankfurt“, in Basel; Wilhelm Geigy aber hatte entsetzt
zusehen müssen, wie es vor Breisach auflief und mit
zusammengeborgten Ketten weggezerrt und wieder flott gemacht werden
musste.
Da kommt jetzt die andere Figur ins Spiel, Johann Gottfried
Tulla, geboren 1770 und 1828 in Paris gestorben. Er war Ingenieur,
Gründer der Ingenieurschule in Karlsruhe und befasste sich mit
der Korrektur des Oberrheins. Ihm ging es aber nicht in erster
Linie um die Schifffahrt, sondern er wusste aus eigener Anschauung,
wieviel Wassernot bei Bauern und Städtern der durch seine
Ebene mäandrierende Strom – oft bis zu zwei Kilometern
breit – verursachte. Schönstes schwarzbraunes Ackerland
ertrank im Wasser. Er begann zu rechnen, zu zeichnen, skizzierte
Durchstiche durch U- und S-förmige Schlaufen. Es war für
die damalige Zeit ein wahrhaft gigantisches Projekt.
Dessen Verwirklichung erlebte Tulla nicht mehr, aber 1818
wenigstens den Anfang nördlich von Karlsruhe mit 3000
Arbeitern. So konnte er auch nicht mehr lesen, was anno 1856 die
Städte Neuenburg, Breisach und Burkheim, zusammen mit
verschiedenen Dörfern, dem badischen Landtag schrieben:
„Bei Neuenburg und ähnlich am ganzen oberen Rheintal war
vor der Rektifikation der Rhein in zwei grosse Arme geteilt und von
üppigen, überaus ertragreichen und sehr ausgedehnten
Inseln getrennt, jetzt fliesst derselbe in einem regulären
Flussbett, ausschliesslich durch die Gemarkung der Stadt und
über die abgehobenen vormaligen Inseln dahin, während
dagegen an ertragbarem Gelände sehr wenig gewonnen wurde; hat
man nämlich auch allerdings die eine oder andere Fläche
dem Wasser abgewonnen und trocken gelegt, so besteht dagegen der
gewonnene Boden fast allerwärts am Oberrhein nur in öden
Kies- und Sandbänken, steril und sogar kaum kulturfähig,
weil durch die plötzliche Absperrung des Wassers die
Verschlammung und Auftragung mit Erde (humus), die der Vegetation
zugänglich wäre, gehindert und unmöglich gemacht
wurde, während die schönsten, mit ausgedehnten
Ablagerungen fruchtbaren Bodens bedeckten Inseln und Halbinseln,
welche nicht nur mit Weiden und Erlen, sondern sogar mit Eichen und
Ulmen reich bewachsen waren, zum Zweck der Korrektion dem Rhein
geopfert worden sind.“
Offenbar ein zweischneidiges Schwert, die Rheinkorrektion von
Tulla. Was sagt Mephistopheles, wie der alte Faust sein Werk des
Deichbaus vollendet glaubt?
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.
Schon der Geschichtsschreiber von Breisach, Günther
Haselier, wundert sich darüber, dass die über Jahrzehnte
laufende Rheinkorrektur des Ingenieurs Tulla nie eine umfassende
Darstellung gefunden hat. Auch die Angaben über Johann
Gottfried Tulla in den Lexika sind meist dürftig. Seinen
ersten Nachruf verfasste 1830 wiederum ein Ingenieur-Major namens
Jakob Scheffel, und dieser war niemand anders als der Vater des
oben zitierten Joseph Viktor von Scheffel. Faust und Tulla, Goethe
und Scheffel – herauszufinden wäre noch, ob Goethe die
Pläne des Johann Gottfried Tulla von 1825 gekannt hat –
wahrhaftig, da liegt eine nicht gemachte Hausaufgabe für das
ganze Dreiland vor.
Ganz in der Nähe des Allschwilerplatzes liegt in Basel, im
sogenannten Hegenheimer Quartier, die Stöberstrasse. Und nun
fragen Sie einmal einen Basler oder einen Elsässer, wer Herr
(oder Frau?) Stöber war. Offenbar doch eine Person, die zu
ihrer Zeit so wichtig war, wie es General Guisan, Karl Barth oder
Karl Jaspers nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Stöber,
Stöber ... eigentlich keine Ahnung.
Da betreten wir den nicht ganz unproblematischen, gelegentlich
von Steinen und Dornen besetzten Boden des deutschen Gedankens im
Elsass des 19. Jahrhunderts. Das Elsass war bis zur Reunion mit
Frankreich nach dem Dreissigjährigen Krieg weitgehend, aber
nie vollständig deutschsprachig. Nach dem Wiener Kongress 1815
blieb es französisches Territorium, 1871 wurde es wieder
deutsch, 1918 wieder französische, 1940-1945 sollte es wieder
deutsch werden. Als Franzosen geborene Elsässer mussten in
deutschen Uniformen Dienst tun, als Deutsche geborene Elsässer
mussten die französische Uniform anziehen, Elsässer
mussten auf Elsässer schiessen – ganze Biografien ganzer
Familien sind dadurch gezeichnet. Die Gegenwart gibt Anlass zur
Hoffnung, dass diese Akten geschlossen bleiben. Sprachliche
Probleme und solche der Schulung bleiben freilich bestehen,
Frankreich tut sich da schwerer als die Bundesrepublik Deutschland,
die es einfacher hat. Und die Schweizer schauen zu; Basel nimmt den
französisch-deutschen Dialog kaum wahr und selten ernst.
Eigentlich schade.
Aber zurück zu Stöber, besser zu den Stöbers,
denn es waren insgesamt drei: der Vater Daniel Ehrenfried
Stöber (1779-1835), die Söhne Adolf (1810-1892) und
August (1808-1884) Stöber. Strassburg war ihnen allen
Heimatstadt. Aber das Oberelsass oder besser der Sundgau geriet bei
Adolf und August Stöber ins Blickfeld, nachdem sie beide in
Mülhausen Ämter und Würden gefunden hatten. August
Stöber wurde Oberststadtbibliothekar in Mülhausen. Wieder
muss man sich bei einem so prächtigen Amtstitel daran
erinnern, dass Mülhausen, 1798 Frankreich auf durchaus
demokratische Weise beigetreten, erst von 1871 bis 1918 wieder zu
einem deutschen Reichsland unter direkter preussischer Verwaltung
gehörte.
Wer sich mit den Stöbers beschäftigt, entdeckt bald,
dass es sich da nicht um vergessenswerte Provinzdichter handelt,
sondern um hochangesehene Literaten des klassischen historischen
und philologischen 19. Jahrhunderts. Der Vater Stöber gab mit
Hebel und Zschokke zusammen eine Zeitschrift heraus, die Söhne
korrespondierten mit Jeremias Gotthelf, Wilhelm und Jakob Grimm;
Gustav Schwab, der deutsche Sagendichter, richtete Briefe an Adolf
Stöber. Die Basler Karl Rudolf Hagenbach, Wilhelm Vischer und
Wilhelm Wackernagel, der grosse Philologe, zählten zum
Korrespondenten- und Besucherkreis der Söhne Stöber.
Wilhelm Wackernagel bemühte sich darum, August Stöber als
Professor für die Basler Realschule zu gewinnen, Stöber
aber blieb Mülhausen treu. Dafür erwogen die Briefpartner
um 1843 als Fortsetzung der Elsässischen Neujahrsblätter
die Herausgabe eines „Oberrheinischen Jahrbuches“, das
gleichzeitig für Baden, die Schweiz und das Elsass bestimmt
gewesen wäre. Stöber: „So hätte doch dieser
Landtheil ein Vereinsorgan, in Ermangelung einer sonstigen
literarischen Zeitschrift, welche nicht werwirklicht zu werden
scheint.“ Eine Regio schon vor 150 Jahren.
Die Elsässischen Neujahrsblätter, um deren Bestand
sich August Stöber Sorgen machte, standen auch Schweizer
Schriftstellern offen. 1845 erschien „Christens
Brautfahrt“, 1847 „Der Besuch auf dem Lande“,
1848 „Der Notar in der Falle“. Verfasser war Albert
Bitzius aus Lützelflüh im Emmental, bekannt als Jeremias
Gotthelf. Über das Elsass verbreitete sich der Ruhm Gotthelfs
auch nach Deutschland, da Stöbers Stuttgarter Gönner
Wolfgang Menzel, einer der bekanntesten Literaturkritiker seiner
Zeit, diese Publikationen angeregt hatte. Am „Basel
Schiesset“, also dem Schützenfest von 1844, nahm
Gotthelf teil, fand aber die Zeit nicht mehr, nach Mülhausen
zu reisen (er übernachtete an der Augustinergasse 21). Die
persönliche Bekanntschaft zu Stöber kam erst 1847
zustande, sie blieb distanziert und kühl.
Die Revolution von 1848 in Frankreich, die bekanntlich bald in
das Zweite Kaiserreich mündete, sah Stöber auf der Seite
der französisch-republikanisch Gesinnten, das schuf politisch
eine spürbare Distanz zu Gotthelf, der Revolutionen nichts
abgewinnen konnte.
Eine entscheidende Wende im Leben August Stöbers brachte
eine Tagung in Frankfurt am Main von 1846. Es war die sogenannte
Germanistenversammlung, an der Jakob Grimm, das Haupt der deutschen
Altertumsforschung, zum Generalpräsidenten der Versammlung
gewählt wurde. Der Balladendichter Uhland stellte die
Brüder Stöber Jakob Grimm vor. Am dritten Tag hörten
sie den Vortrag von Wilhelm Grimm über das Deutsche
Wörterbuch. Von nun an stellten sich die Stöbers auch in
den Dienst der Brüder Grimm und lieferten Beiträge zum
Deutschen Wörterbuch. Sie begannen, Volkslieder, Märchen,
Sprüche und Sagen zu sammeln. Daraus entstanden ganze
Publikationen, die „Alsabilder“ und die „Sagen
des Elsasses“, erstmals 1852 in St. Gallen gedruckt.
Stöber hatte sich speziell mit Geiler von Kaysersberg
befasst, einem Dichter des 16. Jahrhunderts. Den Brüdern Grimm
konnte er eine ganze Reihe von Zitaten für das Wörterbuch
liefern. Ernsthaft trug er sich mit dem Plan eines
elsässischen Wörterbuches, das dem deutschen Dialekt
hätte gelten sollen. Selber schrieb er in der Mundart;
„D’Fürsteberger v’rgesse“ hiess sein
Theaterstück von 1882, das im Mülhauser Dialekt verfasst
worden war. Die Brüder Grimm waren voller Anerkennung, Jakob
schrieb 1855: „Wie dankbar muss Ihnen Deutschland sein und
bleiben, dass Sie eifrig darauf bedacht sind, material für
unser alterthum, für geschichte, sitten und poesie auf einem
ergibigen rechen boden zu retten.“
Das war Balsam für die Stöbers. Von heute aus gesehen
ist es merkwürdig, dass die fruchtbarste historische und
literarische Auseinandersetzung mit dem deutschsprachigen Elsass in
die Zeit fiel, da das Elsass französisch war. Seit mehr als
einem halben Jahrhundert ist es das wieder. Da und dort sind kleine
Zeichen auszumachen, dass das im Ganzen rückläufige
deutsche Sprachgut der Elsässer zu neuer Blüte erwachen
könnte. Somit darf die Basler Stöberstrasse ihren alten
Namen behalten.
Tonbandaufnahmen oder gar Videos von ihr besitzen wir nicht,
aber ihr Portrait ist bekannt. Der Ruhm einer Schauspielerin, die
von 1821 bis 1858 lebte, hat sonst lediglich Spuren in den
geschriebenen Erinnerungen ihrer Zeitgenossen hinterlasse. Sie hat
ihnen einen überwältigenden und unvergesslichen Eindruck
gemacht. Gestorben ist sie im Alter von bloss 37 Jahren an der
Tuberkulose in Cannes. Eine Zeitlang erinnerte auf der Pfaueninsel
bei Potsdam ein Denkmal an sie; die Nationalsozialisten
zerstörten es 1935, weil sie aus einer jüdischen Familie
stammte.
Mit dem Künstlernamen hiess sie Elisa Rachel, geboren wurde
sie als Rachel Felix im aargauischen Mumpf. Ihre Eltern waren arme
Elsässer, eigentliche Bettler ist auch zu lesen. Die Familie
zog offenbar im Dreiland am Oberrhein herum, vor allem im Elsass.
Mit einer Schwester zusammen sang Elisa Rachel als
Strassenmusikantin, begleitet von einer Harfe. In den dreissiger
Jahren des 19. Jahrhunderts erregte die Stimme dieses Mädchens
in Paris Aufsehen, sie wurde entdeckt und ans Konservatorium
geschickt. 1838, also im Alter von 17 Jahren, gehörte sie
bereits der Comédie Française an, später machten
sich der preussische und der russische Hof eine Ehre daraus, sie
spielen zu sehen. Denn unterdessen hatte sie sich von der
Strassensängerin zur Schauspielerin der klassischen Dramen von
Racine und Corneille entwickelt – ein weiter Weg vom
armseligen Wirtshaus in Mumpf, in dem sie auf die Welt gekommen
sein soll. 1855 trat sie auch in Amerika auf, nun bereits weltweit
gefeiert und als die Grösste ihrer Zeit bewundert.
Ein acht Jahre jüngerer Mann, geboren in den Rheinlanden,
sass unter ihrem Publikum 1850 in Berlin, später wieder in
Paris und sogar in den USA. Er versäumte keine
Möglichkeit, sie auf der Bühne zu erleben. Aber ihre
unmittelbare Bekanntschaft wollte er nicht machen, er schrieb:
„Wenn jemand mir angeboten hätte, mich bei der Rachel
persönlich einzuführen, so würde nichts mich bewogen
haben, die Einladung anzunehmen.“ Als eifriger
Theatergänger verglich er sie auch mit den anderen
berühmten Schauspielerinnen seiner Zeit, diese hätten
sich abgemüht, die Rachel nachzumachen, etwa Sarah Bernhardt.
Aber, so schreibt er, „es war der Unterschied zwischen dem
wahren Genie, das unwiderstehlich überwältigt und vor dem
wir uns unwillkürlich beugen, und dem grossen Talent, das wir
bloss bewundern.“
Der Mann, der das später in seinen Lebenserinnerungen
festhielt, war damals polizeilich gesucht, und als er in Berlin
einen Theatersitz im Parterre einnahm, möglichst nah beim
Ausgang, um der Polizei sofort entwischen zu können, hielt er
sich in den Pausen stets einen Operngucker vor die Augen oder
verbarg sein Gesicht hinter einem Taschentuch, als ob er an Zahnweh
litte. Denn die preussische Polizei hätte ihn liebend gern
geschnappt. Er galt als gefährlicher Revolutionär. Er war
1848, damals 19 Jahre alt, schon mit Marx zusammengetroffen, dessen
Ausführungen er als gehaltvoll, logisch und klar empfand, von
dem er aber auch sagte: „Aber niemals habe ich einen Menschen
gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des
Auftretens.“ Er kannte Wagner persönlich, der infolge
seiner Beteiligung an den revolutionären Ereignissen von
Dresden nach Zürich geflüchtet war. In London sass er
wenig später mit dem italienischen Freiheitskämpfer
Mazzini zusammen. Die preussische Polizei suchte ihn vor allem
seiner revolutionären Aktivitäten in Bonn und Frankfurt
wegen. Er galt als besonders gefährlich, weil ihm bei der
Niederwerfung der badischen Revolution der Ausbruch aus dem von
Preussen belagerten Rastatt durch die Kanalisation geglückt
war, und weil der Verdacht bestand, dass er seinen nicht weniger
revolutionär gesinnten akademischen Lehrer Gottfried Kinkel,
der in Berlin/Spandau inhaftiert war, befreien könnte –
was ihm tatsächlich gelang.
Aber noch ahnte niemand, dass dieser sprachbegabte, historisch
und literarisch gebildete junge Mann, der sich mit freundlicher
Geschmeidigkeit durch ganz Europa bewegte, bei Schönenbuch
auch schwarz über die grüne Grenze in die Schweiz
gelangte, erst am Anfang seiner Karriere stand. 1860 wurde er in
den USA Gehilfe Abraham Lincolns, dann Gesandter in Spanien. Er
stieg zum Generalmajor der amerikanischen Bundestruppen auf,
kämpfte im Sezessionskrieg, wurde Senator von Missouri, sogar
Innenminister unter Präsident Hayes von 1877 bis 1881. 1868
lud ihn der damals schon mächtigste Mann Europas, der
preussische Ministerpräsident Bismarck, ein, und Bismarck
gestand ihm lachend, dass die Befreiung Kinkel ihm sogar Spass
gemacht habe, am liebsten würde er mit ihm nach Spandau
fahren, um sich an Ort und Stelle alles erzählen zu lassen.
Und dann schilderte Bismarck seinem Gast, den er zum ersten Mal
sah, unverblümt die internationale Lage, ausgeschmückt
mit deftigen Anekdoten, sagte den deutsch-französischen Krieg
voraus, den Sturz Napoleons III. und die Einigung Deutschlands.
Das alles wissen wir aus erster Hand, weil Carl Schurz
(1829-1906), der deutsche Revolutionär und spätere
amerikanische Innenminister, auf deutsch geschriebene
Lebenserinnerungen verfasst hat. Sie sind eine Quelle ersten Ranges
für die Geschichte der deutschen und badischen Revolution von
1848 und des amerikanischen Sezessionskrieges. Man erlebt Politik
aus erster Nähe, und gerade darum staunt man, dass der
Schauspielerin Elisa Rachel aus der Feder von Carl Schurz eine so
lange und enthusiastische Würdigung zuteil wird. In der Nummer
885 seiner Zeitschrift „Die Fackel“ von 1932 druckte
Karl Kraus über acht Seiten den Text von Schurz wieder ab als
„das sachlich und sprachlich edelste Beispiel deutscher
Theaterkritik“. Und er fand sich, was bei Kraus selten der
Fall war, auch bereit zu glauben, „dass nie ein
grösseres Bühnenwunder als diese Frau die Menschheit
verzückt hat“. In den Worten von Carl Schurz: „Man
sah, man hörte und man war überwunden, unterjocht,
zauberhaft, unwiderstehlich. Die Schauer des Entzückens, der
Angst, des Mitgefühls, des Entsetzens, mit denen die Rachel
ihre Zuschauer übergoss, entzogen sich aller Analyse. Die
Kritik tastete in hilfloser Verlegenheit umher, wenn sie unternahm,
die Leistungen der Rachel zu klassifizieren, oder sie mit
irgendeinem herkömmlichen Massstabe zu messen. Die Rachel
stand ganz allein in ihrer Eigentümlichkeit.“
Das Bettlermädchen aus Mumpf, die elsässische
Strassensängerin und die Schauspielerin auf der Bühne der
Welt braucht kein weiteres Denkmal. Wo ein Carl Schurz und ein Karl
Kraus für Nachruhm sorgen, sind Erinnerungstafeln
überflüssig. Kraus war traurig darüber, dass die
Tonfilmtechnik um 1850 noch nicht existiert hatte. Und Schurz
pflegte seinen Freunden immer wieder zu sagen: „Aber ihr
hättet die Rachel sehen sollen!“
Vom 27. Juli 1852 datiert der Vertrag zwischen dem
Grossherzogtum Baden und dem Kanton Basel-Stadt über die
Einführung der Badischen Staatsbahn auf Basler Gebiet. Und
wenn die Basler Schwierigkeiten mit der sogenannten Zollfreistrasse
von Weil nach Lörrach hatten oder haben, sollte man den
Artikel 34 dieses Vertrages noch einmal lesen:
„Die grossherzogliche badische Regierung erhält das
Recht, zur Verbindung der Stadt Lörrach und des Wiesenthals
mit Weil, eine Strasse auf dem dazwischen liegenden schweizerischen
Grund und Boden zu bauen.“
Es gibt Leute, die sagen: Wozu soll Geschichte gut sein? Wir
leben jetzt und müssen mit den Problemen der Gegenwart fertig
werden. – Ein Vertrag wie der soeben zitierte zeigt, dass die
Lage von heute fast immer auch geschichtlich bedingt ist. Besonders
die Anlage von Verkehrswegen wirkt über lange Zeit; bald 2000
Jahre alte Römerwege liegen häufig unter unseren
prächtigen Asphaltstrassen.
Die vor gut 150 Jahren aufgekommenen Eisenbahnen machen noch
immer Geschichte. Basel wurde dank ihnen zum Goldenen Tor der
Schweiz. Golden wurde es genannt, weil man sich von der Eisenbahn
Geschäfte in Hülle und Fülle versprach.
Die erste Eisenbahn auf Schweizer Boden war die (bescheidene)
Verbindungsbahn von St. Louis nach Basel in das Gebiet beim St.
Johannstor. Noch gab es keine Verbindung Basel-Olten durch den
Hauenstein, wie ihn dann die Centralbahn baute; auch endete die
Badische Staatsbahn noch nicht bei der heutigen Mustermesse. Es gab
noch kein Warteck, an dem man auf die Ankunft der Reisenden
wartete. Bis gar der Gotthardtunnel gebaut werden konnte, die
Nord-Süd-Achse also von Basel bis Chiasso reichte, vergingen
weitere Jahrzehnte.
Schaut man heute auf die Karte von Süddeutschland und der
Schweiz, ist es auffallend, dass von München, Augsburg und
Stuttgart keine ganz grossen Linien über St. Gallen und
Zürich Richtung Gotthard führen. Die Topografie
erklärt schon einiges, der Splügen läge näher
als der Gotthard. Aber wieder liefert die Geschichte, das heisst
liefern bald 150 Jahre zurückliegende Entscheidungen, die
Gründe für die heutige Situation.
Es geht um Eisenbahngeschichte. Nachdem am 15. September 1830
die Strecke Manchester-Liverpool feierlich eröffnet worden
war, begann in ganz Europa das Eisenbahnfieber. Friedrich List, den
die Nationalökonomen als eine Art Gründervater verehren,
hat es geschürt. Er wurde 1789 geboren, war ein Handwerkersohn
aus dem schwäbischen Reutlingen, fand als junger Rechenrat in
Württemberg früh Anerkennung, so dass er 1816, im Alter
von 27 Jahre, schon Professor für Staatskunde an der
Universität Tübingen wurde. Er lebte bis 1846. List war
bei den Behörden unbeliebt, weil er unkonventionell dachte. Er
wollte die Binnenzölle in Deutschland aufheben, freien Handel
einführen, die Staatsverwaltung kontrollieren. Der König
von Württemberg schikanierte ihn; 1825 wanderte er nach
Amerika aus, kam 1833 nach Deutschland zurück. Er war wohl
einer der ersten, der für ganz Deutschland ein Eisenbahnnetz
entwarf. Dessen südliche Anschlüsse gingen von Augsburg
nach Lindau und von Karlsruhe über Kehl nach Basel. List
wollte nicht Theoretiker bleiben, er plante die Stiftung einer
Aktiengesellschaft „zu dem Zwecke, die Herstellung der
Mannheim-Baseler Eisenbahn zu negociieren“. In der Zweiten
Kammer des Badischen Landtages wurde der Antrag vom Staatsrat Carl
Friedrich Nebenius abgewiesen: „Die Anlegung einer Eisenbahn
gehört nicht zu den dringenden Bedürfnissen in unserem
Lande.“
Nun muss man sich, um den weiteren Gang der Dinge zu verstehen,
über die Lage der drei süddeutschen Monarchien klar
werden: im Westen das Grossherzogtum Baden, das wie in Winkeleisen
vom Bodensee über das Basler Rheinknie bis nach Heidelberg
reichte, dahinter das Königreich Württemberg und
östlich davon das Königreich Bayern. Diese drei
Monarchien standen seit Napoleon in einem
Konkurrenzverhältnis. Als 1835 in Bayern die Strecke
Nürnberg-Fürth eingeweiht werden konnte, brach Aufregung
aus, die Ulmer fürchteten um ihre Bedeutung als
Verkehrsknotenpunkt.
Erst recht musste gehandelt werden, als auf der anderen Seite
der Grenze, nämlich in Frankreich, die Eisenbahn
Strassburg-Basel Wirklichkeit wurde. Auf beiden Seiten des Rheins
war eine Streckenführung ideal, denn das Gelände war
eben. Auf keinen Fall aber wollte man die Initiative den Franzosen
überlassen. 1838 wurde im Badischen Landtag das
Eisenbahngesetz verkündet: Von Mannheim bis Basel sollte eine
Eisenbahn, und zwar eine Staatsbahn, gebaut werden. Das führte
zur merkwürdigen Situation, dass sich das bisher von
Eisenbahnen verschonte Basel plötzlich als Teil im System
ausländischer Bahnunternehmen begreifen musste. Eigene
Eisenbahnpläne auf privatwirtschaftlicher Basis bekamen
mächtigen Auftrieb.
Süddeutschland musste immer in zwei Hauptrichtungen denken
und planen: auf einer West-Ost-Achse wie von Karlsruhe über
Stuttgart nach München, und auf den Nord-Süd-Achsen
Karlsruhe-Basel, Ulm-Friedrichshafen, Augsburg-Lindau. Das heisst,
dass von Norden nach Süden ein politischer Wettkampf ausbrach.
Da konnte sich Basel, Endstation der Chemins de fer
d’Alsace-Lorraine und der Badischen Staatsbahn, von der
Topografie bevorteilt fühlen. Beide Bahnen mussten hier
ankommen. Alfred Escher aus Zürich wollte das nicht gefallen.
Er versuchte durch direkte Interventionen in Karlsruhe die Badische
Staatsbahn dazu zu bewegen, nicht in Basel, sondern in Lörrach
zu enden. Dann würde er mit seiner eigenen Gesellschaft auf
dem deutschen Rheinufer eine Bahn von Lörrach über
Grenzach nach Waldshut bauen, um sie bis Zürich
weiterzuführen. Wutgeheul in Basel war die Antwort.
Man darf sich fragen, weshalb Basel die beiden Endpunkte aus
Frankreich und Baden nicht schon von Anfang an zusammenlegte. Die
Antwort ist einfach: der Rhein trennte die beiden Linien. Die
Antwort ist auch technisch bedingt: Die Badische Staatsbahn war
nicht auf Normalspur, sondern von Anfang an auf einer breiteren
Spur gebaut worden. Das hatte mit den verschiedenen englischen
Lieferfirmen zu tun und schuf, als die Badische Staatsbahn doch
noch auf Normalspur umgerüstet werden musste, erhebliche
Probleme.
Erst viel später gelang in Basel der Zusammenschluss der
drei Netze einesteils durch die Verbindungsbrücke oberhalb der
Stadt und andernteils durch die Verlagerung des französischen
Bahnhofs zum Centralbahnhof. Auf dem Basler Steinen- und Spalenring
dampften ursprünglich französische Lokomotiven. Und der
wichtigste Terminal der zukünftigen NEAT (Neue Alpen
Transversale) wird voraussichtlich wieder in Basel liegen. Aus
geschichtlichen Gründen.
Es sind immer Leute, die Geschichte machen, und manchmal sind es
ganze Familien. Regio-Geschichten entstehen besonders gern dann,
wenn wir die Wanderungen von Familien und einzelnen Personen durch
das heutige Gebiet des Dreilandes am Oberrhein verfolgen und sehen,
wie sie von da nach dort in immer wieder anderen Funktionen
auftauchten.
So etwa die Dollfus. Sind das nicht Mülhauser? Gewiss. Aber
ursprünglich waren es, soweit sich das zurückverfolgen
lässt, Süddeutsche. 1534 ist ein Gaspard Dollfus in einem
Verzeichnis als Bürger von Rheinfelden erwähnt. 1515
wurde ihm ein Sohn geschenkt, der den Namen Hans bekam und
später eine gebürtige Rheinfelderin heiratete.1540 kam
deren Sohn, wiederum ein Hans, auf die Welt. Die Dollfus waren
unterdessen reformierten Glaubens geworden, aber Rheinfelden war
eine streng habsburgische Stadt, den Einflüssen der
Gegenreformation besonders ausgesetzt. So verliess Hans Dollfus
unter Verzicht auf sein Bürgerrecht die Stadt, zog zuerst nach
Neuenburg am Rhein und schlug 1553 seinen Wohnsitz in
Mülhausen auf, wo er in zweiter Ehe eine Mülhauserin
namens Elisabeth Fimmel heiratete. Sein Sohn Hans, der wieder eine
Mülhauserin heiratete, wurde 1586 Mitglied des Rates, er gilt
als Stammvater der Mülhauser Familie Dollfus.
Im 18. Jahrhundert sehen wir seinen Nachkommen Jean-Georges
Dollfus als Inhaber eines Färbereibetriebes, aber er starb bei
Ausbruch der Revolution ganz unvermutet. Sein ältester Sohn
Jean-Gaspard musste die Firma in jugendlichem Alter
übernehmen, hatte aber kein Glück in geschäftlichen
Dingen. 1812 bekam er einen Sohn, wiederum mit dem Namen Gaspard,
1825 aber verlor er seine Firma und sein ganzes
Vermögen. Der junge Gaspard musste seine Ausbildung aus
Geldnot abbrechen. Seine Schwester Climène war mit Jakob
Kern in Aarau verheiratet, der eine Reisszeugfabrik gegründet
hatte, dort konnte Gaspard eine Lehrstelle antreten. 1835 kehrte er
nach Mülhausen zurück und wurde Mitarbeiter in der
Maschinenfabrik André Koechlin & Cie. Er machte
Karriere, sein ungewöhnliches mechanisches Verständnis
fand Anerkennung. In Ettlingen bei Karlsruhe richtete er eine
Baumwollspinnerei ein, nachher folgte in Augsburg die Errichtung
einer mechanischen Spinnerei und Weberei, die als letzten Schrei
auch eine Gasbeleuchtung bekommen sollte.
In Augsburg lernte Dollfus Adèle de Bret kennen, die
Tochter eines Redaktors aus einer alten hugenottischen Familie, mit
der er sich 1841 verheiratete. Unternehmerisch tat er sich mit
Ludwig Sander zusammen, gemeinsam gründeten sie die
Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg, noch heute als MAN bekannt.
Dollfus war alles andere als ein einfacher Charakter, er besass ein
fast depressives Temperament. 1844 zerstritt er sich mit seinem
Partner und musste ein neues, diesmal eigenes Betätigungsfeld
suchen. Er fand es in der damals modernsten Energieversorgung, dem
Gas.
Das erste Projekt war eine Gasbeleuchtung für München.
Es wurde abgelehnt. Dann kam Stuttgart an die Reihe, dort hatte
Gaspard Dollfus mehr Glück, 1845 konnte seine Gasfabrik ihren
Betrieb eröffnen. Sogleich verlegte er auch seinen Wohnsitz
nach Stuttgart. Dann kam, nach einigen Schwierigkeiten, der Bau der
Gasfabrik in Nürnberg und anschliessend in Wiesbaden dazu. Er
war zum Gasfachmann geworden.
1848 erschien in der Allgemeinen Augsburger Zeitung ein Inserat,
laut dem die Stadt Aarau einen Wettbewerb für eine neue
Brücke ausgeschrieben hatte, und zwar eine
Hängebrücke. Dollfus war fasziniert von der Idee,
arbeitete sich rastlos in die Materie ein und erhielt den Auftrag.
Sogleich zog er von Stuttgart nach Küttigen am Fuss der
Staffelegg. Am 29. Dezember 1850 konnte die Brücke für
den Verkehr freigegeben werden, Dollfus erhielt als Anerkennung
einen silbernen Pokal. Aber schon war er wieder unterwegs, diesmal
Richtung Basel, wo er sein Domizil im hinteren Rosshof
einrichtete.
In Basel war man seit 1839 unzufrieden mit der mangelhaften
Ölbeleuchtung der Strassen. 1850 taten sich die
Bankhäuser Ehinger und La Roche mit weiteren Personen und
Dollfus zusammen, um der städtischen Beleuchtungskommission
ein Projekt zur Einführung der Gasbeleuchtung zu unterbreiten.
1852 kam es zum Vertrag. Die Stadtgemeinde, die es damals noch gab,
musste Fr. 330'000.— zur Verfügung stellen, als Bauplatz
wählte man die ehemalige Richtstätte vor dem Steinentor.
Die Gasproduktion hatte erhebliche Immissionen zur Folge, eine
Zeitlang erwog Dollfus die Produktion von Holzgas, das für die
damals blühende und auf Abgase empfindlichen
Seidenbandindustrie weniger nachteilige Folgen gehabt hätte.
Dann aber entschied er sich aus technischen Gründen für
Steinkohlengas. Als die Klagen über Geruchsbelästigungen
nicht aufhörten, wurde die Gasfabrik 1860 vor das St. Johanns
Tor in die Nähe der elsässischen Grenze verlegt.
Die Basler Gaslampen brannten erstmals am 15. Dezember 1852. 14
Laternenmänner waren bei Einbruch der Dämmerung unterwegs
und entzündeten die Lampen mit einem an langen Stangen
angebrachten Öllicht. Den Bau der neuen Gasanstalt
übertrug Gaspard Dollfus einem entfernten Verwandten aus der
Familie Le Bret namens Heinrich Gruner. Das Unternehmen gedieh auch
finanziell, nur hatte Dollfus übersehen, dass sich die
Behörden ein Einsichtsrecht in die Bücher vorbehalten
hatten und er eigentlich nur Pächter war. Schon 1864 liess der
Stadtrat einen Vorschlag für die Übernahme der Gasanstalt
in Eigenverwaltung ausarbeiten. Dollfus wehrte sich mit Händen
und Füssen, freilich umsonst. Am 1. Februar 1868 ging die
Gasfabrik an die Stadt über, diesmal von einem staatlichen
Direktor geleitet.
Auch wenn Dollfus ein eher introvertierter Mensch war –
oder vielleicht gerade darum –, blieb er bei seiner fast
rabiaten Erfinderlust. Das nächste Werk von nationaler
Bedeutung war die Sitternbrücke bei St. Gallen, auf der die
Nordostbahn verkehren sollte. Mit einer Länge von 163 Metern
und einer Höhe von 60 Metern über dem Wasserspiegel war
sie eine technisch schwierige Konstruktion. Dollfus entschied sich
für eine Gitterbrücke, also einem aus Stäben
zusammengesetzten Tragkörper. Am Abend vor der Einweihung fuhr
er allein mit einem Lokomotivführer über die Brücke,
hätte sie nicht gehalten, wäre er das erste Opfer
gewesen.
Noch spannender wurde die unermüdliche
Erfindertätigkeit von Gaspard Dollfus als Inhaber einer
chemischen Fabrik. Nach 1856 waren ja die Teerfarben aufgekommen,
die man aus Rückständen der Gasgewinnung entwickelte.
1860 begann er mit dem Bau seiner Fabrik. Dollfus erlebte die
Genugtuung, dass ihm und seinem Schwiegersohn Lepetit an der
Pariser Weltausstellung von 1867 eine Anerkennung für das neue
Jodgrün zuteil wurde. Nach dem plötzlichen Tod seiner
Gattin und der Übergabe der Gasfabrik an den Staat verlor
Dollfus seinen industriellen Ehrgeiz. Er heiratete aber noch ein
zweites Mal, zog sich dann 1871 auf ein Gut im Welschland
zurück. Seine chemische Firma verkaufte er schliesslich an
Louis Durand und Edouard Huguenin; in unserem Jahrhundert kam sie
an die Firma Sandoz, die in der Novartis aufging.
Von Mülhausen quer durch Süddeutschland in die Schweiz
und über Basel schliesslich ins Welschland – es ist eine
geradezu beispielhafte Reise eines oberrheinischen Erdinders. Die
Basler verdanken ihm die zu ihrer Zeit supermoderne Gasversorgung
und eine Farbstoff-Fabrik.
Und jetzt versuchen Sie einmal, folgenden Text zu lesen:
Le Schang du dru d'kusäng a du se gill weh,
E se gill a, il wudra ba,
E se gil wudra, il lawwra ba,
Le Schang du dru d'kusäng a du se gill weh.
Was soll das heissen, und was für eine Sprache ist das?
Also transkribieren wir sie zuerst einmal auf französisch:
Le Jean du trou d’cousins a tout ce qu’il veut,
Et ce qu’il a, il voudra pas.
Et ce qu’il voudra, il n’aura pas,
Le Jean du trou d’cousins à tout ce qu’il
veut.
Es ist das Lied vom Hans im Schnakenloch (cousins = Schnaken),
gewissermassen die elsässische Nationalhymne, die man im
Dialekt auch auf markgräflicher und baslerischer Seite singen
kann:
Der Hans im Schnooggeloch hett alles, was er will,
und was er will, das hett er nit,
und was er hett, das will er nit,
Der Hans im Schnooggeloch hett alles, was er will.
Woher stammt denn die französische Fassung? Ein weiter
nicht bekannter Leser A.Z. schrieb dem Strassburger Karl Bernhard
im letzten Jahrhundert – Bernhard gab von 1860 bis 1862 eine
Zeitschrift mit dem Titel „Der Hans im Schnokeloch“
heraus – einen Leserbrief, in dem er schilderte, wie 1681,
als Louis XIV. in Strassburg einzog, die Buben den neuen Herren
zeigen wollten, dass sie schon französisch konnten. Sein
Urgrossvater sei im Bubenzüglein selber mitgelaufen und
hätte seinem Grossvater diese Version vom Hans im Schnokeloch
berichtet, und dieser berichtete sie dann weiter an seinen
Enkel.
Falls die Geschichte wahr und nicht einfach eine launige
Erfindung des unbekannten A.Z. ist, geht der „Hans im
Schnokeloch“ also bis ins 17. Jahrhundert zurück. Dann
dürfte sie vermutlich noch einiges älter sein, weil
Volkslieder dieser Art schon im 15. und 16. Jahrhundert verbreitet
waren.
Ein simples Volkslied – und plötzlich steckt man
mitten in einer literarischen Debatte. Dass Goethe schon unter den
Rheinschnaken litt, die seine Ausflüge mit gebratenen
Rheinfischen störten, wurde gesagt. 1842 gab der in meinen
Texten auch schon erwähnte August Stöber bei Schuler in
Strassburg ein „Elsässisches Sagenbuch“ heraus, in
dem „Der Hans im Schnokeloch“ gedruckt zum ersten Mal
auftritt. Verfasst haben soll es der Bruder des Herausgebers, Adolf
Stöber, aber vermutlich war er weniger der Dichter als eben
ein literarischer Schmetterlingssammler, wie es zu seiner Zeit die
Brüder Grimm waren, mit denen die Stöber-Brüder
Kontakt hatten. Die Brüder Grimm wurden nicht müde, die
beiden Stöber zu ermuntern, nach alten Liedern zu suchen und
diese aufzuschreiben. Adolf Stöber konnte freilich der
Versuchung, die gängige Volksweise durch angehängte
eigene Verse zu erweitern, nicht widerstehen, und so findet sich
auch eine Strophe über die Auswanderung des unzufriedenen Hans
nach Amerika. Die aber stammt sicher nicht aus dem 17., sondern
deutlich erkennbar aus dem 19. Jahrhundert:
Jez bli’t em noch sind Güet. Was macht er? Schla uff
Schla
Verkäuft er alles, Matt unn Feld,
Unn macht sin ganzi Hab ze Geld,
Unn setzt sich uff e Schiff for nooch Amerika.
Man darf sich fragen, welche Realität hinter der Figur des
Hans im Schnokeloch steht, das heisst ob er wirklich gelebt hat.
Ein Text von Eduard Mars aus dem Jahr 1859 gibt Auskunft –
oder sagen wir besser: eine Auskunft, weil vielleicht noch ganz
andere Hintergründe mitspielen, falls es sich nämlich
doch um ein altes Volkslied handelt. Mars schreibt von einem Wirt
mit dem Vornamen Hans, der in Strassburg ein Lokal mit dem Namen
Schnokeloch“ führte und vermutlich um 1819 auf dem
Friedhof St. Gallen in Strassburg begraben wurde. In diesem
Gasthaus verkehrte ein Stammgast, der Daniel Grimmeisen hiess, und
der soll seine gelegentlichen Reklamationen, Küche und Service
betreffend, in gereimter Form gesungen haben. In guter Laune
stimmte er auch das gereimte Lob des Wirtes an. Diese Lieder, also
eigentliche Gelegenheitsgedichte, wurden nach Meinung von
Marie-Joseph Bopp, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg um die
Geschichte von „Hans im Schnokeloch“ bemühte, nie
gedruckt, aber sollen im betreffenden Lokal handschriftlich
gesammelt und in ein Buch eingetragen worden sein.
Für Karl Bernhard, dessen Zeitschrift ja den gleichen Titel
wie das Volkslied trug, war es fast so etwas wie ein Auftrag, in
jeder Nummer neu gedichtete Verse über den „Hans im
Schnokeloch“ zu publizieren. Da erfand er weitere Themen, es
war die Sprache von der Redefreiheit des Hans im Schnokeloch, von
der Renovation seines Lokales, von seinen geschäftlichen
Problemen, von einem Brandunglück, vom Wunsch, eine brave Frau
zu bekommen, und schliesslich tauchte sogar die Partnerin des Hans
auf, natürlich eine Grete. Im Lied selber finden sich am
Schluss Hans und Grete zu einem Paar, das offenbar auch Nachwuchs
bekommen hat, denn die entsprechende Strophe (veröffentlicht
von Karl Bernhard) lautet so:
Der Hans im Schnokeloch sitzt d’heim un spielt eins
uff.
Er spielt doch nur e-n-alti Lir.
S’Fleisch isch nitt wolfel, s’Brot isch dihr,
Der Hans im Schnokeloch wurd Babba druff und druff.
Strassburg liegt schon etwas ausserhalb des Gebietes, das wir
als die oberrheinische Regio betrachten. Aber es stösst
unmittelbar an sie an. Ein Schnakenloch war auch der ganze
Oberrhein mit seinen stillgelegten Wassern. Die Thematik des
„Hans im Schnokeloch“ mit Haus und Küche, Frau und
vor allem der eigenen Unzufriedenheit an einem für die meisten
Europäer geradezu paradiesisch fruchtbaren Ort ist noch immer
ein Thema für eine grenzüberschreitende Region, der es in
allen drei Teilen ökonomisch gut geht.
Somit darf der „Hans im Schnokeloch“ –
hoffentlich – auch fürderhin an Basler Kinderbetten
gesungen werden. Die Kraft des Volksliedes hat gar verschiedene
Zeiten unbeschädigt überstanden, aber ohne die Mitarbeit
literarisch interessierter Leute aus dem letzten Jahrhundert
hätten sich seine Spuren wohl verwischt. Dem verstorbenen
Basler Fritz K. Mathys gebührt der Dank, dass er in einer
seiner vielen Schubladen die kleine Dokumentation über den
„Hans im Schnokeloch“ aufbewahrt und mitgeteilt
hat.
Wer hat das geschrieben: „Das Tal und seine Häuser
sind noch ganz unverändert, wie in den Tagen meiner Kindheit,
ich kenne jeden Weg, jeden Felsblock, jeden Strudel im
Bächlein; es sind die gleichen Blumen auf den Wiesen, und auch
die Wolken kenne ich alle; wie damals, so sind sie noch, so
türmen sie sich über den Bergen, vor 40 Jahren habe ich
sie genau so gesehen und teilweise gezeichnet, da ist nichts alt
geworden. (...) Es sind auch merkwürdig schöne öde
Einsamkeiten an die hiesigen Berghalden. So war es gestern, als ich
mit meiner Schwester einen Weg ging, den wir oft gegangen als
Kinder, um Holz und Heidelbeeren zu suchen. Man sieht keine
Häuser mehr, nur Viehweiden, rieselnde Quellen und ringsum
dunkle Tannenwälder, aus denen der melancholische Gesang einer
Baumlerche ertönt. Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken
behangen, durch die die Sonne von Zeit zu Zeit wandernde Lichter
über die Berghalden hinziehen liess.“
Offenbar Worte eines Malers, da er vom Abzeichnen spricht.
Geschrieben hat er das im Alter von 59 Jahren. Aber welche
Landschaft wird da beschrieben? Berghänge, Tannenwälder,
Bäche und Felsblöcke, Blumen auf den Wiesen, der Himmel
voll Wolken? Er fährt fort: „Ich liebe Bernau vor
anderen Schwarzwaldtälern, weil es nicht eingeschlossen ist,
sondern man einen grossen Himmelsraum überblickt.“ Es
schreibt Hans Thoma, geboren am 2. Oktober 1839 im Schwarzwaldort
Bernau, gestorben ist er 1924 in Karlsruhe. Sein Name klingt noch
in unseren Ohren, auch wenn seine Bilder in der Erinnerung etwas
verblasst sind. Böcklin war zwölf Jahre älter als
er, Anselm Feuerbach zehn Jahre, Albert Anker acht Jahre – in
dieses künstlerische Umfeld gehört er, in die
historisierende, zugleich realistische und ideal
Landschaftsmalerei. Sie war einmal das Entzücken unserer
Gross- und Urgrosseltern, und die noch etwas unbeholfene
Reproduktionstechnik des späten 19. und des frühen 20.
Jahrhunderts, hat sich, vor allem in Deutschland, wie wild auf
Thomas Bilder geworfen. Sie standen für innig, redlich,
heimatverbunden, liebevoll und wahr, sie wirkten – so
deutsch. (Wie Albert Anker eben schweizerisch wirkte.) Thoma wurde
zum Inbegriff eines durch und durch deutschen Malers, eines
unverdorbenen Bauernsohnes aus dem Schwarzwald.
Das denkt man heute noch. Nur, wie kam er eigentlich zur
Malerei? Da wird die Geschichte schon etwas weniger deutsch. Denn
ein Schlüssel für Thomas Malkunst liegt in Basel. In
Thomas eigenen Worten: „Basel war die erste Stadt, war das
Tor, durch welches ich aus der Bernauer Einsamkeit in die Welt
eintreten musste. Um es nüchtern zu sagen: ich wurde nach
Basel getan, um ein Handwerk zu lernen.“ Er war 14 Jahre alt,
als er in Basel eine Lithografenlehre antrat und sich tagelang
über das Pult beugen musste. Aber das Heimweh nach dem
Schwarzwald liess ihn nicht los, es zog in nach Bernau zurück.
Ein Jahr später lockte wieder Basel, diesmal begann er die
Lehre bei einem Anstreicher und Dekorationsmaler. Seinem Meister
gestand er sein geheimes Berufsziel, zu dem ihn die Bildersammlung
im neu errichteten Museum an der Augustinergasse beflügelt
hatte: er wollte Maler werden. Der Meister lachte ihn aus:
„Da kannst du lange warten.“ Über Bernau kam er zu
Wilhelm Schirmer an die Karlsruher Kunstschule. Aber Schirmer starb
kurz danach. „Da regte sich in mir unbewusst das
Alemannentum, und ich zog nach Basel hin.“ Er wollte
Zeichenlehrer werden, aber die Basler Behörden, auf ihre
Reglemente eingeschworen, anerkannten ihn nicht – zum
Glück, wie es der 85jährige später anlässlich
seiner grossen Werkschau in Basel feststellte.
1866 finden wir Thoma in Düsseldorf. Seinen eigentlichen
Stil, der ihn später so berühmt machten sollte, hatte er
noch nicht gefunden. Eine Reise nach Paris öffnete ihm die
Augen. Dort fand er den Weg zu Gustave Courbet, den er in seinem
Atelier besuchen ging. „Die Eindrücke, die ich dort
hatte, haben mich mächtig berührt, es war für mich
eine Erweiterung des Lebenselements.“
Das Bernauer Schwarzwaldkind, dessen Lebensweg immer wieder
über Basel führte, fand erst zu sich selber in Paris,
nachdem er die tief im dem französischen Jura verbundenen
Bilder Courbets gesehen hatte. Courbet war 20 Jahre älter als
Thoma. Seine Malerei war tonig dunkel, sozusagen durchdrungen vom
jurassischen Kalkstein und dem Schatten in den Tälern des
Doubs – jetzt wusste Thoma, wie er malen würde. Er zog
1879 nach München, trat mit dem Kreis um Wilhelm Leibl und
Arnold Böcklin in freundschaftliche Berührung. Es
entstanden die grossen Schwarzwald- und Taunuslandschaften, er
wurde berühmt und übersiedelte nach Frankfurt. Wie
Böcklin wollte er mythische Gestalten, Heldenfiguren,
musizierende Engel und tanzende Faune in seinen Bildern
unterbringen, die ganzen Requisiten einer allegorischen Malerei
– da wird die künstlerische Distanz zu Böcklin doch
deutlich sichtbar. Aber die grossen Landschaften, „Das Albtal
im Schwarzwald“ und „Der Rhein bei
Säckingen“, haben bis heute ihren Rang behalten.
1924 fand in Basel eine grosse Ausstellung für den jetzt
weit herum berühmten Hans Thoma statt. Es war eine
Rückschau auf sein Gesamtwerk, das schon 1909 mehr als 900
Nummern umfasst hatte. Thoma liess sich gerührt und gern
feiern. Basel war für ihn so etwas wie das heimliche Zentrum
seines Lebens. Er schrieb die für diese Stadt fast
rührend liebenswürdigen Zeilen: „Der Zauber, der
mich an die Stadt Basel bannte, erhöhte und verklärte
sich, Basel gehörte mit zu den Hauptstädten, in denen
echt alemannisch gesprochen wird, ganz so, wie im oberen
Schwarzwald, also auch in Bernau. So ist es kein Wunder, dass ich
mit Basel wie durch ein magisches Band verbunden war und heute noch
bin.“
Rudolf Riggenbach, vor Jahrzehnten bekannt als Dingeding, war
es, der dieses schriftliche Zeugnis in der ehemaligen
National-Zeitung vom 1. Oktober 1939, also zum 100 Geburtstag von
Hans Thoma, wieder aufschrieb, und Fritz K. Mathys verdanke ich es,
dass er diesen Aufsatz aus der Tiefe seines Archives ans Tageslicht
befördert hat. Kindlers Lexikon der Malerei von 1976 sagt
über Thoma: „Die Innigkeit, Schlichtheit und Poesie
seiner Werke verliehen Hans Thoma in Deutschland eine so hohe
Wertschätzung und Volkstümlichkeit, wie sie kaum ein
Künstler seiner Generation erfahren hat. Der Name Hans Thoma
wurde um die Jahrhundertwende nahezu als Inbegriff deutscher Art
und Kunst angesehen.“ Schwarzwälder ja, Basler ja, unter
jurassischem Einfluss stehend ja, Alemanne ja – ist er somit
nicht vor allem der Inbegriff eines vollwertigen Bürgers des
Oberrheins, dessen Weg zu sich selber über Basel und Paris
führt, und der erst in der Fremde das Bild seiner Herkunft
findet? Mit dem unverkennbaren Duft nach Holz und Heidelbeeren.
Der Offizier Munacius Plancus gründete nach Caesars Tod,
vermutlich im Jahr 44 vor Christus, als römischer Statthalter
in Gallien die Stadt Augst im Raurikerland. Mehr als 1000 Jahre
später gründeten die Herzoge von Zähringen Freiburg
im Breisgau. Karlsruhe war eine Gründung der Markgrafen von
Baden, die eine Vorliebe für den Vornamen Karl hatten. Das
Kleinbasel mit seinen drei Parallelstrassen zum Rhein und den
regelmässigen Querstrassen ist so etwas wie ein Manhatten des
13. Jahrhunderts. Wir sind in einem Land der
Städtegründer.
Fährt man von Basel und Mülhausen in Richtung zur
burgundischen Pforte und zweigt bei Dole nach links in die
Forêt de Chaux ab, kommt man durch einen noch heute
eindrücklichen Wald nach Arc-et-Senans in eine – nun
was? Eine Stadt ist es nicht, auch kein Dorf, ein solches liegt
eher daneben, und von der durch den französischen König
geplanten Anlage ist nur ein Halbkreis des inneren Kernstücks
gebaut worden und erhalten geblieben. Als was darf man es
bezeichnen? Es ist eine Industriestadt des 18. Jahrhunderts, eine
durch und durch systematisch geplante Salzsaline, entworfen von
einem Stararchitekten der Zeit, Claude-Nicolas Ledoux (1736-1806).
Im Zentrum steht auf antiken, aber mit Kuben durchsetzten
Säulen das Haus des Direktors, links und rechts schliessen
Lagergebäude an, im Halbkreis darum sind Dienstgebäude
für Ställe, Speditions- und Verpackungszwecke, für
die Angestellten und die Steuerbeamten angeordnet. Eine
Neugründung im Wald, dessen Holz als Energie für die
Verdampfung der Salzsole und die Auskristallisierung des Salzes
notwendig war. Die weitere Stadt, das wissen wir von den erhalten
gebliebenen Plänen, hätte sich in einem zweiten Umkreis
mit Wohn- und Kulturhäusern sowie einer Kirche um dieses
Herzstück herum anschliessen sollen.
So etwas wie ein Dirigentenwechsel macht diese Anlage noch heute
aufregend: Nicht mehr der König, der Fürst oder sein
Beauftragter residiert im Zentrum einer Siedlung, sondern der
Direktor, der für das Schicksal einer Unternehmung
verantwortliche Mann. Die industrielle Anlage ist um ihn herum
gruppiert, weiter aussen hätte sich, um es jetzt modern zu
sagen, die übrige Arbeitnehmerschaft niederlassen sollen, mit
den für sie notwendigen sozialen Institutionen. Nicht eine
bestehende Stadt – nehmen wir als Beispiel Mülhausen
– wurde zunehmend industrialisiert, sondern eine Industrie
wollte sich weniger auf der grünen Wiese als mitten im Wald
eine Stadt erschaffen.
Bleiben wir beim früher eidgenössischen, jetzt in die
Französische Republik aufgenommenen Mülhausen. Schon in
der napoleonischen Zeit, dann in der nachrevolutionären
Monarchie erlebte es industriell einen mächtigen Aufschwung,
wurde mit Spinnereien, Webereien, Baumwolldruckfabriken,
mechanischen Werkstätten, Chemie und Eisenbahnen zum
kontinentaleuropäischen Manchester. 1826 wurde die
Société Industrielle de Mulhouse gegründet, noch
heute die aktivste Unternehmervereinigung im oberen Elsass.
Jean Zuber der Sohn legte ihr Ende September 1851 eine
Untersuchung über die Arbeiterwohnungen vor, inspiriert vom
Buch des Engländers Henri Roberts „The dwelling of the
labouring classes“, zusammen mit einem in England durch den
Prinzgemahl Albert realisierten Arbeiterwohnhaus in Form eines
Plans. Die Société Industrielle warf sich sogleich
auf das Thema, setzte eine Kommission ein, für die Jean
Dollfus vier Modellhäuser bauen liess. Sie sollten auch
bewohnt werden, um praktische Erfahrungen zu sammeln; die Bewohner
wurden ausführlich befragt. Ein grundsätzliches Problem
stellte sich: Sollten die Häuser nur vermietet oder auch
verkauft werden, beide Male im Hinblick auf die Arbeiterschaft zu
möglichst niedrigen Ansätzen? Man entschied sich für
die zweite Lösung und übertrug das ganze Geschäft
einer Aktiengesellschaft.
Die Cité ouvrière in Mülhausen begann 1853
und baute weiter bis gegen die Jahrhundertwende. Arbeiter wurden zu
Hausbesitzern, sie konnten ihr eigenes, nach unsern Vorstellungen
extrem bescheidenes Haus auch ratenweise abzahlen. Bis 1897 waren
nicht weniger als 1243 Häuser gebaut und grösstenteils
verkauft.
In der nächsten Generation und bis ins erste Viertel des
20. Jahrhunderts fand – der Ausdruck ist erlaubt – so
etwas wie eine Explosion des Siedlungsgedankens statt. Explosion
insofern, als die Konzepte sich unter dem Einfluss der englischen
Gartenstädte erweiterten und modifizierten, als sich neue
Trägerschaften wie die Genossenschaften herausbildeten und als
die Idee von Neusiedlungen mit einheitlicher Architektur die
nationalen Grenzen übersprang.
Im Ersten Weltkrieg hatte der Verband Schweizerischer
Konsumvereine VSK Rückstellungen bilden können, die, wenn
sie nicht für soziale Zwecke ausgegeben würden,
steuerpflichtig geworden wären. Das gab 1919 den Anstoss zur
Siedlung „Freidorf“ im schweizerischen Muttenz,
geprägt vom Architekten Hannes Meyer, der später
Bauhaus-Dozent in Dessau und Architekturprofessor im sowjetischen
Moskau wurde. Ebenfalls 1919 begann Hans Bernoulli in Basel die
Wohnsiedlung „Im Langen Loh“, es schlossen sich
„Hirzbrunnen“ (1924) und „Im Vogelsang“
(1925) an, die letztere berühmt durch ihre fast
klösterliche Abgeschlossenheit hinter Backsteinmauern.
Während im Elsass schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts dank
der Kaliindustrie ganze Dörfern oder Dorferweiterungen mit
Direktions-, Ingenieur- und Arbeiterhäusern gebaut wurden,
entstand auf der Leopoldshöhe im deutschen Weil am Rhein eine
ursprünglich für die Eisenbahner bestimmte Gartenstadt
der Deutschen Reichsbahn; Planer und Architekt war der Karlsruher
Adolf Lorenz. Wieder war die englische Gartenstadtbewegung Vorbild,
der erste Bauabschnitt wurde 1915 an die Hand genommen.
Die Fortsetzung erweiterte das internationale Spektrum noch
einmal. 1931 plante der tschechische Schuhfabrikant Thomas Bata im
aargauischen Möhlin eine Bata-Kolonie mit Fabrik und
Wohnsiedlung aus einem Guss. Er selber stürzte 1932 auf einem
Privatflug in die Schweiz ab, aber seine Pläne wurden
ausgeführt. Batas Credo: „Jeder Mensch, sofern er nicht
in der Grossstadt wohnt, sollte für sich selbst ein Haus
haben, das ihm ein gesundes Wohnen ermöglichst.“
Diese neuen Siedlungen aus den letzten 150 Jahren haben die
Grösse mittelalterlicher Städte. Der Oberrhein auf allen
drei Seiten erwies sich als ein besonders glückliches
Experimentierfeld, und aus den Experimenten wurden
städtebauliche Realitäten. Als das alte Hüningen
unter Louis XIV der Festungsstadt Hüningen weichen musste,
wurden die Einwohner in das Neudorf, das Village neuf, umgesiedelt;
als die Basler Chemie in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts
ihre Produktionsstätten oberhalb von Basel im unteren Fricktal
ausbaute, entstanden Siedlungen wie R 100 bei Rheinfelden (Geigy)
und Liebrüti (Roche).
Ganz einfach: Diese Ecke Europas gehörte schon immer den
Städtegründern.
Als der Basler Centralbahnplatz am Anfang des 21. Jahrhunderts
einen neuen Trambahnhof mit ganz anderer Verkehrsführung
bekam, der Platz also nach dem sogenannten Masterplan-SBB wieder
mehr den Fussgängern gehören sollte, war kurz davon die
Rede, dass das Strassburger Denkmal auf ihm einen neuen Standort
finden könnte, statt weiterhin am Strassenrand allein in einem
Parkfragment zu stehen. Das Strassburger Denkmal: eine Frauen und
Kinder schützende Figur aus Marmor, am Sockel mit zwei
Bronzetafeln zusätzlich geschmückt – hat das nicht
etwas mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870 zu tun? Die
Reliefs zeigen die Fahrt der Zürcher nach Strassburg im
Weidling mit dem warm gehaltenen Hirsebrei und – auf der
anderen Seite – ein paar Herren in der Kleidung des 19.
Jahrhunderts in Begleitung von Militärpersonen. Der
Künstler, der das Denkmal gestaltete, hiess
Frédéric Auguste Bartholdi und ist derselbe, der die
Freiheitsstatue vor New York schuf. So ungefähr lauten die
Erinnerungen.
1991 waren es 100 Jahre her, dass Baron Gruyer aus Montpellier,
ein gebürtiger Strassburger, dem schweizerischen Gesandten in
Paris zu Handen des Bundesrates seine Absicht bekundete, der
Schweiz den Dank für die im September 1870 den Strassburgern
gewährte Hilfe durch die Errichtung eines Denkmals
auszudrücken. Es sollte in Bern, Zürich oder Basel
aufgestellt werden. Der Bundesrat wollte noch weitere Details
wissen und beschloss dann am 8. Juni 1891, das Anerbieten
anzunehmen, unter der Bedingung freilich, dass er nicht das
für ein Denkmal notwendige Geld, sondern eben das Denkmal
selber erhalte. Offenbar scheute er eine politisch befrachtete
Kunstdiskussion. Doch den Entwurf für das Denkmal wollte er
dann schon gesehen haben. Ferner entschied der Bundesrat, dass das
Denkmal in Basel aufgestellt würde, wozu der Regierungsrat des
Kantons Basel-Stadt am 17. Juni 1891 seine Zustimmung gab. 1895 war
es soweit, das Denkmal konnte enthüllt werden. Der damalige
Staatsarchivar Rudolf Wackernagel setzte sich hin, bearbeitete alle
Akten und die aus dem Nachlass von Gottlieb Bischoff stammenden
Papiere für eine Gedenkschrift, die der Basler Regierungsrat
zum Zeitpunkt der Denkmalenthüllung feierlich publizieren
liess.
Der stolze Satz „Man kann alles, wenn man will“
stammt laut Wackernagel von diesem Mann, Dr. Gottlieb Bischoff
(1820-1885). Bischoff war während der badischen Revolution
1848 Chef der eidgenössischen Polizei gewesen, wurde
später Basler Polizeidirektor, dann Staatsschreiber. Er war,
wie Wackernagel schrieb, „nie und nimmer ein Amts- und
Bureaumensch“. Baden und das Elsass waren für ihn Teile
der unmittelbaren Nachbarschaft, das Schicksal von Strassburg
berührte ihn tief. Nach dem Beginn des
deutsch-französischen Krieges hatten im August 1870 die
für die Franzosen ungünstigen Kämpfe bei
Weissenburg, Wörth und Speicheren stattgefunden, jetzt schloss
sich der Belagerungsring vor allem aus badischen Truppen um das
befestigte Strassburg. Es war noch ein Krieg ohne Luftwaffe, also
ein Artillerie- und Stosstrupp-Krieg. Die deutschen Belagerer
zählten um die 40'000 Mann; die Garnison in Strassburg selber
belief sich auf 23'000 Soldaten. Wie Kavaliere aus dem
Dreissigjährigen Krieg deklarierten die Oberkommandierenden
einander die jeweiligen Vorhaben: General von Werder auf der
deutschen Seite gab die bevorstehende Beschiessung bekannt und
forderte das befestigte Strassburg zur Übergabe auf; General
Uhrich auf der französischen Seite lehnte es ab, bat aber um
Evakuierung von Frauen, Kindern und Greisen, was wiederum die
deutsche Seite refüsierte. So begann am 23. August die
Beschiessung, die die Strassburger in die Keller trieb und zur
Zerstörung der Gemäldegalerie, der Stadtbibliothek, des
Bahnhofs, des Gymnasiums und sogar des grossen Daches des
Münsters und anderer Kirchen führte. Die Schweiz und vor
allem die Basler waren erregt und geschockt, zu Frankreich so gut
wie zu Deutschland hatten sie ja engste persönliche
Beziehungen, man konnte dieses Unglück nicht einfach
hinnehmen, sondern musste etwas tun.
Das war die Stunde für Gottlieb Bischoff. Am Anfang glaubte
er, dass der Grosse Rat von Basel-Stadt aktiv werden sollte, dann
reiste er nach Bern, um sich mit dem befreundeten Bundesrat Jakob
Dubs darüber zu besprechen, wie die ganze Schweiz mitmachen
könnte. Dubs wollte zuerst den Bundesrat offiziell zur Hilfe
bewegen, aber der Bundesrat insgesamt scheute sich, diplomatisch
zugleich auf deutscher wie auf französischer Seite aktiv zu
werden. Privaten Bemühungen hingegen sicherte er seine volle
Hilfe zu. Abermals sah sich Bischoff gefordert. Die welsche Schweiz
war in ihren Sympathien eindeutig auf der Seite der Franzosen; in
der deutschen Schweiz war der Widerstreit der Gefühle für
beide Seiten unentwirrbar, gerade das schien Bischoff eine
günstige Voraussetzung. Also holte er sich Gesinnungsfreunde
vor allem in Basel, Bern und Zürich. Er stellte die
entsprechenden Comités auf die Beine: „Es wäre
doch himmelstraurig, in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts vor seinen Augen und Ohren eine Bürgerschaft
solchem Elend ausgesetzt sein zu lassen“.
Der Bundesrat erklärte sich am 7. September 1870 bereit,
das Comité zu unterstützen und dessen Deputierten
Empfehlungsschreiben an General von Werder und an den Maire von
Strassburg auszustellen. Schon am 8. September reisten die
Delegierten von Basel weg, nämlich der Gemeindepräsident
von Büren aus Bern, der Zürcher Stadtpräsident
Römer und Bischoff selber. Die Raschheit der Entscheidungen
und der einzelnen Massnahmen will uns Angehörigen einer
sogenannt hektischen Zeit fast unglaublich vorkommen. Schon am 10.
September konnten die Schweizer mit dem Oberkommandierenden von
Werder verhandeln. Am 11. September, einem Sonntag, wurde die
Delegation mit Trompeten durch den Belagerungsring geleitet, das
Festungstor von Strassburg öffnete sich, und die Commission
municipale mitsamt dem Maire Humann empfing die Schweizer in
Galakleidung. Anschliessend besprachen sich die Delegierten mit
General Uhrich persönlich. Das Ergebnis aller Verhandlungen
war, dass bereits am 15. September die ersten 254 Personen
Strassburg verlassen konnten und in Basel eintrafen, befördert
von der Badischen Eisenbahn; weitere Transporte folgten bis zum 22.
September.
Von Basel aus wurden insgesamt 1778 Personen teils in die
Schweiz weitergeschickt, teils in Basel selber untergebracht.
Privatquartiere gab es insgesamt 261, die übrigen Personen
verteilten sich in Gasthöfen, Spitälern und im
Klingental. Nach der Kapitulation von Strassburg wurden die
Flüchtlinge bis Mitte November wieder nach Strassburg
zurückgeführt. Die Gesamtrechnung belief sich auf
(damalige) Fr. 219'421.17; den grössten Betrag dazu hatte
Basel mit insgesamt Fr. 29'325.19 geleistet. Somit steht das
Strassburger Denkmal in Basel an einem legitimen Ort, und Bischoff
selber hatte bewiesen, dass alles möglich ist, wenn man nur
will.
Das schrillste Echo kam aus Wien im November 1921 und trug den
Titel „Reklamefahrten zur Hölle“. Da war zu
lesen:
„Sie erhalten am Morgen Ihre Zeitung.
Sie lesen, wie bequem Ihnen das Überleben gemacht wird.
Sie erfahren, dass 1 1/2 Millionen eben dort verbluten mussten,
wo Wein und Kaffee und alles inbegriffen ist (...)
Sie fahren im bequemen Personen-Auto aufs Schlachtfeld,
während jene nur im Viehwagen dahin gelangt sind.
Sie hören, was Ihnen da alles zur Entschädigung
für die Leiden jener geboten wird und für ein Erlebnis,
wovon sie bis heute Zweck, Sinn und Ursache nicht zu erkennen
vermochten (...)
Sie bekommen unvergessliche Eindrücke von einer Welt, in
der es keinen Quadratzentimeter Oberfläche gibt, der nicht von
Granaten und Inseraten durchwühlt wäre.“
Die Redaktoren der damaligen „Basler Nachrichten“
müssen, sollten sie das gelesen haben, vielleicht doch
zusammengezuckt sein – die Redaktoren meine ich, nicht die
Inseraten-Acquisiteure. Denn tatsächlich war es ein Inserat,
aber ein ausdrücklich von der Zeitung selber verantwortetes,
mit dem vom 25. September bis zum 25. Oktober 1921 Reklamefahrten
zum ermässigten Preis von Fr. 117.— ohne
Passformalitäten durch die „Basler Nachrichten“ in
die Schlachtfelder Frankreichs bis nach Verdun veranstaltet wurden
– alles inbegriffen, tadellose Unterkunft und Verpflegung.
Der Krieg war noch nicht drei Jahre vorher zu einem Ende in
Hoffnungs- und Ratlosigkeit gekommen. Die Soldaten und Zivilisten
waren erschöpft, krank, körperlich und seelisch
aufgerieben, und da veranstalteten die unversehrten Schweizer
Schlachtfelder-Rundfahrten. Karl Kraus, der Herausgeber und
Verfasser der Vierteljahresschrift „Die Fackel“ tat
etwas, was er selten tat: er reproduzierte das genannte Inserat aus
Basel und sprach vom „Valutenbrei, der sich Menschheit
nennt“.
Das stillste Echo hängt im Basler Kunstmuseum: das
Gemälde von Niklaus Stoecklin von 1919 mit dem Titel
„Der Hartmannsweilerkopf“. Eine öde, verschneite
Landschaft unter einer fast schwarzen Wolkendecke mit einem
Granattrichter, in dem ein geplatztes Geschoss liegt, und ein
verdrehter Schlauch, vermutlich von einer Gasmaske ringelt sich im
gefrorenen Schnee.
Das dokumentarische Echo haben 1988 die Editions du Rhin in
Mülhausen aufgelegt, eine von Thierry Ehret verfasste
Zusammenstellung von Kriegsfotos 1914-1918 mit dem Titel
„Autour de l’Hartmannswillerkopf“. Der
Hartmannsweilerkopf, französisch le Vieil-Armand, ist das am
nächsten bei Mülhausen und also Basel gelegene
Schlachtfeld, eine weitgehend im Wald liegende Erhebung von gegen
1000 Meter hinter Sennheim und Soultz, auf der Luftlinie zwischen
Thann und Guebwiller, Schauplatz einer, wie Ehrt sagt,
unglaublichen Schlächterei.
Unmittelbar nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges dringen
französische Truppen in das damalige deutsche Reichsland
Elsass von Belfort her ein, erobern am 8. August 1914
Mülhausen. Aber schon am 9. August werden sie wieder
vertrieben. Die l’Armée d’Alsace kommt am 19.
August zurück, am 24. muss sie der deutschen Übermacht
abermals weichen. Im November 1914 stabilisiert sich die Front auf
700 Kilometern von Belgien bis zur Schweizer Grenze. Es beginnt der
Grabenkrieg, bei dem die Front im Oberelsass auf den ersten
Anhöhen der Vogesen festfährt, Graben gegen Graben,
bisweilen nur wenige Dutzend Meter voneinander entfernt. Die
blutigsten Auseinandersetzungen finden 1915 bis im April statt,
4500 französische, 12'000 deutsche Soldaten sterben. Man
kämpft, also ob sich der Weltkrieg hier entscheiden
müsste. Doch 1916 entdecken beide Heeresführungen, dass
der Hartmannsweilerkopf strategisch eigentlich gar nicht
interessant ist. Die Truppen richten sich gemütlicher ein,
versuchen einander nur noch mit Kopfschüssen umzubringen. Es
sind mehr Landwehr- und Reservetruppen, da der grosse Krieg sich
viel eher bei Verdun und an der Somme entscheiden wird. Der
Hartmannsweilerkopf entpuppt sich als ein stupides Prestigeobjekt
ohne wirkliche militärische Bedeutung.
Das Buch von Thierry Ehret zeigt Bilder dieser Soldaten,
Kämpfe, Befestigungsanlagen, Durchzüge, zeigt auch die
Verwundeten, Toten und die Zerstörungen in den armseligen
Dörfern rund um Thann. Es sind Fotos nach alten Postkarten,
offizielle und Amateurbilder, Soldaten-Erinnerungsbilder,
herausgesucht von Tausenden von privaten Dokumentationen. Das
Überraschende und sogar Ergreifende: Es sind Fotos von beiden
Seiten der Front, also französische und deutsche Bilder, alles
unbekanntes Material, nach 75 Jahren aus dem Dunkeln ans Licht
gezogen. Neun Fotografen auf der französischen und 16
Fotografen auf der deutschen Seite sind namentlich genannt;
zahllose Sammler und Privatpersonen haben ihre verstaubten Alben
geöffnet.
Mehr als 90 Jahre liegt die so dokumentierte Geschichte
zurück. Die Weltkriegsjahre 1939-1945 haben ihre Wunden
schlecht vernarben lassen: ein abermals von Deutschland besetztes
Elsass musste Soldaten auch nach Russland schicken. Wie soll man da
über den Hartmannsweilerkopf frei von Emotionen erzählen
können? Das Bild kann es; die gleicherweise auf der deutschen
wie französischen Seite aufgenommenen Fotos zeigen die gleiche
Art von Männern, die gleiche Tristesse, die gleiche
Armseligkeit, die gleiche Verblendung. Und der Text im Vorwort und
den ausführlichen Legenden, die von einer seltenen Genauigkeit
sind, weicht keinen Millimeter von der dokumentarischen Treue ab,
fällt kein Urteil, sondern bringt nur Fakten bis hinunter zu
den Regimentsbezeichnungen und den Namen der abgebildeten Personen,
wo sie eruierbar waren.
Dass die Geschichte des Oberrheins viel zu wenig über die
nationalstaatlichen Grenzen blickt, kann man als eine nicht
gemachte Hausaufgabe bezeichnen. Für diesmal trifft der
Vorwurf nicht zu. Thierry Ehret hat hier eine Hausaufgabe auf eine
Weise erledigt, die staunen macht und Hoffnung birgt. Und wenn die
Basler heute gelegentlich wieder den Hartmannsweilerkopf oder die
neueren Soldatenfriedhöfe des Zweiten Weltkrieges auf den
Höhen der Vogesen besuchen, darf der Aufschrei von Karl Kraus
aus dem fernen Wien weiter im Ohr gellen. Sie sollen auf leisen
Sohlen gehen und begreifen, was es für ein unwahrscheinliches
Geschenk ist, dass drei verschiedene Länder sich ein so
herrliches Stück Erde ohne Waffenlärm teilen.
Manchmal hat man einfach beim Antiquar Glück, ein Buch
springt einem entgegen und sagt: Schau mal, so war das damals. Als
Druckort ist Mülhausen angegeben, das Druckdatum ist das Jahr
1932. Sogar Bilder hat das Buch, Lithografien und technische
Zeichnungen in der damaligen, schon erstaunlich guten
Reproduktionstechnik. Es handelt vom Kraftwerk Kembs, von der
ersten Etappe des Grand Canal d’Alsace und ist von einem
Herrn Koechlin, wahrscheinlich René Koechlin, dem
Vizepräsidenten des Verwaltungsrates der Usine
Hydroélectrique de Kembs, einem Freund in der Schweiz
handschriftlich gewidmet.
Am Schluss des Buches befinden sich Karten. Die eine zeigt im
extremen Hochformat den Rhein von Basel bis Strassburg mit allen,
zum Teil erst geplanten Kraftwerken, also Kembs, Othmarsheim,
Fessenheim, Vogelgrün, Marckolsheim, Sundhouse, Gerstheim,
Strassburg. Eingetragen sind ferner alle Kanäle, der Kanal von
Hüningen nach Mülhausen, der alte, landeinwärts
gelegene Rhein-Rhône-Kanal, der von Strassburg über
Neu-Breisach bis Mülhausen geht, mit Abzweigungen nach Colmar
und Ensisheim; auf der deutschen Seite der Leopoldskanal von
Freiburg am Kaiserstuhl vorbei in den alten Rhein – jetzt
realisiert man plötzlich, was für ein ausgeklügeltes
System von zum Teil vielhundertjährigen Wasserwegen, Schleusen
und Landeplätzen dieses Rheintal doch ist. Die andere Karte
zeigt im Detail die erste Staustufe von Kembs mit Schleuse und
Kraftwerk, aber auch mit allen Dämmen, Deichen,
Entwässerungskanälen, den Aufschüttungen, Gesteins-
und Sandschichten sowie den verschiedenen Wasserständen in der
Schifffahrtsrinne und im eigentlichen Staubereich. Dazu
natürlich die Strassen, Eisenbahnen, Werkbauten,
Kraftwerkbauten.
Wahrhaftig, da wurde der alte Vater Rhein gnadenlos in den
Arbeitsdienst genommen und für ganz neue Aufgaben
verpflichtet. Wer heut dem Strom entlang auf dem linken oder
rechten Ufer wandert, radelt oder sein Auto kutschiert, sollte sich
auch in der romantischsten Passage bewusst bleiben, dass er sich
durch eine hundertprozentige Kunstlandschaft bewegt. Vom wirklich
alten Rhein, dem historischen Rhein der Römer oder demjenigen
Napoleons, ist nichts geblieben. Ihn hat zuerst die Korrektion des
badischen Ingenieurs Tulla begradigt, und nach dem Ersten Weltkrieg
kam als zweiter, nicht weniger einschneidender Eingriff der Bau des
Grand Canal d’Alsace auf der französischen Seite, der
– auch das vergisst man gern – erst einige Zeit nach
dem Zweiten Weltkrieg als eine ganze Abfolge von Staustufen und
Elektrizitätswerken fertig gebaut wurde.
Wenn man diese Schrift heute liest, ist es mehr als
offensichtlich, dass sie zu einer Zeit des ungebrochenen Glaubens
an die technischen Möglichkeiten geschrieben wurde. Ganz im
Vorübergehen erwähnt der Text die alten Dämme, die
frühere Jahrhunderte errichteten, um sich vor
Überschwemmungen zu schützen. Um diesen Missständen
abzuhelfen, hatten sich das Land Baden und die Französische
Republik zur Rheinkorrektur nach den Plänen von Tulla
entschlossen. Damals baute man neue Dämme, niedrigere auf
beiden Seiten des begradigten Flusslaufes, der auf 180 bis 250
Meter Breite festgelegt wurde, dann weiter entfernt höhere
Dämme für die Hochwasser, die der Rhein nach wie vor mit
sich zu führen pflegte. Das Buch schildert auch die Nachteile
der Tulla-Korrektion: die Verkürzung des Flusslaufs um 81
Kilometer zwischen Basel und Mannheim, und dann folgt ein kurzer
Satz der Besinnung: „auf diese Weise hat man das
Gleichgewicht des Flusses zerstört.“ Denn nun wurde das
Gefälle, das vorher von Basel bis Strassburg 0,64 Promille und
von Strassburg bis Mannheim 0,2 Promille betrug, erheblich steiler.
Somit erhöhten sich Geschwindigkeit und Transportkraft des
Rheines, er frass sich tiefer in sein Bett ein.
Bei Istein, 9 km unterhalb der schweizerischen Landesgrenze,
ergab sich ein spezielles Problem. Dort unterquert eine felsige
Schwelle den Rhein. Im ursprünglichen Rhein machte sie sich
weiter nicht bemerkbar, im korrigierten Rhein kam sie, je tiefer er
sich frass, desto näher an die Wasseroberfläche, also
bildeten sich stromschnellenartige Wellen. Nur noch zwei Meter
über diesem Felsenriegel floss das Wasser durch, demnach
musste es sich dort gewaltig beschleunigen. Dieses Hindernis
hätte die ganze Rheinschifffahrt verunmöglicht. Das
vermerkte der Text nicht ohne Stolz, weil somit erst der zwischen
Basel und Kembs funktionierende Kanal die Schiffahrt wieder
möglich machte. Vorher musste die Rheinschifffahrt nach Basel
auf dem Hüninger Kanal abgewickelt werden; im Extremjahr 1929
kamen über den Rhein nur noch 7570 Tonnen Fracht nach Basel,
über den Hüninger Kanal dagegen 611'020 Tonnen. Klar ist
auch, dass der gerader, enger und tiefer gewordene Rhein mit der
erhöhten Wassergeschwindigkeit vermehrte Anforderungen an die
Leistungsfähigkeit der Schiffsmotoren stellte. Von Strassburg
an mussten die Motoren rheinaufwärts mehr als doppelt soviel
leisten.
Von Basel an aufwärts war es der Leitgedanke, den Rhein in
erster Linie zur Elektrizitätsgewinnung einzusetzen. Von
Strassburg an abwärts dachte man vorrangig an die Schifffahrt.
Für die Strecke Basel-Strassburg, die eine Höhendifferenz
von 118 Metern aufweist, würde man an beides zugleich denken:
an die Stromerzeugung und die Schiffbarmachung. Da konnte man an
alten Ideen anknüpfen. Schon 1837 wurde der Académie
des Sciences in Paris ein entsprechendes Projekt unterbreitet, das
dann René Koechlin 1902 nach neusten Erkenntnissen
umarbeitete und der Société Industrielle von
Mülhausen vorlegte, die es an die damals deutsche Regierung
von Elsass-Lothringen weiterleitete. Die Mülhauser waren immer
industriell interessierte Leute, sie gründeten 1910 eine
Gesellschaft „Forces Motrices du Haut-Rhin“ mit einem
Kapital von 20 Millionen Mark, um das Vorhaben auch praktisch zu
realisieren. Dann kam der Erste Weltkrieg. Daniel Mieg von
Mülhausen vergass die alten Pläne nicht; seinem Einfluss
ist es zuzuschreiben, dass in den Artikeln 358 und 359 im
Friedensschluss von Versailles Frankreich das Recht bekam, aus dem
Rhein, dem gemeinsamen Grenzfluss, die für den linksrheinisch
gelegenen Grand Canal d’Alsace notwendigen Wasser abzuleiten.
Unter Einbezug von Baslern und Schweizern wurde im Hinblick auf die
Schifffahrt die Staustufe Kembs als erste Etappe so konzipiert,
dass die aufgestauten Wasser rückwärts bis zur
Birsmündung oberhalb von Basel spürbar werden
mussten.
1928 begann man mit dem Bau unter dem Zuzug verschiedener
schweizerischer Firmen. Die eigentlichen Hochbauten wurden vom
August 1931 an errichtet, und 1932 liefen die ersten Generatoren.
Deutsche, Schweizer und Franzosen wirkten zusammen, um den alten
Vater Rhein in die Pflicht zur Stromerzeugung zu nehmen.
Das mittelalterliche Leben in den oberrheinischen Städten
ist nur noch in Spuren vorhanden. Zu diesen Spuren gehören
gewisse Strassen- und Häusernamen. So gibt es in Basel ein
Imber- (Ingwer-) und Pfeffergässlein. Aber – kleine
Überraschung – der Basler Pfefferhof liegt nicht am
Pfeffergässlein, sondern im St. Alban-Tal, in dem die
Mühlen liefen und die Papiermühle heute wieder
läuft.
Man muss sich also eine Nachbarschaft von
spätmittelalterlichen Papierern und Gewürzhändlern
vorstellen, wobei für die ersteren Lumpen und Hadern, für
die zweiten Muskatnüsse und Pfefferkörner angeliefert
wurden? Es ist wieder einmal zu schön, um wahr zu sein. Der
Pfefferhof ist zwar ein altes Haus, aber seinen Namen hat er aus
dem 20. Jahrhundert. Und die Geschichte, die dahinter steckt, ist
keine Basler Geschichte, sondern eine solche aus Mülhausen und
dem Sundgau, nahm ihren Anfang in Nancy und hat sogar etwas mit den
Burgunderkriegen zu tun.
Ihr Held ist ein Basler namens Gustav Rensch (1871-1953), der am
11. Juli 1914 mit Pfeifern und Trommlern nach Nancy an die
Erinnerungsfeier der Schlacht reiste und im Kostüm eines
Fahnenträgers die „alten Schweizer“ anführte.
Der ebenfalls anwesende französische General Foch fand soviel
Gefallen an diesem Schweizer, dass er ihn im kostümierten
Aufzug zum Festbankett einlud. Als dann ein nächtliches
Défilé von rund 8000 Mann mit Fackeln stattfand, nahm
Foch den verkleideten Rensch im Kettenhemd und Harnisch neben sich
auf den Balkon – die Menge war gerührt: Schau, die
Schweizer von Murten sind wieder da!
Aber am 25. Juli 1914 folgt nach dem Mord von Sarajevo das
Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien. Zwei Tage
später wird der Kriegszustand erklärt. Auch Russland
mobilisiert. Am 31. Juli erklärt der deutsche Kaiser den
Krieg; die Basler Polizei fasst Gewehre und Bajonette. Die Strassen
nach Hüningen und St. Ludwig – das Elsass ist seit 1871
deutsch – werden verbarrikadiert, das Basler Tram fährt
nicht mehr über die Grenze. Am 1. August mobilisiert die
Schweiz. Rensch wird eingezogen und erhält als
Lebensmittelkaufmann den Auftrag, Reis für die Versorgung der
Bevölkerung einzukaufen. Am 2. August erklärt Deutschland
Frankreich den Krieg.
Rensch ist auf dem Basler Platzkommando einer der wenigen
Franzosenfreunde, übrigens aus begreiflichen Gründen.
Seine Vorfahren, geborene Schlettstädter, dienten in der
königlichen und der republikanischen Armee Frankreichs. Und so
ist er mehr als zufrieden, als er hört, dass die
französische Armee erst Altkirch und dann Mülhausen
einnimmt. In seinem Tagebuch notiert er: „Ich will in das
Kriegsgebiet und habe den heissen Wunsch, die Tricolore auf dem
Rathaus in Mülhausen flattern zu sehen.“
Damit ist vorerst nichts, denn die Deutschen haben
Mülhausen zurückerobert. Und jetzt beginnt die
denkwürdige Tätigkeit des erfolgreichen Kaufmanns Gustav
Rensch. Er kann es einrichten, dass ihm Papiere für Besuche im
noch deutschen Oberelsass erteilt werden. Er besucht einzelne
Dörfer, die Stadt Mülhausen, trifft sich dort mit den
Behörden, deren französische Gesinnung er instinktiv
spürt. Er erinnert sich an das 1506 geschlossene Bündnis
zwischen Basel und Mülhausen, das auf „Liebe und
Freundschaft“ gegründet sein sollte, und entschliesst
sich, die Milchversorgung Mülhausens von Basel aus zu
organisieren. Der Basler Regierungspräsident, Dr. F. Mangold,
der ACV und Herr Banga, Besitzer der Basler Molkerei, machen mit.
Täglich können 20'000 Liter Milch spediert werden. Aber
Rensch sucht auch Kontakt mit den Franzosen, überquert im Jura
die Grenze, schlägt sich bis Belfort zum General Thevenet
durch, um mit ihm die Milchversorgung Mülhausens auch für
den Fall zu sichern, dass die Stadt wieder französisch
würde. Er fährt nach Colmar, Strassburg, organisiert
Milch-, Käse- und Fleischtransporte, schlängelt sich
zwischen deutsch- und französischgesinnten Beamten durch,
zieht die Firma Bell in den Lieferantenkreis ein.
Franzosenfreundlich, wie er nun einmal ist, sammelt er auch
militärische Informationen, die er dann nach Belfort
weitergibt. Dadurch macht er sich beim deutschen Militär
verdächtig, wird verhaftet und ins Lörracher
Amtsgefängnis gesteckt. Er kommt auch politisch unter Beschuss
– liefert etwa die Schweiz Fleisch ins Elsass und somit ins
Deutsche Kaiserreich? Die Folge ist, dass Schweizer Importeure 1915
in ein Zwangssyndikat vereinigt und Exporte ins Elsass nur noch
über ein deutsches Büro in Bern geleitet werden.
Rensch war auch Tafelsenf-Fabrikant. Zum Einkaufen der Rohstoffe
konnte er nach Marseille und Paris reisen, umgekehrt machte er als
Mitglied des Syndikates auch Geschäfte mit in der Schweiz
liegenden Gewürzen, die er an deutsche Firmen zu exportieren
verstand. Es ging um Pfeffer. Getreulich notiert er seine Gewinne,
einmal 7500, dann 35'000 Franken. Mit diesem Geld erwarb er die
Liegenschaft im St. Alban-Tal, die er „Zum Pfefferhof“
taufte. Rensch machte auch mit der Basler Polizei und dem Lohnhof
Bekanntschaft, da er in Lausanne gedruckte Literatur, deklariert
als Pfeffer, nach Deutschland geschmuggelt hatte. Die
Milchlieferungen nach Mülhausen waren Anfang 1918
gefährdet, da die Basler Kantonalbank den Kredit an die Stadt
Mülhausen nicht mehr verlängern wollte.
Das Tagebuch des Gustav Rensch, 1937 in Basel verlegt und in
Mülhausen gedruckt, zeigt in zusammengezogener Form die
Ereignisse Ende 1918: Grippe und Generalstreik in der Schweiz, die
Durchreise der Refugianten durch Basel, den Waffenstillstand vom
11. November und die langsame Auflösung der deutschen
Verwaltung im Elsass. Rensch findet Anerkennung und Dank: Am 16.
November 1918 wird er offiziell vom Lysbüchel abgeholt und
fast im Triumph nach Mülhausen gefahren, wo schon die
Trikoloren hängen, während deutsches Militär singend
nach den Grenzübergängen abmarschiert. Er erlebt den
offiziellen Einmarsch der französischen Truppen und sitzt am
14. Juli des folgenden Jahres unter den Ehrengästen auf der
Estrade der Mairie Mülhausen: ein Basler, der die Freundschaft
und Liebe zu Mülhausen nie aufgegeben hat.
Die Bezeichnung „Spekulant“ wirkt im Blick auf diese
Tätigkeit alles andere als freundlich. Aber wir können
dem Tagebuch auch entnehmen, dass er bei Kriegsende ein
Geschäft mit Ölkuchen in der Grössenordnung von
300'000 Franken versuchte, das prompt schief ging. Und schliesslich
dürfen wir uns daran erinnern, dass die ehrbaren Kaufleute in
Basel schon seit Jahrhunderten ihre Handelsgeschäfte gerne als
Speculations-Geschäfte bezeichneten. Ehrenrührig war das
für niemand.
Christian Wurstisen, der Historiker des späten 16.
Jahrhunderts, gab seiner „Bassler Chronick“ den
Untertitel einer Geschichte der „oberen Teutschen
Lande“. Das heisst ganz einfach, dass er Basels Geschichte
nicht als eine Unterabteilung der Schweizer Geschichte verstand,
obschon Basel damals bereits seit mehr als einem Menschenalter zur
Eidgenossenschaft der XIII alten Orte gehörte. Für
Wurstisen war es eine Geschichte, die sich eben auch im Raum
Strassburg-Besançon und Baden-Villingen-Freiburg abspielte.
Heute würde man sagen: Basler Geschichte war für
Wurstisen auch eine mitteleuropäische, elsässische,
breisgauische, burgundische und eidgenössische Geschichte,
eine Regio-Geschichte. Die „oberen Teutschen Lande“
erstreckten sich für ihn vom Gotthard bis an die Donau und den
Neckar und zogen sich dem Rhein entlang weiter nach Lothringen.
Die Eingrenzung dieser über 400 Jahre alten Perspektive (um
von noch früheren Zeiten zu schweigen) vollzog sich
etappenweise: durch den Dreissigjährigen Krieg, die Reunion
des Elsass mit Frankreich, durch die Eroberungs- und
Zerstörungskriege unter Ludwig XIV. und Ludwig XV., dann durch
die Französische Revolution, die ein nationalstaatliches
Frankreich den deutschen Fürsten gegenüber
begründete, und wo diese Fürsten sukzessive auf ihre
linksrheinischen Besitzungen verzichten und Napoleon gehorchen
mussten. Es entstanden nach 1815 eine territorial klar abgegrenzte
Schweiz, ein Grossherzogtum Baden und später eine Deutsches
Reich. Das Elsass war im deutsch-französischen Krieg, im
Ersten und Zweiten Weltkrieg noch einmal Spielball zwischen dem von
Preussen dominierten Deutschen Reich und Frankreich – seit
1945 ist Ruhe eingekehrt. Aber diese Ruhe heisst auch, dass das
geschichtliche Bewusstsein am Oberrhein dreigeteilt ist: in einen
französischen, süddeutschen und schweizerischen
Blickpunkt. Erst in der Mitte der sechziger Jahre des 20.
Jahrhunderts begann man sich, zuerst in Basel, wieder auf das zu
besinnen, was wir heute die Regio oder das Dreiland am Oberrhein
nenne. Eine späte Erkenntnis?
Hier soll ein Kränzlein gewunden werden für einen Mann
mit dem Namen Franz August Stocker aus Möhlin. Er lebte von
1833 bis 1892. Auf die Welt kam er in Frick als der Sohn des
Adlerwirtes und Posthalters, ging in Aarau zur Schule. Dann
versuchte er sich eine Zeitlang als Buchdrucker in Frick, kam aber
auf keinen grünen Zweig. Anfang der sechziger Jahre trat er in
Aarau in die Redaktion des von Heinrich Zschokke 1804
gegründeten „Schweizerboten“ ein, liess sich 1871
als Redaktor an die „Basler Nachrichten“ berufen,
erwarb 1876 das Basler Bürgerrecht. Er war ein begeisterter
Theatermann, gab bei Sauerländer in Aarau „Das
Volkstheater der Schweiz“ heraus, eine umfangreiche Sammlung
von Theaterstücken, wie das 19. Jahrhundert sie liebte.
Aber nicht nur darum verdient er hier erwähnt zu werden.
Sondern sein eigentliches, originelles und anspruchsvoll
konzipiertes Werk besteht in einem Jahrbuch, das von 1883 bis 1892
in insgesamt neun Bänden herauskam und den Titel „Vom
Jura zum Schwarzwald“ trug. Jeder Band, der offenbar jeweils
gegen Ende Jahr erschien, hatte um die 300 Seiten. Der Titel
„Vom Jura zum Schwarzwald“ ist etwas
missverständlich, da Stocker ebensogut den dritten Fixpunkt
„Vogesen“ hätte anführen können –
viele Geschichten spielen nämlich im Elsass, zum Beispiel in
Hegenheim, Rappoltsweiler, Blotzheim, Hüningen, Mülhausen
und Strassburg.
Stocker war vom Temperament und von der Berufung her Journalist,
als solcher wollte er auch wirken. Aber sein historisches Interesse
war ungewöhnlich; er scheute sich nicht, auch selber in die
kleinsten Archive zu steigen und dort die Akten nachzuschlagen.
Fast mustergültig ist, was er da zum Beispiel über das
Schloss in Hegenheim herausfand. Er konnte die
Besitzverhältnisse über die Herren von Hegenheim im 14.
und 15. Jahrhundert, die Herren von Bärenfels im 15., 16. und
17. Jahrhundert, die Herren von Barbier im 17. und 18. Jahrhundert,
die Schoffenberg und schliesslich den Baron von Leoprechting Anfang
des 19. Jahrhunderts fast lückenlos nachweisen. Die
frühste Urkunde, die Stocker über Hegenheim fand, datiert
von 1230. Hegenheim war im Armagnakenkrieg 1444 Quartier des
französischen Dauphins, des späteren Ludwig XI.; 1643
kampierten dort im Dreissigjährigen Krieg die Schweden. 1692,
nachdem die französische Krone das Lehen an sich gezogen
hatte, wurde es dem Sieur Laurent de Barbier übertragen, der
Kommandant des Fort St. Peter in Freiburg im Breisgau war.
Schon nur diese Miniaturgeschichte von Hegenheim, die Franz
August Stocker minutiös rekonstruierte, zeigt seinen Fleiss
und seine historische Gewissenhaftigkeit. Imponierend an der ganzen
Reihe dieser Jahrbücher aber ist die Beharrlichkeit, mit der
Stocker die verschiedensten Autoren aus Basel, der ganzen Schweiz,
aus Süddeutschland und aus dem Elsass dazu bewegen konnte, ihm
Beiträge zu liefern. Vielfach sind es Pfarrherren, aber auch
Professoren wie Andreas Heusler aus Basel, Literaturwissenschafter
wie Albert Gessler oder August Stöber, Historiker wie Fritz
Wernli, Politiker wie Martin Birmann, basellandschaftlicher
Ständerat. Vielleicht ein Drittel der Texte in den neun
vorliegenden Bänden stammt von Stocker selber, die anderen
zwei Drittel zeigen verschiedene Autoren. Wie stark dieses Jahrbuch
an seiner Schaffenskraft hing, ersieht man daran, dass nach seinem
plötzlichen Tod 1892 die ganze Reihe sofort zum Stillstand kam
– der schwarz umrandete Nachruf auf ihn ist der letzte
Artikel.
Es sind also schon etwas mehr als 100 Jahre vergangen, seit
Stocker der historischen, literarischen und volkskundlichen Einheit
der Regio ein Denkmal zu errichten gedachte. In seinen eigenen
Worten war er „niedersteigend an die lachenden Ufer des
Rheins und der Aare und hinüber zu den welligen Bergen des
Schwarzwaldes mit dem dunklen Tann an den Hängen und
Schluchten; dann hinunter in das fruchtbare Tafelland des
freundlichen Elsasses; mitten drin wie eine Perle im Smaragdkranze
der anmuthigen Landschaft, die Stadt Basel mit ihren Kirchen und
Thürmen und einem Gewirr hochragender Häuser und Giebel:
Das ist, mit einem Male gesagt, das begrenzte Gebiet, das wir in
unsern periodisch wiederkehrenden Blättern in Geschichte und
Sage, in Land und Leute zu schildern gedenken.“
Das „begrenzte Gebiet“ weitete sich unter Stockers
Blick in eine nach den verschiedensten Richtungen geöffnete
Übergangslandschaft, so gut wie an jeder Stelle von Geschichte
durchwachsen. Und so darf er auch für diese Texte, die Sie
jetzt auf dem Bildschirm abrufen können, als eine Art von
Vorgänger gelten.
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